Gewaltige Auswirkungen ererbter Machtverhältnisse und Vorgaben.

Heute hatte ich ambitionierte Pläne für meine Mathematik-Blöcke im Favela-Projekt: ich wollte, dass die Kinder realisierten, dass Mathematik sehr viel mehr war als nur Zahlen. Doch nach relativ kurzer Zeit kippte die Stimmung, und eines der Mädchen, das als einziges noch interessiert war, antwortete mir in meiner Ratlosigkeit, was ich falsch gemacht hatte, dass die anderen eben „nur spielen“ wollten. Da fiel mir glücklicherweise ein nettes Spiel mit etwa dem selben Aufbau meiner ambitionierteren ersten Version ein: Alle Mitspieler sitzen in einem Kreis, jeder hat einen Bauklotz, und Aufgabe der Gruppe ist es, aus den Klötzen einen Turm zu bauen, ohne dass sich zwei Mitspieler gleichzeitig in der Mitte befinden – sonst fällt der Turm und es muss von vorn begonnen werden. Vor allem in der Version, in der man nicht reden darf, ist dieses Spiel ziemlich schwierig, selbst für Erwachsene. Natürlich funktionierte es nicht.

Mit der zweiten Gruppe verzichtete ich auf die erste Aufgabe und begann stattdessen mit dem Blinzelmörder-Spiel, dass nach einigen Testrunden auch sehr gut funktionierte. Als ich dann die Frage stellte, ob sie weiter spielen oder lieber ein weiteres Spiel probieren wollten, entschied sich die Gruppe demokratisch per Mehrheit für das weitere Spiel. Dieses Mal erlaubte ich es ihnen, zu sprechen, aber sie hielten sich nicht an die Regeln und ignorierten mich zunehmend. Eine der anderen Betreuerinnen schrie sie dann einige Male ordentlich zusammen, woraufhin sie sich (unter Tränen und gegenseitigen Beschuldigungen) halbwegs beruhigten und später beim gemeinsamen Essen wieder recht fröhlich wirkten.

Selbstzweifel

Ich brauchte eine Weile, um mich davon zu erholen, dass meine Pläne so gar nicht funktioniert hatten, wie ich mir das vorgestellt hatte. Am Ende malte mir ein Mädchen mit Kugelschreiber einen Drachen auf die eine und ein kleines Herz auf die andere Hand, was mir half, aus meiner Selbstbzweifel-Spirale auszubrechen. Ich neige dazu, mir, wenn meine Pläne nicht funktionieren, für die schlechte Planung selbst die Schuld zu geben und die volle Verantwortung zu übernehmen. Viele Kollegen und Betreuer ziehen es vor, die Kinder, wenn sie anders als erwartet reagieren, zurechtzuweisen, auf ruhige oder manchmal, wie hier, etwas heftigere Weise („ihr wisst, dass ihr dafür in die Hölle kommt, wenn ihr nicht folgt“).

Aber sind wir als Lehrer wirklich dazu verdammt, entweder in Selbstzweifel versinken zu müssen oder die Kinder entsprechend unseren Plänen zurechtzuweisen? Teile ich Kinder in Gruppen ein und verpflichte diese Gruppen dazu, gemeinsam die gleiche Arbeit zu verrichten, wie es im Projekt, aber auch in vielen Schulen, der Fall ist, so übernehme ich neben der Macht der Einteilung auch die Verantwortung, dass meine Wahl der Aktivität auch für alle Kinder dieser Gruppe sinnvoll ist. Dies mag in manchen Fällen, in der ein Betreuer eine Gruppe sehr gut kennt, sogar ganz gut funktionieren. Aber handelt es sich um Aktivitäten, die nicht gut zu der Gruppe passen (wie bei mir heute), so wird es Widerstand geben. Widerstand dagegen, zu einer Aktivität gezwungen zu werden, die als nicht sinnvoll empfunden wird. Dieser Widerstand kann mit Gewalt vom Betreuer gebrochen werden. Oder er kann den Betreuer verunsichern, so wie mich heute.

Kriegserklärungen

Vor allem aber wird die gemeinsam verbrachte Zeit zu einem Machtkampf. Wer behält die Oberhand? Wo sind die Grenzen? Ab wann rasten die Erwachsenen aus? Ab wann resignieren sie? Das Ergebnis dieser Machtkämpfe verbleibt auf der Ebene eines bröckeligen Waffenstillstandes, mit gelegentlichem Neuaufflackern der Kampfhandlungen. Ist es wirklich die beste Lösung, einfach stärker als der andere zu sein? Lauter schreien zu können?

Ich glaube, es gibt noch andere Auswege aus dem Dilemma, selbst in einem Umfeld wie dem der Favela, das von diesen Machtkämpfen geprägt ist. Wenn es gelingt, inmitten dieses „Krieges“ einen Bereich zu „befrieden“, die Machtkämpfe aussen vor zu lassen, mag es möglich sein, dass Frieden auch in diesen rastlosen Seelen einkehrt.

Stützen statt schubsen

Heute hat eine Betreuerin versucht, einigen streitenden Kindern, die sich gegenseitig die Schuld für den Streit zuschieben wollten (der andere hat angefangen!), mit Domino-Steinen zu erklären, dass im Streit oft ein Wort eine Kette von negativen Folgen auslöst. Die Reaktion eines Kindes war, darauf zu bestehen, dass das jeweils andere Kind den ersten Stein zum Fallen gebracht und daher Schuld an allem Folgenden zu verantworten hatte, und oft bleibt die Diskussion an diesem Punkt stehen.

Aber wichtig ist, denke ich, nicht, wer begonnen hat oder wem die Schuld für den Streit in die Schuhe geschoben werden kann. Wichtig ist, dass es jemanden gibt, der, obwohl er von einem anderen Stein gestossen wurde, standhaft genug ist, nicht auf den nächsten zu fallen.
Um sich dann umzudrehen, den bereits gefallenen aufzuhelfen und gemeinsam zu überlegen, warum so wunderschöne, kraftvolle Steine überhaupt umfallen konnten – und wie dem in Zukunft abzuhelfen sei.

Niklas

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