Vor einigen Tagen las ich auf standard.at wieder einmal einen Eintrag über vererbte Bildungschancen, und plötzlich wurde mir bewusst, dass es eine „vererbte“ Bildungschance gibt, die den meisten wohl gar nicht bewusst ist: Selbstständig zu werden, also ein Unternehmen zu gründen.

Im Zuge der Oberösterreich- und Wien-Wahlen wurde ja wieder einmal das alte Argument hervorgeholt, all die bösen Ausländer würden uns die Jobs wegnehmen, und wir hätten ja nicht mal genug für uns selbst. Ich habe mich dann gefragt, warum es so schwer zu verstehen ist, dass die Anzahl an Jobs keine fixe Größe ist, sondern davon abhängt, wie viele Menschen eben Unternehmen gründen und Menschen einstellen. Bis mir klar wurde, dass die Frage, wie Unternehmen eigentlich gegründet werden, möglicherweise in kaum einer Schule jemals aufgeworfen wird. In meiner gesamten Schullaufbahn wurde ich darauf ausgerichtet, mich für einen Job vorzubereiten, mich um einen Job zu bewerben und dann diesen Job gut zu erfüllen. Wie diese Jobs entstehen, dass es Menschen wie mich selbst gibt, die sie für Menschen wie mich schaffen, war nie Thema, selbst dan nicht, als ich an der HTL Betriebswirtschaftslehre und Buchhaltung hatte. Da wurde (rudimentärst) gelehrt, wie man ein bestehendes Unternehmen führt, Mitarbeiterführung und so weiter, also hierarchisch gesehen eine Zwischenebene gut führen kann. Multipliziert mit Millionen von Menschen, die das gleiche Schulsystem wie ich durchlaufen haben, ist der Schritt zu einer Gesellschaft, die hilflos auf „die Unternehmer“ oder „die Politiker“ wartet, um die Jobs zu schaffen, für die sie sich bewerben können, kein weiter mehr.

Irgendwoher müssen die Jobs ja dann doch kommen. Ich habe keine Statistik zur Hand, um diese Theorie empirisch abzusichern, aber es klingt sehr logisch: das, was nötig ist, um ein Unternehmen zu gründen, lernen diejenigen, die ein Unternehmen gründen wollen, dann eben außerhalb der Schule – neben vermutlich vernachlässigbaren Quellen vermutlich vor allem in ihrer Herkunftsfamilie. Es gibt ja mittlerweile Hilfsprogramme, um Kindern von Nicht-Akademikerfamilien zu unterstützen, akademische Karrieren einzuschlagen – vielleicht könnten Hilfsprogramme für Kinder von Nicht-Unternehmerfamilien helfen. Aber dann wäre es erstmal interessant zu untersuchen, welche Fähigkeiten einen Unternehmer überhaupt von einem Arbeitnehmer unterscheiden.

(Einige) notwendige Fähigkeiten eines Unternehmers

Die erste Fähigkeit, die mir dazu einfällt, ist jene, den eigenen Tag zu einem großen Anteil selbstverantwortlich zu gestalten. Während ein (stereotyper) Arbeitnehmer seine 7-8 Stunden/Tag fremdbestimmt seiner meist klar umrissene Aufgabe nachgeht und dafür seinen Lohn bekommt, muss der Unternehmer seinen Tag so gestalten, dass es seinem Unternehmen kurz-, mittel- wie langfristig dienlich ist. Der Unternehmer muss abwägen können zwischen jetzt reizvollen Aufgaben und Zielen („Ich will jetzt eine Wurstsemmel essen“) und längerfristigen Investitionen, die immer ein gewisses Risiko beinhalten („Ich werde jetzt einen neuen Mitarbeiter einstellen, der sich in einem Jahr hoffentlich rentieren wird“). Die Aufgaben des Unternehmers sind (meist) nicht klar umrissen, sondern müssen von ihm selbst definiert oder zumindest interpretiert werden. Aus einer Fülle von möglichen Handlungen muss er jene auswählen, die für das Unternehmen am wertvollsten sind.

