Ich möchte darauf hinweisen, dass im folgenden Artikel einige Schlüsse zu finden sind, die mich selbst beunruhigen. Nichtsdestotrotz erscheinen sie meinen eigenen Erfahrungen im Kleinen wie im Großen sowie einem Großteil der menschlichen Geschichte, wie sie uns schriftlich überliefert ist, zu entsprechen.

Der Ausdruck von Emotionen stellt eine sehr elementare Form der zwischenmenschlichen Kommunikation dar. So wissen wir etwa üblicherweise unabhängig vom Grund seiner Erregung, wenn ein Mensch sich wütend, traurig, ängstlich oder etwa glücklich fühlt. Vor allem bei Menschen, die uns nahe/wichtig sind, passen wir unser eigenes Verhalten oft an diese Emotionen an, in vielen Fällen ohne es zu merken. Dann sind wir besonders freundlich zu einem wütenden Menschen oder nehmen einen ängstlichen Menschen in Schutz.

Nun gibt es Menschen, die ihre Emotionen klarer nach außen transportieren als andere. Ursprünglich dachte ich mir, es läge einfach am Charakter eines Menschen, wie emotional offen er anderen gegenüber ist. Mittlerweile denke ich, es liegt am Grad des Vertrauens, den er in seine aktuelle Umgebung legt. Bei mir selbst kann ich feststellen, dass ich je nach den Menschen, die um mich sind, und meiner eigenen Verfassung sehr unterschiedlich offen sein kann. Fühle ich mich unter meinen Mitmenschen sicher bzw. in mir selbst gerade gefestigt genug, kann ich sehr offen meine Emotionen zeigen. Fühle ich mich krank, schwach oder in einer bedrohlichen Situation, so sind dieselben Emotionen zwar vorhanden, dringen aber nicht nach außen oder – in besonders bedrohlichen Fällen – wandern sofort ins Unterbewusstsein, offensichtlich um kein Risiko einzugehen. Nach außen hin bin ich dann wohl schwer zu lesen, emotionslos, regungslos – ein bisschen, als würde ich mich totstellen.

In den letzten Tagen habe ich eine Biographie von Yassir Arafat gelesen und festgestellt, dass ich seine Perspektive nur dann in meine bisherigen Erfahrungen einordnen kann, wenn ich in meinem Weltbild die Möglichkeit einer Art „Blase“ schaffe, in der wir in Zentraleuropa leben. Innerhalb dieser Blase ist eine gewisse Art des Zusammenlebens möglich, weil unsere Vorfahren jahrhundertelang dafür gekämpft haben und wir uns im Laufe der Zeit an ein gewisses Miteinander gewöhnt haben. Für jemanden wie mich und viele andere Österreicher ist es z.B. selbstverständlich, das Existenzrecht meiner Mitmenschen zu respektieren, auch wenn ich sie vielleicht nicht mag oder sie anderen Subgruppen angehören als ich. Weltweit betrachtet dürfte dies wohl eher eine Anomalie denn eine Normalität darstellen. Beim Lesen seiner Biographie dachte ich regelmäßig „ist der Typ völlig wahnsinnig?“. Irgendwann habe ich mich dann jedoch gefragt, wie er zu diesem Denken gekommen sein mag. Und bin dann auf diese“ Blasen-Theorie“ gekommen.

Emotionsausdruck in Eigengruppe und Fremdgruppe

Bei allen zivilisatorischen Errungenschaften der letzten Jahrtausende, ein Teil unseres Verhaltens basiert immer noch unterschwellig auf unseren tierischen Wurzeln (Platzangst unter Menschen z.B. dürfte ebensolche Wurzeln haben). Oft, wenn wir uns „ohne Grund“ unwohl fühlen in einer Situation, sind diese Einflüsse – wenn auch nicht bewusst – spürbar. Oder die Tendenz, sich zusammenzurotten, um als Gruppe Stärke zu zeigen. Wer sich entweder alleine stark fühlt oder in einer starken Gruppe unterwegs ist, wird sich tendenziell eher trauen, seine Emotionen frei auszudrücken als jemand, der um seine Sicherheit besorgt ist. Innerhalb einer befreundeten Gruppe kann der Ausdruck von Angst ein Signal an die Gruppe sein, eine Grenze überschritten zu haben und aufzuhören. Innerhalb einer feindlich gesinnten Gruppe kann der Ausdruck von Angst ein Signal an die Gruppe sein, sich über das Opfer herzumachen. Oder in die Sprache der Tiere übersetzt: ein schutzloses Jungtier ist für die Herde besonders schützenswert, für das Rudel Wölfe besonders einfach zu erlegen. Ein ähnliches Verhalten habe ich mittlerweile mehrmals bei Kindern, Jugendlichen wie Erwachsenen beobachtet, auch in Österreich, und von Österreichern, für alle, die ein solches Verhalten nur auf Zuwanderer projezieren wollen.

Auf einer gewissen Basis-Ebene sind wir wohl gegenüber wie auch immer gearteten Fremdgruppen auch wie ein Rudel Wölfe. Der Intellekt baut sich darüber einen Überbau von Werten und akzeptiert Autoritäten und Gesetze zu Schutze aller – doch existentielle Ängste können helfen, diesen Überbau zusammenbrechen zu lassen, wie sehr deutlich an Massenpaniken zu sehen ist. Eine diffuse existentielle Angst wie einem kommenden Zusammenbruch des Sozialsystems kann ähnliche Tendenzen der Rückkehr zum Gruppendenken des Wolfsrudels verstärken – im Zweifelsfall für uns zuerst. Gleichberechtigung und Ethik wird dort zum Luxus, wo das Gefühl entsteht, das (gute) Überleben sei nicht mehr für alle gesichert.

