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Gestern war hier die Hölle los. Während ich versuchte, trotz starkem Husten den für meinen Körper bitter nötigen Schlaf zu bekommen, brannten hier Bushaltestellen, wurden Molotov-Cocktails und selbstgebastelte Brandbomben geworfen, Glasscheiben mit Steinen eingeworfen und alle Wände in Reichweite mit mehr oder (grossteils) weniger intelligenten Sprüchen verziert. Ich war selbst krankheitsbedingt nicht dabei, aber die Protestbewegung hier ist mittlerweile so stark angewachsen, dass mir so gut wie alle meiner Freunde hier traurige Details erzählen können.

Besonders ergreifend ist die Geschichte einer Freundin, die ich erst am Montag bei einem der ersten Proteste kennengelernt habe. Gestern Nacht musste sie beinahe sterben. Nicht etwa, weil Polizisten brutal gegen die Demonstranten vorgingen, nein. Weil sie sich gegen einige gewaltbereite Demonstranten stellte, die eine Flagge verbrennen wollten. Einer von ihnen zerbrach eine Glasflasche und wollte auf sie losgehen, woraufhin zwei ihrer Freunde eingriffen und sie zu schützen versuchten. Das Eintreffen der Polizei und ihr Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen verhinderte vermutlich ein Blutbad unter Demonstranten selbst. Wie konnte diese so friedliche Protestbewegung dermassen ausarten?

Kein Ende in Sicht

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Gestern waren trotz strömenden Regen etwa 15.000 Demonstranten auf den Strassen unterwegs – eine Macht für sich. Diese Menschen fühlen sich von keiner Partei vertreten, und wollen sich auch nicht mehr von einer Partei vertreten lassen. Parteibanner werden von den Demonstranten im Regelfall sofort entfernt, sobald sie sie sehen. Durch die jahrelange Erfahrung, dass eine jede Partei korrupt zu sein scheint, vertrauen sie niemandem mehr.

In São Paulo und Rio wurden die Buspreise bereits wieder auf den ursprünglichen Preis reduziert, aber längst geht es nicht mehr darum. Es scheint (mehr oder weniger bewusst) in Wirklichkeit um die Frage zu gehen, wie politische Entscheidungen anders getroffen werden können. Der repräsentativen Demokratie, wie sie bis jetzt gängige Praxis ist, wird nicht mehr vertraut. Alle Annäherungsversuche von Politikern, den Demonstranten entgegenzukommen, scheinen den Zorn der Massen eher noch zu entzünden. Zuerst heisst es, die Preiserhöhungen sind absolut notwendig, und jetzt geht es doch ohne? Diese Lügner!

Böse Kinder

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Und so haben wir gigantische Menschenmassen (gestern angeblich etwa 2 Millionen, ein Viertel der österreichischen Bevölkerung!) auf den Strassen, die zwar nicht so recht zu wissen scheinen, was sie denn wollen, aber sich einig sind, dass sie Veränderung wollen. Doch es gibt keine so rechten Vorbilder hier, was zu tun sei, um diese Veränderung auch umzusetzen. Es gibt keinen klaren Weg, kein klares Ziel, um die gewaltigen freigesetzten Kräfte zu bündeln und konstruktiv einzusetzen. Und so passiert etwas ähnliches wie bei Kindern, die von aussen Grenzen aufgesetzt werden, ohne einen Weg aufgezeigt zu bekommen, wie sie diese Grenze auf konstruktivem Wege überwinden können.

Die „Erwachsenen“ (Politiker) haben scheinbar auch kein Interesse daran, die Menschen hier diese Grenze überwinden zu lassen. Und ähnlich wie ein rebellisches Kind, das sich gegen diese Grenzen stemmt, weil es spürt, dass es bereits zu gross für diese Begrenzung ist, bäumt sich auch die Menge auf – dann eben mit Gewalt. Doch während kindliche Ausbrüche in der Regel vergleichsweise harmlos verlaufen, haben wir es hier mit zehntausenden (in Curitiba) bis etwa 300.000 Menschen (in Rio de Janeiro) zu tun.

Ich weiss nicht, was hier weiter passieren wird. Was mir die Freundin (siehe oben) in diesem Moment über Facebook erzählt, ist, dass sie Angst hat, alleine vor die Tür zu gehen, dass ihr Gesicht völlig verschwollen ist und sie ihre Augen kaum aufbekommt, weil sie Tränengas mitten ins Gesicht bekommen hat. So kann es nicht weitergehen. Wenn Randalierer unschuldige junge Frauen mit zerbrochenen Glasflaschen den Bauch aufschlitzen wollen, muss die Polizei eingreifen, ganz egal, was dann in den Medien wieder darüber berichtet wird.

Ein herrschendes System zu destabilisieren mag eine gute Sache sein, wenn dieses System in sich gewalttätig ist oder zu grosse Ungerechtigkeiten aufweist. Aber wenn
die Alternative diese Ausbrüche von Gewalt sind, so kann dies nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Und während Politiker fieberhaft nach Antworten suchen, um die Situation so zu deeskalieren, dass sie selbst dabei nicht politisch weg vom Fenster sind, sondern ihre Gegenspieler:

Wer hört eigentlich zu, wen interessiert, welche Fragen hier aufgeworfen werden?

Niklas

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