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Heute Abend habe ich den Zauberer von Oz auf Portugiesisch ausgelesen – in einem stillgelegten Strassenbahnwagen mitten in der XV de Novembro, einer der Haupt-Einkaufsstrassen Curitibas, die Autos nicht befahren dürfen. Innerhalb des Waggons befinden sich neben einer guten Auswahl von Büchern auch einige Sitzgelegenheiten, um gleich vor Ort in die gewählten Geschichten hineinzuschnuppern oder, wie in meinem Fall, einige Stunden tief in die Fantasie eines seit etwa einem Jahrhundert verstorbenen Autors einzutauchen.

In der Nähe meines Apartments befindet sich der Passeo Publico, ein grosser Park mit Lauf- und Fahrradwegen, einem eingebauten Tierpark, Steinformationen, überdachten Spielbrettern, an denen sich überwiegend ältere Herren zum Kartenspielen versammeln, ein Spielplatz, ein kleiner Skate-Park und eine Art Freiluft-Fitness-Studio inklusive Barren und grossen Anleitungsschildern für erste Übungen.

Die Macht sei mit dir

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Öffentliche Einrichtungen wie diese, die für Kinder, Jugendliche, Erwachsene wie ältere Menschen frei zugänglich sind, wie eben Bibliotheken, Parks oder unser Freiluft-Fitnessstudio, sind ermöglichende Einrichtungen. Es käme uns vermutlich seltsam vor, Erwachsene vorzuschreiben, sie müssten ein Buch in der Woche in einer öffentlichen Bibliothek lesen, oder ein bestimtes Buch, oder sie hätten bestimmte Übungen im Freiluft-Fitnessstudio zu machen, ob sie es wollten (könnten) oder nicht. Diese Einrichtungen werden von Menschen wegen ihres subjektiven Nutzwertes aufgesucht. Bestimmte Bücher werden gelesen. Bestimmte Übungen werden gemacht, andere eben nicht. Diese Einrichtungen erweitern den Handlungsspielraum der Nutzer durch ihr Angebot, anstatt ihn einzuschränken.

Respekt, wem Respekt gebührt

Kinder und Jugendliche werden in diesen Einrichtungen gleich behandelt wie Erwachsene. Sie werden als Menschen respektiert, in denen ihnen nicht vorgeschrieben wird, was sie zu tun haben, sondern, welche Grenzen es für alle, auch für Erwachsene, an diesem Ort für ihren Handlungsspielraum gibt. Niemand darf Bücher mutwillig beschädigen. Niemand darf jemanden von Fitnessgeräten schubsen. Aber im Gegensatz zu Schulen gibt es keine mir bekannten Fällen von Grenzüberschreitungen oder gar Verletzungen, obwohl oftmals Kinder und Jugendliche ohne Aufsicht die Fitnessgeräte benutzen. Sie werden respektiert, und respektieren dadurch augenscheinlich nicht nur die allgemein für diesen Ort geltenden, sondern auch ihre eigenen inneren Grenzen.

Menschen wie wir

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Vielleicht kann uns dies als Richtlinie für die Gestaltung unser öffentlichen Einrichtungen (auch Schulen!) und ihren Reglementierungen dienen: würden es Erwachsene in dieser Form und unter diesen Bedingungen nutzen? Wenn wir erst ein Design gefunden haben, das von Erwachsenen genutzt wird, können wir anfangen, die für die Bedürfnisse der Kinder nötigen Hilfsmittel hinzuzufügen. Das Kind kann dann zunehmend ohne diese Hilfsmittel auskommen, bis es die öffentliche Einrichtung auch ohne fremde Hilfe nutzen kann. Ein Kind ist kein Un-Mensch, sondern ein Mensch, dem seine Abhängigkeit von anderen mehr bewusst ist als dem durchschnittlichen Erwachsenen. Diese Abhängigkeit raubt ihm noch lange nicht sein Mensch-sein.

Es geht mir um eine Umsetzung der angeblich universalen Menschenrechte, nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder und Jugendliche, um zusätzliche Hilfe anstatt zusätzlicher Einschränkungen für jene, die das wenigste politische Mitspracherecht haben.

Verträge, besonders internationale, sind ja etwas Schönes und sicher auch Wichtiges. Aber solange wir (unter anderem) in unseren Schulen Kinder und Jugendliche tagtäglich entgegen dieser Grundrechte wie Nicht-Menschen behandeln, sind sie nichts weiter als hohle Worte.

Lasseen wir den Worten Taten folgen.

Niklas

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