Die letzten Tage und Wochen fühlte ich mich innerlich zerrissen zwischen all den Möglichkeiten, die sich in den letzten Monaten und Jahren für mich aufgetan hatten. Unfähig, die Entscheidungen zu fällen, die in nächster Zeit zu fällen waren. Eine gute Freundin riet mir, mich endlich zu entscheiden, was ich mit meinem Leben anzufangen gedenke, und schenkte mir auch gleich ihre Antwort auf die Frage: Ich sei ein Lehrer, Punkt. Aber ich zweifelte weiter. War ich nicht ebenso Musiker, Autor, und noch viel mehr?

Musiker

Die viele Zeit, die ich damit verbracht hatte, Gitarre zu spielen und meine Emotionen in Kompositionen und Liedtexte einfließen zu lassen, schienen sich nun endlich bemerkbar zu machen. Innerhalb kurzer Zeit wurde mir von verschiedenster Seite gesagt, dass meine Musik verdammt gut ist. Und selbst mein jahrelanges Trauma, nicht gut singen zu können, obwohl es doch immer mein Traum gewesen war, einst zu singen, seit ich mit meinen fünf Jahren lautstark zur Meatloaf’s Bat out of hell mitgebrüllt hatte, hatte ich überwunden. Ich hatte nicht begonnen, Gitarre zu spielen, um einst der nächste Gott auf diesem Instrument zu werden, sondern um meine Unsicherheit zu überwinden, dass ich möglicherweise doch nicht der große Sänger war, der ich immer sein wollte. Und mit der Zeit wurde ich wirklich gut mit meiner Gitarre. Doch immer wieder hörte ich von meinen ehemaligen Bandkollegen, dass ich doch bitte endlich aufhören sollte, zu singen.

Nun, Jahre später, hatte ich in Brasilien begonnen, mich auf die Straße zu stellen, und das zu tun, was immer mein Traum gewesen war: zu singen. Wenn andere dort ungestraft Essen verkaufen konnten, das zwar gut schmeckte, aber aufgrund mangelnder Hygiene Durchfall verursachte, dann durfte ich wohl auch mein Gitarrenspiel mit Gesang begleiten, der nicht sonderlich überzeugte. Überraschenderweise schien sich niemand groß daran zu stören. Mit der Zeit erkannte ich sogar, dass mir Menschen, wenn ich ohne Gitarre die XV de Novembro, die Straße, in der ich immer spielte, entlanglief, zuwinkten, ich sollte doch wieder meine Gitarre holen. Ich fing an, mich einfach zu trauen, und dieser Mut verließ mich auch zurück in Österreich nicht mehr. Nun, knapp 20 Jahre nach meinen ersten Versuchen, beginne ich, meine eigene Stimme zu finden und auch zu liebe. Erkenne dich selbst, sprach einst ein weiser Mann: Ich bin Musiker. Ich liebe das Gefühl, sich vollends in der Musik zu verlieren. Aber es ist nur ein Teil von mir.

Autor

Nachdem ich in einem Seminar an der Universität in Curitiba, Brasilien, einen Vortrag über meine Bildungsideen gehalten hatte, bekam ich so viele positive Rückmeldungen von den Studenten und dem Professor, dass ich beschloss, diesen Blog zu starten. Möglicherweise würden auch andere dadurch zum Nachdenken angeregt werden. Und ich fand heraus, dass es tatsächlich Menschen gab, die sich dafür interessierten. Verblüfft stellte ich fest, dass Menschen aus allen Erdteilen über verschiedenste Wege und Umwege auf meinen Blog fanden und sich augenscheinlich Gedanken über das machten, was ich geschrieben hatte. Und ich erkannte ein Potential, das ich immer schon geahnt haben musste: eine Alternative anzubieten und den anderen entscheiden zu lassen, ob bzw. wie er diese Alternative in sein Weltbild inkludieren möchte.

