Vor vielen Monaten war ich bei einer Freundin zuhause, die die Angewohnheit hat, endlos zu sprechen. Sie hatte sich bereits des Öfteren beschwert, dass ihre Freunde und Bekannten ihr nie zuzuhören schienen. Plötzlich hielt sie mitten im Satz inne und fragte mich, ob Menschen wohl mehr Gewicht auf jedes ihrer Worte legen würden, wenn sie weniger Worte sprechen würde? Sie selbst vergaß den Einfall wohl wenige Minuten später wieder, aber mir erschien er wie eine Erleuchtung, und immer wieder würde ich mich in den folgenden Monaten an ihre Frage erinnern. Tatsächlich scheint es einen sehr großen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Wörter und der Wahrscheinlichkeit, dass die Botschaft hinter den Wörtern verstanden wird, zu geben. Aber als übermotiviertem Sozialforscher war mir diese Erkenntnis alleine zu wenig. Vor allem in den letzten Monaten hat sich dann gezeigt, dass sie auf viele andere Lebensbereiche übertragbar ist.

Im Grunde geht es mir in diesem Artikel nicht so sehr um die tatsächliche Anzahl an Wörtern einer Kommunikation, sondern um zwei Faktoren, die mit jener Anzahl und untereinander lose zusammenhängen: die Klarheit, mit der die gewünschte Botschaft beim Gesprächspartner ankommt und die Effizienz der Kommunikation. Beides hat massive Auswirkungen auf die Qualität der Kommunikation.

Klarheit der Botschaft

Auch wenn es für viele Menschen schwer zu begreifen ist: aufgrund unserer verschiedenen Arten, die Welt wahrzunehmen und in uns abzubilden, leben wir zwar vermutlich objektiv in einer Welt, diese stellt sich jedoch subjektiv sehr unterschiedlich dar. Das einfachste Beispiel, dies zu illustrieren, ist die Bedeutung eines beliebigen Wortes. Was ich an Vorstellungen zum Wort „Tisch“ in mir habe, mag stark von dem abweichen, was ein anderer Mensch zum „selben“ Wort in seiner Vorstellungswelt sieht. In Kombination mit anderen Wörtern wie „mit vier Beinen“ oder „braun“ können wir die Chance erhöhen, mit unserem Gesprächspartner über ähnlichere Bilder in unseren Köpfen zu sprechen. Tatsächlich lässt sich jedoch schwer überprüfen, ob unser Gesprächspartner wirklich das exakt gleiche „Kopfbild“ präsent hat wie wir selbst. Ebenso gut sichtbar wird das in der Kommunikation mit fremdsprachigen Menschen, bei dem Verwechslungen im Sinn des Gesagten oft sehr humorvoll für alle Beteiligten sind.

Da unsere Kommunikation selten ausreicht, um exakte oder annähernd exakte Botschaften tatsächlich nach-vollziehbar zu machen, arbeitet unser Gehirn mit einem kleinen Trick: es auto-vervollständigt das Gesagte des Anderen. Dies kann in manchen Fällen sehr gut funktionieren, in anderen zu fehlerhafter Kommunikation und Miss-Verständnissen führen. Umgekehrt gilt: Je genauer und klarer die Kommunikation wird, desto weniger Arbeit hat diese Autovervollständigen-Funktion des Gehirns. Bei Formen der Kommunikation, bei dem es „um nichts geht“, wie etwa ein belangloses Herumalbern mit fremdsprachigen Menschen, kann dies humorvoll sein. Unklare Kommunikation erscheint mir jedoch eine der Hauptverursacher ewiger Meetings zu sein, und Meetings, in denen alle einer Person zuhören, die statt der notwendigen einen Minute zehn Minuten lang spricht, sind bei mehreren solchen Sprechern frustrierend für alle Beteiligten.

Warum werden Botschaften überhaupt unklar formuliert?

In meiner Erfahrung gibt es dafür zwei große Gruppen von Gründen. In vielen Fällen ist dem Sprechenden gar nicht bewusst, dass das zu sagende noch nicht so klar ausformuliert ist, dass andere Menschen (seine Zielgruppe oder –Person) ihn sofort verstehen können. Es ist einfach, dem bequemen Trugschluss zu verfallen, dass man es ja selber versteht und dies ausreichen muss. Klarheit ist Arbeit, und in den meisten Fällen und Berufen eine, die nicht finanziell vergütet wird – warum also Zeit investieren? Ein Problem so einfach und klar zu kommunizieren, dass es für andere verständlich wird, ohne sich vorher intensiv damit befassen zu müssen, ist eine Kunst – nur leider für diejenigen, die nur die Lösung zu Gesicht bekommen, eine nur schwer als „wertvoll“ nachvollziehbare. Da erscheint es sicherlich oft einfacher, lange das Problem zu beschreiben, bevor man zur einfachen Lösung kommt.

