Eine Welt schaffen, in der viele Welten Platz haben

Manche von euch haben sich vielleicht bereits gewundert, warum es hier so lange nichts Neues zu lesen gab. Nun, geschrieben habe ich so einiges, und zwar an meiner Bachelor-Arbeit, die ich heute, nach einigen formalen und organisatorischen (die Öffnungszeiten der Schule, an der ich arbeite und jene der pädagogischen Hochschule erschweren eine Abgabe) Schwierigkeiten, endlich abgeben konnte. Jetzt ist es noch möglich, dass meine Betreuer inhaltlich etwas zu beanstanden haben, aber im Grossen und Ganzen ist davon auszugehen, dass ich im Februar dann zur Defensio antreten und Ende Februar abschliessen kann, um dann ganz offiziell das zu sein, was ich inoffiziell jetzt schon tagtäglich bin: ein (hoffentlich guter) Lehrer.

Bei all dem, was in diesen letzten drei Jahren passiert ist und aus welchen Erfahrungen ich meine Schlüsse zog, ist es fast eine Ironie, dass nur so wenig davon auch nur auf dem Geländek, geschweige denn in den Vorlesungen und Seminaren der pädagogischen Hochschule geschah. Wenn Maria Montessori schrieb, dass ihre ersten beiden Jahre in den Kinderhäusern, in denen sie tagtäglich von früh bis spät arbeitete, ihre Ausbildung war, so waren es bei mir die Kinderlager, die ich mitbetreute, der Nachhilfeunterricht, den ich hielt, die Reisen, die ich unternahm und die Bücher, die an der Hochschule gar nicht aufliegen, die das Grundgerüst meiner pädagogischen Weltansichten stellen.

Der Ort, wo diese pädagogische Weltansicht mit einer oft erbarmungslosen Wirklichkeit kollidiert, ist die Schule, an der ich gerade arbeite. Es ist der Ort, wo viele meiner in der Theorie sinnvoll erscheinenden Konstrukte an der Praxis zerschellen, aber auch der Ort, wo aus den Anfängen, die meine Weltsicht mir bietet, ein Prozess in Gang kommt, der mich jeden Tag aufs Neue näher an die Wirklichkeit zu führen scheint, der jedoch, wie es aussieht, kein Ende haben wird. Es gibt keine perfekte Pädagogik, zumindest nicht unter den Lebenden. Pädagogik für Lebende muss ebenso lebendig, im Fluss bleiben, ist keinem Fortschritt, keiner Perfektion, sondern schlicht Veränderungen unterworfen, deren Sinn manchmal sofort, manchmal erst viel später, vielleicht auch nie ersichtlich wird.

Es ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle, und wenn ich dann zuhause ankomme, bin ich oft auch ordentlich fertig, vor allem körperlich, manchmal auch psychisch. Aber selten in meinem Leben habe ich mich so wertvoll, so wichtig, beinahe unersetzlich gefühlt, und dies macht die Anstrengungen locker wieder wett: es macht Sinn, hier zu arbeiten. Es macht Sinn, dass ich hier arbeite, und dieses Gefühl, dass das hier meine Aufgabe ist, die vielleicht niemand sonst so erfüllen könnte wie ich (eben, weil ich gerade nicht der Hochschule, sondern dem Leben den Grossteil meiner Ausbildung verdanke), ist es, was mir mehr gibt als alles Geld der Welt.

Und da ich in den letzten Tagen und Wochen ohnehin fast 40 Seiten (knapp 10 Seiten habe ich dann wieder gekürzt, damit es “wissenschaftlicher” wird und vor allem irgendwelche formalen Anforderungen wieder erfüllt werden) geschrieben habe und eigentlich auch recht stolz drauf bin, habe ich mir gedacht, ich stells euch hier ersatzweise statt einem neuen Artikel zur Verfügung – über diesen Blog wird sie vermutlich ohnehin öfter gelesen als schön ausgedruckt in irgendeinem Regal an der pädagogischen Hochschule:

Eine Welt schaffen, in der viele Welten Platz haben

Es geht grundsätzlich um die Sinnfrage, um Freiheit und Grenzen der Freiheit, um Totalitarismus als die Vernichtung der Freiräume und ein inklusives Paradigma zur Vermehrung der Freiräume, in denen allein menschliche Freiheit (und damit auch Verantwortung und Sinnfindung) möglich ist.

Schönen Abend allerseits, ich werde mir jetzt einen wohlverdienten Keks zur Feier des Tages genehmigen.

Niklas

P.S.: Wundert euch nicht über teilweise extrem umständliche Formulierungen in der Arbeit, diese schwerer lesbare Gender-Schreibweise war eine Vorgabe. In einem speziellen Absatz, den ich dann später gelöscht habe, weil er völlig unlesbar wurde, hat sich der Absatz aufgrund der Formulierungen verdoppelt…

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