Am Donnerstag besuchte ich einen Freund in Linz, der ständig den Satz „We have to admit it“ (Wir müssen es anerkennen) benutzt, ohne dass es ihm auffällt. Diesen Satz – in anderen Zusammenhängen – wiederholt zu hören, hat einen Prozess zu einem vorläufigen Abschluss gebracht, der mich seit einigen Wochen beschäftigt: Ich bin die letzten Monate gescheitert. Ich kann mir einreden, dass die Voraussetzungen mangelhaft waren, dass ich nicht alleine dafür verantwortlich war und dass auch sehr viel von dem, was ich getan habe, positive Konsequenzen nach sich gezogen hat, und alles das ist meiner Ansicht nach ebenso wahr. Aber das, was ich erreichen wollte, habe ich nicht erreicht. Ich muss es also anerkennen: Ich bin (zumindest vorläufig) gescheitert.

In den ersten Tagen nach dem Ende der Zusammenarbeit war ich schlicht zu irritiert von dem, was geschehen ist. Ich habe es schlicht nicht verstanden, weil es so gar nicht in meine Weltsicht zu passen schien: dass im Grunde alle Menschen in jeder Situation so handeln, wie sie es für am besten halten. Es erschien mir einige Wochen lang schwer möglich, diese Weltsicht, an der ich ehrlicherweise doch sehr hänge, in Anbetracht des Geschehens aufrecht zu erhalten. Nach vielen Gesprächen, einigen Büchern, Videos, langen Spaziergängen und krankheitsbedingt im Bett verbrachten Tagen und Nächten geht es mir nun wieder besser. Ich habe vor Monaten mal über qualitatives Lernen geschrieben, und wie massive Frusterfahrungen oft die Voraussetzungen sind, dass sich signifikant etwas am Denken und Verhalten von Menschen ändert. Ich bin mit dem gescheitert, woran ich mit ganzem Herzen glaube, nämlich die Etablierung von stützenden Strukturen an einer Schule. Wir müssen es anerkennen, wie mein Freund sagen würde. Aber wenn dieses Scheitern nicht dazu führen soll, dass ich alles hinwerfe, muss ich mich der Frage stellen, woran es lag, und was ich selbst bei einem nächsten Mal anders, besser angehen kann. Hier muss qualitatives Lernen bei mir stattfinden, wenn die letzten Monate ihren Sinn haben sollen. Also will ich es versuchen:

Kapazitätsüberschreitungen

Ich glaube, der massivste Fehler, den ich gemacht habe, war jener der Selbstüberschätzung, verbunden mit der Scham, um Hilfe zu bitten, was gemeinsam eine explosive Mischung darstellt. Ich war den Luxus einer vermutlich außergewöhnlichen freien Schule gewohnt, ein eng zusammenarbeitendes Team um mich zu haben, das den Eingewöhnungsprozess eines neuen Mitarbeiters mitträgt und mitbegleitet. Ich war es gewöhnt, jederzeit mit anderen Mitarbeitern reden zu können. Dass Regeln schriftlich festgelegt sind, so dass man sie jederzeit nachlesen und gemeinsam ändern kann. Dass es regelmäßige Gesprächstermine für alle Mitarbeiter gibt. Dass Konflikte offen und lösungsorientiert angesprochen werden. Gewöhnt und damit verwöhnt von allen möglichen Errungenschaften, die ich wohl fälschlicherweise auch hier als vorhanden oder zumindest als Wunschvorstellung aller angenommen hatte. Ich hatte (wohl utopischerweise) angenommen, dass der Nutzen jener Institutionen und Strukturen völlig offensichtlich sei.

Und, mich illusorisch auf die Zusammenarbeit eines Teams verlassend und nach einigen Wochen auf mich selbst zurückgeworfen, war ich zu stolz, mir einzugestehen, dass meine selbstgestellte Aufgabe so nicht durchführbar war und meine eigenen Kapazitäten massiv überstieg. In meiner Überforderung habe ich übersehen, dass diese Überforderung nicht (nur) an meinen mangelnden Fähigkeiten (schwer einzugestehen, wenn auch sicherlich mit wahr), sondern auch an den strukturellen Schwierigkeiten liegen konnte, die es wohl auch dem besten Lehrer erschwert bis unmöglich gemacht hätten, meine Aufgabe zu erfüllen. Jetzt, Wochen später und mit einer gewissen emotionalen Distanz, fällt es leichter, die persönliche wie die strukturelle Ebene mitzubetrachten. In gewisser Weise hängen beide zusammen: Je weniger hilfreich die Struktur ist, in der ich mich bewege, desto mehr muss ich durch persönliche Fähigkeiten ausgleichen. Damit ergeben sich zwei Ansatzpunkte, etwas zu verbessern, wobei ich nur über einen davon direkte Kontrolle habe.

