Keine Angst vor dem Dschihad

Gestern traf ich mich seit langem wieder mit einem alten Freund aus Pakistan, einem praktizierenden und vor allem in Religionsfragen sehr versierten Menschen. Ich liebe es, mit ihm über religiöse Fragen zu diskutieren, weil er offensichtlich viel seiner Freizeit darin investiert, sich nicht nur mit dem Islam und seiner verschiedensten Ausprägungen, sondern auch vielen anderen grösseren und kleineren Religionen auseinanderzusetzen. Ein wohl für manche von euch besonders interessantes Thema wird der Dschihad sein, dem oft problematisch als „heiligen Krieg“ übersetzten Kampf.

Mein Freund, ein üblicherweise sehr ruhiger und eher in sich gekehrter Geselle, meinte, man müsse eine klare Trennlinie ziehen zwischen dem Islam in seiner reinen Form und dem, was Politik und Machtgier aus ihm machten. Dass etwa Frauen verboten sei, Auto zu fahren, sei völliger Schwachsinn, ähnlich wie viele andere in Teilen der islamischen Welt verbreiteten, angeblich vom Koran diktierten, Gesetze. Auch in Pakistan etwa würde beispielsweise Sex vor der Ehe in den grösseren Städten sehr verbreitet sein, auch wenn er selbst es ablehne. Es gäbe jedoch vor allem in vielen ländlichen Gebieten das Phänomen, dass ein ganzes Dorf dem folge, was jemand an der Spitze ihnen eben als die göttliche Wahrheit eintrichtern und diese Person an der Spitze jegliche abweichende Meinungen ehestmöglich beseitigen würde. Willkommen im politischen Islam, dem Islam als Ausrede für die eigene, egoistische Machtgier.

Die 3 Bedeutungen des Dschihad

Tatsächlich würde Dschihad übersetzt in etwa „Bemühung“ bedeuten, und würde aus drei Teilbereichen bestehen. Der erste Bereich ist die Bemühung, ein guter Mensch zu sein, der seiner Umgebung durch sein Sein und Handeln positiv beeinflusst. Da der Mensch in seiner Entscheidungsfreiheit bekanntlich nicht zu 100% immer konstruktiv handelt, führt der Islam das Bemühen um ein konstruktives Leben als wichtiger Grundwert an, in etwa vergleichbar mit dem christlichen Wert der Nachfolge Jesu oder anderen Bemühungen, einem Ideal trotz aller Unvollkommenheiten nachzueifern.

Der zweite Teilbereich umfasst das Bemühen, seiner Familie, seinen Brüdern und Schwestern in ihrem Bemühen um ein gutes Leben zu unterstützen, sei es finanziell, über ein gutes Gespräch oder spirituelle Begleitung in schwierigen Situationen. Es bedeutet, nicht beim egoistischen Motiv eines guten Lebens für einen selbst stehenzubleiben, sondern zu akzeptieren, dass die Erfahrungen anderer ebenso Auswirkungen auf das eigene Leben haben, ähnlich wie es auch Buddhisten oft betonen.

Der dritte Teilbereich ist nun der uns Österreicher als „Heiliger Krieg“ bekannt gewordene: der Aufruf, einem in Not geratenen Moslem zu Hilfe zu eilen, wenn dieser durch andere mit Gewalt bedroht wird. Als sich Russland vor einigen Jahrzehnten Afghanistan einverleiben wollte, schaffte es der Westen, Russland als Nicht-Muslime und Afghanistan als den Hilfe suchenden Bruder darzustellen, woraufhin Millionen von Muslimen Russland gehörig in den Hintern traten. Der Westen ging und hinterliess Millionen von Kriegern ohne Aufgabe, ein leichtes Fressen für russische Interessen, die nun den Westen als Gegner des Islam darzustellen vermochten und nun mit ihren alten amerikanischen Waffen gegen die einstigen Kriegstreiber losgingen.

Perversion eines friedlichen Traumes

Moslem zu sein bedeutet im Endeffekt nichts anderes, als Gläubiger zu sein und sich trotz aller theoretischen Freiheiten um ein gutes und konstruktives Leben zu bemühen. Viele Moslems (so auch mein Freund) schliessen etwa automatisch auch Christen und Juden in ihre Gesellschaft von Moslems ein, anerkennen Jesus etwa als wichtigen Propheten (wenn auch nicht als Sohn Gottes wie die christliche Kirche). Einen anderen Moslem zu töten wird etwa als Sünde betrachtet, was ebenso bedeuten würde, dass christliche oder jüdische Opfer als Sünde für den Tötenden zu betrachten seien. Dschihad, das Zu-Hilfe-Eilen für einen Bruder (ein jeder, da alle Moslems Brüder und alle Moslems sind), hat in seiner ursprünglichen Form vermutlich den Sinn gehabt, Gewalt untereinander oder gar Kriege überhaupt zu verhindern. Es ist ähnlich dem grossen Bruder eines potentiellen Opfers, der potentielle Täter abschreckt.

Da ich den Koran in englischer Übersetzung gelesen habe, weiss ich auch, dass darin explizit steht, dass eine gewalttätige Missionierung verboten sei. Sinngemäss steht formuliert, dass jemand, der die Botschaft des Propheten hört und sich dagegen entscheidet, selbst dafür verantwortlich ist, wenn er Höllenqualen zu erleiden hat und man nicht versuchen sollte, ihn zu überzeugen.
Der Koran findet sich wohl in jeder gut bestückten Bibliothek und stellt für sich entgegen vieler Vorurteile aus meiner Sicht keinerlei Gefahr dar, ruft im Gegensatz sogar zu einem friedlichen und sozialen Lebensstil auf. Gefährlich sind diejenigen, die ihre eigene Interpretation (und ja, es gibt gewisse Auslegungsfragen) als alleinige, von Gott kommende Wahrheit darstellen und andere damit für ihre eigenen Ziele manipulieren wollen. Es gibt mehr Wahrheiten, als in einem der grossen Bücher, sei es ein Koran oder eine Bibel, zu finden sind, und der beste Schutz gegen Manipulation ist es wohl, auch die Alternativen zu lesen und zu seiner eigenen Meinung zu gelangen.

Ein jeder Krieg, ein jedes Verbrechen und ein jedes unmenschliches Gesetz im Namen des Islam lässt sich damit wohl zurückführen auf die gar nicht so konstruktiven egoistischen Motive von Menschen, die einen Dschihad zwar predigen mögen, ihren persönlichen Dschihad gegen eben jene destruktiven Motive, die sie zu bekämpfen vorgeben, längst verloren haben.

Niklas

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