Ich war kein braver Schüler nach dem alten Bild des offenen, leeren Kopfes, in den der geneigte Lehrer mit Hilfe eines Trichters sein eigenes Wissen weitergeben konnte. Etwas in mir stellte sich dazwischen, unterbrach diesen simplen Vorgang durch das Aufkommen etwas so Lästigem wie einem Bewusstsein, dass mit der Zeit und wachsendem Selbstbewusstsein anfing, diese über den besagten Trichter einkommende Wissenspakete zu filtern, aus der Menge an Informationen jene herauszusuchen begann, die ihm wichtig erschienen. In selben Masse, wie dieses Bewusstsein, was mir wichtig erschien (und damit, wer ich war), wuchs, verlor ich meine Fähigkeit, der Schwamm zu sein, der die mir gegebenen Informationen bedingungslos aufsog.

Nun mag es für einen mehr oder wenig humanistisch eingestellten Menschen durchaus erfreulich sein, wenn ein junger Mensch bereits in seiner Jugend anfängt, seine eigene Meinung zu entwickeln, für einen traditionell arbeitenden Lehrer in einer Schulklasse stellen 25 Menschen mit eigener Meinung potentiell recht genau 25 Probleme dar. 25 eigene Meinungen zu einer Aktivität, die dem Lehrer in einem Lehrplan vorgegeben ist, ziehen schnell zumindest einige Verweigerer nach sich, und dann was tun? Das übergreifende Bildungsziel der eigenen, kritischen Meinung auf die Zeit ausserhalb der Schule, auf eine höhere Schulstufe verweisen, wo sie auch vorgesehen ist? Darüber sprechen und im Handeln ignorieren?

Die Entwicklung eines kritischen Bewusstseins ist für mich eine Grundvoraussetzung eines selbstständigen Lebens, und ich glaube, es ist auch eine natürliche Entwicklung, die schwer aufzuhalten ist. Ja, es ist möglich, das wirkliche Handeln stark einzuschränken, aber kritisches Bewusstsein, kritisches Hinterfragen in irgendeiner Form findet für mich in einem jeden Kopf statt, ob die jeweiligen Menschen nun wütend aufbrausen oder es sich kaum anmerken lassen. Ich selbst beispielsweise war nie der aufbrausende Mensch, aber dachte mir meinen Teil – wer für mich nur wenig wertvolles zu meiner eigenen Entwicklung beitrug, wurde zwar, wo es nicht anders ging, geduldet, aber nicht sehr ernst genommen. So etwa meine Englisch-Lehrerin an der Oberstufe, die mir in dieser Sprache bei weitem nicht das Wasser reichen konnte.

In einer traditionellen Schulklasse mit ihren verpflichtenden 50-Minuten-Einheiten mit vorgegebenem Stoffgebiet finde ich keine sehr förderliche Umgebung für ein wachsendes kritisches Bewusstsein vor, das zumindest langfristig sein Wachstum selbst fördern und steuern lernen soll. Ich finde eine Umgebung vor, die dieses notwendige Wachstum unterdrückt, gegen Maauern anlaufen lässt und damit in den Untergrund schickt, während nach aussen hin vorgegebene Handlungen erledigt werden. Je nach Selbst- und Unrechtsbewusstsein äussert sich dieser Missstand eben in Einzelfällen nicht ungefährlichen Ausbrüchen, die viele Lehrer wohl aus ihren Schulklassen kennen.

Lehrer oder, wenn diese zu mächtig erscheinen, Mitschüler werden gehänselt, es wird versteckt oder offen aufbegehrt, selten gegen bestimmte Menschen selbst, sondern für eine Sichtbarmachung des unterdrückten, verneinten Ichs. Diese Ausbrüche, oft unverstanden, werden dann mit Betragensnoten oder anderen Repressionen weiter unterbunden, und die Spirale dreht sich weiter. Ich rede hier nicht davon, seinen Schülern alles durchgehen zu lassen. Ich rede davon, zu versuchen, die dahinterliegenden Bedürfnisse zu verstehen und zu akzeptieren, dem Bedürfnis, ganz zu existieren und auch entsprechend behandelt zu werden.

