Zwecks Übersicht: Weiter unten gibts Download-Links für Prüfungen für den gesamten Lehrplan der Volksschule für Deutsch/Mathematik der Klassen 1-4 zur Verwendung/Weiterentwicklung/… sind noch Prototypen, aber für eine erste Verwendung sollten sie reichen, damit das dahintersteckende Prinzip vielleicht klar wird.

Ein sehr gewichtiges Problem, das wohl viele freie Schulen oder sogar alle, die in irgendeiner Form anders arbeiten wollen, teilen, ist das Problem der Vergleichbarkeit. Wenn ich anders arbeite, als es Eltern (oder Direktoren, oder Landesschulinspektoren, …) von ihrer eigenen Schulzeit gewöhnt sind, wird es einige geben, die darauf erstmal mit Misstrauen antworten, oder zumindest eine gewisse Verunsicherung mittragen, „ob es denn am Ende klappen wird“. Eine Möglichkeit, damit umzugehen, ist, um Vertrauen zu bitten, aber Vertrauen ist ein Gefühl, Gefühle sind abhängig von Stimmungen und anderen Geschehnissen, und können somit rasch umkippen. Deswegen wäre es sinnvoll, eine Möglichkeit zu haben, den Erfolg der eigenen Methoden und Ansätze in irgendeiner Form objektiv messbar zu machen. Dann ist es nämlich auch möglich, Zwischenziele festzulegen und damit Vertrauen zu schaffen, das sich in „objektiven“ Daten gründet.

Interessanterweise gründet sich das „normale“ Schulsystem ja eigentlich nicht wirklich auf Daten. Unterricht ist nicht deswegen so, wie er ist, weil er sich aufgrund von einigen Kriterien als der effektivste herausgestellt hat, oder zumindest sind die Kriterien (falls sie überhaupt existieren) eher implizit als explizit vorhanden. Den Vorteil, den „normaler“ Unterricht gegenüber allen Alternativen hat, ist jener, dass diejenigen, die ihn ebenso genossen haben, die Folgen seiner Langzeitwirkung kennen: „wir haben ja auch so lesen gelernt“ zum Beispiel. Was bei der Bewertung von Alternativen gerne ausgeblendet wird, ist, dass nicht alle Kinder einer durchschnittlichen Regelschulklasse wirklich gut lesen oder rechnen lernen. Andererseits halte ich es auch mit einem Falko Peschel, wenn er sagt, eine jede Alternative müsse sich auch mit der Regel messen könne – und zwar auch in denselben Kriterien. Es reicht nicht, zu sagen, „dafür sind unsere Kinder sozial besser“. Es ist schön, wenn man seinen Fokus nicht nur engstirnig auf Mathematik und Deutsch setzt, aber um Menschen zu überzeugen, für die genau das die Hauptsache ist, wird es sinnvoll sein, auch in diesen Bereichen gleich gute oder bessere Leistungen vorweisen zu können.

Mögliche Kriterien zur Leistungs-Messung

Damit sind wir schnurstracks beim Problem der Vergleichbarkeit angelangt – und ebenso beim Problem des Findens sinnvoller Kriterien für diese Vergleichbarkeit. Ohne diese von allen (!) Seiten akzeptierten Kriterien ist ein Vergleich kaum möglich, und doch sind diese Kriterien kaum jemals Thema bzw. werden implizit als selbstverständlich angenommen. Man ist sich dann einig, dass eben „das, was im Lehrplan steht“ erlernt werden soll – nur ist der Lehrplan (der Volksschule zumindest, den ich besser kenne) nicht in messbarer Form abgefasst, was bedeutet, dass es schwer objektiv festzustellen ist, ob er denn nun erfüllt wurde oder nicht, wenn man nur ihn als Kriterium wählt.

Ein weiteres „Kriterium“, das gerne gewählt wird, ist die Anzahl des produzierten Materials. Es sieht auf den ersten, unkritischen Blick erstmal gut aus, wenn ein Kind alle Aufgaben im Mathe-Buch für sein Jahr durcherledigt hat. Dass dies (allein) aber kaum etwas über die Rechenfertigkeit aussagt, wird dabei gerne übersehen. Tatsächlich könnte man sogar umgekehrt argumentieren, dass ein Unterricht umso effektiver ist, je weniger Übung bzw. ganz allgemein Aufwand er dem Kind abverlangt, um die gleichen Ziele zu erreichen. „Mehr zu machen“ sagt daher nicht unbedingt etwas über die Qualität des Unterrichts aus, auch wenn es beruhigend erscheinen mag.