Attributionsfehler

Da sich Menschen in vielen Situationen über sehr viele sich überlagernde Gruppen definieren, ist es für den einzelnen oft nur noch schwer festzustellen, ob er sich in einem freundlichen oder gefährlichen Umfeld befindet, was zu mehreren problematischen Fehleinschätzungen führen kann. Der offensichtlichste Fall ist jener, sich in einer gefährlichen Umgebung zu sicher zu fühlen und sich Angriffen auszusetzen, denen man sich nicht erwehren kann: “Diese Ausländer, die führen sich bei uns auf als gehörte ihnen das Land!”, oder die zweifelhafte Idee, den österreichischen Thronfolger in Serbien in einem ungeschützten Wagen herumfahren zu lassen, während der Hass sich schon lange zusammenbraute.

Der weniger offensichtliche ist, sich in einer befreundeten Umgebung zu befinden, dies falsch einzuschätzen und sich nicht zu trauen, Emotionsausdruck als soziales Stoppsignal oder Bedürftigkeitssignal einzusetzen. In der Folge glauben Freunde, es handle sich immer noch um ein Spiel während der Freund sich verletzt fühlt, oder reagieren Eltern nicht auf den verzweifelten Wunsch nach Nähe eines Kindes. Ich für meinen Teil tendiere zum Beispiel eher zur zweiten Variante der Attributionsfehler, was dann (nicht mehr oft aber hin und wieder) dazu führt, dass ich meine eigenen Grenzen nicht rechtzeitig aufzeige und unnötig von Menschen emotional verletzt werde, die dies gar nicht beabsichtigen oder manchmal zu schüchtern bin, um Hilfe zu bitten.

Erfahrungen, die sich über längere Zeiträume wiederholen, können sich verhärten und zu dem werden, was man gemeinhin den Charakter eines Menschen nennt. Mit der Zeit ist es zwar möglich, Entwicklungen auch wieder umzukehren, aber einfach ist es nicht unbedingt – zumindest für mich.

Autorität als Einigungsfaktor

Was in der Geschichte der Menschheit immer wieder dafür verantwortlich war, verschiedene Gruppen dazu zu bringen, sich nicht gegenseitig anzufallen, sobald ein Mitglied der anderen Gruppe Schwäche zeigte, war eine von allen Seiten akzeptierte (oder gefürchtete) Autorität, sei sie hergestellt durch übermächtige Kraftverhältnisse oder Führung, die Vertrauen schafft, sei sie in Form bestimmter Personen, Gruppen oder unpersönlich in Form von Gesetzen. In dem – schon etwas älteren – Film „Hero“ kommt eine Stelle vor, in der dem Kaiser sinngemäß die Absolution erteilt wird, das zerstrittene Reich zu einen, selbst wenn er dafür Gewalt ausüben und Hass auf sich nehmen muss. Sinngemäß spricht der Film vom Konzept des zentralisierten Gewaltmonopols, das alleine dauerhaften Frieden zwischen den verfeindeten Gruppierungen schaffen kann, weil nur so die Rechte aller unabhängig von der Gruppenzugehörigkeit garantiert (= im Notfall unter Einsatz von schützender Gewalt beschützt) werden können.

Wo diese alle ihr sich Unterordnende schützende Autorität für die sich Unterordnenden nicht spürbar ist, entsteht die Gefahr des Rückfalls in gewalttätige Gruppenkonflikte, sei es weil Gesetze bestimmte Gruppen unverhältnismäßig benachteiligen oder sich bestimmte Gruppen nicht mehr durch die Exekutive beschützt fühlt. Ein Wir-sind-wir auf der einen Seite verstärkt das gleiche Gefühl auf der Gegenseite, erschwert (emotionale) Verständigung und Empathie, weil der Ausdruck von Emotionen als Ausdruck von Schwäche vor dem Anderen vermieden werden muss. Bei aller Hoffnung: offensichtlich sind wir weltweit betrachtet weit davon entfernt, uns wie eine einzige verbundene Welt zu fühlen.

Zurück zur Schule mag es für Lehrer interessant sein, darauf zu achten, inwieweit die Kinder Emotionen frei auszudrücken wagen bzw. in welchen Konstellationen untereinander ihnen dies möglich ist. Möglicherweise kann es notwendig sein, in Gewalt eskalierende Gruppenkonflikte rigoros zugunsten eines zentralen Gewaltmonopols einzudämmen (was wiederum eine enorme Verantwortung bedeutet, es nicht zur eigenen Bequemlichkeit zu missbrauchen!). Ebenso interessant mag es sein, inwieweit der Lehrer selbst bereit ist, in der Klasse oder auch im Kollegium seine Emotionen klar auszudrücken oder wo er sich zurückhält bzw. ob diese Zurückhaltung tatsächlich in einem gefühlt “feindlichen” Umfeld begründet ist. Wenn ja, mag es im Kollegium wie in der Klasse sinnvoll sein, Veränderungen anzuregen.

Niklas

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