Welchen Einfluss hat unsere subjektive Erwartung davon was passieren wird auf das tatsächliche Geschehen? Eröffnet sie uns Möglichkeits-Räume, die uns durch die Beschränkung auf eine objektive Wissenschaft verschlossen bleiben würden?

Vor etwa 10 Jahren durchlief ich eine Phase, in der ich mit so ziemlich jedem der mir begegnete ein Gespräch begann, egal ob Mann oder Frau, ob Kind, Erwachsener oder älterer Mensch. Fast alle dieser Gespräche waren interessant für beide Seiten. Nur selten entwickelten sich daraus mehr als lose Kontakte im Moment, aber doch trennte man sich mit einem warmen Gefühl der gegenseitigen Bereicherung.

Nun hatte sich diese Angewohnheit über die letzten Jahre ein wenig gelegt, bis zu dem Punkt, an dem ich kaum mehr mit Fremden sprach. Mir war (von Menschen, die daran gewöhnt waren) erklärt worden, dass es unter Erwachsenen höflicher und damit erwünschter sei, erst einen Termin zu vereinbaren. Als ob diese gewissermaßen „gedankenlose“ Phase eine Ausgeburt meiner Jugend sei, ein naiver Zugang zur Welt, der nur aufgrund meiner damaligen Jugend geduldet worden war. Nun, als bald 30-jähriger, waren andere Methoden der Kontaktaufnahme angebracht.

All die Mühen, diese „Angebrachtheit“ des Kontaktes zu erreichen, führten im Grunde jedoch nur dazu, dass sich die Häufigkeit und die Qualität des Kontaktes zu meinen Mitmenschen spürbar verringerten. Je mehr Planungsaufwand ein gewünschtes Treffen mit sich brachte, desto seltener wurde dieser Planungsaufwand von einem tatsächlichen Treffen gekrönt. Traditionelle Formen des Kontaktes waren da effizienter und kamen öfter zustande (etwa der 2-monatliche Spiele-Abend mit einem bestimmten Freundeskreis), aber auch hier nahm die Qualität des Kontaktes spürbar ab, obwohl die Liebe zu den Menschen an sich noch genauso stark war wie ursprünglich.

War ich einfach älter geworden? War das der normale Lauf der Dinge?

Ist die Welt, wie die Welt eben ist?

Irgendwann stolperte ich dann zufällig über ein Konzept, das davon ausgeht, die Welt würde sich nach den Erwartungen richten, die man an die Welt kommuniziere. Das brachte mich dazu, meine Erfahrungen vor 10 Jahren testweise damit zu interpretieren, denn tatsächlich hatte ich mich damals selbst davon überzeugt, dass ein jeder Mensch, den ich treffen würde, interessante Begegnungen mit sich bringen würde – und wurde nur selten in meiner Erwartung enttäuscht.

Was mir an dem Konzept trotzdem ein wenig fraglich vorkommt, ist die Idee, dass die Welt sich nach meinen Wünschen richten soll. Das würde demnach ja auch bedeuten, dass die Welt sich nach den Wünschen von potentiell Milliarden Menschen zu richten hat, was einige Folgefragen nach sich zieht, die für mich schwer zu beantworten sind, etwa: würde das nicht bedeuten, dass wir im Grunde alle ziemlich alleine in unserer derart subjektiven Welt leben?

Was aber, wenn unsere Erwartungen nicht die Welt, sondern unsere Wahrnehmung der Welt beeinflussen? Viele Menschen kennen vermutlich das Phänomen, dass wir etwas, das uns gerade beschäftigt, plötzlich überall wahrnehmen. Wenn wir als Hypothese davon ausgehen, dass unsere bewusste Wahrnehmung eine Art Filter darstellt, der aus der Masse an unbewusster Wahrnehmung das herausfiltert, was für uns am relevantesten ist, dann macht es durchaus Sinn, dass wir je nachdem, wie wir diesen Filter „einstellen“, andere Aspekte unserer Umwelt wahrnehmen.

Wenn ich also meinen „Filter“ darauf eingestellt habe, in allen Menschen Interessantes zu vermuten, erhöhe ich damit meine Chance, es auch zu finden. Objektiv existent ist es womöglich unabhängig davon, ob ich danach suche, aber wenn mein Filter es „ausfiltert“, ist es für mich selbst nicht wahrnehmbar – und damit subjektiv nicht existent, bis ich meinen Filter entsprechend umstelle.

Was, wenn die Hypothese stimmt?