Sicherheit

Ich war aus formellen Gründen in einer besonderen Anstellungsform angestellt worden, wogegen ich auf den ersten Blick nichts einzuwenden hatte, weil ich mich einfach nur freute, diese Chance zu bekommen. Daraus entstanden jedoch zahlreiche problematische Konsequenzen, vor allem auch jene, dass ich im Gegensatz zu etwa einem Lehrer keinen rechtlich begründeten Rahmen hatte, der im Konfliktfall stützend wirkte und Sicherheit geben konnte. Der stützende Rahmen wurde hauptsächlich von einer engagierten Führungskraft geschaffen und gehalten – was den Rahmen jedoch auch direkt abhängig machte von deren eigenen Kapazitäten. Dies führte dann zu von ihr sicherlich nicht beabsichtigten, aber für mich auf Dauer untragbaren Situationen.

Ich bin ihr heute dankbar für den Versuch, diesen Rahmen überhaupt zu schaffen, weil er sichtbar sehr gut gemeint war. Nur glaube ich (mittlerweile, nach einigem Nachdenken darüber), dass es auf Dauer undurchführbar ist, nur durch persönlichen Einsatz das zu schaffen, was sie versucht hat, egal, wie stark oder gut ein Mensch ist. Es braucht die Strukturen dahinter, die es ihr erleichtern, nicht erschweren, das zu tun, sonst zehrt es zu viel an ihren eigenen Kapazitäten. Was passiert, wenn die eigenen Kapazitäten (mit besten Absichten, was es besonders bedauerlich macht) dauerhaft überschätzt werden, durfte ich in verschiedensten Formen erleben.

In Zukunft würde ich eine Aufgabe wie jene, die ich mir gesetzt habe, nur noch im Rahmen entweder eines Lehrerpostens (der von Vornherein einen rechtlich abgesicherten sicheren Rahmen unabhängig von Einzelpersonen darstellt) oder einer auch offiziell/rechtlich für diese Aufgabe geschaffene Stelle ausführen wollen. Dies nicht von Anfang an „richtig“ eingeführt zu haben, hat sicher dazu beigetragen, dass mein Versuch, sie später, als alles bereits ins Wanken geraten war, nachträglich einzuführen, gescheitert ist. Ich habe dadurch zumindest dazu beigetragen, eine Überforderungs-Situation mit zu erschaffen, die nicht nur mich betroffen hat. Dazu beigetragen hat sicher auch mein teilweise wohl etwas naiver Glauben an das Gute im Menschen.

Die Wahrheit hinter den Fassaden

Mein Bruder hat mir in einem sehr persönlichen Gespräch aufgezeigt, wie illusionär mein Weltbild in manchen Belangen eigentlich ist. Ich halte es immer noch für eine gute Sache, an das Beste im Menschen zu glauben, weil es wohl auch das Beste an ihm fördert, dass er zu geben bereit ist, aber es kann problematisch werden, sich (blind) darauf zu verlassen. Er hat mir die Frage gestellt, ob ich wohl, wäre ich ein Lehrer, der den Job tatsächlich nur wegen dem Urlaub macht und dem seine eigene Familie oder seine Hobbies wichtiger ist als sein Job, das auch laut sagen würde? Und dann ist mir klar geworden, dass wir es hier mit Scham zu tun haben, der „Königin der Emotionen“, wie René Brown schreibt. Es ist nicht sehr angesehen, als Lehrer zu sagen, man mache den Job nur, weil er halt ein gemütlicher Job ist, darum wird es auch selten jemand offen sagen. Und die meisten Sachen, die Lehrer machen, werden zumindest offiziell „zum Wohle der Kinder“ so gemacht, weil das einfach besser klingt als zum Beispiel ein „Ich hatte keine Lust, mich mehr zu bemühen, ich wollte zum See baden fahren“. Das bedeutet aber auch, dass es durchaus realistisch ist, dass das offizielle Bild meiner Kollegen (unabhängig von der spezifischen Schule oder Firma, ich rede hier von strukturellen Fragen) ziemlich von dem abweichen kann, wie sie in konkreten Situationen handeln.

