Gerade eben bin ich von meinem ersten Besuch der auch hier in Linz Fuß fassenden Montags-Demos zurückgekommen und habe beschlossen, hier darüber zu berichten. Ein Freund hatte mir seit Wochen bereits Links der deutschen Veranstaltungen geschickt, ein anderer erzählt, dass es auch in Linz mittlerweile begonnen habe, und als ich heute noch eine SMS bekam, ob ich nicht vorbeischauen wolle, beschloss ich, der „Demo“ einen Besuch abzustatten.

Die hier beschriebenen Erfahrungen mögen insofern auch für (angehende) Lehrer interessant sein, weil sie sich wohl in vielerlei Hinsicht auf die Kommunikation und politische Situation innerhalb einer Schule übertragen lassen. Natürlich war es eine einmalige Erfahrung heute, und vieles von dem, was ich hier schreibe, mag in anderen Städten oder an anderen Terminen nicht zutreffen. Aber zum Thema.

Grundidee, Ablauf

Zumindest hier und heute am Linzer Hauptplatz lief es so ab, dass einige Freiwillige gegen 18:30 bunte Plakate sowie ein Mikrophon samt Verstärker aufgestellt hatten. Den Anfang machte eine ältere Dame, die sich als Moderatorin für den Abend vorstellte. Nach einer kürzeren Rede gab sie das Mikrophon frei für Wortspenden der Anwesenden. Nach einiger Zeit kündigte sie eine kurze Pause an, in der ein Mann mit Gitarre kritische Texte zum Besten gab. An diesem Punkt verließ ich die Veranstaltung. Zum einen, weil ich noch andere Pläne für den Abend hatte, zum anderen, weil sie aus mehreren, nun folgenden Gründen ermüdend war.

Verschwörungstheorien

Da das Mikrophon grundsätzlich einem jeden zur Verfügung stand und auch kein Thema vorgegeben war, gab es sehr unterschiedliche Wortmeldungen von sehr unterschiedlichen Personen, was ich für sich gesehen ja für wichtig halte. Nur waren bis auf die kurze Rede der Moderatorin fast alle Beiträge der Anwesenden eine Ansammlung verschiedenster Verschwörungstheorien, nicht selten irgendwelche Ansichten über geheime Mächte im Hintergrund, meist irgendwelche Banker-Juden und auch der Name Rothschild fiel sehr oft. Obwohl das Publikum vom Äußeren her sich selbst politisch gesehen wohl eher als linksgerichtet bezeichnen würde, war ich erstaunt über die Parallelen der Vor-Nazionalsozialismus-Zeit, als ebenso „die Juden“ als im Hintergrund die Fäden ziehend verdächtigt und als Bösewichter abgestempelt wurden.

Klassenk(r)ampf-Rhetorik

Ein Mann holte einen Geldschein hervor, monologisierte einige Minuten über die Herkunft des Geldes und forderte dann – ganz mutig – den Bürgermeister von Linz heraus, sich ihm doch zu stellen. Da dieser (nach einer Frist von einigen Sekunden) offensichtlich “zu feige” war, sich ihm, den Vertreter der Wahrheit, entgegenzustellen, verhöhnte er ihn noch als Feigling und entschied, dies sei der Beweis, dass er Recht habe. Dass ein Bürgermeister (egal, wie legitim die Kritik sein mag) sich nicht die Zeit nehmen will oder kann, zu einem jeden Haufen (und viel mehr waren es nicht) zu kommen und zu diskutieren, finde ich ehrlich gesagt relativ nachvollziehbar. Unser Vortragender, sichtlich zufrieden mit seinem „Sieg“ über den (nicht anwesenden) Bürgermeister, gab das Mikrophon weiter und setzte sich wieder zu den anderen Zuhörern. Die knapp 10 Minuten, die er da genossen hatten, hatten mein Leben nicht sonderlich bereichert.

Worin sich die meisten der Vortragenden einig zu sein schienen, ist die Bösartigkeit des Finanzsystems und vor allem des Zinseszins. Auch wenn ich ihnen grundsätzlich zustimme, dass Änderungsbedarf herrscht, war der Ton ihrer Vorträge (böse Banker – alternativ auch die USA – machen das absichtlich, um die Welt zu beherrschen) kein sonderlich konstruktiver. Wenn zwischendurch dann halbherzige Parolen von den Anwesenden wiederholt werden (Wer ist der Souverän? Das Volk!), dann werde ich das Gefühl nicht los, dass hier eine an sich ziemlich geniale Idee (Politik, Meinungsbildung und damit Mitgestaltung auf Augenhöhe) in Gefahr läuft, sich zu verzetteln.

