Die folgenden vier Schritte sind nicht als mechanische Struktur zu sehen, die abzuarbeiten ist, sondern vielmehr als Leitfaden, welche Aspekte zwischenmenschlicher Kommunikation sich für mich als hilfreich herausgestellt haben. In manchen Gesprächen mag sich die Reihenfolge umkehren, oder einzelne Schritte stellen sich als unnötig heraus. Nichtsdestotrotz stellt die Reihenfolge einen gewissen aufeinander aufbauenden Ablauf dar, der sinnvoll sein kann. Sinn und Zweck dieses Artikels soll es nicht sein, eine erschöpfende Handlungsanweisung für problemlösende Kommunikation zu liefern – dazu gehört mehr, als einen Artikel zu lesen: Achtsamkeit, Übung, Erfahrung, und das Finden der eigenen passenden Worte. Vielleicht kann dieser Artikel jedoch als Startpunkt einer Reise fungieren, indem er auf interessante Orte auf dem Weg hinweist, die es sich zu betrachten lohnt.

  1. Eigene mentale/emotionale Offenheit bewerten

Der erste, sehr wichtige Schritt für eine heilende Kommunikation, die eine gewisse Tiefe erreichen kann, ist sich die Frage zu stellen, ob ich mich gerade überhaupt bereit dazu fühle. Wenn ich mit meinem Gesprächspartner in meine oder seine Tiefen eintauche, brauche ich in mir Platz für das, was wir gemeinsam dort finden könnten. Dies ist schwer möglich, wenn ich weiß, dass ich in drei Minuten meinen Bus erwischen muss, oder mit meinen eigenen Gedanken so beschäftigt bin, dass in mir kein Platz für Unvorhergesehenes mehr ist. Was in solchen Situationen üblicherweise passiert, ist ein stillschweigendes Ignorieren des Anliegens des Anderen, um sich auf die eigene Sache konzentrieren zu können. Oder jemand scheint auf den Anderen einzugehen, ist im Kopf jedoch schon bei dem Bus, den er erreichen soll, und ärgert sich, dass der andere das nicht verstehen will (üblicherweise ohne ihn darauf hinzuweisen).

Was sich in solchen Situationen als für mich hilfreich herausgestellt hat, ist mir für einen kurzen Moment klar zu werden, ob ich gerade genug Aufmerksamkeit für ein tiefes Gespräch habe oder nicht. Ist dies der Fall, kann ich mich darauf einlassen und alles andere hintanstellen. Bin ich in Wahrheit zu sehr in meiner eigenen Welt, um in mir Platz für Tiefe zu finden, kann ich das offen sagen. Wenn ich merke, dass mein Gesprächspartner ein großes Bedürfnis nach meiner Aufmerksamkeit hat, kann ich vorschlagen, eine Zeit zu finden, zu der ich mich voll seinem Anliegen widmen kann. Damit kann er sich in seinem Bedürfnis nach Kommunikation gehört fühlen und sich sicher sein, dass ich ihm meine Aufmerksamkeit tatsächlich schenken will. Natürlich ist es dann auch wichtig, mich an diese „Verabredung“ zu halten, damit mein Gesprächspartner nicht das Gefühl bekommt, ich wolle ihn nur abwimmeln.

Nun kann es vorkommen, dass ich tatsächlich keine Lust habe, mich mit manchen Menschen zu unterhalten, sie also tatsächlich „abwimmeln“ möchte. Das passiert mir häufig mit jenen (meist jungen) Menschen, die mich auf der Straße ansprechen, um mir Spenden-Abos diverser wohltätiger Vereine „verkaufen“ wollen. Viele Menschen greifen in solchen Situationen gerne zu kleinen „Notlügen“ wie „Ich bin bereits Spender“ oder „Ich muss in 2 Minuten meinen Zug erwischen und habe leider keine Zeit“, weil jene „Verkäufer“ von Spendenangeboten geübt darin sind, den anderen dazu zu bringen, sich schuldig zu fühlen, weil man nicht bereit ist, 10 Euro pro Monat für arme Kinder/den Regenwald/… zu spenden. Im Grunde sind die Zusammentreffen mit jenen Menschen wunderbare Möglichkeiten, den ersten Schritt zu üben. Die meisten von uns sind es gewohnt, „gut“ sein zu wollen, selbst wenn es über unsere Kapazitäten geht, und sowohl Spenden-Verkäufer wie auch Freunde/Bekannte/Fremde in Not spielen üblicherweise auf dieser Klaviatur.