Die zweite Fähigkeit, die mir einfällt, ist das Ausreizen von systemischen Möglichkeiten. In den meisten Fällen ist es relativ irrelevant (im Sinne von es hat keine Auswirkungen), ob ein Angestellter eine Arbeit rascher oder besser erledigt. Das führt in vielen Fällen dazu, dass er sich Zeit lässt, um nicht noch mehr Arbeit aufgehalst zu bekommen. Es gibt zwar Modelle, die dies ändern wollen, zum Beispiel die Provision, aber diese sind meist nur im Ansatz umgesetzt. Der Unternehmer arbeitet in einem Umfeld, das hervorragende Leistung stark belohnt und schwache Leistungen stark bestraft. Innerhalb dieser systemischen Möglichkeiten hängt viel von seinen Leistungen ab, während es für den Arbeitnehmer oft eher darum geht, ob er gewisse Mindestkriterien erfüllt oder nicht – daran entscheidet sich, ob er weiter in dem Unternehmen angestellt bleibt, aber ansonsten gibt es oft kaum Konsequenzen.

Die dritte Fähigkeit ist die Bereitschaft, mit Ambivalenzen und Risiko umzugehen. Ein Unternehmer muss ständig damit rechnen, dass es aus Gründen, die er teilweise beeinflussen kann, teilweise nicht, zu Katastrophen für sein Unternehmen kommt, etwa wenn ein Konkurrent ihm einen wichtigen Deal weggeschnappt hat oder Gesetzesänderungen ihn zu Umbauten zwingen, mit denen er nicht gerechnet hat. Vor allem aber gibt es oft Situationen, in denen es schwierig ist, einzuschätzen, ob er gerade richtig entscheidet, und wenig Respekt vor jenen, die scheitern. Dem gekündigten Arbeitnehmer ist oft noch Mitgefühl sicher, dem scheiternden Unternehmer schon weniger.

Die vierte Fähigkeit ist die, nicht von sich selbst auszugehen sondern davon, was andere brauchen. Es gibt ja die verbreitete Idee, dass wenn jeder nur das tut, was ihm am meisten Spaß macht, die Welt eine bessere sei. Ich glaube, jeder müsste wohl eher überlegen, wie er ein ungestilltes Bedürfnis von jemandem erfüllen könnte, und welche Bedürfnisse er besonders gut erfüllen könnte. Das könnte tatsächlich ganz gut funktionieren. Ein Unternehmer, der ein Produkt herstellt, weil er die Herstellung von genau diesem Produkt eben am besten kann, kann Glück haben und zufällig etwas herstellen, was auch jemand braucht. Aber wenn er seinen Erfolg nicht nur vom Zufall abhängig machen will, wird er sich (und im Idealfall die Kunden) fragen, was seine Kunden wirklich brauchen, und ihnen dann das geben wollen (gerne gegen Geld). Unternehmer zu sein bedeutet aktive Kundenorientierung, bedeutet, anderen dienen zu wollen, ihnen wert-voll zu sein, für sie Wert zu schaffen und damit auch Wert (Geld) von ihnen „schöpfen“ zu dürfen.

Zusammengefasst könnte man wohl sagen, dass Unternehmer sich ihren Tag selbst gestalten können, mit Risiken und Ambivalenzen umgehen können und eher leistungsorientiert denken, weil sie die Erfahrung machen, dass sich Leistung auch auszahlt – und den Willen besitzen, mit ihrem Tun anderen wertvoll zu sein.

Unser durchschnittliches Schulsystem fördert keine einzige dieser Kompetenzen.

Es ist daher kein Wunder, dass wir nur wenige Unternehmer unter uns haben. Ich bin ein klarer Verfechter der Idee, dass es nur wenig gibt, was man nicht auch erst dann lernen kann, wenn man seinen Sinn verstanden hat. Nur kommt in diesem Fall die Problematik hinzu, dass es als Erwachsener erheblich schwieriger wird, hier zu experimentieren und scheitern zu können, was aber – wie für fast alles, was wir lernen wollen – eine notwendige Voraussetzung ist, wirklich zu lernen. Und wenn diejenigen, die es trotzdem versuchen, zu einem großen Teil scheitern, weil sie zu wenig Erfahrung haben, trägt dies nur weiter zu dem Mythos bei, nur bestimmte Menschen könnten Unternehmen gründen, oder es müsse einfach passieren, dass es mehr Jobs gäbe, als wäre es ein göttliches Wunder, wofür es sich lohnt, zu beten.

