Es war schon seltsam, dieser ewige Kreislauf von Krankheit und Gesundheit. Beinahe wie ein Rhythmus. Konnte man nicht einfach mal länger gesund sein? Ein Jahr lang zum Beispiel? Immerhin gab es noch so viel zu tun, noch so viel zu erledigen. Und jedes Mal, wenn er krank wurde, stapelten sich danach die ToDo-Listen in seinem Kopf, bis sie ihm vorkamen wie gewaltige Berge von Papier, die ihn unter sich begraben würden. Einen, zwei Tage hatte er noch weitergemacht, bis es – wie zu erwarten war – nicht mehr weiterging. Der Rachen fühlte sich an wie mit der Küchenreibe behandelt, die Nase war zu und der Kopf fühlte sich an, als würde er platzen. In einem Anflug von Wut über die Ungerechtigkeit der Welt – war er doch gerade jetzt so beschäftigt wie lange nicht mehr – hatte er noch versucht, die Arbeit für die nächsten Tage in einer nächtlichen Sitzung durchzudrücken, aber natürlich war es Unsinn gewesen. Nun, am nächsten Morgen, fühlte er sich völlig fertig. Und auch ein wenig dämlich, es nach all den Jahren immer noch nicht gelernt zu haben.

Der eingeschränkte Bewegungsradius zwang ihn, sich nicht allzu weit von seiner Wohnung zu entfernen. Ein Ausflug zum Supermarkt, das Abgeben eines Briefes und die folgende Verschlimmerung der Halsschmerzen hatten ihn gelehrt, weitere Abenteuer auf eine unbestimmte Zukunft zu verschieben. Aber was tun mit der verfluchten Zeit in diesem Zustand? Eine Weile versuchte er zu schreiben, bis er mit pochenden Kopfschmerzen aufhörte. Dann versuchte er die neuesten Nachrichten über das Internet zu lesen, was ihn ebenso anstrengte. Um sich abzulenken, spielte er PC, bis es draußen schon längst dunkel geworden war. Erst nach Mitternacht merkte er, wie verspannt er dadurch noch zusätzlich geworden war. Es war eine Möglichkeit gewesen, die Aufmerksamkeit von seinem Zustand abzulenken, nicht aber, ihn zu verbessern. Sich schlussendlich doch ins Bett legend, schlief er endlich ein.

Morgens fühlte er sich völlig gerädert. Weiter stapelten sich Arbeiten in seiner mentalen ToDo-Liste, immer schlimmer wurde der Druck, endlich ins Arbeiten zu kommen. Wie sollte er das jemals wieder nachholen? Er setzte sich an den PC, schrieb einige Zeilen. In zwei Wochen war Deadline für einen Text. Morgen jene für einen weiteren. Für die nächste Woche waren einige wichtige Fragen durchzudenken, die seine Arbeit für die nächsten Monate beeinflussen würden. Jetzt schlappzumachen, würde langfristige Konsequenzen haben. Nach einigen Stunden schaltete er den Computer aus und schrieb mit der Hand weiter. Das ging besser, war weniger anstrengend. Abtippen konnte er das geschriebene später, wenn er wieder gesund war.

Nach drei Tagen, in denen er die Wohnung kaum verlassen hatte, wurden ihm die üblichen Gewohnheiten zu langweilig. Zum ersten Mal, seit er hier eingezogen war, begann er, sich ernsthaft Gedanken darüber zu machen, was man eigentlich in ihr noch tun könnte. Üblicherweise sorgte er sich ja eher darüber, ob eine Wohnung es möglich machte, seine gewohnten Rituale ungestört durchzuführen. Nun kam ihm die Idee, die Frage einmal umzudrehen. Wenn man davon ausging, es akzeptierte, dass er den ganzen Tag nicht wirklich rauskommen würde – was war denn mit dem, was hier war, möglich?

Die erste Idee, die ihm einfiel, war, selbst Brot zu backen. Das gekaufte ging zuneige, und er hatte von Freunden gehört, dass es nicht weiter schwer sei. Also setzte er über Nacht Sauerteig an und versuchte sich darin. Das Ergebnis sah nicht sonderlich professionell aus, schmeckte aber vorzüglich. Als nächstes nahm er ein heißes Bad. Rein rational hatte er schon beim Einzug verstanden, dass die Möglichkeit dazu existierte. Aber wann war schon die Zeit dazu, bei all der Arbeit? Mit einem Buch in der Wanne liegend, genoss er die heißen Dämpfe und das Gefühl, im Wasser zu schweben. Aber war es nicht Wasserverschwendung? Nun, er war krank. Da durfte man das. Eigentlich schade, dass so etwas Schönes wie Baden nur bei Krankheit wirklich gerechtfertigt war. Das würde sich wohl auch schön anfühlen, wenn man einfach nur wieder einmal zu viel gearbeitet hatte, ohne sich auszuruhen, und über seine Grenzen gegangen war.