Interessanterweise ist es möglicherweise gar nicht so sehr die Vorstellung, dass nicht alle Lehrer ein ureigenes Interesse daran haben, ihre Schule zu einer großartigen Schule zu machen, die mich irritiert. Ich glaube, ich kann damit umgehen, wenn Kollegen offen sagen, ihnen ist ihre Familie oder ihr Hobby wichtiger. Problematisch wird es für mich vor allem dann, wenn ich mich auf ihre Aussagen verlasse. Dann gehe ich davon aus, dass Kollege die Zusage X zuspricht und es auch tatsächlich so meint, während er möglicherweise nur zugestimmt hat, um nicht schlecht dazustehen oder um einen Konflikt zu vermeiden, und dann in Wahrheit uninteressiert oder sogar tatsächlich dagegen ist. Wenn ich mich nun jedoch auf sein X verlasse und dann sinngemäß ent-täuscht werde, so kann ich relativ rasch ins Strudeln kommen und meine eigenen Zusagen, die sich auf seine Zusage X verlassen, nicht mehr einhalten. Vor allem in einem ohnehin bereits chronisch überlasteten System wie einer Schule kann das zu unschönen Kettenreaktionen führen.

Man könnte jetzt argumentieren, dass das ein sehr individuelles Problem meinerseits ist – nur führt dies systemisch betrachtet im Grunde ganz allgemein zu einem gewissen Misstrauen untereinander. Und wenn ich anderen nicht mehr traue, mich auf sie verlassen zu können, bin ich im rasch auf mich selbst und meine eigene Kapazität zurückgeworfen, anstatt die gestalterische und stützende Macht einer Gemeinschaft für eine gemeinsame Sache nutzbar machen zu können. Vielleicht ist das illusorisch, aber ich glaube, dass es der Lehrergemeinschaft einer Schule mehr Nutzen als Schaden bringt, wenn die einzelnen Mitglieder ihre persönlichen Visionen und Prioritäten in einem geschützten und wertfreien Raum offenlegen können. Dann könnten jene, deren Visionen und Prioritäten sich überlappen, in vertrauensvoller Atmosphäre zusammenarbeiten, und die anderen müssten nicht mehr unnütze Energie verschwenden, ihre hintergründigen Einstellungen zu verbergen. Was einer wie auch immer gearteten konstruktiven Veränderung wohl am meisten im Weg ist, ist die Unfähigkeit oder –Willigkeit, die Realität anzuerkennen. Man kann die schönsten Hebel entwerfen, um die Welt aus den Angeln zu heben, wenn die Vorstellung der Welt auf Illusionen basiert, wird der Hebel nicht greifen können.

Das Problem ist nicht so sehr, dass einzelne Lehrer vielleicht nicht 100%ig geeignet für ihren Beruf seien, wie es manche behaupten. Selbst in Unternehmen stellen jene Menschen (laut meinem Bruder) offensichtlich zumindest eine nicht unbedeutende Minderheit, und trotzdem funktioniert das Ganze so halbwegs. In einer Schule, in der nicht zusammengearbeitet wird, kommen auf jeden einzelnen Lehrer heute jedoch rein strukturell gesehen eine solche Ansammlung von Aufgaben zu, dass das auf Dauer gesehen (!) nicht gutgehen kann. Menschen können – vor allem, wenn sie das Gefühl haben, für eine wichtige Sache einzustehen – eine Zeit lang weit über ihren eigentlichen Kapazitäten arbeiten. Aber irgendwann bricht der erste ein, und die einzige Möglichkeit, dies zu verhindern, ist für mich eine funktionierende klassen-übergreifende Zusammenarbeit, so dass durch die Schaffung von Synergien die Kapazitäten der Lehrer auch effektiv genutzt werden können.

Es ist illusorisch, davon auszugehen, dass ein jeder Lehrer in allen an ihn gestellten Aufgaben brillant ist. Aber es kann durchaus realistisch sein, dass in der Gemeinschaft der Schule jemand ist, der für die jeweilige Aufgabe gut geeignet ist. Reale, funktionierende Arbeitsteilung kann aber nur in einem Team entstehen, das neben den individuellen Teilaufgaben jedes einzelnen die gemeinsame Gesamt-Aufgabe im Blick hat und sich vertrauen kann. Nicht mehr Lehrer oder mehr Unterstützungspersonal können Schulen und Lehrer meiner Ansicht nach „retten“, sondern die effizientere Zusammenarbeit aller. Da verpufft derzeit gefühlte 90% der Energie nutzlos, was mich ziemlich betroffen macht, weil ich es so schade finde, wenn inspirierte Menschen dann irgendwann ausbrennen und resignieren, weil da die unterstützenden Strukturen fehlen. Mal ganz abgesehen vom volkswirtschaftlichen Wahnsinn: kein Unternehmen am freien Markt könnte lange bestehen, das die eingesetzte Arbeitskraft nur zu 10% nutzbar macht.