Als ich mich dann näher mit den verschiedenen Möglichkeiten, Texte zu verfassen, befasste, fragte ich mich, warum ich in den letzten Jahren kaum Geschichten geschrieben hatte. Jahre zuvor hatte ich dies immer wieder getan, sogar ein 96-seitiges Drehbuch verfasst. Seitdem jedoch hatte ich außer einigen (sehr zufriedenstellenden) Liedtexten kaum mehr etwas geschrieben, was einer Geschichte gleichkam. Mir kam zu Bewusstsein, dass ich das meiste, was ich in meinem Leben jemals gelernt hatte, von Geschichten gelernt hatte. Warum nicht selbst Geschichten schreiben, um anderen ebenso diese Möglichkeiten zu eröffnen? Ein Buch zu lesen ist für gewöhnlich ein freiwilliger Akt und widersprach nicht meinen Prinzipien der Gewaltfreiheit. Also fing ich an, kurze, 1-seitige Geschichten zu schreiben, jede Woche eine, in der Hoffnung, Menschen die Möglichkeit zu eröffnen, etwas durch sie zu lernen. Und ich erkannte mich selbst als Autor. Ich liebe es, wenn die Worte aus mir sprudeln und die Erkenntnis, die ich selbst daraus ziehe, wenn ich lese, was da aus mir geflossen ist. Doch auch dies war nur ein Teil des Ganzen.

Lehrer

Es mag kein sonderlich nachvollziehbarer Grund sein, aus dem ich damals beschloss, Lehrer zu werden, aber ich bin ein Verfechter der Wahrheit: ich war unzufrieden mit dem Schulsystem und wollte es ändern. Ich hatte einige Bücher gelesen und meine Erfahrungen gemacht, wie ich und andere tatsächlich lernten, was uns tatsächlich interessierte und wie wenig davon in einer durchschnittlichen Schule wahrgenommen und aufgegriffen wurde. Auch an der pädagogischen Hochschule fand ich wenig von dem vor, was mir selbst wichtig erschien, aber ich nahm es als notwendiges Übel hin. Es war meine Mission, und der Held einer jeden Geschichte musste eben manchmal leiden, um sein Ziel zu erreichen.

Wie jeder Mensch habe ich meine Stärken und Schwächen. Während ein jeder Mensch mit gewissen Grundvoraussetzungen an eine Aufgabe herangeht, wird er wohl mit der Zeit versuchen, zumindest in jenen Punkten, die ihm wichtig sind, seine Stärken auszuspielen und seine Schwächen zu überwinden, und ähnlich war es auch bei mir. Ich bin kein Lehrer im herkömmlichen Sinn, der möglicherweise recht gut in seinem Fach ist und seine Schüler dazu bringt, in diesem ihm zugeteilten Fach zu Höchstleistungen zu bringen, auch wenn es bedeutet, seine Schüler gegen ihren Willen zu etwas zu zwingen. Ich zwinge meine Schüler nie zu einem bestimmten Verhalten, ich zeige ihnen jedoch sehr klar, was sie in meiner Anwesenheit nicht tun werden. Zwang nimmt ihnen die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen. In meinen Nachhilfekursen fordere ich meine Schüler heraus, Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst und ihre Lernprozesse, aber auch für das Wohlbefinden der ganzen Gruppe.

Dies ist eine politische Entscheidung, die ich hier treffe. Ich sage ihnen nicht, sie sollen bitte den Pythagoras lernen und den Satz von Thales, dann wird alles gut. Ich sage ihnen, übernehmt Verantwortung, und daraus erwachsen all die anderen Fragen und möglichen Antworten. Um Verantwortung zu übernehmen, muss man sich über Möglichkeiten und Konsequenzen informieren, kritisch urteilen und die Bedürfnisse anderer wahrnehmen und mitbedenken. Ich kann auch unerwünschte Entscheidungen treffen, aber ich muss bereit sein, die möglichen Konsequenzen zu tragen. Das ist Verantwortung. Ich erziehe meine Schüler nicht zu sonderlich pflichtbewussten Menschen, sondern zu Menschen, die sich für die Konsequenzen ihrer Handlungen und der der anderen interessieren und dann versuchen, fundierte Entscheidungen zu treffen. Selbst, wenn diese fundierte Entscheidung eines Tages sein sollte, dass das, was ich ihnen damit beibringen wollte, ein Blödsinn ist und es doch viel einfacher für sie ist, sich an die Pflichterfüllung zu halten. Ich will nicht, dass sie denken wie ich. Ich will erreichen, dass sie denken.

