Im Tao Te King findet sich (neben vielen anderen Weisheiten) eine einzelne Textzeile, die mich stets fasziniert hat, weil sie in so wenigen Worten eine Wahrheit mit weitreichenden Konsequenzen ausdrückt: Sparsamkeit gebiert Großzügigkeit. Oder anders ausgedrückt: Es gibt keine Großzügigkeit ohne Selbstbeschränkung. Aber was soll das alles mit der Liebe zu tun haben?

Über die Jahre hat sich für mich ein grobes Modell herauskristallisiert, was „die Liebe“ eigentlich ist. In einem Wort ausgedrückt würde ich sie wohl am treffendsten mit „Glaubenskraft“ übersetzen – mit einer Art 2. Platz für das Wort „Aufmerksamkeit“, da wir mit unserer Aufmerksamkeit oft bei Menschen sind, die wir lieben.

Das Modell: Eine Ökonomie der Liebe

Ökonomie der Liebe - Modell

In diesem Modell stellen wir uns einen jeden Menschen als eine Art „Zelle“ vor, der sich in einer Art „Ursuppe“ bewegt. Eine jede dieser Zellen hat eine Art Kern und eine Membran, die diesen Kern von der Außenwelt abgrenzt.

Im Kern einer jeder dieser Zellen (eines jeden Menschen) entsteht eine Art nachwachsende Ressource, die wir „Liebe“ nennen können. Bei manchen Menschen wächst sie schneller nach, bei anderen langsamer, manchmal regelmäßig, manchmal unregelmäßig. Und je nach Lebenssituation „verbraucht“ dieser Mensch auch jeweils mehr oder weniger dieser Ressource, um sich einigermaßen wohlzufühlen. Hat er zu wenige „Vorräte“, „hungert“ er nach Liebe.

Weil die Membran dieser „Zelle“ halbdurchlässig ist, ist auch ein Austausch dieser Ressource Liebe möglich. So kann etwa ein Mensch einen Teil seiner Liebe einem anderen Menschen schenken, der diese dann zusätzlich zu seiner eigenen verbrauchen kann. Denn die Liebe ist eine neutrale Ressource, die sowohl für den Eigengebrauch als auch für andere geeignet ist.

Handelsbeziehungen und Energie-Vampire

Ein großer Teil unser zwischenmenschlichen Beziehungen, seien es Freundschaften oder auch romantische Beziehungen, basieren auf einer Art “Handels-Beziehung”. Ein Mensch schenkt einem anderen Liebe/Aufmerksamkeit und erwartet sich in der Folge vom Anderen ein ähnliches Verhalten: „Freunde sind füreinander da, wenn es einem schlecht geht“.

Anders ausgedrückt: wenn meine eigenen Vorräte an Liebe unter ein gewisses Level fallen, erwarte ich mir von einem Freund, dass er mir einen Teil seiner Liebe zukommen lässt. Im Gegenzug kann er sich, sollte er selbst in eine solche Situation kommen, auch auf mich verlassen. Dies wird selten so konkret ausgesprochen, schwingt aber oftmals unterschwellig mit – und sorgt im Krisenfall für große Enttäuschungen, wenn der Freund sich dann plötzlich nicht als „echter Freund, der für einen da ist“ entpuppt.

Ein weiteres verbreitetes Muster ist die Helfer-Beziehung, bei der ein Mensch einem anderen regelmäßig Liebe zukommen lässt, während vom anderen wenig bis nichts zurückkommt. Der nehmende Partner jener Beziehung wird gerne als „Energie-Vampir“ bezeichnet, dem gebenden Partner ein „Helfer-Syndrom“ attestiert.

Ich bezeichne die beiden Grundtypen bewusst als „Partner“, weil sie sich in den meisten Fällen gegenseitig brauchen. Nicht ohne Grund kommt es oft vor, dass ein Mensch, der einen „Energie-Vampir“ losgeworden ist, sich sehr rasch einen weiteren Menschen sucht, mit dem er ähnliche Muster durchspielen kann – und umgekehrt.