Holistisches Design

In den Weihnachtsferien habe ich auch eine Biographie von Steve Jobs, dem Mitgründer von Apple, gelesen, und was mich fasziniert hat, war die Einstellung, jedes kleinste Detail durchzudesignen, etwas, wofür ich bisher noch sehr wenig Aufmerksamkeit aufgewendet habe. Während des Lesens ist mir jedoch ein mentales Bild entstanden, in dem ein Verkaufsregal mit mehreren Boxen zu sehen ist. In den Boxen sind meine Ideen als Produkt, und die Boxen sowie die Gestaltung des Regals sind die Art und Weise, wie ich die Ideen präsentiere sowie wie ich selbst als Mensch auf andere wirke. Den Inhalt der Boxen halte ich bereits jetzt für sehr wertvoll, aber die Boxen und das Regal sind noch so uninteressant gestaltet, dass viele potentielle „Kunden“ einfach daran vorübergehen. Wenn ich also will, dass mehr Menschen sich für die Ideen in den Boxen interessieren, muss ich lernen, mich auch um den Rest der „Kauferfahrung“ zu kümmern. Im Grunde werde ich lernen müssen, meine Ideen in minimaler Zeit so zu erklären, dass sie auch jemanden, der ursprünglich eigentlich gar kein Interesse daran hat, faszinieren können. Da bin ich offensichtlich noch nicht.

Als ersten – auch symbolischen – Schritt habe ich mir von meiner Schwester die Haare schneiden lassen. Sie waren eine der „Krücken“, von denen ich hier häufig geschrieben habe – sie haben es mir abgenommen, andere Menschen ansprechen zu müssen, weil ich oft von ihnen auf meine Haare angesprochen wurde. Dadurch habe ich jedoch auch ein Stück weit verlernt, selbst andere Menschen anzusprechen, etwas, was ich nun, um meine Ideen zu verbreiten, (wieder) lernen muss. Ich bin Teil der „Box“, in der meine Ideen und Anliegen stecken.

Vor allem aber passten die Haare nicht mehr in mein Tai-Chi-mitbeeinflusstes Weltbild. Im Tai Chi wird (unter anderem) versucht, mit möglichst wenig Einsatz möglichst viel Wirkung zu erzielen, also möglichst große Hebelkräfte zu identifizieren und zu nutzen. Meine langen Haare waren ein ziemlich großer Hebel, aber teilweise war der Hebel auch einfach unnötig groß und schuf dadurch nicht nur Vorteile. Die Aufgabe, die ich mir gerne für die nächsten Monate stellen würde, ist jene, immer weniger dieser „Krücken“ zu brauchen und mit immer feineren Handlungen immer größere, aber vor allem auch genauere Wirkungen zu erzielen.

Wann „klappt“ es endlich?

Es ist interessant, was passiert, wenn man an dem Punkt kommt, durch seine Frustration und seine Scham über das Scheitern „hindurchgegangen“ zu sein. In einem Buch über lernende Organisationen, das ich gerade lese, spricht der Autor von der kreativen Spannung zwischen Vision und Realität, und dass üblicherweise nach einem frustrierenden Erlebnis die Vision der Realität angepasst wird, um die Spannung nicht mehr fühlen zu müssen. Aber geht man durch das Erlebnis, stellt man möglicherweise fest, dass die Lösung zwar für die angenommene Realität funktioniert hätte, man aber die Realität einfach noch lange nicht genug verstanden hat, damit die entworfenen Hebel auch in sie greifen und etwas bewegen können.

Die schockierendste und auf den ersten Blick unangenehmste Realität ist wohl immer die, wenn man feststellt, dass man etwas an sich selbst wird ändern müssen, um etwas an der von allen Menschen geteilten Realität verändern zu können. Es ist leichter, anderen Personen oder „dem System“ die Schuld zu geben und zu schmollen, aber die ändern sich eben genauso ungern wie man selbst es tut. Wahrscheinlich wären die meisten Menschen gerne irgendwann an dem Punkt angelangt, an dem sie es „geschafft“ haben und nicht mehr ständig durch den Frust, der tiefe Veränderungsprozesse notgedrungen begleitet, kämpfen müssen. Ich ärgere mich jedes Mal wieder, wenn ich feststelle, dass ich „immer noch“ nicht da bin. Rational betrachtet weiß ich, dass es gut ist so, und dass dieser Punkt (hoffentlich) nie erreichbar ist, aber natürlich hilft das nichts gegen den Frust und die Verzweiflung des Scheiterns.

Andererseits könnte man es auch so betrachten, dass ein Scheitern auch ein gutes Zeichen ist: es bedeutet, dass man sich einer Herausforderung gestellt hat, die diesen Namen auch verdient.

Niklas

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