Den meisten Menschen – zumindest jenen, die sich mit Pädagogik beschäftigen – dürften mittlerweile die Begriffe extrinsische und intrinsische Motivation bekannt sein. Als Auffrischung: intrinsische Motivation beschreibt ein Handeln, das aus dem Handeln selbst Befriedigung verschafft (etwa wenn der Einsatz des eigenen Körpers im Training Lustgefühle erzeugt), während extrinsische Motivation (ex = außen) von einem Grund ausgeht, der außerhalb der Handlung selbst liegt (etwa die erhoffte Gewichtsabnahme durch besagtes Training). Intrinsische Motivation ist demnach größtenteils Moment-bezogen, extrinsische auf die Zukunft (ich handle, um etwas zu erreichen oder zu verhindern).

In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass es mindestens noch eine weitere Art der Motivation gibt, die ich in Ermangelung eines mir bekannten Begriffs dafür für mich „symbolische Motivation“ getauft habe.

Ein Versuch einer Definition

Symbolische Motivation ist für mich dort zu finden, wo ein Handeln oder Nicht-Handeln darauf ausgelegt ist, eine bestimmte Struktur oder Ordnung zu beweisen. Es ist damit eine Art Versuch, die Vergangenheit  in der Gegenwart durch Handeln oder Nicht-Handeln zu rekonstruieren. Relativ einfach lässt sich dies wohl am Beispiel eines Kusses verdeutlichen: Ein Kuss zwischen zwei Menschen kann sehr verschieden motiviert sein: Er kann bei einem oder beiden der Küssenden intrinsisch motiviert sein (zu küssen ist angenehm), er kann extrinsisch motiviert sein (z.B. lass uns den Streit vergessen, lass uns – in der Folge – Sex haben, …) oder eben symbolisch (z.B. wir sind in einer Beziehung, deswegen küssen wir uns, uns nicht zu küssen würde unsere Beziehung in Frage stellen).

In der Realität werden sich die verschiedenen Arten der Motivation vermutlich gegenseitig überlappen, und vor allem die Unterscheidung zwischen extrinsischer und symbolischer Motivation erscheint auf den ersten Blick schwierig oder womöglich sogar sinnlos. Der Unterschied liegt – für mich – in der Objektivität oder der Berechenbarkeit der Folgen. Extrinsische Motivation ist – zumindest in vielen Fällen – von allen Beteiligten als solche erkennbar. Symbolische Motivation hingegen baut auf den jeweils subjektiven Prägungen auf, die bei den meisten Menschen unterbewusst wirken. Während extrinsisch motivierte Menschen also zumeist wissen, was sie tun, ist dies bei symbolisch motivierten Menschen vergleichsweise selten der Fall, oder aber sie glauben nur, es zu wissen.

Beispiele aus dem pädagogischen Alltag

Ich habe mich oft darüber gewundert, wie schwer es vielen Lehrern fällt, Schülern beim selbstständigen Arbeiten oder – noch schlimmer – Nichtstun zuzusehen. Durch die Brille der symbolischen Motivation betrachtet bedeutet ein vollkommen selbstständiger, mündiger und un-abhängiger Schüler implizit eine Infragestellung der eigene Rolle als Lehrer. Wenn meine – unbewusste – Rollenvorstellung des Lehrerverhaltens („Ein Lehrer zeigt Verhalten X und niemals Verhalten Y“) plötzlich nicht (mehr) angebracht ist, wer bin ich dann? Einiges im Verhalten eines Lehrers mag intrinsisch motiviert sein (ich erkläre gerne, ich bereite gerne vor, ich freue mich – empathisch – wenn ein Schüler etwas versteht), einiges extrinsisch (ich bekomme Anerkennung der Eltern/Kollegen/Schüler, ich bekomme Geld, …), ein großer Teil aber auch symbolisch (ich unterrichte, weil ich Lehrer bin). Ein bösartiger Gedanke am Rande: warum muss es wohl in jeder Klasse „schlechte Schüler“ geben, die der besonderen Aufmerksamkeit des Lehrers bedürfen? Würde ein durchschnittlicher Lehrer damit zurechtkommen, wenn – wie durch ein Wunder – alle seine Schüler ihn nicht mehr als Lehrer brauchen würden?

