Habt ihr schon einmal beobachtet, wie viele Fragen, die von einem Lehrer gestellt werden, wirklich eine ehrliche Antwort als Ziel haben? Erstaunlich wenige, wie mir aufgefallen ist. Neben Pr├╝fungsfragen, die selten die ehrliche Antwort des Sch├╝lers, sondern eher die Rekonstruktion des vorgegebenen Pr├╝fungsstoffes als Antwort verlangen (und Abweichungen sogar bestrafen) handelt es sich bei vielen Fragen eines Lehrers an die Klasse eher um Weiterleitungsfragen denn um echtes Interesse. Bis zu Kuriosit├Ąten wie der Vergabe von Plus f├╝r jede gestellte Frage im Unterricht.

Die Gemeinsamkeit dieser Fragen liegt in ihrer extrinsischen Motivation, die ausserhalb der Bedeutung der Antwort liegt. Die Frage wird benutzt, um ein Ziel zu erreichen, einen Monolog fortzuf├╝hren, die Anpassungsf├Ąhigkeit an Pr├╝fungserwartungen zu testen ÔÇô oder, um ein Plus zu erhalten. Das Ziel der Frage sind nicht die qualitativen Aspekte der Antwort selbst.

Wenn einer eine Reise tut…

Eine authentische Frage, die mit einem intrinsischen Interesse an der Antwort gestellt wurde, kann der Beginn eines Dialogs, einer gemeinsamen Reise sein. Eine Frage ist wie eine Reise, w├Ąhrend eine Antwort ein Ort dieser Reise sein kann, oder der Anblick dieses Ortes, eine neue Perspektive. Ein Sch├╝ler, der dem Meister eine authentische Frage stellt, kann von diesem zu einer Antwort gef├╝hrt werden. M├Âglicherweise bekommt er sogar erkl├Ąrt, dass es Kompasse gibt, Karten und neuerdings auch GPS und Google Maps (um im Bild der Navigation zu bleiben), um Antworten auf seine Fragen auch ohne fremde Hilfe finden zu k├Ânnen.

Umgekehrt k├Ânnen Sch├╝ler den authentisch fragenden Meister ihr Innenleben sichtbar machen, ihre ÔÇ×Privatgr├╝ndeÔÇť, wenn der Meister auch wirklich gewillt ist, dem Sch├╝ler auf diese Reisen zu folgen. Carl Rogers schreibt in seinem Buch ÔÇ×Entwicklung der Pers├ÂnlichkeitÔÇť dar├╝ber, wie viel er davon lernen durfte, sich in die Perspektiven der anderen hineinzuversetzen, diese ÔÇ×Privatgr├╝ndeÔÇť zu erkunden. Authentische Fragen k├Ânnen uns helfen, in diese spannenden Aussichtspl├Ątze eingeladen zu werden, um unsere Welt aus der Perspektiven eines anderen erfahren zu k├Ânnen.

Warum fragen, wenn ich f├╝hren will?

Dem gegen├╝ber stehen die Unter-richter, die Reisenden, die den Sch├╝lern erz├Ąhlen, sie w├Ąren schon ├╝berall gewesen und k├Ânnten den Sch├╝lern nun erz├Ąhlen, wie es war, und sie br├Ąuchten es nicht mehr selber herausfinden. Vor allem w├╝rden sie viel bessere Reiseziele und ÔÇôrouten kennen, und die Sch├╝ler sollten ihnen doch folgen. Anstatt eines Dialoges mit der Macht, beide Reisende durch wechselndes Aufzeigen neuer aufregender Perspektiven und Orte zu bunterrichten, ziehen sie dem einen Monolog vor, dessen Verlauf ihre Sch├╝ler zu folgen haben, und tarnen diesen Monolog damit, ihre Sch├╝ler zu fragen, was sie gerne sehen w├╝rden, nur um dann zu erkl├Ąren, sie w├╝rden trotzdem bitte alle den geplanten Weg folgen. Warum dann ├╝berhaupt noch fragen?

Meine lieben Freunde und Bunterrichter: bitte tut euch und euren Sch├╝lern einen Gefallen und durchforstet eure Stundenplanungen (wenn ihr denn welche macht) nach Fragen, auf die ihr eigentlich keine ehrliche Antwort wollt, die nur Mittel zum Zweck sind. Streicht diese Fragen. Wenn wir wollen, dass eine Einheit einen bestimmten Verlauf nimmt, dann seien wir doch so ehrlich und sagen dies auch so.

Unsere Sch├╝ler werden es uns danken.

Niklas

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