Über die Frage, ob Flüchtlinge oder allgemeiner gesprochen „Menschen aus der Fremde“ gut oder auch nur ertragbar für unsere Gesellschaft sind, spaltet sich in den letzten Monaten vermehrt eben jene Gesellschaft – mit einem großen Spektrum von Lösungsvorschlägen: von einem „olle daschiaßn“ zu einem „die brauchen wir dringend“. Was mir beim Großteil der gehörten Meinungen jedoch auffällt, ist ein Phänomen, das ich – etwas frei interpretiert – aus dem Sprachschatz der Psychologie „ausborgen“ möchte: die meisten davon scheinen dem einen oder anderen Attributionsfehler zu unterliegen.

Das Verhalten eines Menschen in einer spezifischen Situation ist ja meines Erachtens von vielen Faktoren abhängig: seinem eigenen Charakter, seinem sozialen Umfeld und ihren Normen, Gesetzen, situativen Einflussfaktoren im Innenleben (Schlafentzug z.B., oder der Erhalt einer guten Nachricht) wie im Außen (z.B. Zulassungskriterien für ein Studium). Ein Attributionsfehler findet dann statt, wenn andere Menschen aufgrund ihrer Beobachtungen darauf schließen, bestimmte jener Faktoren hätten das Verhalten jenes Menschen besonders beeinflusst, obwohl die tatsächlich relevanten Einflussfaktoren auf das Verhalten andere waren. Da niemand jemals 100% in einen anderen Menschen blicken kann, finden diese Attributionsfehler im Alltag ständig statt und sorgen für entsprechende Missverständnisse. Bei Menschen, die für uns relevant scheinen, Zeit und Energie in sie zu investieren, werden wohl zumindest einige dieser Missverständnisse geklärt werden können, wenn sich die Annahmen über die Motivation des Anderen als ebensolche Annahme herausstellt. Nur: Das Hinterfragen von Annahmen kostet Zeit und Energie und setzt tatsächliches Interesse für den einzelnen Anderen voraus.

Realistischerweise: Wer von jenen, die dafür sind, den Migrationsansturm um jeden Preis zu stoppen, interessiert sich für Einzelschicksale? Und – was kaum jemand wohl zuzugeben bereit ist – wer von jenen, die am liebsten alle „armen Flüchtlinge“ aufnehmen würden, interessiert sich für die Masse an individuellen Einzelschicksalen abgesehen derjenigen, mit denen sie persönlich in Berührung gekommen sind und die sich als im Grunde sehr sympathische Menschen herausgestellt haben? Während die eine radikale Meinung dem Attributionsfehler unterliegt, dass alle Fremden kriminell oder anderweitig bedrohlich seien, besteht die andere darauf, dass alle unsere „Gäste“ friedlich seien und unsere Gesellschaft bereichern würden, offensichtlich weitgehend ausblendend, dass auch unsere „Eingeborenen-Gesellschaft“ sowohl Engel als auch Asoziale hervorbringt. Dann wird weiter argumentiert, dass die individuellen Menschen zwar nichts dafür könnten, kriminell zu werden, aber die „Kultur“ sei „dort“ eben so, weswegen sie eben tendenziell eher dazu tendieren, auch bei uns kriminell zu werden.

„Die sind nicht wie wir“

Das Absurde an der Situation ist für mich, dass im Grunde alle – so verschieden die jeweiligen Meinungen konkret auch sein mögen – sich darauf geeinigt zu haben scheinen, dass die Hauptkriterien für das Verhalten des einzelnen Menschen – so er nicht aus unserem gelobten Land stammt – andere sind als die Hauptkriterien für die „Eingeborenen“ hier. Das Verhalten unserer „Gäste“ ist demnach hauptsächlich durch ihre Herkunft bestimmt („Der will keine Arbeit, weil er Ausländer ist und demnach faul“), während „unser“ Verhalten eher dadurch bestimmt sei, dass die Umstände schlecht sind („Es gibt keine Arbeit“) oder man einfach faul sei (ohne es mit einem „demnach“ von etwas ableiten zu müssen!).

