Vor einigen Wochen erzählte mir meine Tante von einer immer wiederkehrenden Erfahrung, die mir interessant schien. Sie erzählte es in alltäglichem Tonfall, als wäre es die normalste Sache der Welt und unbedeutend, aber ich glaube, sie sprach von etwas Besonderem. Wir sprachen darüber, wie es sei, selbst Kinder zu haben, und sie meinte, es sei ganz schön anstrengend, aber hergeben würde man sie dann doch nicht mehr wollen. Zum Beispiel zu Mittag, da würden sie oft von der Schule heimkommen und einfach mal Dampf ablassen, weil sie das in der Schule ja nicht könnten. Das müsse man schon aushalten als Mutter, und nicht persönlich nehmen, auch wenn es manchmal schwer war. Danach waren sie den Rest der Zeit wieder sehr friedlich und liebevoll zueinander.

Ebenso vor einigen Wochen las ich in einem Forum verschiedene Ansichten darüber, warum Schüler oder Studenten immer wieder an ihre (ehemalige) Schule zurückkehren, um dort ein Massaker anzurichten. Normalerweise wird dann darauf verwiesen, dass in den USA eben der Zugang zu Waffen ein leichter sei, und es deswegen dort mehr solche Exzesse der Gewalt gebe, und wahrscheinlich trägt der leichte Zugang jenen Waffen seinen Part dazu bei, dass Jugendliche und junge Erwachsene aus ihren Gewaltfantasien tatsächliche Gewalt werden lassen können. Aber es stellt sich die Frage, ob eine restriktivere Waffenpolitik allein das Problem lösen würde. Was ist die Ursache, der Auslöser der Gewaltakte? In ebendiesem Forum wurden allerhand Studien zitiert, wonach Affen (und so auch der Mensch, wie sie meinten) von Grund auf brutal seien, wenn sie die Freiheit dazu bekommen. Aber das erklärt nicht, warum eine große Masse an Menschen eben keine Massaker verübt, obwohl sie in einigen Momenten ebenso die reale Möglichkeit hätten.

Letzte Woche fiel mir dann ein Buch von Alice Miller in die Hände, in dem sie sinngemäß schreibt, die Gewalt der Erwachsenen sei eine Folge von in der eigenen Kindheit erlebtem Schmerz, der unter verschiedensten Normen und Wein-Nicht-Ansagen verschüttet und nie ausgelebt wurde. Ihre These war wohl, dass der Mensch nicht notwendigerweise zur Gewalt neige, wenn man ihn nur vor der an ihm ausgeübten Gewalt schütze oder ihm nachträglich den Raum öffne, die ihm angetane Gewalt und den daraus folgenden Schmerz anzuerkennen. Ich kann mir schwerlich vorstellen, dass es jemals möglich oder vielleicht überhaupt sinnvoll sein wird, junge Menschen vor jeglichem Schmerz fernzuhalten. Aber ihnen einen Raum zu öffnen, in dem sie diesen Schmerz ausdrücken können, halte ich für eine interessante Sache.

Nach oben buckeln, nach unten Treten

Wenn wir davon ausgehen – wie meine Tante erzählte – dass in durchschnittlichen Schulen dieser Raum oder auch nur irgendein Raum, der diesem Raum Platz bieten könnte, nur sehr bedingt existiert, wird vormals völlig unverständliches Verhalten mancher Kinder vielleicht nachvollziehbarer. Möglicherweise ist ein Teil ihres Verhaltens eine Konsequenz der Tatsache, dass der direkte Weg, der Ausdruck des Schmerzes, ihnen zu lange verwehrt wurde, weswegen sie sich andere Wege suchen, ihn auszudrücken. Vielleicht in der Projektion auf andere Kinder, die ohne ersichtlichen Grund provoziert werden, und wenn sie reagieren, als die bösen Täter beschimpft werden, stellvertretend für die wirklichen Verursacher, die unantastbar scheinen (zum Beispiel die Eltern). Es gibt in Österreich ja das schöne Wort „Nach oben buckeln, nach unten treten“, das in diesem Fall auf einen tieferen Zusammenhang deuten könnte, als üblicherweise damit ausgedrückt wird. Der eigene Schmerz, der selbst nicht ausgedrückt werden kann, wird im Schmerz des „Getretenen“ gesucht und über Empathie nachempfunden. Besondere Grausamkeit könnte in diesem Sinne nichts anderes sein als das verzweifelte Bedürfnis, im Ausdruck des Anderen einen Ausdruck des eigenen unterdrückten Schmerzes auszulösen – um ihn so sichtbar zu machen.

Aber kann ich den Raum überhaupt halten?