Ein weiteres Beispiel aus meiner eigenen Geschichte: bis vor einigen Jahren sahen alle meine Beziehungen stark nach einem massiven Helfer-Syndrom aus. Wobei ich – in meinem Weltbild – natürlich immer der gute Samariter war, der in heroischer Selbstaufopferung alle „rettete“. Ich habe Jahre (und sehr viel konstruktives wie destruktives Feedback) gebraucht, um überhaupt wahrzunehmen was ich da machte (und bisweilen sicher immer noch tue). Mit der Helfer-Rolle habe ich einen gewissen Wert assoziiert, und kämpfe immer noch bisweilen mit der Frage, wie ich mir denn anderweitig meine Existenzberechtigung erklären soll. Nur: mittlerweile bin ich besser darin geworden, diese ungesunden Momente zu erkennen, und ich kann offener darüber sprechen/schreiben.

Die Problematik

Symbolische Motivation an sich ist nichts Schlechtes oder Abnormales, sie ist sogar sehr alltäglich. Die damit verbundene Schwierigkeit ist jene der Interpretation. Aufgrund meiner eigenen Prägungen werde ich mein Handeln und das Anderer anders interpretieren als diese das tun werden. Ein durchschnittlicher Lehrer wird mein augenscheinliches Nichts-Tun in gewissen pädagogischen Situationen vielleicht für unvereinbar mit der Rolle eines Lehrers halten, was ihn zum Schluss führen mag ich sei kein Lehrer oder – problematischer – ein unfähiger Lehrer, wohingegen ich vielleicht genau umgekehrt interpretieren würde. Dasselbe Phänomen existiert in jedweder Beziehung, sei es zu Familienmitgliedern, Freunden oder auch noch intimeren Beziehungen. Ein jeder Mensch trägt einen Rucksack an Prägungen mit sich, und diese Prägungen ordnen bestimmten Handlungen einen bestimmten – subjektiven – symbolischen Charakter zu.

Ein wohl allgemein bekanntes Beispiel beispielsweise ist die Prägung „wenn du in einer Beziehung bist und dich auch zu jemand anderem hingezogen fühlst, kannst du deinen Partner nicht ‚richtig‘ lieben“. Ich kenne unzählige – auch langjährige – Gegenbeispiele, aber noch viel mehr Beispiele, in denen Menschen sich innerlich zerrissen haben, weil sie daran geglaubt haben, dass das so sein muss (bzw. ihr Umfeld terrorisierten, um die – rein statistisch gesehen offensichtlich relativ normale – “Wahrheit” geheim zu halten). Ebenso zahlreiche Beispiele von – auch sexuellen – Handlungen, um dem Partner zu beweisen, dass man ihn liebt, obwohl man sich aus verschiedensten Gründen die nichts mit dem Partner zu tun haben gerade überhaupt nicht danach fühlt. Ausgelöst durch diverse Prägungen wie „wenn mein Partner nicht (mehr) mit mir schlafen will, liebt er mich nicht mehr“.

Im Grunde handelt es sich bei vielen dieser Handlungen um Interpretationen nach den Gesetzen einer Art fiktiven Welt, die dann – eben durch die symbolische Motivation der Handlungen – über die tatsächlichen Bedürfnisse in der realen Welt „gestülpt“ wird. Und aus fiktiven Gesetzmäßigkeiten wird am Ende Realität, weil gleich einem Theaterstück alle Beteiligten motiviert sind, ihre Rollen ein- und aufrechtzuerhalten.

Symbolische Motivation kann dadurch durchaus zu einem Minenfeld werden. Die gute Nachricht ist, dass es im Grunde nur Vorteile haben kann, sich bewusst damit zu befassen. Handeln tun wir nämlich so oder so ständig aufgrund von symbolischer Motivation, aber wenn wir uns dabei ein Stück weit über unsere eigenen Vorstellungen von den Gesetzmäßigkeiten der Welt wundern oder sogar darüber schmunzeln können – umso besser.

Niklas

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