Da im Lehrplan der 4. Klasse Volksschule unter anderem auch das Schreiben von Briefen vorkommt, ich es als Schularbeiten- bzw. Überprüfungs-Thema jedoch für nicht sonderlich geeignet halte, habe ich mir etwas Anderes überlegt. Inspiriert ist die Idee teilweise von dem Film „Freedom Writers“, in dem eine Lehrerin an einer Problemschule ihren Schülern aufträgt, eine Art Tagebuch zu schreiben, das sie ihr – wenn sie es wollen – in ihren Spind zu Lesen geben können. In der Folge bekommt sie Einblick in die gewalttätige Welt, in der sich ihre Schüler bewegen, die Gangs, die Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit – und ihre Schüler fühlen sich zum ersten Mal wahrgenommen und verstanden, das Klassenklima verbessert sich immens und echte Beziehung wird möglich.

In meiner Klasse gab es – meiner Wahrnehmung nach – keine Bandenkriege, und auch sonst waren alle weitgehend friedlich miteinander, und doch weiß ich – auch aus eigener Erfahrung – dass die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen über weite Strecken auch von Phasen begleitet ist, in denen man sich sehr unverstanden fühlt, sich aber auch gar nicht so wirklich in seinem Umfeld dazu äußern kann. Deswegen habe ich in der Klasse das „Post-Heft“ eingeführt, ein Heft für jedes Kind, mit Hilfe dessen man mir als Lehrer Briefe schreiben kann und ich antworten kann, ohne dass es jemand anderer mitbekommen muss. Diese Briefe wurde von mir zwar gelesen und ich habe geantwortet, aber nicht durchkorrigiert, weil ein Korrigieren dem Zweck der Akzeptanz des Was-Ist völlig zuwiderlaufen würde.

Feedback-Briefe

Das Schreiben von Briefen an mich war grundsätzlich freiwillig und jederzeit möglich, aber ca. 1x/Monat habe ich meine Schüler dazu verpflichtet, mir einen besonderen Brief zu schreiben: einen Feedback-Brief, in dem sie Positives wie Negatives bezogen auf meinen Unterricht rückmelden sollten, damit ich ihn besser nach ihren Bedürfnissen gestalten kann. Einerseits wollte ich ohnehin eine Art von Feedback-Schleife einführen, andererseits ergab sich dadurch ein stimmiger Anlass zum Schreiben. Ausgehend von diesen Feedback-Briefen und meinen Antworten (die aufgrund ihrer Länge, Tiefe und Bezogenheit auf ihre eigenen Briefe manche Schüler ganz schön zum Staunen gebracht haben, vor allem aber weil ich auch einiges von ihrem Feedback tatsächlich umsetzte) entwickelte sich mit einigen Schülern ein Briefwechsel, ohne dass dazu ein weiterer Auftrag meinerseits erteilt wurde – einfach durch den Aufforderungscharakter einer Rückantwort auf den jeweils eigenen Brief.

Diese zusätzlichen Briefwechsel entstanden nicht mit allen Kindern, aber ein Briefverkehr bezogen auf die jeweils letzten Briefe durchaus – so war in der zweiten Runde der Feedback-Briefe dann eben zu lesen, was sich im Vergleich zum letzten Mal verbessert hatte oder was neu an Anliegen dazugekommen war. Die Klasse, die ich betreut habe, war vergleichsweise klein und die Anzahl an Briefen dadurch ebenso, und doch dauerte es manchmal ganz schön lange, alle Briefe zeitnah zu beantworten, aber die so investierte Zeit lohnt sich tausendmal, da Schüler damit die Erfahrung machen, dass das, was sie schreiben, eine Resonanz erfährt und Auswirkungen in der Welt hat. Wie oft ist dies der Fall, wenn die Kinder etwa die Übung 3 auf Seite 12 einem Arbeitsbuch erledigen sollen?

Ein Post-System entsteht

Besonders interessant war jedoch der Einwand der Kinder, sie wollten sich auch gegenseitig Briefe schreiben können und nicht nur mir. Im dazu einberufenen Klassenrat einigten sie sich – moderiert vom kürzlich gewählten Klassensprecher – darauf, einen „Postbeamten“ einzuführen, der jeweils zur großen Pause die in einen großen Verteiler-Postkasten geworfenen Briefe auf die individuellen Post-Boxen verteilen würde. Einer der Schüler erklärte sich bereit, eine Postbeamten-Liste zusammenzustellen, anhand derer organisiert werden würde, wer in welcher Woche den Postbeamten spielen sollte, und die Werklehrerin wurde gefragt, ob die Postkästen in der nächsten Werkstunde gebastelt werden könnten.

Da ich nicht mehr an der Schule arbeite weiß ich nun leider nicht, was aus dem Postkastensystem geworden ist und ob es mittlerweile in Funktion ist. Worauf ich aber hinweisen möchte ist der Umstand, dass alle Kinder dieser Klasse sich darauf freuten, einander Briefe zu schreiben, ohne Auftrag von meiner Seite. Es ist für mich ein weiteres Beispiel dafür was möglich wird, wenn man sich traut, Kontrolle über den Prozess abzugeben und sich auf einen ergebnisoffenen (wenn auch durch Kriterien in Bahnen gelenkten) Prozess gemeinsam mit den Schülern einzulassen.

Niklas

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