Und dann war ihm, als wäre ein Schleier von seinen Augen gefallen, und er sah. Sah, dass Krankheit nichts Anderes als die Notbremse seines Körpers war, ihm wichtige Grenzen aufzuzeigen. Dass er offensichtlich auch als Erwachsener noch zu blind war, diese Grenzen rechtzeitig vorher wahrzunehmen, und dass Krankheit für den Körper nichts anders war als die natürliche Konsequenz, die ein Erwachsener ein Kind spüren lässt, in der Hoffnung, irgendwann Lernprozesse anzuregen. Doch wie konnte er sich darin üben? Was war zu tun? Wer konnte ihn lehren? Diese Kompetenz hatte sich in keinem Lehrplan der Schulen, die er besucht hatte, gefunden, obwohl sie doch für eine Gesellschaft essentiell sein musste.

Nach längerem Suchen entdeckte er sie doch – in den Anweisungen aller großen heiligen Bücher. Regelmäßiges Meditieren. Regelmäßiges Beten. Regelmäßiges Bei-sich-Sein also. Sei es jeden Samstag, jeden Sonntag, immer vor dem Schlafengehen, fünf Mal am Tag oder einmal im Jahr. Es ging ums Loslassen können, um das regelmäßige Sich-Sammeln, bevor es wieder an der Zeit war, zu geben. Über Jahrtausende hatte die Gesellschaft über die Religionen dafür gesorgt, dass ihre Mitglieder dieses Grundprinzip niemals vergaßen. Nun herrschte Konsens, dass der Samstag ein Einkaufstag sein sollte, und auch der Sonntag war keineswegs mehr der Tag des Herrn allein.

Er tat sich schwer mit dem Glauben an einen allmächtigen Gott, zu groß waren die Zweifel an den zu oft verdrehten und für die jeweils eigenen Motive genutzten Interpretationen. Aber nun musste er lächelnd feststellen, dass es gar nicht darum ging, sich zu einem Gott hinzuwenden, sondern darum, sich verlässlich regelmäßig von allem anderen abwenden zu können, um sich wieder selbst wahrzunehmen. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben, sprach der eine Gott damals, und heilige den Sabbat, an dem sollst du mir gedenken. Nicht dem Geld. Nicht der Arbeit. Nichts außer ihm. Und, für denjenigen, der Gott in Frage stellte: Nichts außer nichts. Einmal die Woche an nichts denken. Damit die Fülle des Lebens wieder Platz finden konnte.

Das war es also, was der Körper ihm sagen wollte, wenn er sagte: Halt! Halte ein, komm zur Ruhe, sammle dich! Wie ein guter Freund nahm sein Körper ihn, den Unerfahrenen, Ungestümen an der Hand, um ihn zur Weisheit zu führen. Und nun, nach Tagen des dagegen Ankämpfens, erinnerte er sich endlich wieder, dass es am Ende doch noch jedes Mal so gewesen war. Er war schon ein ziemlich uneinsichtiges, schwer erziehbares Kind für seinen Körper.

„Was siehst du dort oben?“, hatte sie ihn gefragt, mit ihren tiefblauen Augen erwartungsvoll zu ihm aufschauend, in freudiger Erwartung dessen, was er ihr aus der Höhe herunterholen würde. Sie, das kleine Mädchen, die mit ihren süßen kleinen Händchen an seiner Hose zog. Dieses Leuchten nicht verblassen lassen! Den Moment nie vergehen lassen! Sein Blick richtete sich erneut auf die Tiefen der Baumkrone über ihn. Was es wohl dort oben noch zu finden geben würde? Er streckte sich ein weiteres Mal, um ihr eine Frucht herunterzureichen.
„Schau, Liebes, das ist gutes Geld. Davon kann man sich viele schöne Dinge kaufen.“
„Ist das wertvoll, Papa?“
„Sehr, Liebes. Lass mich sehen, was sich hier oben noch finden lässt!“
Ein letzter Blick in diese Augen, die ihn immer noch erwartungsvoll anblickten. Ein weiterer in jene der Frau, mehr aus Pflichtbewusstsein denn aus Interesse, wusste er doch, was ihn erwarten würde. Dieselben Augen, und doch so hoffnungslos verblasst, so ewiglich ergraut. Nie, nie würde er zulassen, dass auch ihre Augen ihr Blau verlieren würden! Nur weiter in die Krone vordringen. Die Lösung war irgendwo zwischen den Schatten hier oben zu finden.

