Es gibt in der Informatik zwei sich polar gegenüberstehende Entwicklungsmethoden, wenn es darum geht, Programme zu entwickeln, die bestimmte Probleme lösen sollen. Im V-Modell wird zuerst ein möglichst exakter Plan entwickelt, dem Auftraggeber vorgelegt, von ihm abgesegnet und dann ohne grosse weitere Abweichungen nach diesem Plan entwickelt. Die Vorteile sind eine gute, genaue Planung und vor allem auch, dass auf dem Weg auftretende Probleme nicht mehr in der Verantwortung des Entwicklers liegen.

Dem gegenüber existiert das Modell des Extreme Programming, in der die einfachste lauffähige Lösung für ein Problem (Hack) zusammengeschustert wird, dies dem Kunden vorgelegt wird und darauf aufbauend ständige Verbesserungen nach Kundenwünschen umgesetzt werden, bis eine lauffähige und nutzbare Endversion entstanden ist. Dadurch, dass weniger langfristig geplant wird, kann es passieren, dass bei neuen Wünschen der Kunden das bisherige Programm unbrauchbar wird und grosse Teile völlig neu konzipiert werden müssen. Gut hingegen ist, dass ständig ein (zumindest eingeschränkt) nutzbares Programm zur Verfügung steht und dieses ständig an die Bedürfnisse des Kunden angepasst werden kann. Vor allem, wenn sich diese Bedürfnisse im Laufe der (oft mehrjährigen) Entwicklung ändern sollten, ist es im Extreme Programming oft einfacher, auf diese Veränderungen einzugehen.

Eine lernende Schule

Ín den letzten Wochen habe sehr stark in Anlehnung an das zweite Paradigma gearbeitet. Ein bestehendes System wurde unter die Lupe genommen und dort verändert, wo es Verbesserungen näher an die Wünsche der „Kunden“, also in dem Fall jene der Kinder, Eltern, Organisatoren, der öffentlichen Hand und auch uns Pädagogen bringen würden. Dies bedeutete, dass es „Verbesserungen“ gab, die sich im Nachhinein nicht als solche herausstellten und wieder zurückgenommen oder weiter adaptiert wurden, aber auch jene, die sich bewährt hatten und ein sehr nach dem V-Modell der exakten Vorplanung entstandenes System näher an die tatsächliche Wirklichkeit anpassen konnten.

Es handelt sich hier um einen ständigen Prozess, eine ständig weiterlernende und sich weiter entwickelnde Schule, könnte man sagen, einen Prozess, der kein vorbestimmtes Ende hat, an dem dann alles reibungslos funktioniert. Tatsächlich gibt es immer wieder Reibungen und Diskussionen über die Sinnhaftigkeit bestimmter Regeln und Abmachungen. Ich halte diese Diskussionen jedoch für einen Ausdruck erwachender geistiger Mündigkeit, wo sie über den Hintersinn von Regeln geführt werden und nicht mehr über persönliche Präferenzen des Momentes. Ich sehe diese Schul-Entwicklung, die zu einem nicht kleinen Teil mittlerweile auch von den Kindern aktiv mitgestaltet wird, sehr positiv, weil sie eine zutiefst demokratische ist.

Durch diesen ständigen Prozess wird es, glaube ich, auch möglich sein, den sich weiterentwickelnden Bedürfnissen sich weiterentwickelnder Menschen besser zu entsprechen als durch die Schaffung eines perfekten, starren und damit toten Schulsystems nach dem V-Modell. Um diese Entwicklung auch an Beispielen deutlich zu machen, hier einige auf diesem Wege erwirkten Veränderungen:

Harmonischeres Zusammenleben

Die 10:00-Jausenpause wurde harmonisiert, in dem die alte Regel, dass alle gemeinsam mit dem Essen anzufangen haben und auch gemeinsam wieder in die Klasse zurückzugehen haben, dadurch ersetzt wird, dass diejenigen, die bereits fertig sind und ihre Dinge weggeräumt haben, bereits in die Klasse dürfen, wo sie sich den Rest ihrer Pause weitgehend selbst gestalten (z.B. auch Lego spielen) dürfen. Dadurch wurde erreicht, dass diejenigen, die noch weiter essen und ein vernünftiges Gespräch führen wollen, dies auch ohne Störungen der sonst zu Langeweile verurteilten tun können. Zusätzlich haben wir damit auch erreicht, dass das reine Spielen sich nun weitgehend auf die Pause konzentriert, während in den anderen Zeiten nun mehr konstruktiver Arbeit nachgegangen wird.