Jene, die bereits ein oder mehrere Male das Wagnis eingegangen sind, Kindern einen Raum zu öffnen, den sie relativ frei füllen können, werden wohl ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht haben – nun können Reaktionen auftreten, die überfordern, und die man dann gerne wieder wie sonst auch unterdrücken, in andere Zeiten und Räume schieben möchte. Es kann zu Gewaltakten kommen. Es kann dazu kommen, dass das Verhalten der Kinder unangenehme eigene Erfahrungen aufrührt, dass sie sich auf eine Art und Weise verhalten, die die Erwachsenen selbst “kaum ansehen” können – vielleicht weil es sie an den eigenen Schmerz erinnert, der nie Platz fand, bearbeitet zu werden?

Eine sehr weise Frau, die sich viel mit therapeutischem Arbeiten beschäftigt, sagte mir einmal, ein Therapeut hätte im Grunde zwei Aufgaben. Einen Raum zu kreieren, indem der Patient sich sicher genug fühlt, sich zu öffnen. Und dann den sicheren Raum zu halten, egal, was in der Leere dieses Raumes zutage tritt. Es gibt offenbar viele Menschen, die die erste Aufgabe gut meistern, aber nur wenige, die auch der zweiten gewachsen sind. Es ist wohl nichts, was man jemandem vermitteln oder lehren kann, sondern hat eher damit zu tun, seine eigene Vergangenheit aufgearbeitet zu haben. Hat man dies nicht, kann der ans Licht gebrachte Schmerz des Patienten dazu führen, dass der Therapeut, an den eigenen unterdrückten Schmerz erinnert, den er nicht erinnern will, unbewusst so handelt, dass er diesen selbst nicht fühlen muss – also das Spiel wiederholt und damit nur eine weitere Schicht Aufzuarbeitendes über den ursprünglichen Schmerz legt.

Die Büchse der Pandora

Zurück zu unserer Schulsituation kann dies bedeuten, dass wir mit dem Öffnen eines Raumes, der eben nicht jede Regung einer „übertriebenen“ Reaktion sofort unterdrückt, sondern sie auch zulassen kann, eine Art Büchse der Pandora öffnen. Denn es könnte für viele Kinder, die nicht zufällig das Glück haben, eine verständnisvolle Mutter wie meine Tante zu haben, der einzige Ort sein, an dem sie ihren Schmerz zum Ausdruck bringen können. Es dürfte selbst für den weisesten Lehrer ein Ding der Unmöglichkeit oder zumindest eine sehr große Überforderung sein, diesen Raum in jedem Fall und jederzeit so halten zu können, dass der unterdrückte Schmerz, der in solchen freien Räumen seinen Weg bahnt, jederzeit in sicherem Rahmen ausgedrückt werden kann. Aber es erscheint mir eine interessante Überlegung, ob es nicht möglich wäre, eine Art von Institution zu erfinden, die diese Aufgabe innerhalb eines freien Arbeitens unterstützt.

An der Schule im Norden Deutschlands, an der ich letztes Jahr gearbeitet habe, gab es das sogenannte Lösungskomitee, in dem Konflikte, die die Kinder nicht unter sich lösen konnten, behandelt wurden, und in vielen Fällen funktionierte es auch ganz gut. Aber wenn wir davon ausgehen, dass an der oben aufgeworfenen These etwas dran ist (nämlich, dass ein Teil unseres Handelns dem Zweck dient, einen Grund zu haben, unseren unausdrückbaren Schmerz ausdrücken zu dürfen), so stellt sich mir die Frage, ob ein Lösungskomitee, das jeweils hauptsächlich den aktuellen Fall untersucht, nicht zu wenig weit greift, weil es die Handelnden im Hintergrund des Geschehens nicht einbeziehen kann. Was mir vorschwebt, ist eine Art geschützter Raum, in dem es eben nicht peinlich, sondern mutig ist, seinen Schmerz auszudrücken, der aber auch für die anderen in diesem Raum die Sicherheit bietet, nicht in Gefahr zu geraten. Denn oftmals scheint es viel mehr um die (öffentliche) Anerkennung des Schmerzes zu gehen denn um das Finden eines Schuldigen. Das Anerkennen scheint auch die Funktion zu erfüllen, dem Schmerz eine Art von mehr als einem Meschen geteilter Realität zuzugestehen, ihn aus der Ebene der möglichen Einbildung in die allgemein akzeptierte Wirklichkeit zu hieven.