Langweilige Vorträge

Ein Problem, dass jenem ähnelt, das mir auch Falko Peschel bei meinem Besuch von seinen Gesprächskreisen in der Klasse geschildert hat, ist jenes, dass es Beiträge gibt, die für einige der Anwesenden schlicht und ergreifend langweilig sind. Wenn ein 4.-Klässler dem 1.-Klässler zuhören muss, der etwas für ihn Überwältigendes erzählt, das der 4.-Klässler schon vor Jahren entdeckt hat, dann ist das auf Dauer langweilig für den Älteren. Und nicht nur inhaltlich tun sich Unterschiede auf, sondern auch in der Art des Sprechens. Mit der Erfahrung im (freien) Sprechen und Schreiben wird der Ausdruck einfach besser, und diese Entwicklung hört nicht auf. Dementsprechend entsteht auch bei einem freien Mikrophon wie bei dieser Veranstaltung ein Gefälle aufgrund der Sprachfertigkeit, ebenso aufgrund der Erfahrung und des Wissens.

1:n- vs. n:m-Kommunikation

Es ist für mich durchaus vertretbar, den einen oder anderen langweilig vorgetragenen oder inhaltlich uninteressanten (bzw. absurden weil voll von Verschwörungstheorien, die mir eine sehr negative Weltsicht vermitteln) Vortrag über mich ergehen zu lassen. Aber wenn es zu viele hintereinander sind, dann verspüre ich den Drang, zu gehen. Wenn ich jetzt jedoch gehe, verpasse ich vielleicht einen wirklich interessanten Vortrag, der später noch kommt. Um dieses Dilemma zu lösen und Frust zu vermeiden, wäre es interessant, anstatt der 1:n-Kommunikation (einer spricht, alle hören zu, dann spricht der nächste) eine n:m-Kommunikation (jeder kann mit jedem sprechen) auszuprobieren, etwa nach Art des Open-Space-Konzepts.

Auf diese Art und Weise könnte verhindert werden, dass eine Vorauswahl der Vortragenden und damit eine Art von Diskriminierung nötig wird, die man ja eigentlich vermeiden möchte. Denn die derzeitige organisatorische Form ist, wenn genügend Leute mit „Fachwissen“ über Verschwörungstheorien zusammenkommen, für Menschen wie mich einfach nur anstrengend. Wenn jedoch beispielsweise nach Open-Space-Art ein jeder zu bestimmten Themen sprechen kann und es den Besuchern freigestellt wird, wem sie zuhören, dann dürfen diejenigen, die sich für Verschwörungstheorien und entsprechende negative Weltbilder interessieren, diese auch austauschen, während sich andere wie ich, die lieber nach konstruktiven Lösungen suchen, ebenso austauschen können. Sinnvollerweise lässt sich das dann kombinieren mit konstruktiven Workshops, die das Leben der Teilnehmer tatsächlich bereichern und noch an diesem Abend weiterbringen.

Der mündige Mensch?

Ich sehe auch noch ein weiteres, sehr gravierendes Problem: Nicht alle Menschen funktionieren so, wie unsere schönen Systeme das gerne hätten. Das hat sich beispielsweise bei der Einführung des Kommunismus gezeigt, der ja in der Theorie sehr ansprechend klingt, in der Praxis aber einige Gegenwehr verursacht hat (die dann sehr brutal unterbunden wurde, siehe Stalin und Co). Ebenso gehen die Montagsdemos in ihrer Idee vermutlich vom mündigen Menschen aus, der zum einen zuhören (zumindest das leise sein funktionierte heute gut, vom Aufeinander eingehen bei den Themen war jedoch kaum etwas zu merken) kann, zum anderen jedoch auch den Mut, die Standfestigkeit und Kritikfähigkeit hat, seine Meinung zu äußern und dazu zu stehen. Doch wer bringt schon diese Eigenschaften mit? Alleine im Bildungsbereich erfahre ich erheblich mehr Bereitschaft, andere reden zu lassen, als zu seiner Meinung zu stehen.

Und so werden die Montags-Demos wohl noch länger vor allem eines sein: Experimentierfelder. Sie werden wohl noch lange ineffektiv bleiben, aus dem einfachen Grund, weil wir nicht die Menschen dazu haben, nicht die politische Erfahrung, damit umzugehen. Doch wenn diese Veranstaltungen es schaffen, „jung“ zu bleiben, sich beständig weiterzuentwickeln und vielleicht auch den Besuchern zu helfen, die dazu nötigen Fähigkeiten wie Rhetorik usw. zu verbessern – dann können sie vielleicht die Geburtsstätte eines neuen politischen Diskurses in Europa sein.

Nächsten Montag bin ich nicht in Linz, aber in zwei Wochen möchte ich wieder hingehen und die oben genannten Vorschläge einbringen. Vielleicht sehen wir uns ja dort…

Niklas

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