Was passiert, wenn ein Mensch aus seinem vorgeordneten Tagesablauf ausbricht? Für viele Menschen mag sich diese Frage niemals stellen. Schon Kleinkinder verbringen einen nicht unerheblichen Teil ihres Lebens in Institutionen, die ihren Tagesablauf Struktur geben. Man hat zu einer gewissen Zeit an einem gewissen Ort zu sein, und meist auch bestimmte Aufgaben zu erledigen. Als Kind oder Jugendlicher entkommt man der Unter-richts-Pflicht nur schwer, als Erwachsener sorgt der Druck, Geld verdienen zu müssen, dafür, dass wir eine Fremdstrukturierung eines grossen Teils unserer wachen Zeit zulassen.

Arbeit macht frei?

Aber dies scheint nur die halbe Wahrheit zu sein. Nach einigen Tagen, in denen ich mich innerlich dagegen gewehrt hatte und versucht hatte, mich (wie üblich) mit Überkompensation abzulenken, wagte ich es gestern endlich, zu spüren, was ich fühlen würde, wenn ich keine Aufgabe hatte. Es heisst ja, es sei eines der schwersten Aufgaben, nichts zu tun – aber warum?

Eines der ersten Gefühle, das sich herauskristallisierte, war ein Gefühl des geringen Wertes. Während andere Woche für Woche um die 40 Stunden arbeiteten, sollte es mir also vergönnt sein, nur einige wenige Stunden in der Woche meinen strukturierten Dienst an der Gesellschaft leisten zu müssen – und trotzdem würde ich weder auf der Strasse wohnen noch verhungern müssen? Es war einfach nicht fair.

Und dann fiel mir ein Video von Jon Jandal ein, in dem er erzählte, dass er in einem Dorf lebte, in dem ein jeder nur zwei Monate im Jahr arbeitete, eben dann, wenn Reis gepflanzt oder geerntet wurde. Dass er dann, als sie Fernsehen bekamen, erfuhr, dass sie unterentwickelt waren, die Universität besuchte, nur um dann festzustellen, dass sein Leben nun zwar viel komplizierter, aber nicht glücklicher war. Also kehrte er zurück in sein Dorf, baute sich mit eigenen Händen in drei Monaten ein Haus und lebt dort sehr zufrieden. Im Durchschnitt arbeitet er etwa 15 Minuten am Tag. Währenddessen liess sich ein Studienkollege ein Haus bauen, ebenso in drei Monaten, zahlte angeblich jedoch 30 Jahre die Schulden dafür zurück. Das Leben ist einfach, meint Jon. Warum verkomplizieren?

Big Brother is caring for you

Systeme schützen uns. Fremdbestimmung schützt davor, selbst Verantwortung zu übernehmen, selbst Entscheidungen treffen zu müssen. Es ist bequem, einen fixen Arbeitsplatz zu haben, der einen grossen Teil der wachen Zeit durchstrukturiert. Es ist bequem, eine Schule zu besuchen und nicht nachdenken zu müssen, ob der Lernstoff irgendeinen Sinn für uns macht. Und ganz nebenbei lässt sich auch über die unschönen Seiten dieses Deals lästern – es sei eben so, und man könne nichts daran ändern, nicht realisierend, oder nicht realisieren wollend, dass ein jeder durch sein Verbleiben im System ein System in einem jeden Moment neu erschafft. Systeme existieren nicht ausserhalb von uns, sondern durch uns. Würde niemand mehr zur Schule gehen, würde es das System Schule noch geben?

Kinder überwinden ihre inneren Beschränkungen und verschieben damit auch die von aussen, von Erwachsenen auferlegten Begrenzungen, bis sie irgendwann erwachsen sind und diese äusseren Grenzen nicht mehr benötigen. Aber dies scheint mir mittlerweile nur die halbe Wahrheit zu sein: unsere Systeme, die wir geschaffen haben, verkörpern unser Bedürfnis nach äusseren Grenzen, die uns, da wir selbst bereits Erwachsene sind, uns von keinem Erwachsenen mehr etwas vorschreiben lassen wollen. Wir haben einen bestimmten Wachstumsstand erreicht, aber unser Potential für Wachstum bleibt beinahe endlos.

Viele bleiben dann an dieser Stelle stehen – es gibt keinen Druck von aussen mehr, weiter zu wachsen. Es gibt gewisse gesellschaftlich akzeptierte Grenzen, bis zu denen ein Kind, ein Jugendlicher gelangen muss, um als Erwachsener zu gelten. Manche Mutige gehen darüber hinaus. Aber von niemanden wird erwartet, sie zu überwinden.

Liebe? Hier unterschreiben bitte…

Warum gehen Menschen Beziehungen ein oder heiraten gar? Warum Regeln für etwas wie die Liebe festlegen, die in ihrer Essenz etwas unkontrollierbares und gerade deswegen kostbares ist? Weil eine Beziehung, eine Heirat, Regeln ein Gefühl von Sicherheit geben können. Weil diese Systeme bereits über Jahrhunderte erprobt sind und es die normale Variante ist, Mitmenschen zu lieben. Und doch bleiben zahllose gebrochene Herzen in den Schlachtfeldern der Liebe zurück, was viele dazu bewegt, zwar den Partner zu wechseln, aber im System zu bleiben, andere wieder, aus den üblichen Systemen auszubrechen und neue Wege zu suchen, ihre Liebe auszudrücken.

Die Uncollege-Bewegung ist ein weiteres Beispiel. Vermutlich haben schon immer einige Studierende für sich erkannt, dass ihnen ihr Studium nichts bringt, und haben für sie passendere Wege zum Erfolg beschritten. Aber der Mythos, dass ein Studium der sicherste (oder einzige) Weg zum Erfolg sei, mit all ihren Folgen wie riesige Schuldenberge, bestand weiter. Erst als die einzelnen Unzufriedenen erkannten, dass sie nicht alleine waren, entstand eine ganze Bewegung, die die Universitätenlandschaft ordentlich durchzuschütteln droht. Wenn eine kritische Masse erreicht wird, die ein System nicht mehr unterstützt, kann es brechen.

Ich denke, es sollte das Grundrecht eines jeden sein, in seinen gewählten Systemen zu verbleiben, wenn sie ihm helfen. Dafür sind Systeme ja schlussendlich da. Aber es gibt Systeme, die uns durch ihre Eigenarten dazu bringen, Menschen zu sein, die wir nicht sein wollen. Systemische Gewalt kann etwa dafür sorgen, dass wir selbst gewalttätig werden. In diesen Fällen halte ich es langfristig für unsere ethische Pflicht, über diese Systeme hinauszuwachsen. Ich halte auch unser Bildungssystem (bis zur Uni) hinauf für ein solches problematisches System, das wir langfristig zu überwinden haben.

Keinen äusserlich geregelten Tagesablauf zu haben, kann Angst machen. In unserer durchstrukturierten Gesellschaft wird dieser Zustand oft auch belächelt: Vagabunden, Chaoten und Sozialschmarotzer. Tatsächlich fühle ich manchmal die Angst vor dem Ungewissen. Ebenso jedoch wird mir zunehmend bewusst, dass die Kehrseite dieser Angst die Chance ist, mich von dem Bedüfnis nach äusseren Ordnungen zu befreien, indem ich meine innere Ordnung der Dinge aufbaue.

Bis die Illusion der Grenzen, der Trennung selbst überwunden werden kann.
Bis wir unsere Augen öffnen können:

Schreiten wir eben tastend voran.

Niklas

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