In der Nachhilfeinstitution, in der ich seit Jahren arbeite, habe ich in einer der Büroleiterin eine sehr verständnisvolle Verbündete gefunden, die mir sehr viel Autonomie gewährt. Die Resultate sind interessant: meine Schüler arbeiten meist von selbst an ihren Aufgaben oder bitten mich, ihnen komplexere (oder lustigere, ich erfinde gerne spaßige Geschichten dazu) zu erfinden. Die Gruppen harmonieren im Regelfall sehr gut miteinander und selbst die Noten verbessern sich oft in relativ kurzer Zeit, manchmal um mehrere Grade. Auch in der Schule, in der ich zuletzt gearbeitet habe, hat sich in den zwei Monaten, in denen ich dort war, viel zum Positiven verändert. Problematisch wurde es dann, als von oben versucht wurde, meine Autonomie einzuschränken und mir vorzuschreiben, wie ich die Kinder zu behandeln hatte oder dass ich diesen Blog vom Netz nehmen sollte.

Wer bin ich nun wirklich?

In der Folge verlor ich für einige Zeit den Mut, dass es möglich sein würde, eine Schule zu finden, an der ich so arbeiten können würde, wie ich spürte, dass es richtig für mich und die Schüler war. Und war ich nicht mittlerweile musikalisch auf einem guten Weg? Wurden nicht meine Geschichten immer besser? War ich nicht auf einem guten Weg, meine Ausgaben soweit zu reduzieren, dass ich möglicherweise ohne einen regelmäßigen Job überleben konnte. Vielleicht in meinem alten VW-Bus herumsausen, runter nach Spanien, Portugal, da sollte es eine interessante Schule geben. Einige Freunde holten mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Das sei viel zu gefährlich. Was ich mir überhaupt einbilde? Natürlich hätte ich es in meiner Sturheit trotzdem durchgezogen, doch mein Vater sprach das aus, was mir nun als eine schwer von der Hand zu weisende Wahrheit bewusst wurde: es wäre ein Davonlaufen. Ein Davonlaufen, ein Aufgeben und ein Begraben meiner selbstgesteckten Mission, etwas zum Guten zu verändern. Und ich wollte nicht zur großen Masse derjenigen zählen, die aufgegeben haben.

Ich bin ein Musiker, und mittlerweile sogar ein sehr guter, und meine Gitarre wird mich begleiten, wo auch immer mein Weg mich hinführen wird. Ich bin ein Autor, ich liebe es, zu schreiben, und möglicherweise werde ich eines Tages sogar Bücher veröffentlichen. Doch was ich wohl im tiefsten Kern bin, ist trotzdem ein Lehrer. Einer derjenigen, die den Schülern auch nach Jahren noch in Erinnerung bleiben können, weil sie anders waren, die jedoch auch einen schwierigeren Weg vor sich haben, wenn es darum geht, einen passenden Ort für ihr Wirken zu finden. Praktischerweise muss ich mich aufgrund meiner guten Sprachkenntnisse und dem Faktum, dass ich im Juli in Linz ausziehe, in meiner Suche nicht auf Oberösterreich oder Österreich beschränken, auch Deutschland, die Schweiz, englisch- sowie portugiesisch/spanisch-sprachige Länder stellen eine Alternative dar. In den nächsten Tagen werde ich mich also einfach mal sowohl innerhalb Österreichs als auch international bei den verschiedensten Schulen bewerben.

Falls jemand von euch einen Tipp hat, an wen ich mich wenden könnte, freue ich mich natürlich darüber (hier findet ihr meine Mailadresse). Ansonsten wünsche ich euch noch einen schönen Sonntag, und ebensolche Momente der Selbsterkenntnis.

Niklas

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