Demgegenüber möchte ich ein Erklärungsmodell stellen, dass ich für ein Stück weit realistischer halte. Es bezieht sich stark auf ein Modell von dem bekannten Psychologen Viktor E. Frankl und besagt – vereinfacht gesagt – dass ein jeder Mensch zwar von den Bedingungen seiner Umwelt in gewisser Weise beeinflusst wird, sich allerdings innerhalb jener Bedingungen frei entscheiden kann. Die Bedingungen geben demnach den Rahmen vor, doch die persönliche Entscheidung spielt immer noch eine große Rolle. Ich würde das Modell noch ein wenig erweitern und die Bedingungen eher interpretieren als Druck, der auf ein Individuum ausgeübt wird, sich auf bestimmte Art und Weise zu verhalten. Je nachdem, wie mächtig sich der Einzelne jeweils fühlt bzw. wie viel Unterstützung er zusätzlich von außen bekommt, kann es ihm durchaus möglich sein, Einfluss auf die äußeren Bedingungen zu haben oder sich ihnen zu entziehen.

Ein sehr vereinfachtes Beispiel: ein Arbeiter, der im Außen keinen Job findet, könnte sich auch selbstständig machen, wenn er a) genügend eigene Energie aufbringt und/oder b) von außen entsprechend unterstützt wird. Damit hat er dem äußeren Druck und den äußeren Bedingungen widerstanden, hat sie sogar verändert. Tatsächlich ist unser Arbeiter wohl eher die Ausnahme und der Großteil der Arbeiter wird dem Druck von außen nachgeben, und – sollte sich keine Arbeit finden – daran mehr oder weniger verzweifeln.

Reale und angenommene Einflussfaktoren

Wenn wir – als Gedankenexperiment – beispielsweise annehmen, Asylwerber hier in Österreich würden tatsächlich in der Tendenz krimineller auffallen als Inländer, wie von bestimmten Menschen gerne behauptet wird, so könnte man daraus als Annahme ableiten, „die Ausländer“ seien eben – beispielsweise „genetisch bedingt“ (die nächste, etwas willkürlich gewählte Annahme) – einfach krimineller. Falls es jedoch auch positive Fallbeispiele von Nicht-Inländern gibt, die durchaus auch positives zu unserer Gesellschaft beitragen (was augenscheinlich der Fall ist), wäre für mich die nächste logische Frage: woran lag es, dass diese es geschafft haben? Hatten sie bereits bestehende soziale Bindungen? Andere – anerkannte – Bildungsabschlüsse? Trafen sie zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort ein, der ihren Bedürfnissen mehr entgegenkam? Oder waren sie tatsächlich schlicht als Individuen stark genug, sich trotz widriger Umstände positiv zu entwickeln? Wo befinden sich die „Druckstellen“, die einen durchschnittlichen und eigentlich friedfertigen Menschen in kriminelle Bahnen lenken?

Realistischerweise werden diese Stressfaktoren zwar bei einem jeden Menschen verschieden stark ausgeprägt sein und auch auf verschieden stark ausgeprägte Schutzmechanismen treffen, und doch lassen sich vermutlich Ähnlichkeiten finden. Vielleicht könnte man den Versuch wagen, sich zu fragen, was ein Mensch denn tatsächlich für Bedürfnisse hat und wie schwer es für ihn in seiner konkreten Situation ist, sich diese erfüllen zu können, welche Wege ihm offenstehen und welche ihm (beispielweise aufgrund einer fehlenden Arbeitserlaubnis) verwehrt oder zumindest erschwert sind. Was es für ihn bedeutet, seine Bedürfnisse nicht erfüllen zu können, wo er seinen Schmerz verortet, und wie er hofft, ihn behandeln zu können, und sei es auf kriminellem Wege, wenn ihm alle anderen verwehrt scheinen.

