Wie das Leben so spielt, besuchte ich heute einen Ort, an den ich aus eigenem Antrieb vermutlich gar nicht gedacht hatte, zu besuchen: eine Schule der Policia Militar hier in Curitiba. Wir hatten in einer Lehrveranstaltung den Auftrag bekommen, den Rektor oder die Rektorin einer Schule einige Fragen zu stellen. Ich hatte mich ganz auf meine Kolleginnen verlassen, die die Schule ausgesucht hatten, aber als wir dann an den zahlreichen Polizeiwagen vorbeischlenderten, fühlte ich mich doch etwas seltsam. Normalerweise vermuteten Polizisten in Südamerika bisher jedes Mal, dass ich entweder ein Junkie oder – problematischer – ein Dealer war, weil ich eine Vorliebe für buntes Gewand auslebe. Gut, dass ich heute Morgen meine graue und nicht meine extra-bunte Hose gewählt hatte…

In der Direktion selbst trafen wir dann auf einige nette ältere Damen, die sich als die Direktorinnen vorstellten. Anders als in vermutlich den meisten österreichischen Schulen gibt es hier eine Vielzahl an streng getrennten Aufgabenbereichen mit entsprechender Personalbesetzung. Es gibt eine administrative Direktorin, es gibt eine pädagogische Direktorin, eine Leiterin für Reforço (Förderung, wenn Schüler Probleme haben) und (im speziellen Fall der Polizeischule) Polizisten als Gangaufsicht, die bei Problemen jederzeit hinzugezogen werden können.

Wir machen Schule

Ich war überrascht, als mir auf meine Frage, ob der Unterricht hier sehr streng auf Disziplin getrimmt ablaufen würde, geantwortet wurde, dass die Professoren (innerhalb der Schulnormen) grosse pädagogische Freiheiten geniessen würden. Ein interessantes Faktum ist auch, dass die Professoren an dieser Schule eingeladen werden, wenn sie an anderen Schulen hervorstechen und zum Profil der Schule passen.

Die Partizipation der Eltern scheint sehr hoch zu sein, was die Direktorinnen als einer der wichtigsten Faktoren für das Funktionieren der Schule hervorhoben. So gibt es einmal in der Woche einen Club für Mütter, aber auch allgemein herrscht stetiger Kontakt zwischen Schule und Eltern. Wer Ideen für Aktivitäten oder Einrichtungen für die Zeit der Contra-Turma (In Brasilien haben Kinder entweder morgens oder nachmittags Unterricht – Turma, Contra-Turma beschreibt dann die jeweils andere Tageszeit) hat, kann diese im Regelfall umsetzen, was unter anderem zu der Einrichtung einer Theatergruppe, Literaturclubs und diversen Sportplätzen und –Veranstaltungen geführt hat.

Das Boot ist klein

Spannend ist auch die Aufteilung der Plätze. Im Ganzen besuchen etwa 1500 Schüler die Schule, wobei die Neubesetzungen zu 60% für Kinder von Polizeibediensteten und zu 40% für Zivilisten vorgesehen sind. Während es vorkommen kann, dass Kinder von ihren Eltern hierher verfrachtet werden, scheint ein Grossteil der Schüler für diesen begehrten Schulplatz gekämpft zu haben. Die meisten guten Schulen hier in Brasilien sind privat und entsprechend teuer. Viele Schüler sind zwar keine Freunde etwa der Schuluniform, aber da sie wissen, dass sie für Disziplinlosigkeiten und unangebrachtes Benehmen Punkte abgezogen bekommen und sie dabei von der Schule fliegen können, akzeptieren sie es.

Als wir die Schule bereits beinahe verlassen hatten, konnten wir noch beobachten, wie sich die SchĂĽler im Hof in Reih und Glied aufzustellen hatten. Während jeweils ein SchĂĽler pro Klasse Kommandos gab, hatten die anderen zu folgen. Bis ein jeder sich diszipliniert verhalten hatte, hatten die anderen eben zu warten. Da es uns verboten worden war, zu filmen, habe ich davon keine Aufnahmen, aber die meisten von euch haben vermutlich eine ungefähre Vorstellung vom Exerzieren beim Militär. Neben der an das Militär angelehnte Uniform werden männliche SchĂĽler auch einmal im Monat auf ihre Haarlänge geprĂĽft – Haare zu lang, heim zum Schneiden.

Was wirklich zählt

Die Direktoren warfen noch zwei Punkte auf, die ich schlussendlich noch herausgreifen möchte. Der erste Punkt betrifft die Wichtigkeit, im Kollegium eine fruchtbare Atmosphäre zu schaffen, sich mit Kollegen an einen Tisch zu setzen und auch unter ihnen als Direktor diese Verbindungen zu fördern. Ich kann mich noch gut an eine Deutsch-Hauptschullehrerin erinnern, die ich in Österreich auf einem Flohmarkt traf und die mir verbittert erzählte, dass ihre Kraft zur Veränderung ihres Schulalltags bereits lange aufgebraucht war, weil im Kollegium nur gestritten und dem nächsten sein etwas höheres Gehalt geneidet wurde.

Der zweite bemerkenswerte Punkt, den ich herausgreifen möchte, ist die Antwort einer Direktorin auf die Frage, welche Aufgabe am schwierigsten in dieser Schule sei. Sie meinte, Lehrer zu sein, und zwar im Sinne eines guten Meisters. Nicht in all dem administrativen Albtraum unterzugehen sondern die so wichtige Rolle desjenigen ausfüllen zu können, der mit seinem Licht die Ungewissheit der Schüler über den Weg, der noch vor ihnen liegt, ein wenig vertreiben kann.

Ein flammendes Leuchtfeuer der Hoffnung.

NIklas

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