Wenn diese Hypothese stimmt, hat sie dramatische Auswirkungen. Offenbar existieren in der Medizin Studien, die darauf hinweisen, dass je nach Krankheitsbild über 60% der Heilungschancen von den Erwartungen des Patienten abhängen, also auch von der Fähigkeit des behandelnden Arztes, ihn zu überzeugen an die Behandlungsmethode zu glauben (auch bekannt unter “Placebo-Effekt”). Auch in der Pädagogik gibt es entsprechende Studien, die drastische Auswirkungen des Glaubens des Lehrers an seine Schüler belegen. An einer 4. Klasse Volksschule, die ich vor Jahren in Deutsch übernommen habe, bin ich davon ausgegangen, dass alle Schüler Bestleistungen erzielen können – und wurde nicht enttäuscht, obwohl die Leistungen bevor ich die Klasse übernahm durchaus sehr unterschiedlich waren.

Wie die meisten meiner Freunde wissen, verfolge ich gerade mein Ziel, mich selbstständig zu machen. Ein Aspekt dabei ist bekanntlich die Generierung von Einkommen. In den letzten Wochen haben sich plötzlich Möglichkeiten und Kontakte aufgetan, von denen ich nicht zu träumen gewagt hätte. Diese waren vermutlich immer schon „da“ im objektiven Sinne, aber erst durch meine Entscheidung zur Selbstständigkeit wurde mein „Filter“ der Aufmerksamkeit so eingestellt, dass ich sie tatsächlich wahrnehmen und entsprechend agieren konnte.

So habe ich mich gefragt, wie ich wohl einen größeren Bekanntheitsgrad erreichen könnte – und ein paar Tage später fragte mich ein Bekannter, ob er mich irgendwann mal für einen lokalen TV-Sender interviewen dürfte. Ich habe mir gedacht, ich würde gerne Vorträge halten, und irgendwann auch dafür Geld verdienen. Kurz darauf vermittelte mir eine Freundin den Kontakt zu einer Location, in der ich bald einen Vortrag halten kann. Irgendwann kam mir der Gedanke es wäre interessant mit anderen zusammenzuarbeiten, die in anderen Disziplinen (Führung von Erwachsenen z.B.) zu ähnlichen Schlüssen gekommen sind wie ich – ein paar Tage später traf ich genau diese Menschen, und wir sind nun ein Stück weit am Herausfinden, wie diese Zusammenarbeit am Konstruktivsten stattfinden könnte.

Keine dieser Möglichkeiten offenbarte sich exakt in einer Form, die ich hätte planen können, und setzte jeweils ein wenig Flexibilität meinerseits voraus, sie als solche zu erkennen. Trotzdem wirken diese Erlebnisse verdächtig konsistent, als wäre tatsächlich ein Muster dahinter: glauben, vertrauen, sich bereit machen/“den Filter einstellen“ für die Antwort.

Entzieht sich „Glaube“ der wissenschaftlichen Methode?

Die die Wissenschaftliche Methode ein Stück weit eine  skeptische Einstellung des Forschenden zu Aussagen und vor allem eine gewisse objektive Reproduzierbarkeit voraussetzt, stellt sich für mich die Frage, inwieweit positive Aspekte dieser Erwartungshaltungen (die ja stets – auch – subjektiv sind) tatsächlich nach einer klassischen wissenschaftlichen Methode nachweisbar wären.

Die interessante Fragestellung, die sich für mich nach zahlreichen Alltagsbeobachtungen daraufhin stellt, ist jene, wie es denn alternativ möglich wäre, tatsächlich wirksame Erwartungshaltungen von Angeboten von Hochstaplern zu unterscheiden, bzw. auch „unfreiwillige Hochstapler“, also Menschen, die tatsächlich selbst an die Ursache einer Wirkung glauben, aber falsch liegen, von jenen zu trennen, die richtig liegen?

Ich kann mir z.B. gut vorstellen (und es deckt sich auch mit den Erzählungen einiger  Bekannter die in dieser „Szene zuhause sind“), dass für denjenigen, der zu bestimmten Produkten wie Grander-Wasser die Erwartung hat dass sie funktionieren, diese Produkte auch tatsächlich funktionieren können. Die Ursache ist aber dabei nicht notwendigerweise das Produkt selbst, sondern möglicherweise die Erwartungshaltung an das Produkt.  Wenn nun ein Mensch z.B. von seinem Krebs geheilt wird, weil er daran glaubt, dass ein an sich objektiv nutzloses Produkt ihm Heilung verspricht –  ist es nun unethisch, ihm dieses Produkt glaubhaft ans Herz zu legen, oder ist es unethisch, es ihm zu verwehren, weil es objektiv betrachtet keinen wirklichen Nutzen hat?

