Während ich mich hier gerade für eine Präsentation am Abend über meine Vorstellungen von Bildung vorbereitete, fiel mir auf, dass ich, soweit mir bewusst ist, hier noch gar nicht über eine der für mich wesentlichsten Grundlagen geschrieben habe. Also:

In Wahrheit

Unser Schulsystem beruht auf dem Grundsatz, dass es etwas wie eine objektive Wahrheit gibt, und dass es Menschen gibt, Erwachsene, Lehrer, die im Besitz dieser Wahrheit sind. Diese Wahrheit legitimiert, dass andere Menschen, Kinder, ihre eigene minderwertigere (weil nicht der Wahrheit entsprechende) Weltsicht zugunsten dieser Wahrheit aufzugeben haben, gar zu ihrem eigenen Besten dazu gezwungen werden dürfen.

Ich bin überrascht, dass bisher augenscheinlich so wenige die Parallelen zu den Konflikten im Bereich der Religion gezogen haben. Gerade in Europa mit seiner langen Geschichte an religiös motivierten Konflikten, sei es die Ausbreitung des Christentums, des Protestantismus oder des Islam, gäbe es eine ausreichende Anzahl an Beispielen, was passiert, wenn Weltanschauungen als absolute Wahrheit erklärt werden und eine Konvertierung zu dieser Wahrheit mit Gewalt vorgenommen werden soll. Der Unterschied zur Schule lässt sich in der Abhängigkeit der Kinder von den Erwachsenen finden, die handfeste Religionskriege erschwert.

Man mag hier argumentieren, im Gegensatz zu Religionen wäre ein Lehrplan etwa von Menschenhand geschaffen und demokratisch legitimiert. Auch wenn man an dieser Stelle über diese Legitimation streiten kann, oder darüber, ob Religionen den Händen von Göttern entsprangen, geht dieser Einwand für mich am Grundproblem vorbei: Der Deklaration einer Weltanschauung als Wahrheit und der Versuch, andere mit Druck oder gar Gewalt zur Akzeptanz dieser Weltanschauung zu bringen.

Glaube

Ich habe die Bibel gelesen, den Koran, das Tao Te King und einige andere Texte, die die Grundlagen für diverse Religionen darstellen, und in all diesen Werken gewisse Ähnlichkeiten gefunden, die sich auch mit meinen eigenen Erfahrungen überschneiden. Andere Stellen sind vermutlich bedingt durch die Zeit und den Ort, an dem diese Schriften entstanden. Gerade hier in Brasilien scheint der Katholizismus und entsprechend die Angst vor anderen Ansichten tief verwurzelt, was sich in verunsicherten Gesichtern ausdrückt, wenn ich auf die Frage, ob ich an einen Gott glaube, mit nein antworte, und dann auf die weitere Frage, ob ich denn Atheist sei, ebenfalls mit nein. Als gäbe es nur eine Wahrheit, und Menschen, die entweder an diese Wahrheit glauben oder nicht.

Ich glaube, es gibt keine Wahrheit, zumindest keine, die wir Menschen als Ganzes erfassen können. Wohl aber gibt es eine Vielzahl an möglichen Perspektiven auf einen Sachverhalt, mit jeweils unterschiedlichem praktischen Nutzen in verschiedenen Situationen. 1 + 1 kann 2 ergeben, aber auch 10 (binäre Schreibweise) oder vielleicht auch gar nichts mit einer Rechenanweisung zu tun haben.

Ironischerweise verstand ich vieles, was in der Bibel steht, erst, nachdem ich das Tao Te King und den Koran gelesen hatte. Plötzlich machte vieles, was ich für mich als unwichtig abgetan hatte, Sinn, und in manchen Fällen suchte ich die betreffenden Stellen sogar, um sie noch einmal konzentriert zu lesen. Selbst wenn die absolute Wahrheit in der Bibel zu finden sein sollte, würde es mir nichts bringen, dazu gezwungen zu werden, sie Tag ein, Tag aus zu studieren. Eines Tages wird sie sich mir offenbaren, wenn ich die nötigen Erfahrungen dazu gesammelt habe. Ich glaube, viele Wege, viele Perspektiven, ermöglichen das Betrachten einer Wahrheit. Auch die Perspektive, dass es Perspektiven gibt, ist natürlich nur eine Perspektive.

Ich

Eine absolute Wahrheit, ein Lehrplan für alle, wird eine Normalisierung aller hin zu dieser Wahrheit nach sich ziehen. Während wir in Österreich auf die offizielle Trennung von Staat und Kirche stolz sind, arbeitet unser Bildungssystem nach denselben Prinzipien der geistigen Anpassung, die wir dadurch aussen vorhalten wollten. Dies machte vor einigen Jahrhunderten oder gar Jahrzehnten vielleicht sogar noch Sinn, als eine Vielzahl an austauschbaren Arbeitskräften in der Folge der industriellen Revolution gebraucht wurde. Menschen waren Nummern, massen sich selbst an dem Wert ihrer Arbeit und den davon erworbenen materiellen Gütern.

Heute befinden wir uns in einer Zeit, in der viele Menschen anfangen, diese materiellen Güter als Endziel zu hinterfragen und stattdessen ihren Fokus darauf legen, ihr Leben zu nutzen, um der Welt etwas zu geben, das nur sie geben können. Man könnte es als die Verschiebung von der extrinsischen zur intrinsischen Motivation beschreiben – eine Motivation, die viele verschiedene Ausprägungen kennt und sich nicht mehr einer Wahrheit – Geld – unterordnen lässt. Die unreflektierte Religion der Geldvermehrung, das propagierte Ende der Geschichte, weicht einem persönlichen Zugang, einem persönlichen Glauben.

Mit dem Internet entsteht mit exponentieller Geschwindigkeit ein ganzes Universum dieser persönlichen Perspektiven (und ja, ich zähle auch wissenschaftliche Arbeiten dazu). Wir können uns, wie an den aktuellen Protesten in Türkei, Brasilien und anderen Ländern zu sehen ist, nicht immer darauf verlassen, dass die Wahrheit, die von offiziellen Stellen verbreitet wurde, der ganzen Wahrheit entspricht. Universale Wahrheiten stehen kritischem Denken und Toleranz diametral gegenüber. Ich halte es für eine Perversion in sich, Unter-richt über kritisches Denken und Toleranz zu halten.

Auch wenn die Schule in guter alter Tradition gerne etwa 200 Jahre hinter den Bedürfnissen einer Gesellschaft nachgurkt: Muss das wirklich sein? Wann akzeptieren wir endlich, dass Kinder auch Menschen sind und dadurch laut den universellen Menschenrechten auch ein Recht auf eine eigene Meinung haben?

Jener Tag wird in die Geschichte eingehen.

Niklas

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