Ein Kind einer Unternehmerfamilie hat bis zu seinem 18 Lebensjahr einen gehörigen Erfahrungsvorteil gegenüber einem Kind aus einer Nicht-Unternehmerfamilie, einfach schon mal weil es regelmäßig mit Vorbildern zusammenkommt, die Nicht-Unternehmerfamilien in der Form nicht zur Verfügung stehen. Dass es Unternehmer-Familien und Nicht-Unternehmerfamilien gibt, daran kann man und sollte man wahrscheinlich auch gar nichts ändern. Aber wenn das eine Kind sein Leben lang lernt (und auch bei seinen Eltern sieht), dass ein großer Teil der Zeit fremdbestimmt ist und nur der klägliche Rest selbstbestimmt gestaltet werden kann, dann hat es einen Nachteil gegenüber einem Kind, das zwar auch in der Schule diese Möglichkeit zu leben erfährt, aber zuhause Alternativen erfährt. Das zweite Kind hat die Möglichkeit der Wahl, während das erste möglicherweise gar nicht weiß, dass es eine Wahl geben könnte.

Also ein Fach Unternehmensgründung?

Und nein, es wird nicht reichen, ein Fach „Unternehmensgründung“ ein zuführen, um dies zu ändern, genauso wenig wie es reicht, aus einer Sozialstunde zwei zu machen, um konstruktives soziales Verhalten zu erlernen. Ein Unternehmen zu gründen ist mehr eine Art zu leben, die man erfahren muss und nicht als theoretisches Wissen weitergegeben und damit erfahrbar gemacht werden kann. Damit Schulen Kindern aus Nicht-Unternehmerfamilien helfen können, die Gründung eines Unternehmens als realistische Alternative zu empfinden, wird es sinnvoll sein, allen Kindern die Möglichkeit zu bieten, „unternehmerisch“ zu handeln: ihren Tag selbstverantwortlich gestalten lernen, mit Risiken und Ambivalenzen umgehen lernen, anderen zu helfen/zu dienen und damit Wert zu erzeugen und ein Umfeld zu bieten, in dem ihre Leistungen auch Auswirkungen haben. Ich schreibe bewusst “die Möglichkeit zu bieten” – möglicherweise ist dies nicht für alle Kinder adäquat.

Die letzten Wochen habe ich mit einigen der mir anvertrauten Kindern eine „Bäckerei“ gegründet. Aus dem Vorschlag eines Kindes, wir sollten „Kuchen backen und Bati machen“ haben wir dann am nächsten Tag einen Kuchen gebacken, und als sie meinten, sie wollten am nächsten Tag noch einen machen habe ich ihnen erklärt, dass ich nicht das Geld habe, jeden Tag die Zutaten zu finanzieren. Aber ich war bereit, ihnen einen 15-Euro-Kredit zu geben, von dem sie nochmal Zutaten kaufen konnten, um den Kuchen dann zu verkaufen und von dem eingenommenen Geld die nächsten Zutaten zu kaufen. Das haben wir immer Montags gemacht, weil nur da die Küche frei war, und die Kinder haben dabei so viel über Unternehmensführung, Verteilungsgerechtigkeit, Marketing und so weiter gelernt wie sonst wohl in vielen ganzen Schullaufbahnen nicht.

