Die Perspektive, dass wir alle kleine Götter sind, gestaltende Subjekte relativer Macht in einer sich durch dieses Gestalten ständig verändert, anstatt einen übermächtigen Gott anzunehmen, wirft die Frage der Machtrelationen zwischen diese Göttern auf: Was passiert, wenn zwei oder mehrere dieser Götter unterschiedliche Vorstellungen in der Gestaltung ihrer gemeinsamen Umwelt haben?

Herkömmlich wird dies über die Verteilung von Rechten über bestimmte Gebiete, Gegenstände oder gar lebende Wesen wie Menschen geregelt. Ich bestimme über meine Wohnung, mein Haustier, meinen Partner. Auftretende Konflikte, etwa zwischen Eltern und Kindern über Ordnungsbedürfnisse der Kinderzimmer im Haus der Eltern, zeugen von sich überlappenden gefühlten Rechtsansprüchen mehrerer dieser Götter. Recht in diesem Sinne ist Eigentum, ist Besitz. Mein Zimmer. Mein Auto. Eine Vorstellung von Eigentum, die diese Rechte zwischen Menschen zu regeln sucht, ohne die vielen anderen beteiligten Subjekte anzuerkennen: Pflanzen und Tiere etwa, vielleicht sogar Kontinentalplatten oder ganze Planeten, wer weiss?

Eigentum, oder das Recht auf Eigentümliches, ist der Versuch, dem stetigen Fluss der Dinge etwas Statisches zu verleihen. Ein Stuhl ist ein Stuhl, bleibt ein Stuhl, und nur durch diese statische Eigenschaft kann er auch mein Stuhl werden, den Besitzer wechseln. Ein halb verfaulter Baumstumpf, kaum als Ganzes transportierbar, kann zwar als Stuhl verwendet werden, aber kaum als einer verkauft werden. Er ist offensichtlich vergänglich, offensichtlich im Fluss, lebendig. Die Motten in unseren Mehlpackungen sind der natürliche, vergängliche Widerpart unserer Bemühungen, Überdauerndes zu schaffen.

Während wir innerhalb privater Besitztümer oft ein recht ausgeklügeltes Rechtssystem vorfinden, gilt dies in nur eingeschränktem Masse in öffentlichen Räumen. Die Gestaltung meines Zimmers unterliegt zum grossen Teil meiner Macht, aber die Gestaltung der gemeinsamen Küche im Studentenheim etwa birgt bereits ein erhöhtes Konfliktpotential, Würde ich sie mit gleicher Selbstverständlichkeit wie mein Zimmer nach meinen Vorstelllungen gestalten wollen.

Wellenreiter

Eine Möglichkeit, diese Konflikte zu minimieren, stellt es dar, die Bedürfnisse der anderen Beteiligten zu verstehen. Zwei Wellen des Meeres, die gegeneinander laufen, neutralisieren sich gegenseitig, verschwenden Energie, ohne viel zu bewirken, und ähnlich verlaufen oft Konflikte, bei denen keiner der Konfliktpartner auch nur versucht, den anderen zu verstehen. Empathie birgt die Chance, die eigenen Vorstellungen, die eigenen Richtungen und die der anderen zu einer gemeinsamen Macht zu kombinieren. Dies jedoch setzt den Willen und die Möglichkeit zur Kommunikation voraus, eine Bedingung, die nicht in jeder Situation vorzufinden ist. Vielleicht sprechen wir verschiedene Sprachen oder sehen uns gar nicht persönlich, etwa wenn es um öffentliche Räume wie Parks geht.

Eine zweite Alternative, die nicht auf Kommunikation und damit auf die Einbeziehung von anderen fusst, sondern auch von uns alleine verfolgt werden kann, stellt die Vermeidung von Spuren, das Achten bestehender Ordnungen dar. Ein Wanderer, der überall seinen Müll hinterlässt oder junge Bäume auf seinem Weg erdrückt, wird bei seinen Mit-Göttern mehr Unmut auslösen als einer, der sich bemüht, die Auswirkungen seines Besuches so gering wie möglich zu halten. Wer die Ordnungen (und damit oft Bedürfnisse der anderen) achtet, spart Energie (und vermeidet das Abbrennen von Brücken) für diejenigen SItuationen, in denen ein Eingriff, eine Veränderung der bestehenden Ordnung angebracht erscheint.

Wir alle, ob Brennnessel, Eintagsfliege, Elefant oder Mensch, sind Götter in dem Moment, indem wir uns unser relativen gestaltenden Macht bewusst werden. Relativ, weil sie immer in Beziehung zu all den anderen Göttern rund um uns steht. Niemand von uns ist allmächtig, ebenso wenig wie auch nur ein einziger von uns ohnmächtig seinem Schicksal gegenüber steht.

Götter haben die Macht, zu schaffen, zu unterstützen, und die Macht, zu zerstören, selbst andere Götter. Die Macht, unsere Spuren zu hinterlassen, unseren Namen Furcht auslösend über viele Lippen huschend zu wissen: rachsüchtige, Furcht erregende Götter! Und die Macht, unsere Mit-Götter zu berühren, sie von innen heraus mit wärmendem Licht und Güte zu erfüllen, auf dass sie es weitergeben, vielleicht ohne auf uns, unseren Namen, zu achten, vielleicht, um bald darauf in Vergessenheit zu geraten, unsere Namen im Strom der Zeit verblassen zu sehen. Sie waren auch nie wichtig. Wir waren auch nie wichtig.

Die Dunkelheit bleibt.
Götter, Namen kommen und gehen.
Was bleibt, ist das Licht, das wir hinterlassen.

Niklas

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