Raststation

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Es ist unmöglich, all die kleinen und grossen Erlebnisse, die dieses Jahr in Brasilien zu etwas Besonderem machten, authentisch in einen kleinen Beitrag zusammenzufassen, aber diese Lebensabschnittswechsel mit ihren Lebensabschnittsmenschen sind gute Möglichkeiten, innezuhalten und über die Vergangenheit zu reflektieren. Vor etwas mehr als einem Jahr musste ich, um hier aufgenommen zu werden, ein Motivationsschreiben verfassen, und auch, wenn ich das Original nicht mehr habe, weiss ich noch ziemlich genau, was meine Vorstellungen von diesem Jahr waren. Ich wollte eine neue Sprache lernen. Ich wollte wissen, wie man sich als Migrant in einem fremden Land fühlt. Und ich wollte, fern von allen bekannten Umgebungen und Menschen, wieder bei null anfangen, um herauszufinden, wer ich in Wahrheit bin.

Ich, der Migrant

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Die ersten zwei Monate waren die Hölle. Die Universität streikte, ich hatte nichts zu tun, es war kalt und regnerisch draussen und ich verstand kein Wort Portugiesisch. Da ich sehr lange Zeit im Hostel wohnte, lernte ich zwar viele nette Reisende kennen, die teilweise auch Englisch sprachen, aber die meisten von ihnen blieben einige Tage und verschwanden dann wieder aus meinem Leben. Ich verbrachte Tage, ohne viel aus dem Haus zu gehen, verbrachte Stunden mit meinem Laptop. Im Hostel sprachen die Mitarbeiter Englisch, teilweise sogar Deutsch. Es war mein sicherer Hafen, mein Anker in diesem Chaos, in dem ich nicht mehr verstand als ein „Isso!“ (Genau!), indem ich (Danke Österreich für die vielen nutzlosen Vorurteile) Angst hatte, ausgeraubt zu werden oder anderen die Zeit mit meinem nicht vorhandenen Portugiesisch zu stehlen.

Ich kann nur mutmassen, wie es für viele Asylwerber und „echte“ Migranten sein muss, die in einer ähnlichen Situation etwa nach Österreich kommen, jedoch ohne den sicheren Polster eines halbwegs gefüllten Bankkontos, vielleicht noch mit einer Familie, die sie unterhalten müssen, in einem Land, in dem diese unglaubliche Zahl von Vorurteilen gegen Ausländer die Regel zu sein scheinen. Ich wurde hier, sobald ich es selbst zulassen und mich von meinen Ängsten etwas lösen konnte, überaus freundlich aufgenommen, die Menschen hatten sehr viel Geduld (und auch Spass) mit meinem anfangs sehr langsam wachsenden Portugiesisch-Wortschatz. Man merkt, dass Brasilien ein Einwanderungsland ist, dass ein jeder hier in seinem Stammbaum ausländische Wurzeln hat.

Die Situation besserte sich beträchtlich, als ich in das Apartment, in dem ich auch jetzt wohne, zog, und mit einem englisch sprechenden Brasilianer sowie einem Deutschen zusammen wohnte, sowie regelmässiger mit meinen alten Freunden und Bekannten in Österreich und sonstwo Kontakt hielt. Was auch immer uns diverse Parteien über die Gefahr der Ghettobildung erzählen wollen, in meiner Erfahrung ist das Finden von Gleichgesinnten, von einer Art von Heimat in der Fremde, erst die Voraussetzung für ein darauf folgendes Zugehen auf eine sprachlich und kulturell sehr fremde Umgebung. Ich glaube, wer dieses Finden einer Heimat in gleichgesinnten, gleichsprachigen Menschen verbieten will, schafft damit mehr Probleme, als er löst.

Furchtlose Entdecker

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Die wohl prägendste Erfahrung, die sich hier vielfach in verschiedenster Form wiederholt hatte, war diejenige, dass ich meinen eigenen Weg finden und gehen kann, und nicht nur das, sondern dass dies nicht bedeuten muss, diesen Weg alleine gehen zu müssen. Ich glaube, dies mag eine der grössten Ängste zu sein: alleine zu sein, lieber das tun, was alle tun, auch wenn man nicht 100%ig einverstanden ist damit, aber wenn es alle tun, werden die schon wissen, dass es Sinn macht, und zumindest bin ich nicht alleine.