Jene Institution müsste es also ermöglichen, einen subjektiv gefühlten Schmerz wertfrei anerkennen zu lassen, egal wie absurd er erscheint. So könnte der sich verletzt fühlende die Möglichkeit haben, seinen Schmerz auch fühlen zu dürfen, selbst wenn er von dem „Täter“ (der sich seiner „Tat“ wohl in vielen Fällen gar nicht bewusst ist) gehört hat, er solle sich nicht so anstellen, so schlimm sei es ja wohl nicht. Ausgesprochen von einem Menschen, von dem der so Verletzte abhängig ist (etwa den Eltern), wäre es für mich gut nachvollziehbar, wie aus einem nicht fühlbaren Schmerz später die Lust an der Gewalt erwächst – um sie zumindest an anderen sichtbar zu machen. Vielleicht sogar ebenso unter einem abwertenden „Stell dich nicht so an“, um die eigene Situation noch realistischer nachspielen zu können… eine solche Institution würde es auch gar nicht nötig haben, einen “Schuldigen” für den Schmerz zu bestimmen. Ihre Aufgabe bestünde nur darin, Schmerz einen Raum zu geben, so dass er in er Welt des Verletzten seien rechtmäßigen Platz einnehmen darf und somit auch verarbeitet werden kann.

Das Ausmaß des unterdrückten Schmerzes

Um zurück zu der Frage zu kommen, warum manche Menschen an ihre alte Schule oder Universität zurückgehen, um dort Menschen zu erschießen: es wird viele individuelle Gründe geben. Aber einer, der sie möglicherweise alle vereint, könnte sein, dass diese Menschen keinen geeigneten Raum fanden, ihren Schmerz auf eine Weise auszudrücken, der niemanden schaden musste, also ihn in „Rohform“ fühlen zu dürfen, bevor sie ihn an anderen Menschen nachspielen zu müssen glaubten. So zynisch es klingen mag, aber von einer gewissen Sichtweise aus betrachtet ähnelt der Mord an unschuldigen Menschen in dieser Hinsicht ein Stück weit dem Rollenspiel kleiner Kinder, die das Erlebte Nachspielen – nur eben in diesem Fall mit tödlichen Konsequenzen.

Als ich mit 14, 15 ziemlich regelmäßig an Selbstmord dachte und mir vorstellte, wie die Welt wohl reagieren würde, war ich in meiner Schulklasse nicht alleine mit meinen Gedanken, sondern eher ein Teil einer Art „Community“. Es war beinahe normal, sich umbringen zu wollen. Durch einige gute Freunde, das Schreiben und auch meine Gitarre fand ich irgendwann genug Möglichkeiten, mich auch anderweitig auszudrücken. Aber in meiner vorherigen Unfähigkeit, dies zu tun, unterschied ich mich wohl nicht viel von jenen Massenmördern. Wenn man die Anzahl jener eher auto-aggressiven Menschen wie mich zur Zahl der eher nach außen aggressiven Menschen hinzuzählt, erhält man wohl einen beeindruckend großen Ausschnitt der Gesellschaft.

Alleine deswegen wird es womöglich besser sein, einen Raum in der Schule zu öffnen, in dem auch der Schmerz Platz finden kann und sich auf die Leistung auswirken darf. Denn den eigenen Schmerz zu akzeptieren benötigt neben einem wohlwollenden Gegenüber (das zum Beispiel auch ein Tagebuch sein kann) vor allem eines: Zeit. Es wird kaum möglich sein, mit dem Öffnen der Räume auch ein perfektes Therapie-Umfeld mitzuerschaffen, aber vielleicht gelingt es zumindest, die Leere dieser Räume ein bisschen länger auszuhalten, als wir es sonst tun würden, und ein bisschen schlimmeres Verhalten auszuhalten, als wir es für angebracht halten. Das mag anstrengend klingen (und ist es auch). Aber können wir davon ausgehen, dass Kinder in jeder Familie den Freiraum vorfinden werden, sich ihrem Schmerz zu stellen? Wohl eher nicht (mehr). Alles, was keinen Ausdruck finden darf, hinterlässt jedoch einen umso tieferen Eindruck, formt einen Menschen mit.

Oft mag es deshalb langfristig besser sein, im Jetzt einen Raum trotz offensichtlich absurden Verhaltens zu halten (und jenes nicht persönlich zu nehmen). Sich hinzustellen und einen sicheren Raum zu schaffen für den Ausdruck des Schmerzes in der Urform, wird wohl zu überraschenden Entwicklungen führen. Vielleicht ermöglichen wir es so zumindest einigen Menschen, ihn nicht an anderen ausleben zu müssen und damit nur ein weiterer Multiplikator der schmerz-vollen Geschichte der Menschheit zu sein.

Niklas

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