Gestern Abend durfte ich erfahren, was Theater wirklich bedeutet. Ich hatte vor einigen Tagen einen Artesanato (jemand, der seinen Kunstwerke in den Strassen vertreibt und meistens dabei viel reist) getroffen, gestern traf ich ihn mit seiner Tochter wieder und er lud mich zu sich nach Hause ein, um mit seiner anarchistischen Theatergruppe einen Film anzusehen.

Seine Theatergruppe stellte sich als Experiment von bisher zwei Wochen heraus, bei dem sich einige junge Menschen einmal die Woche zusammensetzten und gemeinsam Theaterübungen ausprobierten, die dabei helfen sollten, aus sich herauszukommen. Wir probierten auch nach dem Film einige dieser Übungen aus, die ich ziemlich genial fand. Für nächsten Montag planen sie scheinbar, eine Vorlesung eines herablassenden Professors an der Uni mit einem improvisierten Theater, das das Verhalten dieses Professors thematisiert, aufzumischen.

Der Film hiess Noviembre, er war auf Spanisch, aber mit Portugiesischen Untertiteln, und er war ein Wahnsinn. Es geht um eine Gruppe von Weltverbesserern, die mit Hilfe von Strassentheater den Menschen der Stadt die Augen öffnen wollen, in welch verschlossener Art sie ihr Leben leben. So geben sie ein Spontankonzert in einer Metro, verkleiden sich als Teufelchen oder präsentieren sich nackt. Das einzige Ziel ist die Erweiterung der Horizonte aller Menschen, was sich dadurch ausdrückt, dass sie weder in geschlossenen Theatern spielen (weil der Eintrittspreis Menschen aussen vorlassen kann) noch Geld verlangen. Es ist ein radikales Experiment einer reinen Kunstform, die sich nicht an kapitalistische Interessen verkauft.

Was ist Theater?

Theater ist scheinbar ein wenig wie Literatur oder Kampfkunst in dem Sinne, dass es den Schauspielern und dem Publikum ermöglicht, die Grenzen ihres Ichs zu überschreiten, ihr potentielles Ich auszuweiten. Es berührt eine spannende philosophische Frage: führt das Verkörpern „böser“ Rollen, das Erlernen von potentiell gewalttätigen Techniken in der Kampfkunst, das Konsumieren von gewalthaltigen Medien zu einer höheren Gewaltbereitschaft?

Ich glaube, die Antwort auf diese Frage ist zweischichtig. Ein Mensch, der den Willen hat, jemand anderen zu verletzen, aber dem die Mittel dazu fehlen, wird durch das Erlernen der geeigneten Mittel seinen Willen eher durchsetzen. Wobei auch hier fraglich ist, ob seine Lust an der Gewalt, damit aufzuhalten ist, indem man ihm die Möglichkeiten verwehrt. Der Mensch, dem Karate verwehrt wird, bekommt vielleicht von anderen Quellen eine Pistole oder ein Messer. Die wichtige weiterführende Frage wäre, zu verstehen, warum dieser Mensch überhaupt jemanden verletzen will, und ob die Ausübung von Gewalt wirklich die einzige Variante ist, dieses eigentliche Ziel umzusetzen.

Die zweite Gruppe von Menschen, die kein intrinsisches Verlangen danach hat, jemanden zu verletzen, kann ebenso von dem Erlernen der gewalttätigen (bösen) Handlungen profitieren, wenn sie in einem sicheren Umfeld wie einem Dojo oder einer Theatergruppe stattfinden. Ein 100%ig guter Mensch, der nur gutes Verhalten erlernt hat, ist auch ein 100% unfreier Mensch. Theater, Literatur, Kunst im Allgemeinen, bietet einen sicheren Rahmen, „böse“ zu sein, zu erfahren, wie es sich anspürt, welche Folgen mein Verhalten für mich und andere nach sich zieht.

Das Schlüpfen in Rollen ermöglicht ein sicheres Erleben dieser Situationen und Gefühle, weil man sich im Notfall wieder Ent-rollen kann. Ich habe etwas erlebt, aber es war nicht ich. In einer Situation, die mich wirklich betrifft, kann ich dann auf die Erfahrungen der Theater-Situation zurückgreifen, um verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.

Sandler sein

Die Techniken des Theaters, das Schlüpfen in Rollen, kann auch in anderen Situationen ein mächtiges Werkzeug darstellen: dem der Empathie. Wenn ich mich bewusst in die Situation eines anderen Menschen einfühle, sein Leben lebe, kann ich dadurch vielleicht ein Stück weit verstehen, wie es wäre, dieser Mensch zu sein. Ich spiele ja hier in Brasilien relativ regelmässig auf der Strasse Musik und verdiene manchmal auch gar nicht so schlecht. Aber wie wäre es, wenn ich davon leben müsste? Einfach, weil es mich interessiert, möchte ich nun eine Woche lang versuchen, von den Einnahmen der Strassenmusik zu leben. Abgesehen von der Miete, die so kaum zahlbar ist, wäre das dann Transport, Essen und die anderen Ausgaben des täglichen Lebens.

Ich brauche, das hat mich das Reisen gelehrt, nicht viel zum Leben, kaufe auch kaum mehr neue Sachen. Trotzdem bin ich regelmässig beim Chinesen um die Ecke, anstatt mir einfach selbst eine günstigere Mahlzeit zusammenzubasteln. Ich glaube, dieses Experiment könnte einen gehörigen Kreativitätsschub auslösen und mich bewusster meine (dadurch eingeschränkten) Ressourcen nutzen lassen. Eine jede Reduzierung der Ausgaben entspricht ein Reduzierung des Drucks, Arbeiten nachzugehen, die ich nicht machen will, nur um Geld zum Überleben verdienen zu können.

Der Artesanato von gestern lebt laut eigenen Aussagen seit 20 Jahren von seiner Kunst, lebt mit seiner schwangeren Frau (Freundin?) und einem Kind in einem Häuschen etwas ausserhalb vom Zentrum. Er meinte, nachdem er einige Jahre als Liftboy und anderer für ihn uninteressanten Jobs gearbeitet hatte, hatte ihn Hermann Hesse mit seinem Siddharta und Raul Seixas (ein sehr genialer Musiker, leider schon tot) dazu inspiriert, als Artesanato auf Reisen zu gehen, wo er dann auch seine Frau, ebenfalls Artesanata, kennen lernte. Er meinte, es wäre die beste Entscheidung seines Lebens gewesen, seine langweiligen Jobs hinter sich zu lassen und selbstständig im Tun und Denken zu werden.

Danke, Meister Grillo, für eine weitere Lektion der Strasse.

Niklas

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