Während einige Konkurrenz als für die Weiterentwicklung förderlich ansehen (unsere gesamte Marktwirtschaft basiert ja unter anderem auf dem Prinzip des freien Wettbewerbs, warum nicht schon im Kindesalter darauf vorbereiten?), scheinen wieder andere Pädagogen der Ansicht zu sein, es gelte, Kinder möglichst vor Konkurrenzsituationen und den unausweichlichen Folgen des Entstehens von Gewinner- und Verlierer-Seiten zu schützen. Nachdem sich heute Morgen im gemütlichen Kreise während eines Familienfrühstücks eine Diskussion über Sinn und Unsinn von Konkurrenzdenken entwickelt hatte, habe ich beschlossen, darüber einen Artikel zu schreiben.

Keine bewusste Weiterentwicklung ohne Vergleich

Als erstes Argument für den Vergleich mit anderen oder Standards möchte ich die Theorie ins Feld werfen, dass dieser Vergleich erst die Rückmeldung bringt, die Lernen bewusst wahrnehmbar macht. Wenn ich jemand davor schützen will, sich mit einem Standard zu vergleichen, wie kann er dann seine Leistungen, seine Fähigkeiten einschätzen lernen? Weitergedacht nehme ich dem armen Kerl dadurch auch die Möglichkeit, sich selbst kennenzulernen, weil ich ihm jedes Schema verwehre, sich selbst in ein Schema einzuordnen, mit dessen Hilfe er sich seiner selbst bewusst werden kann.

Es kann durchaus hilfreich sein, zu wissen, dass ich meinen Stein 30m in den See hinausgeworfen habe und nicht 15. Dies hilft mir, festzustellen, ob ich weiter geworfen habe als beim letzten Mal (und mich damit weiterentwickelt habe). Es hilft mir, festzustellen, ob ich weiter geworfen habe als mein Freund. Und falls ich bestimmte „Normweiten“ weiß, kann ich vielleicht sogar feststellen, ob das Steinewerfen zu meinen individuellen Stärken oder eher zu meinen Schwächen gehört, was mir helfen kann, mich zu entscheiden, in diese Fähigkeit weiter zu investieren oder nicht.

Natürlich könnte man auch einfach Freude empfinden, dass ich einen Stein werfen kann, und Freunde in der Beobachtung seiner Flugbahn empfinden, völlig ohne zu messen, zu vergleichen, zu werten. Aber so schön es sein kann, Steinflugbahnen zu beobachten, es unterstützt mich weder in meiner Selbstfindung noch in der Verbesserung meiner Fähigkeiten.

Keine Frusttoleranz?

Aber kann es nicht passieren, dass bei drei Freunden, die Steine in einen See werfen, einer dabei ist, der nicht sonderlich gut im Werfen von Steinen ist? Und wird dieser nicht Frust darüber empfinden, wenn er nicht so weit werfen kann als seine Freunde es schaffen? Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: ja, das kann passieren. Doch dies muss nicht unbedingt negative Folgen nach sich ziehen. Möglicherweise zieht der Junge daraus die Motivation, seine Wurftechnik zu verbessern. Oder seine Freunde helfen ihm sogar dabei. Die noch realistischere Folge wird keine Folge sein: wen interessiert schon, wer Steine weiter werfen kann? Man probiert es eben aus, um es zu wissen, aber im Endeffekt ist es egal.

Freiwilligkeit und Streuung

Dieses „mir ist es egal“ schützt auf sehr effektive Weise vor den meisten negativen Folgen des Konkurrenzdenkens. Wenn ich kein sonderlich guter Salsa-Tänzer bin und mir das auch nicht wichtig ist, was interessiert mich, ob es andere gibt, die es besser können als ich? Problematisch wird das Konkurrenzdenken vor allem dort, wo es um Fähigkeiten geht, die von allen vorausgesetzt werden und für alle als wichtig definiert werden. Wenn es etwa um Schulnoten geht, die dann oft eine gewisse Notenstreuung aufweisen müssen, um das Ansehen der Schule nicht zu gefährden. Da kommt niemand aus, und es als unwichtig abzutun funktioniert dann auch nicht mehr sonderlich gut. Dann ist es kein Spiel mehr, dem man freiwillig beitritt, sondern „blutiger“ Ernst – mit all den bekannten negativen Folgen: Schummeln, Wegfall kooperativem Handelns, Ängste, Frustrationen.

