Am Dienstag sollte ich im Favela-Projekt zwei Mathematik-Blöcke durchführen, einen am Vormittag, einen am Nachmittag, mit jeweils unterschiedlichen Kindern zwischen etwa 5-9. Ich hatte keine Ahnung von den mathematischen Fähigkeiten der Kinder, weswegen ich mich dazu entschloss, auf eine bereits in einer Volkschule erfolgreich erprobte Methode zurückzugreifen.

Ich würde eine Anzahl an kleinen Zettelchen mit Rechnungen in verschiedensten Schwierigkeitsstufen auf der einen Seite und den jeweiligen Ergebnissen auf der anderen Seite zur freien Wahl auflegen. So konnte sich jedes Kind eine für es passende Aufgabe aussuchen und auch selbst kontrollieren, was mich als Lehrperson freispielte, um denen zu helfen, die darum baten. Wer wollte, konnte auch leere Zettel mit eigenen Aufgaben und Lösungen für die anderen erstellen, ich würde diese erst auf richtige Lösungen kontrollieren und dann zu den allgemeinen Aufgaben hinzufügen. Es gibt keine Vorgaben, wie viele oder wie schwierige Aufgaben zu lösen sind, keine äusseren Belohnungen oder Strafen.

In der Schulpraxis funktionierte dieses System damals so gut, dass die Kinder sich selbst und gegenseitig immer schwierigere Rechnungen erschufen und gar nicht mehr aufhören wollten. Ich wurde damals von der Klassenlehrerin kritisiert, dass ich es nicht schaffte, die Kinder dazu zu bringen, mit dem Rechnen aufzuhören, weil dabei die Zeit für die Einheit der nächsten Praktikantin verloren ging. Der Eifer der Kinder, Mathematikaufgaben zu erfinden und zu lösen, geriet damals “ausser Kontrolle”, was auch immer das bedeuten mag.

Hier in der Favela reagierten die Kinder jedoch anders als erwartet. Möglicherweise lag es an der Sprachbarriere – mein Portugiesisch ist immer noch nicht perfekt – auf jeden Fall wirkten sie zwar ähnlich motiviert wie damals in der Volkschule (vor allem die erste der beiden Gruppen), aber sie benutzten die leeren Zettelchen nicht, erfanden ihre eigenen Rechnungen auf ihren eigenen grossen Rechenblättern. Dadurch waren wir als Erwachsene viel mehr gebunden, weil die Selbstkontrolle ziemlich flach fiel. Zudem arbeiteten kaum Kinder zusammen an Aufgaben oder halfen sich gegenseitig. Viele zeichneten auch Meerjungfrauen, Prinzessinnen, andere Menschen, Häuser oder, in einem Fall, einen Löwen.
Was war geschehen?

Wahrheiten anstatt von Fügungen

Als ich mir ihre Werke zuhause noch einmal durchblätterte und zu verstehen versuchte, warum es nicht lief wie geplant, was ich falsch gemacht haben könnte, kam mir die Erkenntnis, dass meine Vorstellung von falsch und richtig hier fehl am Platze waren. Indem ich ihre freien Reaktionen zugelassen hatte, hatte ich instinktiv (wenn auch mit flauem Gefühl im Magen) etwas sehr richtig gemacht: Ich hatte einen gleichberechtigten Dialog begonnen. Ich hatte sie angesprochen, hatte ihnen meine Idee offenbart, wie wir arbeiten könnten, und sie hatten, jeder auf seine sehr individuelle Weise, darauf reagiert. Hätte ich sie zurechtgewiesen, hätte ich ihnen verboten, auf ihren grossen Blättern neue Aufgaben zu erfinden anstatt auf den eigentlich geplanten Zettelchen, so wäre alles mehr nach Plan abgelaufen. Aber ich hätte eine grosse Chance vergeben, ihr wahres Gesicht kennen zu lernen.

Und so sitze ich nun hier in meinem klitzekleinen Zimmer und habe vor mir Blätter mit vielen kleinen Punkten, mit Hilfe derer einige der Kinder Additionsaufgaben lösen. Einige mit verspiegelten und verdrehten Zahlen, manche davon interessanterweise trotzdem mit richtigen Endergebnissen. Ich konnte beobachten, wie zwei Kinder aus den Länderkarten des Risikospiels, die ich ihnen brachte, um sie bei der Visualisierung der Rechenaufgaben zu unterstützen, ein Spiel mit ihren eigenen Regeln erfanden und völlig vertieft spielten. Eine Zeichnung von einer Mutter und einem Baby steht vielleicht für die Situation in der Familie. Und in einer Zeichnung, besonders rührend, ich(vermutlich, aufgrund der Haare), mit einem Herz in der Brust.

Themaverfehlungen?

Die Regeln des Spiels dieser zwei Kinder sind mir ein Mysterium, und die Zeichnungen haben nichts mehr mit der ursprünglichen Idee der selbst kontrollierbaren Aufgaben zu tun. Aber ist dies wirklich wichtig? Mathematik ist Abstraktion unwichtiger Details, Lösung des Problems, und Einbindung in den jeweiligen Kontext. Ein Spiel zu erfinden bedeutet, interessante Probleme und Lösungen zu erfinden. Zu zeichnen erfordert ein gehöriges Mass an Abstraktionsfähigkeit, eine Reduzierung auf das Wichtigste: den Schnuller des Babies. Die Mähne des Löwen. Die Krone der Prinzessin. Den Dreizack von Arielle, der Meerjungfrau.

Die am häufigsten vorkommende Zeichnung jedoch zeugt in ihrer Abstraktion der komplexen Wirklichkeit von dem, was Kindern anscheinend an Erwachsenen am wichtigsten ist. Nicht seine Ausbildung. Nicht seine perfekten Methoden.
Das Herz.

Niklas

130606-2040

Kommentar verfassen