Das Problem dabei ist, dass es für den Spenden-Verkäufer und seine Organisation zwar kurzfristig gut ist, wenn er mich dazu bringt, monatlich 10 Euro zu spenden, nur wenn ich dabei über meine Kapazitäten gehe (finanziell, mental oder emotional im Gespräch selbst) werde ich es später eher bereuen und in Zukunft weniger gewillt sein, mich auf ähnliche Gespräche einzulassen. Menschen tendieren dann dazu, die Schuld für die eigene Überforderung demjenigen zuzuschieben, der sie ausgelöst hat, obwohl die Ursache in ihnen selbst und ihrem Verhalten liegt. Ich kann einem überfallsartigem Erscheinen eines Spendenverkäufers auch begegnen, indem ich ihm von Anfang an klar erkläre, dass nichts, was er sagt, mich dazu bringen wird, ihm hier und jetzt ein Spenden-Abo abzukaufen, aber ich mir gerne 15 Minuten Zeit nehme, mit ihm über die Organisation zu sprechen. Üblicherweise trennt dies als angenehmer Nebeneffekt auch jene, die wirklich hinter ihrer Organisation stehen von jenen, die diese Arbeit für die Provision machen.

  1. Emotionale Resonanz herstellen

Ist eine gewisse Offenheit für Tiefe vorhanden, kann es möglich sein, in emotionale Resonanz zu gehen: ich fühle, was der andere fühlt, und er fühlt, was ich fühle, sehr direkt und unmittelbar. Ich muss dazu nicht wissen, was seine konkreten Gründe und Erfahrungen sind, diese Art der Kommunikation verläuft auf rein emotionaler Ebene. Über die konkrete Situation zu sprechen kann allerdings helfen, dem Gesprächspartner ein exakteres Bild von den davon ausgelösten Emotionen zu schaffen. Ist diese emotionale Resonanz erreicht, sind oft nicht viele Worte notwendig, um ein tiefes Gefühl von Berührt-Sein auszulösen. Es ist der Zustand der Ergriffenheit, der auch manchmal entsteht, wenn man besondere Lieder hört, Texte liest, Bilder oder Filme ansieht.

Es fühlt sich an, als finde man sich im Gegenüber wieder, und der Gesprächspartner fühlt sich wirklich verstanden, unabhängig davon, ob man die konkrete Situation überhaupt verstanden hat. Es geht in der emotionalen Resonanz überhaupt nicht darum, ob ein Gefühl in Umständen begründet oder der Zusammenhang zwischen Situation und Emotion nachvollziehbar ist, sondern rein um das wertfreie Nachvollziehen der Gefühle des Anderen und deren Intensität. Diese „Technik“, die offenbar vor allem Frauen intuitiv anwenden, kann oft schon ausreichen, um sich besser, verstandener zu fühlen.

Emotionale Resonanz alleine kann jedoch auch zu einer Art „Falle“ werden. Sie erhöht die Kapazität des Gesprächspartners, mit einer Situation umzugehen, verringert damit aber auch die Chance, dass dieser aktiv wird, um etwas an den auslösenden Strukturen zu verändern. Hier kommt Schritt 3 ins Spiel.

  1. Konkrete Situation nachvollziehen

Wir haben es nun geschafft, emotionale Resonanz herzustellen und die Tragweite der Gefühle unseres Gesprächspartners zu erahnen. Über die auslösenden Umstände wissen wir bisher jedoch nur sehr wenig: Verständnisfragen können uns helfen, uns auch konkret in die Situation des Gegenübers hineinzudenken. In der vertrauensvollen Atmosphäre, die Schritt 2 uns ermöglich hat, können wir nun auch „schwierige“ Fragen stellen, wenn wir es schaffen, sie nicht als versteckte Bewertung sondern als tatsächliche Neugier zu vermitteln. Diese „schwierigen“ Fragen alleine können eine als unlösbares Problem wahrgenommene Situation hinterfragen, ins Wanken bringen. Das Schönste, was mir mit einem scheinbar unlösbaren Problem passieren kann, ist wenn ich feststelle, dass Teile der Fakten, die das Problem darstellen, vielleicht in Wahrheit nur Annahmen sind.