Schon vor Beginn meiner Brasilien-Reise war eigentlich klar, dass es nichts werden kann. Die Partner-Universität in Porto Alegre gibt es nicht mehr. Aber wenn du unbedingt willst, dann schreib halt die Unis direkt an, sagt der grosse Chef mit einem Lächeln, das soviel sagt wie: probiers ruhig, wirst schon sehn, dass man da einfach nichts machen kann. Dann das lange Tauziehen, bis mir über das Goethe-Institut in Deutschland ein Kontakt zu einer Österreicherin hier an der Uni in Curitiba vermittelt wird, die einem verzweifelten Landsmann etwas behilflich sein will, es wird ein Kooperationsvertrag zwischen den Unis ausverhandelt, der dann plötzlich „verloren“ geht. Aber weil ich monatelang darum kämpfte, lassen sie mich doch noch herkommen. Dann soll ich kein Visa bekommen, weil irgendein beglaubigtes Dokument in Farbe aus Brasilien fehlt, und irgendwann stehe ich nach 50 Stunden ohne Schlaf am Flughafen in Curitiba und denke mir: Ich habe gerade etwas zusammengebracht, was objektiv gesehen unmöglich sein sollte.

Und heute, nach einem lehrreichen Jahr, sagt mir meine Erfahrung, dass diese objektive Unmöglichkeit nicht existiert, dass ein jedes System, das uns sagt, nein, das geht nicht, aus Menschen besteht, die einem System folgen mögen, weil sie Angst haben, mit ihm zu brechen, aber insgeheim von einer anderen Welt träumen. Ich selbst bin nichts, ein Kieselstein in der Geschichte. Aber ich kann, wenn der Ort und die Zeit dafür reif sind, dadurch, dass ich einen Weg beschreite, andere Menschen, die Angst davor haben, diesen Weg alleine zu gehen, inspirieren, mit mir zu gehen oder ihre eigenen, besonderen Wege einzuschlagen.

Ein Ende – und ein Neuanfang

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Das Österreicher-Dorf hier ist einfach nicht dasselbe…

Nun nähert sich dieser wunderschöne Weg, den ich alleine nie bewältigen hätte können, einer weiteren interessanten Etappe. Ich werde zurückkehren nach Österreich, einem Land, dessen Schönheit und dessen gute Eigenschaften ich nun aus der Ferne schätzen und lieben lernen durfte. Ich werde zurückkehren als der Mensch, der ich vor Beginn dieser Reise war, aber erlöst von vielen der Masken, die ich zu tragen pflegte, die wir wohl alle von Zeit zu Zeit benutzen, aus Angst, andere zu verletzen, aus Angst, selbst verletzt zu werden, aus Angst, anders zu sein, alleine zu sein. Vielleicht werden wir sie nie ganz los, vielleicht erfüllt sie auch einen wichtigen Zweck. Es ist ein Prozess des Herausschälens, des tiefer Grabens, des Befreiens, der vermutlich nie ganz aufhört.

Gut so – so bleibt es spannend.

Niklas

0 Replies to “Raststation”

  1. Lieber Niklas

    Als ich deine Zeilen las, musste ich an ein Zitat von Roger Peyrefitte denken: „Der Gewinn eines langen Aufenthaltes außerhalb unseres Landes liegt vielleicht weniger in dem, was wir über fremde Länder erfahren, sondern in dem, was wir dabei über uns selbst lernen.“

    Ich wünsche dir von Herzen alles Gute auf deinem weiteren Weg,
    Andrea

  2. Nik mein Guter!

    Bald ist’s soweit und wir können uns nach einer gefühlten Ewigkeit endlich mal wieder sehen!!! Ich freue mich schon auf die interessanten Diskussionen mit dir und die vielen kleinen, spannenden Geschichten, die du seit meiner Abreise noch so erlebt hast. Du sollst wissen, dass ich deinen Blog mit sehr viel Aufmerksamkeit und Interesse verfolgt habe und dass der ein oder andere Beitrag es durchaus geschafft hat mich zum Mit- bzw. teilweise auch zum Umdenken zu animieren. Dein Bunterrichten-Konzept scheint also in gewisser Weise aufzgehen;)

    Ich wünsch dir natürlich ebenfalls alles Gute! Komm gut nach Hause und melde dich mal bei mir, hätte große Lust mir das schöne Österreich mal von einem Einheimischen zeigen zu lassen!

    Bis dahin

    Abraços, seu amigo alemão

    P.S.: Liebe Grüße auch an Ramon

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