Durch einen Kommentar zu diesem Eintrag beschäftige ich mich gerade etwas näher mit der Arbeit von Marshall Rosenberg über gewaltlose Kommunikation und bin über dieses Video gestossen, in dem er einen interessanten Punkt anspricht: Eine gesellschaftliche Organisation, in der einige wenige über viele andere herrschen (ob jetzt in einer Monarchie, einer Diktatur oder einer Demokratie), wird sich eine bestimmte Art von Sprache entwickeln, die diese Macht-über-Verhältnisse wiederspiegelt.

Er argumentiert, dass unsere Denkweisen über Jahrtausende von Jahren auf diese Macht-über-Sprache trainiert wurde, die ein ich-gegen-dich-, ein wir-gegen-ihr-Denken reproduziert. Es geht dabei darum, im Recht zu sein, indem der eigene Standpunkt verteidigt und der „gegnerische“ Standpunkt angegriffen wird, indem beispielsweise die Verfassung, die Bibel oder der Koran zitiert wird. Dem gegenüber stellt Rosenberg eine bedürfnisorientierte Sprache (und damit Denkweise), die darauf abzielt, die Bedürfnisse beider Gesprächspartner sichtbar zu machen, um dann (gemeinsam) nach für alle Seiten zufriedenstellende Lösungen zu suchen.

In einigen österreichischen Schulen wird nun mittlerweile versucht, den Schülern die gewaltlose Kommunikation nach Rosenberg näher zu bringen, mit Wölfen und Giraffen, eine Entwicklung, die ich für positiv halte. Aber wie Rosenberg in dem obens angeführten Video selbst anmerkt: die Sprache befindet sich im ständigen Dialog zu den historisch gewachsenen Macht-Verhältnissen. Es wird nicht reichen, den Kindern eine andere Sprache, eine andere Denkweise aufzuzeigen, wenn sich ihre Umgebung nicht entsprechend mitverändert und ihre Macht-über-Verhältnisse auflösen kann.

Welche österreichische Schule befindet sich in einem solchen gleichberechtigten Dialog mit ihren Schülern, bemüht sich, ihre eigenen Bedürfnisse transparent zu machen und den Schülern zu helfen, ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen und ebenso transparent zu machen – um dann gemeinsam nach einer Lösung zur Erfüllung all dieser Bedürfnisse zu suchen? Denn ein sich gewählt ausdrückender Wolf bleibt ein Wolf. Einzig eine Transformation des Wolf-Seins selbst, den Grundstrukturen der Schule, wird aus meiner Sicht hier echte Veränderungen bewirken. Alles andere halte ich für Kosmetik.

Niklas

0 Replies to “Schule: die gewaltige Giraffe”

  1. Ich merke anhand deines Kommentars das du dich Rosenberg angenähert hast und in seine Welt eingetaucht bist. Freut mich sehr, bleib dran es ist ein guter Weg. Doris

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.