Der Schlüssel: Die Kontrolle über die Membran

Bevor wir geboren werden, leben wir in Symbiose mit unserer Mutter, mit entsprechend sehr durchlässiger Membran. Wir sind noch sehr abhängig von der Liebe unserer Eltern usw. Später, in der Pubertät, experimentieren wir unbewusst stärker mit den Möglichkeiten der Membran, uns von der Umgebung abzugrenzen.

Viele von uns haben die erste große Liebe wohl als eine Art „Durchbruch“ diesbezüglich erlebt, eine Art Versuch, erneut eine symbiotische Beziehung einzugehen. Was kaum jemals klappt. Die Verletzung, die aus diesem Scheitern entsteht, wirkt sich bei vielen noch Jahre danach aus.

Die meisten versuchen sich dann an der Kunst, bestimmten mehr oder weniger vordefinierten Beziehungsformen zu entsprechen, sei es eine „klassische Beziehung“, ein One-Night-Stand, eine „offene Beziehung“ und was immer es noch für definierte Modelle geben mag, mit unterschiedlichem Erfolg. In den meisten Fällen schwanken die Versuche irgendwo zwischen größtmöglicher Freiheit und langfristiger Verlässlichkeit – mit Phasen zwischen „Man kann eben nicht alles haben“ und „Das kann es doch nicht gewesen sein“.

Was wir in kaum einer jener vordefinierten Beziehungsformen lernen, ist die bewusste Kontrolle über unsere eigene Membran und die Notwendigkeit des Umgangs mit der begrenzten Ressource Liebe und den möglichen Quellen dieser Ressource. Die Verwirrung und bisweilen auch der Schmerz, die daraus entstehen, sind nachvollziehbar. Aber auch irgendwie traurig und oft unnötig, sobald wir lernen, unsere Membran zu kontrollieren. Üblicherweise (auch aus eigener Erfahrung) geschieht dies in verschiedenen Stufen.

Ein Stufenmodell der Kontrolle über die Membran

In den Stufen 0-2 durchlaufen wir die Prozesse von völliger Symbiose hin zu völliger Abgrenzung bis zum folgenschweren Ereignis der ersten großen Verliebtheit (=erneute völlige Öffnung) und entsprechender Verletzung, die oft zu einer erneuten „Abschottung“ führt. Die Veränderung der „Dichte“ der Membran „passiert“ uns dabei noch und unterliegt kaum unserer bewussten Kontrolle.

Stufe 3 der Kontrolle der Membran wäre dann die Fähigkeit, bewusster „auf“ und „zu“ zu machen, wobei die meisten rasch aus Erfahrung lernen, nur bei ganz bestimmten Menschen „aufzumachen“ und dem Rest der Menschheit verschlossen zu bleiben, um nicht wieder verletzt zu werden. Die „Verletzung“ besteht oftmals darin, gewissermaßen an Liebe „auszulaufen“, ohne dass genügend dieser wertvollen Ressource von außen zurückkommt – gewissermaßen also eine Art „passive Verletzung“.

In dieser Stufe sind Menschen besonders anfällig für „Energie-Vampire“, weil sie noch keine Möglichkeit haben, ihre Liebe zu „dosieren“. Die „Energie-Vampire“ selbst stecken womöglich in einem ähnlichen Entwicklungs-Schritt fest, weil sie nur entweder aufnehmen können oder nicht. Ein Mehr an Liebe des Einen in dieser Beziehung führt damit fast unweigerlich zu einem „Abfließen“ zum Anderen.

Die Stufe 4 der Kontrolle der Membran erlaubt zwischen einem „offen“ und „zu“ auch Zwischentöne und Graustufen, etwa ein „halbdurchlässig“. So kann nun die Dosierung des Austausches besser reguliert werden.

