Gestern hatte ich ein interessantes Gespräch mit einer Freundin, die gerade ihren Lebenslauf für einige Bewerbungen neu verfassen will. In der Aufarbeitung der letzten Jahre ist ihr aufgefallen, dass sie ein gut drei Jahre großes „Loch“ zu überbrücken hat, in dem sie – formal – nichts gemacht hat, jedoch sehr viel ehrenamtlich gearbeitet bzw. die Welt bereist hat. So wichtig sie diese Erfahrungen für ihre persönliche Weiterentwicklung einschätzt, so verunsichernd wirkte das immer noch vorhandene „Loch“ im Hinblick auf potentielle Arbeitgeber. Sie beschrieb die Schwierigkeit, diese informellen Erfahrungen so in den Lebenslauf zu integrieren, dass jenes Loch nicht so eklatant wirken und potentielle Arbeitgeber abschrecken würde. Unter welcher Kategorie wären sie einzuordnen, und würden Arbeitgeber eine Sparte wie „Wertvolles“ überhaupt lesen?

Als wir so auf dem Balkon meiner Wohnung saßen und darüber sprachen, wurde mir erst bewusst, was eigentlich geschehen war, als ich mich vor einigen Jahren beim Schreiben meines Lebenslaufes zum ersten Mal von der in der Schule vermittelnden Form verabschiedete, weil mir der „normale“ zu uninteressant wirkte: Ich habe – ohne es damals bewusst zu bemerken – den Rahmen einer bestimmten Art der Kommunikation selbst abgesteckt. Und dies allein sagt – unabhängig vom Inhalt des Lebenslaufes – schon viel über einen potentiellen Arbeitnehmer aus. Vielleicht ist dies auch der Grund für die vielen positiven Rückmeldungen.

Ein Einstiegsrahmen, und seine Überwindung

Wenn ich einen Lebenslauf schreibe und mich dabei eng an die gesellschaftlich vermittelnden Normen eines chronologischen Lebenslaufes halte, folge ich den damit verknüpften Kommunikationsregeln. Ich gebe eine Reihe von fest definierten Informationen an, die der Arbeitgeber nach einer Reihe von in vielen Institutionen ähnlichen Verfahren bearbeiten wird, um mir eine ebenso gesellschaftlich normierte Rückmeldung zu geben. Innerhalb eines gewissen normierten Zeitrahmens, mit sinngemäß vordefinierten Schritten und entsprechender Kommunikation: „Wir werden Ihre Bewerbung in Evidenz halten“, „Wir freuen uns, Sie zu einem Bewerbungsgespräch einzuladen“, „Es tut uns Leid, dass wir Ihre Bewerbung zum derzeitigen Zeitpunkt nicht berücksichtigen können“ und so weiter.

Diese Art der Kommunikation, die sich an gewissen vordefinierten Schritten entlanghangelt, stellt einen relativ sicheren Rahmen vor allem für Berufseinsteiger dar, an dem sie sich orientieren können. Es gibt dazu zahlreiche Vorlagen im Internet, und es ist nicht weiter schwer, sie mit den entsprechenden Informationen zu füllen. Je mehr aber der tatsächliche Lebenslauf von der gesellschaftlichen Norm von Schule, Weiterbildung, Arbeit ohne Unterbrechungen abweicht, desto unvorteilhafter wird diese Art der Kommunikation für den Schreibenden. Durch die Wahl der Form des Lebenslaufes wählt der Arbeitssuchende auch die Kriterien, nach denen er beurteilt wird. Da ich weiß, wie wenig dies den meisten Menschen bewusst ist, will ich den Satz noch einmal hervorheben: Es handelt sich um eine Wahl. Ich kann in den meisten Fällen wählen, nach welchen Kriterien ich bewertet werde.

Die erste Wahl, die sich mir beim Schreiben eines Lebenslaufes stellt, ist die Frage, ob ich mich nach dem gesellschaftlichen Idealbild von Schule, Ausbildung, Beruf ohne Unterbrechung bewerten lassen will, und vielleicht, wie vorteilhaft diese Bewertung für mich ausfallen wird. Gibt es Unterbrechungen in meinem Lebenslauf, für die ich das Gefühl habe, sie nicht erklären zu wollen? Oder Aspekte meiner Biographie, die in dieser Form zu wenig Aufmerksamkeit bekommen könnten? Dann existiert die Wahl, von der gesellschaftlichen Norm des Lebenslaufschreibens abzuweichen, um eigene Kriterien für meine Beurteilung festzulegen. Wenn ich mir selbst Kriterien überlege, die einen passenden Mitarbeiter für eine Arbeitsstelle von einem unpassenden unterscheiden, und meinen Lebenslauf so gestalte, dass er meine Person nach diesen Kriterien präsentiert, kann ich mich von vielen gesellschaftlichen Normen ohne größere Schwierigkeiten lösen. In meinem Lebenslauf sind beispielsweise weder mein Abschluss als Volksschullehrer, mein Alter noch meine Herkunft erwähnt, und trotzdem wird er bis auf ganz wenige Ausnahmefälle sehr positiv aufgenommen.

