Als ich das Apartment verliess, wartete er bereits vor der Tür. Die Rede ist von jenem Mann, den ich beim Gitarrespielen in den Strassen Curitibas kennenlernte und den ich seitdem in unregelmässigen Abständen treffe. Dem ich mein Zelt und meine Hängematte borgte, ohne recht zu wissen, ob ich sie jemals wiederbekommen würde. Mittlerweile habe ich meine Hängematte bereits wieder zurückbekommen, er hatte anderswo Decken aufgetrieben, die ihn des Nachts effektiver warmhalten konnten.

Der selbe Mann, der mir ursprünglich erzählt hatte, er hätte direkten Kontakt zur Präsidentin Brasiliens, Dilma Rousseff, hätte die Demonstrationen hier in Brasilien angezettelt und sei allgemein bei der Presse ein mittlerweile gefragter Mann, erzählte mir auch, er müsse aufpassen, denn er wisse Geheimnisse von Politikern, für die diese morden würden. Sein direkter Kontakt zur Präsidentin stellte sich als direkter Kontakt zu einem Fake-Konto der Präsidentin auf Facebook heraus – von dem aus ihm jedoch seltsamerweise geantwortet wurde. Er wirkt leicht paranoid (und auch stellenweise etwas grössenwahnsinnig), aber nicht unsympatisch, weswegen ich, wenn ich nichts Wichtiges zu tun habe, ihm ganz gerne ein wenig meiner Zeit schenke.

Heute, als ich ihn vor unserer Apartment-Türe antraf, erzählte er mir voller Freude, er hätte nun für Montag Arbeit gefunden, er solle Fliesen verlegen, etwas, das er bereits früher einige Male erledigt hatte, und würde dafür in etwa 7000 Reais bekommen, davon könnte ich hier ein Jahr lang die Miete bezahlen. Er meinte, er sei unglaublich dankbar, dass ich und die Frau und der Mann, die in dem Geschäft unter unserem Apartment arbeiten, ihn bisher schon unterstützt haben und vor allem an ihn glauben. Mit Montag fange eine bessere Zeit für ihn an.

Endlösungen?

Vor einigen Tagen erzählte er mir, er wäre bei einer Kirche gewesen, weil sie dort Suppe an Bedürftige verteilen würden, und ihm sei dort erzählt worden, er dürfe auf keinen Fall zur Sozialassistenzstelle hier in Curitiba gehen, weil sie dort Leute von der Strasse holen, ihnen irgendwelche Drogen verabreichen und zurück auf die Strasse schicken, wo sie dann in ihrem benebelten Zustand oft von Autos überfahren oder anderweitig zu Schaden kommen. Ich weiss nicht, was davon zu halten ist, weil seine Geschichten immer wieder – nett ausgedrückt – etwas an der Realität vorbeigehen. Aber er meinte, er würde gerne mit mir, da ich ein Handy mit Videofunktion habe, Interviews führen, also scheint er zumindest daran zu glauben.

…und konstruktive Lösungen

Eine interessante Frage, die sich mir hier in Bezug auf die vielen Obdachlosen hier in Curitiba stellt, ist: Wie kann man ihnen helfen, sich selbst zu helfen? Wenn an der Geschichte mit der Drogenvergabe etwas dran ist, ist diese Variante, mit dem Obdachlosenproblem aufzuräumen, natürlich zu verurteilen. Essen zu verteilen, ist sicher eine gute Sache. Aber gebe ich einem Obdachlosen Essen, hilft ihm dies nicht zwingend dabei, Wege zu finden, morgen dieses Angebot nicht mehr in Anspruch nehmen zu müssen.

Ich weiss selbst nicht, warum, aber aus irgendeinem Grund komme ich hier in Curitiba regelmässig ins Gespräch mit Obdachlosen, und auch wenn ich selten direkt auf dieses Thema zu sprechen gekommen bin, so durfte ich mir durchaus ein Bild von der Situation einiger dieser Menschen machen. Es gibt jene, die ganz zufrieden sind, ich kenne sogar einen, der relativ viel Geld hat, aber es mehr oder weniger als Sozialexperiment macht. Und dann scheint es die weiteren zwei Typen zu geben, die sich in ihren Perspektiven zu unterscheiden scheinen.

Obdachlose Unternehmer

Während ich tagtäglich eine Anzahl von Obdachlosen passiere, die vorübergehende Passanten um eine Zigarette, diverse Drogen, Alkohol oder Geld zur Beschaffung einer dieser Vergesser anschnorren (durchaus erfolgreich), treffe ich auch immer wieder jemanden wie meinen eingangs beschriebenen neuen Freund, deren Pläne weiter reichen als zur nächsten Beruhigung, zum nächsten Vergessen. Vielleicht ist er etwas grössenwahnsinnig, wenn er Präsident werden will. Aber sein Ziel führt in vorwärts, nicht im Kreis.

Vielleicht sollten wir Obdachlose ähnlich betrachten wie ein Crowdfunding-Projekt. Welches Ziel verfolgt das Projekt? Halten wir dieses Ziel für unterstützenswert? Vertrauen wir der Person, dieses Projekt auch umzusetzen? Habe ich die Mittel, die Zeit, um zu helfen? Mein treuer neuer Freund, der regelmässig vor meiner Haustüre wartet, bat mich bereits einige Male, meinen Laptop samt Internet benutzen zu dürfen. Natürlich, wenn ich gerade Zeit hatte. Anderen gebe ich beim Musizieren eine Trommel oder Rassel in die Hand, mit der sie sich dann (mehr oder weniger im Takt) austoben. Wieder andere bitten um Geld für Alkohol. Sie bekommen dafür zwar Ehrlichkeitspunkte, aber ich habe nicht vor, sie in ihrem Kreislauf aus Scham und Vergessen zu unterstützen. In dem Moment jedoch, an dem sie aus diesem Kreis ausbrechen wollen, helfe ich gerne.

Wer in ein Loch gefallen ist, für den mag es leichter sein, im Kreise zu laufen, als hinauszuklettern. Manchmal trauen wir es den Gefallenen auch nicht zu, verurteilen sie als Menschen, die in ihrem Leben nichts zusammenbringen. Auf die wir herabschauen können.

Doch manchmal findet sich der Esel auch am Berg.

Niklas

Kommentar verfassen