In Stufe 5 kommt zusätzlich eine Ansteuerung von einzelnen Teilen der Membran hinzu. So kann etwa die Verbindung zu dem einen Menschen sehr offen sein, während die Abgrenzung zu einem anderen sehr „dicht“ ist. Mit der Zeit kann dies immer genauer auf die Bedürftigkeit anderer sowie dem eigenen „Vorrat“ an Ressourcen abgestimmt werden.

Mir geht es dabei weniger um eine bestimmte Abfolge jener Stufen. Sondern darum zu zeigen, dass es bestimmte Entwicklungsschritte in der Kontrolle der Membran gibt, die einerseits in der genaueren Ansteuerung bestimmter Teilbereiche und andererseits in der Kontrolle der Durchlässigkeit besteht – und eine immer bewusstere Kontrolle darüber bzw. auch ein Bewusstsein für die Notwendigkeit dieser Fähigkeit.

Die Fähigkeit zur Eigenliebe

Viele Menschen suchen ihr ganzes Leben im Außen nach Liebe – in Partnern, Liebhabern, Freunden, in der Familie, Gruppierungen, Gott/Göttern, der Natur, dem  Universum, wo auch immer. Auf ihrer Suche schenken sie anderen Liebe, in der Hoffnung, doch zumindest ein kleines bisschen zurückzubekommen. Als wäre Liebe erst dadurch etwas wert geworden, wenn sie weitergeschenkt wird.

Womöglich ist der langfristig befriedigendere Zugang jedoch die Erkenntnis, dass in uns allen ein Quell von Liebe ist, eine Art nachwachsende Ressource, die wir auch ohne den Umweg, zuerst andere zu lieben, für uns nutzbar machen können. Es ist die einzige Quelle der Liebe, auf die wir uns 100%ig verlassen können, und die uns von vornherein bedingungslos zur Verfügung steht.

Genährt von dieser inneren Quelle können wir dann den Überschuss bedenkenlos mit unserer Mitwelt und den Menschen, die sich in ihr bewegen, teilen, ohne auf die Notwendigkeit bestehen zu müssen, irgendeine Gegenleistung dafür einfordern zu müssen. Bedingungslos lieben.

Womit sich der Kreis zum eingangs erwähnten Zitat aus dem Tao Te King wieder schließt – ein wenig anders ausgedrückt: Selbstbeschränkung ermöglicht erst echte Großzügigkeit. Die Fähigkeit zur Eigenliebe auszubilden befähigt erst zur nachhaltig selbstlosen Liebe – weil für die eigene Bedürftigkeit verlässlich gesorgt ist.

„Aber führt dies nicht in die Einsamkeit“, mag der eine oder andere richtigerweise einwerfen, „wenn man sich selbst so wichtig nimmt?“. Meine bisherige Erfahrung ist eine gegenteilige: Die Fähigkeit zur bedingungslosen Liebe macht zu einem sehr angenehmen Gegenüber, mit dem die meisten Menschen gerne Zeit verbringen.

Die Fähigkeit zur Eigenliebe schließt auch nicht aus, andere um Liebe und Unterstützung zu bitten. Aber sie führt das Element der Freiwilligkeit ein, sowie die Akzeptanz persönlicher Grenzen. Ich bitte um Hilfe, aber habe Verständnis für die mögliche Beschränktheit der Möglichkeiten des Anderen – immerhin behalte auch ich mir auch selbst ein ähnliches Recht der Hoheit über meine persönlichen Ressourcen vor.

Vermutlich ist sie auch die Voraussetzung für eine langfristig und nachhaltig glückliche Beziehung zwischen Menschen, welche konkrete Form auch immer diese annehmen mag.

Auf jeden Fall aber erscheint mir die Fähigkeit der Kontrolle der Membran zu erlernen ein sehr erstrebenswertes Ziel zu sein. Und mit jedem Fortschritt auf diesem Weg merke ich auch eine Weiterentwicklung in meinen Beziehungen zu meinen Mitmenschen und zu mir selbst.

Viel Freude und schöne Erkenntnisse auch euch beim Experimentieren damit!

Niklas

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