Ich habe mir mal die Arbeit gemacht, für Deutsch und Mathematik den Lehrplan der Volksschule zu durchforsten und den gesamten Lehrplan für die erste bis zur vierten Klasse die Lehrplananforderungen in messbare Prüfungen umzuschreiben. Für eine jede dieser Prüfungen ist definiert, wie viele und welche Arten von Rechnungen man für das Ablegen dieser Prüfungen können muss, welche Hilfsmittel erlaubt sind und wie lange man Zeit hat. Für jeden neuen Versuch, eine Prüfung abzulegen, kann dann anhand dieser „Erstellungskriterien“ jederzeit auf Abruf eine neue, ungefähr gleich schwere Prüfung fabriziert werden. Diese Prüfungen sind mit Sicherheit noch verbesserungswürdig, eher eine Art von Prototyp – aber wenn sich alle Beteiligten auf sie oder ähnliche als „Zielkriterien“ einigen würden, wäre erstmals ein tatsächlicher Vergleich der verschiedenen Methoden in Bezug auf die von vielen Eltern als Grundlage geforderten Leistungen im Lesen, Schreiben und Rechnen möglich. Nebenbei ermöglichen sie auch einen reibungsloseren Wechsel zwischen verschiedenen Unterrichts-Systemen.

Eine erste Rohversion dieser Kriterien im .doc-Format sowie eine Übersicht für einzelne Schüler gibt es hier. Ich habe auch für alle diese Kriterien bereits „richtige“ Prüfungen geschrieben, aber keinen Scanner bei der Hand, der mir alles auf einmal scannt – wenn mir den jemand zur Verfügung stellt, könnte ich auch die Version uploaden.

M-Gesammelt

Übersicht Meisterschaften Mathematik

Probetests-Deutsch

Übersicht Meisterschaften Deutsch

Sinn-volles

Um tatsächlich sinnvoll vergleichen zu können, ist es noch sinnvoll, ein weiteres Kriterium einzuführen: warum Schüler ihre Leistungen erbringen bzw. allgemein lernen. Dies ist schwer messbar, aber lässt sich durchaus in gewisse Kategorien einteilen. Drei grobe Kategorisierungen fallen mir dazu ein:

Die erste Kategorie ist jene, dass ein Schüler schlicht den Sinn einer Tätigkeit oder eines Lernstoffs für sich selbst versteht. Beispielsweise hat ein Schüler, der angeblich sonst angeblich selten bis nie „freiwillig“ schreibt eine ganze Liste an Regeln geschrieben, als es darum ging, Regeln für einen Raum festzulegen und seine Mitschüler damit „festzunageln“ – sie würden ihn in Zukunft nur noch dann nicht mehr mitspielen lassen können, wenn er ihre Regeln bricht. Das, was er geschrieben hat, hat für ihn tatsächlich Konsequenzen. Es ist für mich absurd, wie wenig von dem, was in der Schule produziert wird, für die Schüler selbst tatsächlichen Sinn im Sinne von konkreten und spürbaren Auswirkungen auf ihr Leben hat.

Die zweite Kategorie ist jene, dass ein Schüler zwar den Sinn einer Sache für sich selbst (noch) nicht versteht, aber es jemanden gibt, der ihm rät, es trotzdem zu lernen/machen, und dessen Führung er vertraut. Es gibt Situationen, in denen etwas gut für uns ist, wir es aber erst dann verstehen können, wenn wir es erlebt haben. Dazu brauchen wir jemanden, dem wir vertrauen und der uns die ersten Schritte „durchträgt“. Viele Hindernisse wirken anfangs unüberwindlich, etwa wenn man zum ersten Mal versucht, Gitarre zu lernen und schon bei den ersten 2-3 Akkorde erstmal scheitert. Für viele kann es dann hilfreich sein, wenn es jemanden gibt, der einen dann unterstützt, bis man den Sinn des Ganzen selbst verstanden hat.