Wie in einer „echten“ Unternehmensgründung ist dabei jedoch kaum vorauszusehen, was dabei herauskommt. Es hätte auch sein können, dass niemand den Kuchen kaufen will (unser gutes Marketing war da hilfreich) oder zu wenig Geld überbleibt, um die nächsten Zutaten zu kaufen (was nach der ersten ungerechten Einkommensverteilung durch den „Vize-Chef“ passierte). Es war für einige Kinder mehrmals ein großes Anliegen, allerhand Münzen gegen andere, gleichwertige Münzen zu tauschen und damit die Beziehungen zwischen den Münzen kennenzulernen, und als wir feststellten, dass wir keine Servietten hatten und Klopapier dafür benutzten, mussten wir das auch durch gutes Marketing als unproblematisch und „sicher“ verkaufen (einige Kunden waren da skeptisch, ob es wirklich nur Schoko-Überzug war, der die Abstriche hinterlassen hatte…). Ein Kind freute sich so sehr auf den nächsten Back-Tag, das es nebenbei die Wochentage lernte, die es jahrelang nicht verstanden hatte, und alle bemühten sich, das von mir schriftlich mitgebrachte Rezept richtig zu entziffern, damit der Kuchen auch was wurde. Es wäre absurd gewesen, für all das Stundenplanungen zu schreiben und sich zu überlegen, was welches Kind in welcher Phase wohl lernen soll. Hier findet sich ein weiterer interessanter Punkt: möglicherweise müssten Lehrer anfangen, wie Unternehmer zu denken, wenn sie es Kindern ermöglichen wollen, dies zu lernen.

Leistung muss sich lohnen?

Und nun zu einer großen Absurdität, die mir erst gestern bewusst geworden ist: Es bringt einem Schüler in einer durchschnittlichen Regelschule absolut nichts, besser zu sein. Es bringt ihm etwas, genauso gut zu sein wie erwartet, weil er dann die besten Noten bekommt, und es schadet ihm, schlechter zu sein, weil er dann schlechte Noten bekommt. Aber es bringt ihm nichts, besser zu sein, eher noch Probleme, weil er sich dann langweilt, tendenziell eher „stört“ und eine auf den Deckel bekommt. Da wird wahrscheinlich ein riesiges Potential völlig sinnlos verschenkt, und zwar schon auf systemischer Ebene, bevor der individuelle Lehrer da noch viel falsch machen kann.

Ebenso gestern hatte ich dann die Idee geäußert, doch meine (oder entsprechend abgeänderte und standardisierte) Prüfungen für alle Klassen zu nehmen und dann den Schülern zu ermöglichen, die Prüfungen jederzeit zu machen. Die Idee von mir ist noch nicht neu, und funktioniert auch ganz gut in einem freien System. Aber wenn man sie in einem Regelschulsystem einführt, und zwar so, dass die „Belohnung“ für vorzeitig erfolgreich abgelegte Prüfungen das Erwerben von einer Art von „Zeitkredit“ ist, den man frei verwenden kann, dann könnten die, die sich sonst langweilen, die Zeit für Aktivitäten nutzen, die sie für sinnvoller erachten.

Ein Gegenargument war dann gestern, dass die Schwächeren das ja nie schaffen würden und nie in den Genuss dieser Zeitkredite kommen würden, und ob das nicht unfair wäre – aber muss es immer nur um die Schwächeren gehen? Vor allem kann ich mir gut vorstellen, dass der Umstand, dass Leistung sich plötzlich tatsächlich lohnt, viele der „Schwächeren“ ziemlich motivieren könnte, sich mehr anzustrengen.

Natürlich braucht es da zusätzlich eine Art von „globalem“ Auffangbecken oder ähnliches, das sich dann um die „befreiten“ Schüler kümmert und so grundsätzliche Dinge leistet wie die Aufsichtspflicht. Aber es wäre möglicherweise die effizienteste und sicherste Möglichkeit, innerhalb einer Regelschule alternative Methoden und Ansätze einzuführen, weil die Hauptsorge der Beteiligten („Lernt der da eh was?“) durch dieses Eintrittskarten-Prinzip behandelt wäre.

Natürlich ist vieles von dem, was ich hier schreibe, eine Utopie. Ehrlich gesagt war ich selbst von manchem, was ich geschrieben habe (vor allem von den letzten zwei Absätzen) überrascht – aber laut Paul Graham ist das ja ein Kennzeichen eines guten Essays, dass man eben nicht von Anfang an weiß, was bei Punkt 4 dann kommen wird. Offensichtlich bringe ich zumindest einige der für Unternehmer notwendigen Fähigkeiten mittlerweile schon mit.

Niklas

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