Wer diesem Blog schon eine Weile folgt, hat vielleicht schon einige Beiträge darüber gelesen, wie der Verzicht auf fixe Ziele befreiend wirken kann. Nun, dies ist nur die halbe Wahrheit.

Ich passe nicht mehr

Je tiefer ich in mir selbst grabe, je intensiver ich mich selbst erfahre, desto weiter entferne ich mich von den Rollen, die mir zu spielen auferlegt wurden. Damit einher geht ein Gefühl nie bekannter Freiheit, aber auch ein Gefühl nagender Unsicherheit. Ich passe nicht mehr in diese mir vorgeschriebenen Rollen. Wer bin ich? Welche Referenzen gibt es noch für mich, die mir als Vorbild dienen können? Ich bin längst kein klassischer Student der Pädagogik mehr, auch wenn die gesellschaftlich relevanten Noten und Zeugnisse diesen Anschein zu erwecken versuchen. Ich bin bereits so viel mehr, aber paradoxerweise nach aussen gleichzeitig so viel weniger, zerrissen zwischen den offiziellen Anforderungen und den Anforderungen meines inneren Kompass.

Carl Rogers beschreibt die Tendenz seiner Patienten in der Psychotherapie, im Laufe der Behandlung immer mehr auf ihre innere Stimme zu hören und weniger auf äussere Einflussfaktoren. Er schreibt, sie wären dadurch glücklicher, aber wenig über die Phasen der unbändigen Angst, die mit diesem Prozess der Befreiung einhergehen. Er schreibt wenig darüber, welche Unsicherheit es auslösen kann, wenn man entdeckt, dass man nicht mehr gewillt ist, seine eigenen Einstellungen und Ziele zugunsten von materiellen oder sozialen Sicherheiten aufzugeben. Ich habe Angst davor, was es bedeuten kann, kompromisslos zu sich selbst zu stehen. Es könnte bedeuten, lieb gewonnene Menschen gehen lassen zu müssen.

DIY

Vor allem aber würde es bedeuten, dass ich mir wahrscheinlich meinen Job selber erschaffen muss. Wenn diese Entwicklung so weitergeht, dass ich mich immer weiter den üblichen Rollen entwachse, wird es immer unwahrscheinlicher, eine passende für mich zu finden, die bereits existiert. Vor allem im pädagogischen Bereich kenne ich jedoch (zumindest in Österreich) nicht allzu viele Menschen, die sich hier selbstständig gemacht haben, die mir als Vorbild dienen können.

Ich möchte zudem nicht nur für eine bestimmte privilegierte Zielgruppe arbeiten. Hier in Brasilien gibt es einen starken Qualitätsabfall zwischen privaten und öffentlichen Schulen, und selbst die allerbeste Privatschule trägt nur wenig zur Verbesserung der Bildung der Mehrheit der Menschen hier bei. Ich will allen zugängliche Bildungsarbeit betreiben, aber gleichzeitig meine eigenen Werte nicht verraten – und nebenbei auch nicht verhungern oder auf der Strasse leben müssen – im Gegensatz zu hier in Brasilien sind die Winter in Österreich ja entsprechend ungemütlicher.

Nachtwanderungen

Deswegen möchte ich möchte euch, meine lieben Leser, um Hilfe bitten. Vielleicht kennt ihr ja jemanden, der mit einem Menschen wie mir zusammenarbeiten möchte. Vielleicht kennt ihr eine Schule, eine Institution, die für mich interessant wäre. Da ich mittlerweile neben Deutsch und Englisch auch Portugiesisch (und ein wenig Spanisch) spreche, gerne auch im Ausland (Kontakt). Doch auch ein jedes Gespräch über die hier aufgeworfenen Themen kann eine grosse Hilfe sein – eine Verbreitung führt möglicherweise dazu, dass mehr Menschen auf diese Art und Weise arbeiten möchten.

Ich würde ja (wer würde das nicht) gerne darüber schreiben, wie klar mein weiterer Weg sich vor mir ausbreitet, aber dies würde nicht der Wahrheit entsprechen. Es ist kein Weg, der alleine gangbar erscheint. Ich brauche euch, einen jeden einzelnen von euch, denn alleine bin ich nichts. Dieser Weg, im Gegensatz zum sonst propagierten kapitalistischen Weg, führt nicht in die Unabhängigkeit, sondern in Abhängigkeit voneinander – in (hoffentlich konstruktive) Interdependenz.

Ich wünsche mir jemanden, der mir mit seinem Licht den Weg ein wenig erhellen, ein bisschen weniger fürchterlich machen kann. Im Notfall taste ich mich eben im Dunkeln voran…

…aber gemeinsam ist so eine Nachtwanderung viel schöner.

Niklas

0 Replies to “Planlos”

  1. Lieber Niklas,
    du berührst mich so sehr mit deiner Tiefe, deinem Suchen, deinem inneren Kompaß folgend….das sind Anteile in mir die wieder zu schwingen beginnen, wenn ich dich höre. Ich kann dir nur sagen, das ich dich sehr gut verstehen kann und mir manches was du beschreibst bekannt ist. Das was ich dir sagen möchte ist, das es sich für mich wenn ich dich höre gut und richtig ansüpürt, wenn du deinen inneren Kompass folgst. Auch die Angst und Unsicherheit spürt sich richtig an. Ich glaube das es wichtig wäre, wenn du trotz allem deinen Abschluss machst und dann habe ich das Gefühl, wird sich ein weiteres Stück deines neuen Lebens eröffnen. Ich freue mich schon sooooooooo auf dich und auf unsere persönlichen Gespräche, ich bin für dich da, wann immer du dies möchtest und brauchst. Doris

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