Das Problem des gangbaren Weges

Wenn eine große Anzahl an Menschen beispielsweise kriminell werden, stellt sich mir schon die Frage: gibt es für sie und aus ihrer Perspektive überhaupt einen anderen gangbaren Weg? Was, wenn die Energie, die aufgewendet wird, sich vor ihnen zu fürchten, sie fernzuhalten, sie zu verdammen, aufgewendet werden würde, solche gangbaren Wege zu gestalten? Pädagogisch ausgedrückt: ich kann Mauern bauen, aber wenn ich will, dass andere Menschen sie respektieren und nicht unkontrolliert darüberklettern, braucht meine Mauer eine Tür, durch die sie willkommen sind und auf kontrollierte, kanalisierte Weise eintreten können. Diese Tür muss nicht ständig offen sein, wichtig ist ihre Existenz.

Ein „inländisches“ Beispiel: Eine Friseurin verdient in ihrer Arbeit so viel, dass es im Grunde oft nicht reicht, um eine Familie ernähren zu können, weswegen es wohl offensichtlich üblich in der Branche ist, schwarz dazuzuarbeiten. Objektiv betrachtet ist das Steuerbetrug und illegal, aber für viele erscheint es wohl tatsächlich der einzig gangbare Weg. Wenn man nun möchte, dass das „Pfuschen“ aufhört und drakonische Strafen einführt, löst sich das Problem des kaum bestreitbaren Lebensunterhalt für im Grunde hart arbeitende Friseurinnen nicht. Es fehlt die „Tür“ in der Mauer, und Friseurinnen werden dadurch eher dazu gedrängt, entweder weiter illegal schwarz zu arbeiten oder sich andere „halblegale“ Beschäftigungen zu suchen. Wenn es jedoch zusätzlich zum Hochziehen jener Mauern beispielweise eine Regelung gibt, dass man – legal – auf einfachste Weise ein Kleingewerbe bis zu einem Maximalbetrag von X € führen kann oder kollektivvertraglich das Gehalt entsprechend erhöht wird (aufgrund meiner Unkenntnis der tatsächlichen Rechtslage sind die Vorschläge vermutlich nicht so ohne Weiteres durchführbar, mir geht es ums Prinzip), so werden wohl die Chancen steigen, dass die Schwarzarbeit entsprechend abnimmt, weil es nun andere, gangbare Wege für Friseurinnen gibt, ihren Alltag zu finanzieren.

Kriterien für gangbare Wege finden

Anstatt sich also darüber zu streiten, ob „die Rumänen“ tatsächlich alle Diebe und Räuber sind (ich glaube nicht, meine Uroma kommt ursprünglich aus der Gegend und die wirkt sehr korrekt), würde es mir sinnvoller erscheinen, sich zu fragen, was die begünstigenden Faktoren für einen Menschen sind, zum Dieb, Räuber oder gar Vergewaltiger und Mörder zu werden und was die hemmenden, es nicht zu werden, und welche Faktoren vielleicht für bestimmte Volksgruppen anders oder nur für diese wirken bzw. wie man an diesen Faktoren als Gesamtgesellschaft „schrauben“ kann. Je länger an realen Problemen vorbeidiskutiert wird, anstatt sie zu lösen (etwa die Angst vieler Österreicher ebenso wie vieler Dazugekommener, ärmer zu sein und zu bleiben als die Elterngeneration), desto mehr steigen die Chancen, dass es zu Krisensituationen kommen wird, die die Grundfesten der uns vertrauten Gesellschaftsordnung bedrohen.

Wäre die erklärte Mehrheit der Österreicher völlig zufrieden mit dem Jetzt, würden ihnen einige Fanatiker im Glauben (oder sonstwie) keine große Angst einjagen, weil sie wissen würden, dass diese Fanatiker und Radikalen nicht allzu großen Zulauf haben werden. Aber etwas liegt in der Luft, ein Hauch von Möglichkeit, von Veränderung, und solange kaum niemand die realen unerfüllten Bedürfnisse und Ängste in einer gewissen notwendigen Tiefe anspricht, können die aus den Attributionsfehlern abgeleiteten Ersatzbefriedigungen gut verkauft werden. Und ich glaube nicht, dass wir uns im Extremfall darüber freuen können, falls es eine totalitäre Konsequenz „Made in Austria“ ist, die uns erwartet.

Niklas

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