Neugier braucht jedoch Zeit und inneren Raum, Antworten aufnehmen zu können. Auch für diesen Schritt ist es wichtig, in Schritt 1 gut auf sich geachtet zu haben. Unter (Zeit-)Druck steigt die Wahrscheinlichkeit erheblich, dass die Neugier, mit der Fragen gestellt werden, in vorgefasste Bewertungen umschlägt. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob ich meinen Gesprächspartner frage, was ein anderer Mensch in einer Situation wohl alles mit seiner Aussage gemeint haben könnte oder ob ich ihm sage, ich glaube, er hat X gemeint.

Wichtig zu beachten ist bei diesem Schritt auch, dass meine Kommunikation rein auf neugierigen Fragen basiert und ich (noch) keinen Rat gebe. Durch die Enttarnung mancher problematischen „Fakten“ als bloße Annahmen gebe ich meinem Gesprächspartner bereits die Chance, auch ohne meine Hilfe zu eigenen Lösungen zu gelangen.

  1. Rat anbieten

Nun haben wir emotionale Resonanz hergestellt und sind durch neugieriges Nachfragen gemeinsam zu einem ungefähren Bild der konkreten Situation gelangt. Durch die Enttarnung mancher „Fakten“ als Annahmen ist möglicherweise eine noch komplexere Situation entstanden, die zwar kein unlösbares Problem mehr darstellt, aber immer noch eine Überforderung. Ich kann nun anbieten, einen Rat zu geben, wenn mein Gesprächspartner dies möchte (wenn die Schritte 1-3 gut gelaufen sind, wird er an dieser Stelle oftmals sogar selbst darum bitten). Wichtig dabei erscheint es mir, den Rat auf eine Weise zu geben, der ihn als Option erscheinen lässt, nicht als einzig möglichen Weg. Ob mein Gesprächspartner den Rat annehmen möchte (oder überhaupt einen hören will) bleibt ihm überlassen. Es handelt sich um ein Geschenk, aus freien Stücken gegeben, aus freien Stücken ablehnbar. Die Verantwortung (und damit die Entscheidung) über den tatsächlich zu wählenden Weg bleibt bei dem, der auch tatsächlich handeln muss.

Das Problem mit „guten Ratschlägen“ (Männer sind hier besonders gefährdet) ist, dass sie oft angeboten werden, ohne vorher in emotionaler Resonanz gewesen zu sein und überhaupt das konkrete Problem verstanden zu haben. Der Rat ist damit zwar oft gut gemeint, aber leider dann unpassend für die tatsächliche Situation und tatsächliche Betroffenheit des Gesprächspartners.

Selbstverantwortung nachhaltig fördern

Wer die obigen Zeilen aufmerksam gelesen hat, wird feststellen, dass alle vier Schritte stark auf dem Prinzip aufbauen, die Selbstverantwortung beider Gesprächspartner zu fördern, anstatt gegenseitige Abhängigkeiten aufzubauen. Das mag dem eigenen Ego nicht unbedingt schmeicheln, das gerne gute Ratschläge geben und sich dafür geachtet fühlen möchte. Aber ich glaube, dass sowohl der Hilfesuchende als auch der Hilfegebende auf Dauer glücklicher ist, wenn beide sich bei Bedarf freiwillig auf problemlösende Kommunikation einlassen können anstatt in einer Abhängigkeitsbeziehung zueinander zu stehen, die beide Seiten in ihrer Autonomie einschränkt.

Was ich hier beschrieben habe, basiert hauptsächlich auf meinen Erfahrungen mit Erwachsenen, lässt sich aber zum größten Teil auch mit Jugendlichen und Kindern anwenden. Alleine wenn Erwachsene lernen, gegenüber Kindern den ersten Schritt mehr zu beachten, ist schon viel erreicht.

Niklas

P.S.: Vor allem an meine Viel-Leser: ich habe möglicherweise in den nächsten Tagen und Wochen die Möglichkeit, für ein Magazin für Lehrer Artikel zu verfassen, und habe mich gefragt, welche Themen sich wohl dafür am besten eignen bzw. möglichst viele (Regelschul-)Lehrer interessieren könnten. Falls jemand einen Tipp dazu hat, bin ich für jeden Ratschlag dankbar. Danke!

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