Die aktuellen Ereignisse in der Türkei legten die weitreichende staatliche Kontrolle über die türkischen Medien frei, während die Demonstranten über andere Kanäle wie Facebook, Twitter und Co ihre Perspektive der ganzen Wahrheit verbreiten. Präsident Erdogan spricht von einer demonstrierenden Minderheit, doch alleine eine Facebook-Seite der Demonstranten hat (derzeit) etwa 370.000 Unterstützer. Auf den veröffentlichten Bildern sind definitiv mehr als ein paar Hunderte Demonstranten zu sehen, und Tränengas lässt Menschen zu Boden gehen. Ich wünsche den Türken viel Kraft, sich die nächsten Tage und Wochen nicht brechen zu lassen, aber ebenso sich, falls Erdogan fällt, zu einfachen Lösungen unter neuen Gewaltverhältnissen überreden lassen, um eine wirkliche Transformation der Verhältnisse zu schaffen.

Die Wahrheit, oder die Perspektive der Wahrheit, dass zehn-, wenn nicht hunderttausende Menschen auf die Strasse gehen, dürfte Erdogan nicht gefallen haben, weswegen beispielsweise in den Nachrichten nichts darüber berichtet wurde (bzw. von Terroristen und ähnlichen Feindbildern gesprochen wurde). So konnten Menschen ahnungslos ihre Kochsendungen geniessen, während einige Kilometer weiter ihre Landsleute mit Tränengas attackiert, verprügelt und (in einigen Fällen) sogar getötet wurden.

Lügen, nichts als Lügen… und unbequeme Wahrheiten

Als sich die Nachricht wie Lauffeuer in den sozialen Netzwerken verbreitete, dass es hier um viel mehr geht als irre Terroristen oder Fanatiker, sprach Erdogan davon, dass Twitter und Co eine der grössten Gefahren für die Demokratie seien, weil sie helfen würden, Unwahrheiten zu verbreiten. Alles Lügen. Menschen, die diese „Lügen“ verbreiten, müssen damit rechnen, verhaftet zu werden.

Sind die Bürger wirklich nicht mündig genug, um zwischen plumpen Lügen und der Wahrheit unterscheiden zu können? Wenn ja, sind es öffentliche Stellen, Medien oder Präsidenten eines Landes? Ist nicht die einzige wirksame Methode, die Bürger vor diesen Lügen zu schützen, gerade der Verzicht auf autorisierte Wahrheitsquellen und ein Verlassen auf diese? Spätestens, wenn die eigene Regierung die Bevölkerung massiv niederschlägt und dies vor dem Rest der Bevölkerung vertuschen will, wird diese Frage interessant. Aber auch in Österreich läuft angeblich so einiges hinter den Kulissen ab…

Relative Meister einer relativen Wahrheit

Und ja, diese Unterscheidung zwischen Wahrheit und Unwahrheit, das in Wahrheit wohl ein Konstruieren der Wirklichkeit aus den verschiedensten Perspektiven sein wird, muss vermutlich erlernt werden. Und nein, die Schule ist derzeit nicht der Ort, wo dieses Lernen gut stattfinden kann. Mit ihrem Lehrer als autorisierte Quelle der Wahrheit und seiner Macht (sogar Pflicht), durch die Verwendung von Noten eine bestimmte Idee der Wahrheit durchzusetzen ist ein kritisches Denken nur schwer möglich. Es würde bedeuten, den Lehrer statt als die Quelle der Wahrheit als nur eine weitere Möglichkeit, die Wirklichkeit zu betrachten, zu behandeln. Es würde bedeuten, den Lehrer als Hüter der Wahrheit zu entzaubern. Seine Macht der objektiven Definition über wahr und falsch auf eine subjektive Meinung zu reduzieren. Es würde auch bedeuten, ihm Fehler zuzugestehen, und ihm vielleicht sogar erlauben, kurz:
ein Stück mehr Mensch zu sein.

Niklas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.