Ich glaube, wie fleissige Leser dieses Blogs wohl bereits mitbekommen haben, nicht so recht an einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Erwachsenen und Menschen, weil beide für mich ein Bedürfnis nach Wachstum haben und beide, wenn die äusseren Umstände dieses Wachstum hemmen, entsprechend reagieren. Eine Revolution im Klassenzimmer unterscheitet sich nicht um viel von einer Revolution Erwachsener gegen unterdrückerische Umstände. Dass unser Schulsystem einem Lehrer ans Herz legt, als grosser Diktator über seine Schüler zu herrschen, halte ich für keine Entschuldigung, dies auch unreflektiert zu tun.

Es gibt Situationen, in denen rasche Entscheidungen über Leben und Tod entscheiden können, was sich etwa in der hierarchischen Struktur einer Feuerwehr oder einer Armee abbildet. Während alle Feuerwehrmänner vor einem brennenden Haus eine demokratische Entscheidung zu treffen versuchen, verbrennen alle Insassen. Ein zentrales Entscheidungsorgan ist nicht per se eine schlechte Sache und mag auch in einer Schulklasse in vielen Fällen seine Berechtigung haben, wenn es darum geht, Menschen für eine Sache zu organisieren. Wenn es darum geht, Menschen in ihrem selbstständigen Denken und Handeln zu fördern, sieht die Sache mit zunehmender Selbstständigkeit wohl eher anders aus.

In der Nachhilfe hatte ich letzte Woche die Aufgabe, meinen Schülern in Mathematik weiterzuhelfen, aber unsere Interaktionen nur auf mathematische Lehrgespräche zu reduzieren, wäre wohl in deutlich mehr Zusammenstösse ausgeartet. Meine Schüler arbeiteten ohne von mir auferlegten Druck tagtäglich im mathematischen Bereich, aber ich lernte sie in den dazwischen immer wieder aufkommenden Diskussionen auch weit besser kennen, als es mir möglich gewesen wäre, hätte ich diese unterbunden. Dadurch, dass ich es zuliess, wenn sie vom Thema ablenkten, lernte ich viel über ihre Grenzen, sich in einem durch mit einem Thema zu beschäftigen, aber auch ihre Bereitschaft, nach kurzen Unterbrechungen auch selbstständig wieder zum Thema zurückzukehren.

Unsere Klassenstruktur mit ihren fixen Schulstunden mag für eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort seinen Zweck erfüllt haben, doch heute halte ich es für überholt, Menschen in ein engmaschiges Korsett zwängen zu wollen oder, wie es an einigen Schulen üblich ist, sie aus ebenso engmaschigen Wahlmöglichkeiten wählen zu lassen und ihnen dann vorzuwerfen, dass sie „nichts interessiere“. Viel sinnvoller (und auch für mich interessanter und lohnender) erscheint es mir, sich auf den wirklichen Menschen hinter der Rolle des Schülers einzulassen, seine wahren Interessen herauszufinden, um ihm auf seinem Weg nach bestem Wissen und Gewissen behilflich zu sein. Nicht scheinheilig so zu tun, um dann auf seine geplante Schulstunde weiterzuleiten (welch manipulativer und respektloser Schwachsinn ist dies überhaupt!), sondern ernsthaft auf meinen Schüler einzugehen und ihn damit in seinem Sein zu respektieren. Nicht nur sein Leben zu bunterrichten, sondern im selben Prozess auch von ihm durch das Teilen seiner Welt mit uns bunterrichtet zu werden. Ist es möglich, machbar?

Da scheiden sich die Geister
Und zeigen sich die wahren Meister.

Niklas

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