Eine Woche der Stille

In einer Woche ist es nun zwei Monate her, dass ich den ersten Beitrag in diesem Blog verfasst hatte, mit der aus damaliger Sicht verrückten Idee, mit meinen Ideen „an die Öffentlichkeit“ zu gehen. Es war ein Versuch, sollte ihn niemand lesen, so würde mir das Schreiben zumindest helfen, meine Gedanken zu ordnen. Nun, knapp zwei Monate später, spuckt mir die WordPress-Statistik diese Weltkarte aus:

10.30

Während ich mir Österreich, Deutschland, Schweitz und Brasilien noch halbwegs logisch erklären kann, bin ich etwa bei Rumänien relativ ratlos, woher die einzelnen Aufrufe stammen. Innerhalb von nicht ganz zwei Monaten werden meine Ideen, bei denen ich gezweifelt hatte, ob sie irgendjemanden interessieren, offensichtlich von vier der fünf Kontinente aus aufgerufen. Irgendetwas scheine ich hier richtig zu machen, und da ich technisch gesehen die Gratis-Minimal-Variante von WordPress benutze, scheint es echt an den Inhalten zu liegen. Mittlerweile ist es oft die schönste Zeit des Tages, wenn ich den täglichen Artikel verfasse. Schreiben erfüllt mich, und die wunderschönen Rückmeldungen ebenso – Danke an einen jeden von euch, der diese Texte manchmal oder auch regelmässig liest.

Es gibt den alten Ausspruch von der Feder, die mächtiger sei, als das Schwert, und es ist eine Weisheit, an die ich fest glaube. Ich glaube, selbst als Bildungsminister könnte ich (als Schwert-Nutzer) kaum etwas am Bildungssystem ändern, weil die Macht des Schwertes auf Gewalt beruht, darauf beruht, jemanden mit Gewalt von etwas abzuhalten. Die Macht der Feder, die Macht des Wortes, benötigt keine Titel, benötigt keinen Status, ist uns allen zugänglich, eine Demokratie in Reinform. Vor allem bringt sie uns zum Handeln. Ich glaube mittlerweile, die Chancen, etwas wirklich zu verändern, sind höher, wenn wir etwas praktizieren und darüber zu sprechen oder schreiben, als etwas von oben zu kommandieren.

Die Feder weitergeben

Derart gelesen zu werden birgt jedoch auch ein Risiko, nämlich jenes, die Sache zu einem Monolog werden zu lassen, was meiner Intention widerspricht: Ich liebe es, zu schreiben, aber ich liebe es auch, die Erfahrungen, Ansichten, Träume und Hoffnungen anderer zu erfahren. Wie es vermutlich einige von euch aus der Schule oder auch der Universität kennen, zeichnet sich ein Monolog oft dadurch aus, dass einer sich in seinem Redefluss und seines Toll-Seins nicht beherrschen kann und einfach vor lauter Begeisterung niemand anderen zu Wort kommen lässt. Sein Redeschwall lässt keinen Raum für Kommentare oder gar Redeschwälle der anderen. Ein Dialog, und schon gar kein Pluralog, kann nicht existieren ohne die Erfahrung der Stille.

Deswegen werde ich nun, nach bald zwei Monaten „Redeschwall“, das heisst, ein Beitrag jeden Tag, eine ein-wöchige Pause einlegen, eine Zeit der Stille, einen Raum für euch, diese Stille zu geniessen (ein durchaus löbliches Unterfangen) oder auch den Mut zu sammeln, diese Stille zu durchbrechen und mit euren Erfahrungen, euren Ideen, Hoffnungen und Träumen zu erfüllen. Ich bin neugierig auf Erfahrungen und Meinungen von Kindern, Jugendlichen, Eltern, Studenten, Professoren, selbsternannte Bildungsexperten oder auch selbsternannte Bildungsunwissenden. Ich glaube, all eure Erfahrungen sind sehr wertvoll für mich und auch viele andere Leser.

Ich möchte hier Erfahrungen von möglichst vielen Menschen versammeln, nicht, um damit am Ende ein wissenschaftlich abgesichertes System abzuleiten (siehe die Grenzen der Wissenschaft), sondern weil uns diese Erfahrungen helfen können, unseren Horizont zu erweitern, zu erkennen, wie individuell, wie wunderbar unterschiedlich und damit interessant wir alle füreinander sein können. Eine geteilte Erfahrung, die empathisch verstanden werden kann, ist so etwas wie eine Technik in der Kampfkunst, eine Rolle im Theater: sie hilft uns, unser Gegenüber empathisch zu verstehen und damit an unserer Meisterschaft des menschlichen Umgangs miteinander zu arbeiten.

Wahrer Reichtum

Ich weiss, viele von uns (mich eingeschlossen) bekommen tagtäglich in unseren jeweiligen Institutionen eingetrichtert, dass unsere Meinung, unsere Träume – wir – es nicht wert sind, dass wir die Klappe halten und unsere Arbeit machen sollen, und diese Behandlung über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg macht es nicht leichter, die eigene innere Welt der äusseren zu eröffnen. Aber diese Welt braucht eine jede dieser inneren Welten, braucht eure Perspektive, um die vielen zerbrochenen Träume, die vielen Ungerechtigkeiten, die vielen Verletzungen und Narben zu heilen. Diese Welt braucht dich, lieber Leser, braucht deinen Beitrag im grossen Buch des Lebens. Nicht zwingend hier in diesem Blog (das wäre egoistische Eigenwerbung). Aber deine persönlichen Erfahrungen und Schlüsse daraus und die deiner Mitmenschen sind der wahre Reichtum dieser Welt.

Ein letzter Abraço (Umarmung) aus Curitiba, wo auch immer ihr gerade seid, und ich freue mich über jeden Kommentar, einen jeden Beitrag, der hier eintrudelt:
bunterrichten@gmail.com

In Liebe und freudiger Erwartung der Heimat,
Niklas

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