Ich habe das Glück, hier in Brasilien einen (zumindest aus meiner laienhaften Perspektive) sehr erfahrenen Menschen auf dem Gebiet der Kampfkünste kennengelernt zu haben, der neben Capoeira auch zahlreiche andere mehr oder weniger bekannte Künste beherrscht. Als wir über Bruce Lee’s Buch (Tao of Jeet Kune Do) diskutierten, dass ich gerade lese, entwickelten sich einige interessante Diskusionen über pädagogische Themen.

Bruce Lee schreibt in seinem Buch, es sei nötig, eine Kampfkunst zu lernen, aber ebenso sei es nötig, die Kampfkunst am Ende wieder zu verlernen, weil ihre Grenzen einschränkend sein können. Der mächtigste Kampfstil sei kein Stil. Da warf sich für mich die Frage auf, warum man nicht sogleich stillos bleibt. Mein Freund erklärte es mir: der Sinn hinter den bestimmten Bewegungen ist es nicht, die Bewegungen genau so auszuführen. Die genaue Ausführung kann jedoch helfen, diejenige Erfahrung zu sammeln, die zur Aneignung des individuellen Stils, des Stils ohne Stil, führen kann. Kampfkunst ist somit (auch) Selbsterfahrung.

Schattenboxen

Mein Freund meinte, er kenne einige sehr gute Kämpfer, die er zwar für ihre Fähigkeiten im Kampf respektiere, aber nicht als Mensch. Kämpfer, die in der Technik bleiben, eine Technik verkörpern, anstatt die Technik als Werkzeug ihrer Selbstwerdung nutzen, verachte er. Eine Technik, ein bestimmter Tritt oder Schlag, kann anzeigen, was möglich ist, welche Grade der Entwicklung der Kämpfer noch erreichen kann, welche Bewegungen und welche Körperkontrolle ihm (anderen, und damit zumindest theoretisch auch ihm) zugänglich wären. Techniken, Fähigkeiten sind damit mögliche Ziele in der Entwicklung des Selbst, der Möglichkeiten des Selbst, aber keine Endziele an sich. In einem Kampf geht es nicht um die perfekte Ausführung eines Trittes, sondern um die Nutzung der zur Verfügung stehenden Mittel, zur Nutzung des Ichs, zur Überwältigung des Gegners.

Umgelegt auf eine Schulsituation würde dies bedeuten, dass das Ziel nicht das perfekte Lernen einer Sprache, das perfekte Ziehen eines Kreises mit dem Zirkel sein kann. Diese Dinge sind Techniken, deren Erlernen sicher wichtig sein kann, aber sie sind nur sekundäre Ziele. Nur wenige würden als Lebensziel das Zeichnen von perfekten Kreisen angeben – vermutlich einige mehr, Künstler oder Architekt zu werden. Wen interessiert es ausserhalb einer Schule wirklich, ob ich alle Vokabeln zum Thema Früchte auf Englisch auswendig kann? Aber ob ich mich mit jemandem, der mir wichtig ist und nur diese Sprache spricht, unterhalten kann, kann wichtig für mich sein. Wichtig für mich, für meine Selbstwerdung.

Vom Finger und vom Mond

Eine Technik ist der Weg zum eigentlichen Ziel, nicht das Ziel selbst. Sie hilft, das Selbst so zu formen, hilft, so zu werden, dass das Ziel erreicht werden kann. In der Kampfkunst finden wir diese Grundkonzepte in das Training inkludiert: ein Endziel (Überwältigung des Gegners), dazu geeignete Techniken der Selbstwerdung und die Möglichkeit des Feedbacks am Endziel (der Übungskampf). Doch selbst wenn der Kämpfer den Gegner bezwingen sollte, wartet bereits ein weiterer auf ihn. Irgendwann wird er wieder verlieren und muss weiter trainieren, weiter wachsen. Es gibt keinen Endsieg.

Das tiefer versteckte eigentliche Endziel ist der fortwährende Prozess der Selbstwerdung, die durch die Erfahrung, zu unterliegen und dem darauffolgenden Training bewerkstelligt wird. Wer immer nur siegt, hat keinen Grund zur Werdung mehr. Es wird gekämpft, um zu siegen, aber der Ausgang des Kampfes ist unwichtig. Es wird gespielt, um zu siegen, aber wer am Ende vorne ist, ist irrelevant im Sinne eines gut/schlecht, nur relevant als qualitative Rückmeldung, in welchen Bereichen ich mein Spiel, meine Technik, verbessern kann.

Brüder im Schmerze

Kampfkunst erfüllt auch eine weitere interessante Funktion: Schmerz. Wer Kampfkunst ausübt, bekommt irgendwann einen Tritt in den Bauch, einen Schlag ins Gesicht. Schmerzhaft, wie diese Erfahrungen sind, ermöglichen sie doch (im Rahmen der reversiblen, also nicht dauerhaften Verletzungen und Schmerzen) erst Empathie. Wer nie Schmerzen erlitten hat, kann sich nicht empathisch in seinen Gegner einfühlen, wird es dementsprechend schwerer haben, sich in einer kopflosen Situation gegen Gewalt zu entscheiden. So paradox es klingen mag, werden Menschen, die in ihrem Leben oft gekämpft haben, auf eine sehr viel kalibriertere Art und Weise agieren als jemand, der sich zum ersten Mal in seinem Leben dazu gezwungen sieht, Gewalt anzuwenden, um sein Leben oder das ihm wichtiger Personen zu schützen.

Flächendeckendes Training in den Kampfkünsten, unterstützt durch die entsprechende Geisteshaltung, dass der einzige, der einen Kampf nicht verlieren kann, derjenige ist, der nicht kämpft, könnte somit vielleicht nicht die Gewalt selbst einschränken, wohl aber die oft schrecklichen Folgen. Als ich jung war, kletterten wir alle auf diverse Bäume, heute sind KindergärtnerInnen rechtlich verantwortlich, wenn dabei etwas passiert und verbieten es natürlich. Es ist keine Überraschung, dass ich dann vor etwa zwei Jahren ein Kind antraf, dass von einem Baum gefallen war und nun einige Monate ein Korsett zum Schutz des Rückens tragen musste. Es hatte nie lernen dürfen, zu fallen.

Kinder klettern auf Bäume. Wenn nicht im Kindergarten, dann eben woanders. Es wird immer Situationen geben, in denen Gewalt angewendet werden wird. Wir können alles Mögliche verbieten, aber weder ist das Erklettern von Bäumen noch eine Schusswaffe für sich problematisch, wird dies erst durch den Menschen und seine Entscheidungen dahinter. Anscheinend gibt es hier in Brasilien einiges an Kampfpädagogik, die mit Kindern arbeitet und ihnen durch Kampfkunst ein friedvolles Miteinander beibringt.

Ein Kampf gegen Gewalt. Irgendwie passend.

Niklas

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