„Was siehst du dort oben?“, fragte sie ihn, mit ihren tiefblauen Augen, in denen er zunehmend Angst hatte, sich zu verlieren. Sie reichte ihm nun beinahe schon bis zur Brust. Wie die Zeit verging! Doch auch er war gewachsen, fand sich nun immer besser in der Krone zurecht. Er pflückte ihr ein größeres Bündel.
„Schau, Liebes, das ist gutes Geld. Frisch für dich vom Baum der Schöpfung gepflückt.“
„Danke, Papa.“
„Freust du dich nicht?“
„Sicher, Papa. Davon kann man sich ja viele schöne Dinge kaufen.“
„Bist ein gutes Mädchen. Bis bald mal! Ich glaube, ich sehe da hinten noch mehr!“
Irgendwo im Dunkel der Krone leuchtete etwas. Ganz weit hinten. Das musste ein wahrer Schatz sein! Mit seiner ganzen Kraft streckte er sich danach aus. Es reichte nicht. Noch ein kleines Stück! Da würden sie sich aber freuen, die beiden!

Ein scharfer Schmerz durchzog seinen unteren Rücken. Impulsiv streckte er die Hand nach dem leuchtenden Etwas in der Ferne aus, um sich vor einem unangenehmen Fall zu retten, und tatsächlich erwischte er es. In seiner Freude bemerkte er erst spät, dass seine Füße frei über dem Boden baumeln mussten. Sehen konnte er das nicht, dazu war es zu Dunkel in der Krone des Baumes. Vorsichtig kletterte er zurück, so gut es sein Rücken erlaubte. Warum hatten ihn die Frauen nicht gehalten, als er das Gleichgewicht verloren hatte?
Verblüfft stellte er fest, dass die Frau fort war. Wo war sie wohl hingekommen? Mit schmerzverzerrtem Gesicht kletterte er den Stamm hinab. Und wo war sie? Den Schatz in seinen Händen am Stamm ablegend, sah er sich um, und erblickte sie ein Stück weiter unter einem anderen Baum.
„Liebes, was machst du denn dort drüben, so weit fort von mir?“
„Den Schatten genießen.“, antwortete sie nur, desinteressiert.
„Willst du nicht lieber zurück zu mir kommen? Ich habe einen riesigen Schatz entdeckt! Ich kann dir etwas davon abgeben-“
Dann erst erkannte er, dass ihr Beutel randvoll mit Geld gefüllt war.
„Willst du etwa den ganzen Schatz haben? Aber so komm mich doch besuchen…“, stammelte er, beschämt über sich selbst, und der Schmerz in seinem Rücken wanderte durch seinen ganzen Körper, bis tief in sein Herz, „da gibt’s doch noch mehr, was ich für dich finden könnte… so viel mehr Geld…“
Sie zeigte ihm den Inhalt des Beutels. „Ich brauche nicht mehr. Ich habe genug davon.“
Er stolperte, schlug hart auf, musste zu ihr hochblicken, obwohl er doch immer größer gewesen war als sie. Was siehst du dort oben?, dachte er, sich erinnernd. Das hatte auch sie immer gefragt. Und jedes Mal bekommen, was sie wollte. Oder hatte sie das wirklich?

Und dann zerriss der Schleier, der so viele Jahre seinen Blick für das Wesentliche verdeckt hatte, endgültig. Was siehst du dort oben, hatte sie ihn gefragt. Seine Sicht der Dinge hatte sie wissen wollen. Seine Liebe geschenkt bekommen. Und mit den Jahren gelernt, dass all das von ihm einfach nicht mehr zu haben war. Keine Zeit. Muss Geld suchen. Für euch. Immer noch mehr Geld. Ihr seid ja auch wirklich unersättlich. Warum hatten sie nie etwas gesagt?
„Ich sehe dich“, sagten ihre stillen Augen.
„Ich sehe dich“, sagten ihre Lippen.
„Ich sehe dich“, sagte ihr offenes Herz, und ihm wurde klar, dass sie alle eine Wahrheit aussprachen, die ihn ängstigte. Sahen sie das längst gebrochene Rückgrat, die Scham, das Gefühl der Wertlosigkeit nicht, das ihn erfüllte? Und dann sprach sie es aus. Sprach Worte, die ihn erschütterten wie Hammerschläge.
„Ich wollte dich lieben, Vater. Wollte wissen, was du siehst, was du in mir siehst, und ob da oben in deinen Augen auch Liebe für mich ist. Aber alles, was ich bekommen habe, war immer noch mehr Geld. Dich gibt es nur ein einziges Mal auf der Welt! So unglaublich wertvoll! Un-ersetzlich! Nicht mit Geld. Auch nicht mit mehr Geld. Und es tut so verdammt weh, dass du das nicht verstehn willst. Dass du dich nie fragst, was ich da unten in dir sehe, für dich spüre.“
„Du bist ziemlich gewachsen, Liebes.. was siehst du dort oben?“
„Eine Hand, die dich einlädt“, sagte sie, ihm ihre Hand reichend. „Ein Herz, das dich liebt, auch wenn du am Boden liegst. Wenn du es nur zulassen könntest…“