Vorgaben des Schulsystems

Wir haben nun eine alte Idee von mir aufgegriffen, alle Lernziele der jeweiligen Klassen (testweise für VS-Mathematik) in kleine Bereiche unterteilt auf ein Plakat zu schreiben. Für jeden Bereich existiert ein Probe-Test mit Lösungen und eine gleich aufgebaute Meisterschaft. Wer glaubt, den Probe-Test bereits ohne Hilfe absolvieren zu können (durch die Lösungen ist es möglich, sich selbst zu kontrollieren), kann zur Meisterschaft übergehen, wer auch diese fehlerfrei schafft, hat diesen Bereich abgehakt und kann seinen Anfangsbuchstaben neben den entsprechenden Lernbereich kleben. Wer alle Bereiche seines Jahrganges erledigt hat, hat sein Muss-Pensum für dieses Jahr in diesem Fach erledigt (das ist wichtig für das Öffentlichkeitsrecht), kann aber natürlich auch mit höheren Klassen weitermachen. Durch die Buchstaben kann ein jeder einsehen, wer ihm bei der Vorbereitung auf eine Meisterschaft ausser den Pädagogen noch behilflich sein kann.

Wenn auch anfangs eher zu leichte Lernbereiche gewählt wurden, arbeiten nun die meisten Schüler bereits an den Bereichen ihres Jahrganges oder sogar darüber. Innerhalb weniger Wochen wurden zumindest für Mathematik (und den meisten Kindern) die Lernplanziele eines Jahres erledigt, und dies in dem Tempo, das für die Kinder passend erscheint. Was ohnehin leicht ist, kann schnell erledigt werden, für schwerere Brocken ist entsprechend mehr Zeit zur Verfügung, und die Abhängigkeit von den Pädagogen sinkt, während eigene, flexiblere Lernnetze aufgebaut werden.

Eine Universität

Die Projekte der Schüler, eine grundsätzlich gute Idee, aber durch ein V-Modell-Denken meiner Meinung nach zu verplant und von aussen vorgegeben, wurden für eine Weile eingefroren. Nun werden wir sie nach und nach als eine Art Universität zurückbringen, auf freiwilliger Basis angebotene Vorlesungen, die auf ebenso freiwilliger Basis besucht werden können. Damit fällt der Stress weg, ständig an Projekten arbeiten zu müssen, über den sich viele Kinder schon beklagt haben, und die Projekte, die gestartet werden, werden in Zukunft vermutlich eher den wahren Interessen der Kinder entsprechen und nicht aus der Not, ständig ein neues Projektthema parat zu haben, entstehen.

Als wir heute dann eine kurze Fragerunde veranstalteten, wer denn nun der Projektpräsentation einer Schülerin beiwohnen wollte, meldeten sich nur wenige Schüler. Die Präsentation selbst war eher unmotiviert und krampfhaft an der damals verlangten Vorgabe des grossen Plakates orientiert, was bei drei Zuhörern kaum sinnvoll war. Ein Zuhörer wollte bald wieder gehen. Ein Fiasko, könnte man sagen, aber die Vortragende störte es nicht weiter, sie schien auch gar kein grosses Interesse an ihrem Thema gehabt zu haben. Dadurch, dass diese Projekte in Zukunft freiwillig angeboten werden, können wir solche Fälle in Zukunft hoffentlich etwas vermindern. Wer Präsentationen machen möchte, soll in Zukunft seine zukünftige Zielgruppe auch fragen, was diese interessiert, damit die „Vorlesung“ für sie nicht langweilig wird, weil sie ohnehin bereits alles wissen.

In dieses Uni-System können dann auch wir Pädagogen Angebote schaffen, für die wir uns gesondert vorbereiten. Vor einigen Wochen erzählte ich jenen, die Interesse hatten, beispielsweise so einiges, was ich über den zweiten Weltkrieg gelesen und gehört hatte, was drei, später noch zwei Schüler erfreut nutzten. Diese Tage hatte ich einiges über die Uhr vorbereitet, was jedoch dann doch keiner mehr hören wollte. Wenn auch wir Pädagogen Teil des Uni-Systems werden und nach den gleichen (durch Vorschläge aller optimierbaren) Regeln unsere Vorträge und Seminare halten können, haben die Kinder damit die Möglichkeit, uns und unsere Arbeitsweise in der Wissensvermittlung am Modell zu erleben, anstatt sich wie bisher rein mit abstrakten Vorgaben und Formularen herumschlagen zu müssen.

Gelebte Demokratie

Bei aller Experimentierfreude möchte ich hier doch anführen, was auch Myles Horton in einem Gespräch mit Paulo Freire anführte: bevor experimentiert wird, müssen so weit als möglich alle möglichen Folgen bedacht werden. Und es ist moralisch verwerflich, an Menschen zu experimentieren, aber durchaus sinnvoll, mit Menschen zu experimentieren. Sie sind Teil, und zwar ein aktiver, mitgestaltender Teil des Prozesses. In diesem Sinne unterscheidet sich meine Arbeit als Lehrer nur wenig von der Arbeit eines wahrhaft demokratisch eingestellten Politikers. Paulo Freire schrieb einst, es gäbe keine unpolitischen Pädagogen, wer dies behaupte, oder dass er politisch neutral unterrichte, verschleiere damit nur, dass er gedenke, das bestehende System zu unterstützen.

Nun, mein politischer, gestaltender Anspruch heute liegt euch offen: Freiräume der konstruktiven Mitgestaltung aller zu schaffen, einen kleinen (und damit möglichen) Schritt nach dem anderen.

Niklas

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