Problematisch kann es ebenso werden, wenn der Ausgang eines solchen Wettbewerbs subjektiv als Rückmeldung über den eigenen Selbstwert wahrgenommen wird, nicht: was kann ich wie gut? sondern: wie viel bin ich wert? Dies ist nicht nur problematisch, wenn die Definition, worin man gut sein muss, von außen kommt (beispielsweise: du musst viel Geld verdienen, gute Noten haben, …), sondern auch, wenn sie von innen kommt und sich auf sehr eingeschränkte Lebensbereiche konzentriert, wie etwa eine bestimmte Sportart, beruflichen Erfolg oder die Liebe bestimmter Menschen. Doch auch hier ist für mich nicht der Wettbewerb an sich das Problem, sondern die Gleichsetzung „nur Sieg, nur hier = Selbstwert“. Was wir als Lehrer hier tun können, ist darauf zu achten, dass sich die subjektiven Möglichkeiten unserer Schüler, Selbstwert zu erringen, genügend streuen.

Ich bin für Wettbewerb, für das Zulassen von Konkurrenz – aber stets in freiwilligen Konstellationen, nicht als verpflichtende Komponente des Schullebens (auch wenn sich dem wohl nur schwer ganz entkommen lässt). Bei freiwilligen Wettbewerb lässt sich aufgrund der Freiwilligkeit auch noch relativ gut ein fairer Wettbewerb gewährleisten, nämlich einer mit annähernd gleichen Voraussetzungen aller Mitspieler an Fähigkeiten und Wissen. Es ist langweilig, frustrierend und auch unsinnig, wenn ein Tischtennis-Anfänger in Wettbewerb mit einem Profi kommt. Wenn durch freiwillige Wahl jedoch zwei annähernd gleich starke Gegner aufeinander treffen, werden sie sich durch die Wettbewerbssituation gegenseitig zu immer besseren Leistungen treiben.

Frust als positiver Antrieb

Wird es dabei Situationen geben, in denen die beiden Kontrahenten Frust empfinden, vielleicht weil sie wieder einmal (knapp) verloren haben? Natürlich. Aber es wird der Frust des Moments sein, nicht jener, der aus dem Gefühl entsteht, an einem Spiel mit unfairen Voraussetzungen teilgenommen zu haben, jener, der bald in Motivation umschwenken wird, sich zu verbessern, um den anderen wieder ein kleines Stück voraus zu sein, bis dieser sich wieder bessert, und so weiter. Entgegen festen Standards ist der Vergleich, der Wettkampf mit anderen „Spielern“, die sich ebenso wie man selbst ständig weiterentwickeln, noch lohnender, weil es keine Begrenzungen der Fähigkeiten nach oben gibt.

Starke Kinder

Es mag eine Welt möglich sein, in der wir uns wohl fühlen, weil wir die Konkurrenz ausgeschaltet haben und nur noch Spiele spielen, bei denen es keine Gewinner und damit keine Verlierer mehr gibt. Aber ich befürchte, dass es eine Welt sein würde, in der wir uns seltsam unwohl fühlen würden, weil unser Bedürfnis nach Weiterentwicklung verkümmern würde. Man kann Kinder vor von vornherein unfairen Konkurrenzsituationen schützen, in die sie die Gesellschaft manchmal bringen will, aber ich halte es für verantwortungslos, ihnen diese mächtige Entwicklungsmotivation vorzuenthalten, weil wir glauben, sie würden nicht verlieren können und den dabei entstehenden Frust möglicherweise nicht aushalten.

Und nebenbei halte ich auch die Entwicklung einer gewissen Frusttoleranz für ein durchaus wichtiges Lernziel in der Erziehung starker, lebenstüchtiger Erwachsener.

Niklas

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