Das sind schwierige Fragen, und ich bin froh, keines dieser Produkte vertreiben zu wollen – aber interessant finde ich sie trotzdem, weil sie eine mögliche Schwachstellen unserer sonst so sinnvollen wissenschaftliche Methodik aufzeigen könnten.

Das Problem der Mittelbarkeit               

In einem Gespräch mit einem guten Freund heute, der sich mit ähnlichen Fragen beschäftigt, brachte er mich auf den Gedanken, die Frage zu stellen, wer denn beurteilen könne, ob ein Produkt/ein Zugang nützlich sei. Unsere wissenschaftliche Methodik stellt ja den Anspruch der objektiven Nützlichkeit und Nachvollziehbarkeit, das heißt sie möchte die Welt auf eine Weise beschreiben, die für einen jeden nachvollziehbar ist. Sie versucht allgemeine, objektive Urteile zu treffen. Damit muss der Einzelne sich nicht mehr ständig selbst die Frage stellen, was für ihn gut und richtig ist, er erreicht eine gewisse Mittelbarkeit dadurch, dass er sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse verlässt.

Wenn ich in meiner subjektiven Erfahrung feststelle, dass etwas für mich – also wieder subjektiv – einen Wert hat, stellt das noch kein Problem dar. Problematisch wird es erst, wenn ich aus dieser subjektiven Erfahrung schließe, dass es für andere in ihrer eigenen subjektiven Erfahrung auch gleich sein muss. Bewegen wir uns aus dem „sicheren Bereich“ der wissenschaftlichen Methode heraus, braucht es daher wohl stets die subjektive Überprüfung der Nützlichkeit: spürt es sich für mich richtig an?

Solange diese “Sicherheitsabfrage” gewährleistet ist und der Mensch, der sich in diese subjektiven, un-mittelbaren Erfahrungsräume wagt, die Verantwortung für die Konsequenzen seiner Entscheidungen selbst übernimmt, könnte es durchaus sinnvoll sein, mit der Macht der subjektiven Wahrnehmung zu experimentieren.

Wenn der Glaube allein nicht reicht: Vorstellungen und Systeme

Vor allem bei größeren Projekten wie meiner Selbstständigkeit kann es eine Weile dauern, bis sich vorzeigbare Ergebnisse einstellen, und Kommentare der gutmeinenden Anderen können da auch manchmal nicht hilfreich sein. Was mir dabei hilft sind vor allem zwei Vorstellungen und ein kleiner psychologischer Trick, die ich gerne mit euch teilen möchte:

Die erste Idee ist die Vorstellung vom Samenkorn, das die ersten Tage/Wochen noch unter der Erde auf seinen glorreichen Moment wartet. Das braucht obwohl es „noch nicht da ist“ regelmäßig Wasser und Pflege, damit es keimen und wachsen kann. Es braucht eine Vor-Investition, und Glauben an das spätere Keimen der Pflanze, weil wir sie sonst vielleicht nicht weiterpflegen und damit verhindern dass sie langfristig aufkeimen kann. Was wir erreichen wollen, verhält sich oft wie ein Samenkern, der eine Weile braucht, bis er reagiert

Eine zweite Vorstellung, die hilfreich ist für mich ist, ist die Vorstellung einer Kugel immenser Masse im Weltraum, die durch wiederholte kleine Kraftanstrengungen in Bewegung gebracht wird. Anfangs hat der Impuls von außen kaum sichtbare Auswirkungen, aber oft genug wiederholt summiert sich die Bewegungsgeschwindigkeit der großen Masse dann doch. Anmerkung: vielleicht ist die Physik dahinter völlig falsch, aber mir hilft das Bild so 😉

Aus psychologischen Studien wissen wir, dass Belohnungen sich irgendwann abnutzen, aber Belohnungen die subjektiv mehr oder weniger zufällig geschehen, nicht. Diesen Aspekt kann man sich zunutze machen, indem man regelmäßig Kontakt zu genügend potentiell hilfreichen Mitmenschen aufnimmt, die dann entweder gar nicht oder mit unterschiedlich langen Antwortzeiten darauf reagieren. Gestern Abend z.B. habe ich eine sehr freundliche Mail von einem recht hochrangigen OÖ Politiker bekommen, der mir auf eine Mail vor ein paar Tagen geantwortet hat – und mich total gefreut, weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass er so freundlich zurückschreibt bzw. die Mail ihn überhaupt erreicht, da ich sie mangels Privat-Adresse über offizielle Kontakt-Kanäle schicken musste. Da eine Art unregelmäßiges „Schöne-Überraschungs-System“ an potentiell schönen Erlebnissen aufzubauen kann helfen, über schwierigere Zeiten hinwegzukommen.

Niklas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.