Gestern durfte ich einen brillanten Tag erleben. Brillant nicht nur deswegen, weil die Strahlen der Sonne endlich wieder einmal mit voller Kraft das Grau des Herbstes zu durchbrechen vermochten. Nicht nur, weil ich eine Vielzahl erfüllender Begegnungen hatte. Brillant auch deswegen, weil das Licht des gestrigen Tages bis in den heutigen, leicht wolkenverhangenen Morgen nachglimmt.

Niemand war gestern

Als wir uns gestern gemeinsam Richtung Mensa bewegten, um zu Mittag zu essen, fühlte ich eine unbändige Freude in mir aufkommen, die mich dazu verleitete, den kurzen Weg dorthin nicht schlicht zu begehen, wie an so vielen anderen Tagen, sondern regelrecht zu ertanzen. Ich war so glücklich, so erfreut über diese wunderschöne Welt, und ich hatte in der Nacht zuvor so wenig geschlafen, dass es mir schlicht nicht möglich gewesen wäre, meine Freude zurückzuhalten, unter die Kontrolle eines erwachsenen Verhaltens zu bringen. Ich strahlte meine Freude in die Welt, und die Welt, derart erleuchtet, war wie ein Spiegel. Leuchtende Gesichter, wohin auch immer ich blickte. Eine beinahe blendende Farbenpracht umgab uns.

Etwas später, es dämmerte bereits, rannte ich aus purer Freude an der Bewegung noch in den Park und verrenkte mir dabei leicht den Rücken. Der schwarze Mantel der Nacht hatte sich über die Welt gelegt, und ich war ein Abenteurer, ein Entdecker, dieser aufregenden Umgebung. Ich war schon hunderte Male diesen Weg entlang gelaufen, hatte schon hunderte Male dieselben Übungen an den Sportgeräten versucht, aber dieses Mal war alles neu, denn ich war ein neuer Mensch. Würde ich es schaffen, einen Felgeaufschwung auch auf der höchsten Stufe des Recks zu vollbringen? Wie lange würde ich es schaffen, eine Brücke aufrechtzuerhalten?

Abends besuchte ich mit einem Freund eine Abschiedsfeier von einigen Bekannten, die ich kaum kannte. Als wir eintrafen, waren in einer winzigen Wohnung bereits etwa 50 Menschen. Ich konnte mich kaum von der Tür wegbewegen, weil der Raum so voll war. Es war aufregend. Es war interessant. Würde ich ein Gespräch mit den Menschen in meiner Nähe anfangen? Würde ich für den restlichen Abend hinter der Tür verbringen? Wer war ich, in diesem Moment?

Niemand im Spiegel

Später, als sich die Menge in Bewegung setzte, um eine Bar zu besuchen, liefen wir noch mit, ohne die Bar selbst besuchen zu wollen, weil wir heute eigentlich um sieben Uhr bereits andere Pläne hatten und ich am Vortag ja ebenso nicht geschlafen hatte. Vor dem Eingang der Bar holten wir dann noch unsere Abendüberraschung hervor: Seifenblasen!

In kürzester Zeit übte sich ein Grossteil der Menge darin, Seifenblasen zu zerplatzen oder selbst welche zu produzieren. Erwachsene, in einem ungefähren Alter zwischen 20 und 30 Jahren, wurden wieder zu Kindern, ohne sich dafür zu schämen, und liebten es. Möglicherweise half auch der durchaus beträchtliche Alkoholspiegel einiger bei dieser Transformation, aber um dies geht es mir heute nicht. Es waren dieselben strahlenden Gesichter, die ich zu Mittag angetroffen hatte. Warum sehen wir diese im Alltag so selten?

Wer bin ich?

Ich glaube, es hat etwas mit unserer Definition von uns selbst zu tun. Ich bin erwachsen. Ich bin ein Doktor. Ich bin Lehrer. Ich bin. Im Portugiesischen gibt es statt dem Sein im Deutschen zwei Wörter mit verschiedenen Bedeutungen: ser und estar. Das erste der beiden beschreibt etwas (quasi) Unveränderliches. Ein Name, der Ort eines Hauses, ein Geschlecht. Ein Beruf. Estar beschreibt einen Zustand: Ich bin krank. Ich bin glücklich. Ich bin hier an diesem Ort. Unsere Ser beschreiben in etwa die Grenzen, denen wir uns unterwerfen, an denen wir unser Verhalten orientieren. Ich kann dich nicht heilen, ich bin kein Doktor. Bin ich deine Mutter?!

Was würde passieren, wenn wir es schaffen würden, unsere Ser loszulassen, die Grenzen unseres Seins zu überwinden, niemand zu sein? Ich hege den Verdacht, dass wir dann möglicherweise diese strahlenden Gesichter öfter zu Gesicht bekommen. Wir sind (estar) dann in einem jeden Moment, ohne Rücksicht darauf nehmen zu müssen, wer wir sein sollten (ser). Wenn wir niemand sind, haben wir auch keinerlei Verpflichtungen, unser Sein bestimmten Regeln und Einschränkungen zu unterwerfen. Wir sind nicht, weil wir sollen, sondern weil wir wollen.

Ningúem está feliz: Niemand ist gerade hemmungslos glücklich.
Und ihr?

Euer Niemand

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