Die dritte Kategorie ist eine Überkategorie für Strafe, Belohnung wie Zwang (der ja nicht viel anders als eine verstecktere Form der ersten beiden ist). Interessanterweise ist ein sehr großer Teil der ganzen Systematik der Schule auf diese dritte Kategorie begründet – zum Beispiel das Notensystem, um nur einen Teil zu nennen. Nur funktioniert Belohnung/Strafe ja erfahrungsgemäß meist nur so lange, wie sie aufrechterhalten wird – das heißt, das Kind, das Geschichten schreibt, weil es dann eine Belohnung bekommt/sonst bestraft wird, wird in den meisten Fällen ohne diese Belohnung/Strafe nicht von selbst auf die Idee kommen, eine Geschichte zu schreiben. Zudem führt es bei den aufgeweckteren Schülern gerne zu Widerstand – und damit zu ziemlich ineffizient verbrachter Zeit, wenn dieser Widerstand vom Lehrer gebrochen werden „muss“. Und so nebenbei trägt es nicht unbedingt dazu bei, dass ein Kind der Führung eines Lehrers in Zukunft mehr vertraut, wenn er Zwang einsetzt, um es zu „überzeugen“.

Der „Königsweg“ wäre es demnach für eine alternative Form wohl, nicht nur in den Leistungen der „wichtigen“ Gegenstände (bzw. die, die sich noch halbwegs messen lassen) ähnliche bis bessere Ergebnisse zu erzielen, sondern auch in den Warum-Kategorien öfter in den ersten beiden zu arbeiten als in der dritten der Manipulation. Wenn zu Anfang einer Änderung diese Zielkriterien mit allen Beteiligten definiert wurden (auch mit Zeitrahmen), dürfte es möglich sein, eventuellen Ängsten der Beteiligten bezüglich der Leistungen der Schüler besser zuvorkommen zu können.

Vertrauensbildende Elternarbeit

Wer die Kategorien von weiter oben noch einmal genau betrachtet, wird möglicherweise feststellen, dass diejenigen, die von Eltern Vertrauen verlangen, dabei wiederum mit der zweiten Kategorie arbeiten. Dies funktioniert dort gut, wo es eine gute Beziehung zwischen Lehrern und Eltern gibt – doch Beziehungen sind oft durch (teilweise diffuse) Ängste gefährdet und können rasch kippen, vor allem dort, wo eine offene und regelmäßige Kommunikation nicht stattfindet oder sogar aktiv vermieden wird. Da zusätzlich zu einer guten Beziehung noch weitere „objektive“ Kriterien als messbare Zwischenziele einzuführen, um die Beziehungsebene ein wenig zu entlasten, wird Sinn machen.

Denn wenn die Beziehungsebene zwischen Lehrer und Erwachsenen „kippt“, geschieht zwischen ihnen üblicherweise genau das Gleiche, was zwischen Lehrer und Schüler oft passiert. Der Schüler a) versteht den Sinn einer Sache nicht und b) vertraut dem Lehrer noch zu wenig, um ihm trotzdem zu folgen – und in seiner Hilflosigkeit wendet der Lehrer dann Mittel der Manipulation an, um sein Ziel trotzdem zu erreichen. Dies wird umso öfter und massiver passieren, je mehr Angst der Lehrer in Wahrheit vor dem Schüler oder den Schülern hat, und ein ähnlicher Prozess läuft mit Eltern ab. Entweder verstehen sie den Sinn einer Sache, eine gute Beziehung lässt sie Vertrauen fassen, obwohl sie etwas nicht verstehen, oder Lehrer versuchen mit Mitteln der Manipulation trotzdem ihren Willen durchzusetzen – was vor allem in freien Schulen, die ihren Lehrern üblicherweise nicht die gleichen formalen Machtmittel zuspricht wie dies Regelschulen tun – zu massivem Gegendruck von Seiten er Eltern führen kann.

Ich bin selbst noch nicht Vater von Kindern und schreibe deswegen aus einer sehr systematischen und auch Lehrer-/schul-zentrierten Sicht – gerade deswegen wäre es interessant, zu diesem Thema auch Rückmeldungen von Eltern zu bekommen: was schafft für euch tatsächlich Vertrauen bzw. Misstrauen in alternative Methoden und Ansätze? Gehen die hier diskutierten Ideen in eine sinnvolle Richtung oder völlig am Problem vorbei?

Danke für jede Rückmeldung!

Niklas

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