Vom Bettler zum Partner

Wenn ich meinen Lebenslauf nach selbstgewählten Kriterien gestalte, berücksichtige ich auch einen qualitativen Unterschied im Vorgehen. Während das Zurückgreifen auf gesellschaftliche (=institutionsübergreifende) Normen im Grunde eher eine Art Nutzung eines Verteilungssystems ist, ähnelt die Gestaltung eines Lebenslaufes nach eigenen Kriterien eher einer Art von Selbstmarketing: Ich mache mich selbst „schmackhaft“, indem ich gewisse Aspekte meines Selbst besonders hervorhebe, und tue dies im Idealfall auch noch kundenorientiert. Das bedeutet, ich versuche zu erahnen (oder zu erfragen), nach welchen Kriterien mein Kunde (=Arbeitgeber) seine Entscheidungen trifft, und stimme mein Marketing darauf ab. Nun passiert etwas Interessantes: Mein Arbeitgeber wird plötzlich zum potentiellen Kunden von mir, und ich kann (psychologisch gesehen) die Bedingungen meiner Mitarbeit bestimmen – denn er will nun auch etwas von mir, nämlich meine Kompetenz und Arbeitskraft. Aus einer oft unterlegenen Position (ich will eine Arbeitsstelle, bitte bitte gib sie mir) wird ein weitgehend gleichberechtigter Dialog zwischen Unternehmern (lass uns zusammenarbeiten, und zwar unter diesen Bedingungen).

Gefahren schlechter Führung

Vor einigen Wochen habe ich mich bei einem Verein beworben, der wohl ebenso die Idee hatte, die Bewerbungs-Kommunikation besser anzuführen. So wurde von Seiten des Vereins genau durchdefiniert, welche Angaben ihnen wichtig wären, und Bewerber gebeten, doch die entsprechenden vom Verein zur Verfügung gestellten Formulare zu benutzen. Leider waren diese Formulare ziemlich unprofessionell designt und (aus meiner Sicht) so wenig durchdacht, dass sie die Bewerbungskommunikation eher verschlechterten als verbesserten. Vor allem der separate Upload eines Bewerbungsbildes sowie die Idee, alle seine Informationen in Textformularform einzeln eingeben zu müssen, hielt ich für ziemlich unsinnig. Nachdem ich mich etwa eine halbe Stunde mit den technischen Problemen der Internetseite herumgequält habe, habe ich dem Verein meinen normalen Lebenslauf per Mail geschickt, weil es mir zu blöd wurde. Ich weiß nicht, ob ich als Arbeitnehmer in den Verein gepasst hätte, aber durch die Gestaltung der Bewerbungskommunikation von Seiten des Vereins entstand sehr rasch das Gefühl, dass ich dort eigentlich nicht arbeiten will.

Worauf ich damit hinaus will, ist dieses: man kann von der Norm abweichen, sowohl als Arbeitgeber als auf Arbeitnehmer, aber dies birgt immer ein Risiko. Eine etablierte Kommunikationsform abzuändern, erfordert die Fähigkeit, einen alternativen Rahmen für die gemeinsame Kommunikation zu schaffen und halten zu können, und zwar einen offensichtlich besseren, geeigneteren. Wenn mein alternativer Rahmen keine Vorteile (oder sogar nur oder überwiegend Nachteile) bietet (oder zu bieten scheint), warum soll mein Gesprächspartner mir in diesen Rahmen folgen? Es geht dabei – wie so oft – um Führungsqualitäten und ein Stück natürliche Autorität. Es muss rasch klar sein, wo der Vorteil meines Rahmens liegt, damit mein Dialogpartner mir folgen wird, und dies gilt sowohl für den Fall, wenn der Arbeitgeber den Rahmen vorgibt als auch für den Fall, wenn ich als Arbeitnehmer einen Rahmen vorschlage.

Kriterien begründen

Ich kann als derjenige, der den Rahmen definiert, auch den Weg gehen, zu begründen, warum diese oder jene Kriterien für mich wichtig sind. So kann ich als Arbeitgeber etwa definieren, dass ich wissen will, ob jemand einen bestimmten Abschluss hat, weil dies Auswirkungen auf die Bezahlung hat (oder was auch immer der Grund ist). Das hilft auch, sich selbst darüber klar zu werden, warum ich gewisse Kriterien überhaupt erfüllt haben will. Und wo ich keine natürliche Autorität herstellen kann, ist die Fähigkeit, meinen Rahmen oder meine Regelungen begründen zu können, immer hilfreich.

Für die Arbeit an einer freien Schule oder ähnlichen Institutionen, wie für mich relevant, mag es beispielsweise Sinn machen, formale wie informelle Erfahrungen und Ausbildungen als grundsätzlich gleichberechtigt zu beschreiben, und dann eine subjektive Wertung dieser Erfahrungen für meine (Lern-)Biographie vorzunehmen, weil freie Schulen oft auf einer ebenso freien und subjektiven Erfahrungsbewertung ihrer Schüler basieren. Alleine die Art, meine objektiven Erlebnisse aufzuschreiben und zu präsentieren, erzählt somit schon einiges über meine Fähigkeit, mich in dieses Denken einzufühlen. Ebenso existieren vermutlich zahlreiche gestalterische Mittel für viele andere Berufsfelder. Würde ich nun – formal betrachtet – ein drei Jahre großes „Loch“ in meiner Biographie vorfinden, so würde ich vielleicht davon absehen, den Lebenslauf so zu gestalten, dass jedes Jahr beschrieben wird, sondern einzelnen Highlights mehr Raum geben, so dass die Vermutung entsteht, dass auch zwischen den Highlights viel passiert ist (wann auch immer). Der Rahmen ist weit nicht so eng gesteckt, als es oft erscheint.

Wenn ihr euch das nächste Mal irgendwo bewerben wollt, könnt ihr ja überlegen, ob ihr nicht ein Stück weit mit diesem Rahmen experimentieren wollt. Und falls ihr interessante Rückmeldungen bekommt, mir diese gerne mitteilen – mich würde interessieren, wie andere damit umgehen.

Niklas

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