Die zweite große Gruppe von Klarheit verhindernden Phänomenen sind Angst und Scham. Wenn ich beginne, Dinge klar und unmissverständlich beim Namen zu nennen, vielleicht noch kritisch gegenüber einem Vorgesetzten bin, brauche ich ein gehöriges Maß an Mut. Kommuniziere ich unklar, kann ich mich bei einer negativen Reaktion vielleicht noch herausreden – kommuniziere ich Kritik klar, bin ich auch verantwortlich für die Konsequenzen meiner Aussagen. Dann kann es möglicherweise vorkommen, dass ich eine Arbeitsstelle verliere oder von anderen als willkommener Sündenbock betrachtet werde. Vielleicht steche ich auch als besonders ehrlicher und vertrauenswürdiger Mitarbeiter hervor. Mittlerweile habe ich beides erlebt und festgestellt, dass Klarheit und Konsequenz in der Kommunikation auch die Umgebung dazu animiert, klarer zu werden. Es polarisiert, trennt die von einer Ansicht angetanen Menschen von jenen, die sie ablehnen. Diffuse und unklare Aussagen können helfen, offene Konflikte zu vermeiden – aber sie sorgen auch für eine sehr ineffiziente Kommunikation und damit zu einer Verschleppung von Konflikten.

Wenn ich „Kommunikation“ schreibe, so meine ich damit nicht nur verbale, sondern auch die non-verbale Kommunikation. Wer manchmal ausgeht und gerne Menschen beobachtet wie ich, dem wird der Unterschied aufgefallen sein zwischen einem Mann, der einer Frau beim Tanzen klar um die Taille fasst und einem, der es erstmal sanft „probiert“. Ersterer wird extremere Reaktionen hervorrufen, im Positiven wie Negativen. Oder, um ein schulisches Beispiel zu nennen, der Lehrer, der einen Schüler zurechtweist. Ist der Lehrer sich selbst vielleicht gar nicht klar, ob er überhaupt das Recht oder die Mittel hat, den Schüler zurechtzuweisen, wird er tendenziell unklarer kommunizieren und dem Schüler somit die Möglichkeit offenlassen, anders zu reagieren, als wenn der Lehrer klar in seiner Kommunikation ist. Viel scheint davon abzuhängen, ob der Kommunizierende das Selbstbewusstsein hat, im Falle des Falles klar zu seinen Intentionen zu stehen. Der Tänzer, der der Überzeugung ist, dass die Frau seine Berührung genießen wird, wird eine andere Klarheit seiner Berührung an den Tag legen wie der, der glaubt, die Frau würde dies gar nicht wollen und er müsse sie „überzeugen“.

Klarheit und Autorität

Letzten Samstag war in meiner Lieblingsbar ein sehr seltsam aussehender junger Mann zu sehen, der nach seinem Blick zu urteilen entweder massivst betrunken war oder – wahrscheinlicher – irgendwelche harten Drogen genommen hatte. Irgendwann schubste er einen anderen Gast unerwartet, weil er offensichtlich der Meinung war, jener (der überhaupt nichts getan hatte, ich stand daneben) wollte ihm Böses. Ich bin dann zu dem seltsamen Menschen hin, habe ihn angeblickt und ohne ein Wort zu sagen (oder darüber nachzudenken) seine Arme gesenkt, woraufhin er sich umdrehte, ging und den Rest des Abends unproblematisch war.

Was ich sehr spannend an der Situation fand, war dass ich a) offensichtlich ausreichend klar mit ihm kommuniziert habe, dass er b) meine „Anweisung“ ohne Diskussion und damit mich als Autorität in der Sache akzeptiert hat und ich c) keinen Anflug von Aggression in mir spürte. Nach dieser Nacht habe ich viel darüber nachgedacht, wie Autorität wohl mit Aggression zusammenhängt, und ich denke, Autorität hängt mit Klarheit zusammen: der Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen klar und unmissverständlich zu kommunizieren. Aggression ist die Bereitstellung zusätzlicher Energie und kann auch dazu führen, klarer zu kommunizieren. Kommt jedoch die Angst hinzu, dass die von der Aggression zusätzlich bereitgestellte Energie nicht ausreicht, kann dies jedoch auch wieder eher dazu führen, unklarer zu kommunizieren, um sich im Falle des Falles herausreden zu können.

Klarheit der Sprache als Indikator für zwischenmenschliches Vertrauen in Institutionen

Umgekehrt lässt sich das Prinzip genauso anwenden: wenn ich merke, dass ich unklar kommuniziere, bin ich tatsächlich unklar in mir, was ich überhaupt kommunizieren möchte? Oder versuche ich damit eine Scham oder Angst vor Entdeckung zu schützen? Ich halte es für völlig in Ordnung, Scham oder Angst nicht unbedingt mit der ganzen Welt teilen zu wollen, vor allem in Situationen, in denen der sichere Raum dafür nicht gegeben ist.

Für Unternehmen, Institutionen oder auch zwischenmenschliche Beziehungen mag der Grad der Klarheit der Kommunikation jedoch ein interessanter Indikator sein, wie offen die Menschen in ihnen wirklich miteinander zu kommunizieren wagen. Und wenn Sitzungen sich endlos hinziehen, mag es sinnvoll sein, sich nicht nur mit einer effektiveren systemischen Organisation der Sitzungen zu befassen sondern auch mit der Schaffung sicherer Gesprächs-Räume, um die offensichtlich vorhandenen Notwendigkeiten unklarer Kommunikation aufgrund von Scham und Befürchtungen zu verringern.

Niklas

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