Aber in ihrem Inneren wusste sie, dass Jahrzehnte des Nebels einen undurchdringlichen Film auf seinen Augen, Jahrzehnte der Lieblosigkeit und Unaufmerksamkeit eine mächtige Mauer um sein Herz gebaut hatten.
“Ich sehe dich, sehe tief, so unglaublich tief in dich hinein. Ich sehe deinen Schmerz”, sagte sie, und heiße Tränen des Mitgefühls rannen über ihr Gesicht. Tränen, die er nicht sehen wollte, sehen konnte. Kurz die Augen schließen, die aufkommenden Gefühle wegdrückend, wie er es gewohnt war, und er hatte sich wieder gefasst. Er war gestolpert, weiter nichts. Aurappeln. Weitermachen. Ganz einfach.
Doch das Stechen an der Basis, in seinem Herzen wollte nicht nachlassen. Was war nur los mit ihm?
Ihre stillen Augen waren Antwort genug:
Die spürbaren Konsequenzen eines zu lange unbehandelten Herzfehlers.

Ein schöner Baum war es gewesen, der ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Die Farbe seiner Blätter war trotz oder gerade wegen der prallen Sonne der letzten Wochen bereits leicht in ein herbstliches Gelb übergegangen. Und die Rinde war auch faszinierend gewesen. Einige Schritte weiter stellte sie fest, dass sie gar nicht wusste, was sie gesehen hatte, nur wusste, was sie gerade nicht gesehen hatte. Den Mann mit dem leicht ergrauten Bart auf seiner alten, durchlöcherten Decke, den sie schon von einiger Entfernung bemerkt hatte und großräumig umgehen wollte. Aber er saß zu nahe am Eingang des Arztes, bei dem sie einen Termin hatte. Es wäre lächerlich gewesen, den Häuserblock zu umrunden, nur um ihm nicht in die Augen schauen zu müssen. Vielleicht würde er sie gar nicht bemerken.

Doch natürlich hatte er sie bemerkt, wohl ihre Unsicherheit gespürt, sie mit seinen unergründlichen Augen angeblickt. Als war er über die Jahre trainiert darin geworden, die innere Schwäche der Passanten aus ihren Bewegungen, ihren Blicken herauszulesen. Für einen Moment hatte sie sich schuldig gefühlt, als sie in diese Augen blickte, und dann den rettenden Baum entdeckt. Ein wahrlich schöner Anblick. Nein, sie war seinem Blick nicht ausgewichen. Sie hatte einen Baum bewundert. Aber nun musste sie zum Arzt. Schließlich hatte sie einen Termin. Und wer einen Termin hatte, konnte eben keine Zeit erübrigen. Das war verständlich. Weder für Bäume noch für Augen, die Fragen aufwarfen.

Der Arztbesuch verlief ohne große Überraschungen. Alles in Ordnung. Nur eine grenzwertige Untersensibilität der Haut war festgestellt worden. Aber das war wohl normal in ihrem Alter. „Eine typische Gesellschaftskrankheit“, hatte der Arzt gemeint, „Aber solange Sie noch was fühlen können, ist es noch in Ordnung.“ Dann hatte er ihr einen kleinen Stich mit einer Nadel versetzt, und es hatte wehgetan. Sogar ein kleines bisschen geblutet. Alles in Ordnung, alle Werte noch gut intakt.

Als sie sich ankleidete, hielt sie inne. Vielleicht war es schlau, noch eine der Zeitungen zu lesen, die im Wartezimmer lagen. Irgendwann würde es dem Mann vor der Tür wohl zu blöd werden, vor einer Arztpraxis zu sitzen und Menschen zu verwirren. Wenn er Geld haben wollte, war das nicht der intelligenteste Ort, es zu bekommen. Am Bahnhof vielleicht, vor einem Supermarkt, oder einem Marktplatz. Aber vor einer Arztpraxis? Irgendetwas war doch nicht ganz normal mit dem Typen. Nachdem sie zwei weitere Magazine gelesen hatte, warf sie einen Blick aus dem Fenster. Er war immer noch da.

„Sie sind ja immer noch da!“, rief der Arzt erstaunt aus, als er die Tür zu seiner Praxis öffnete, „Ich muss Sie nun leider rauswerfen, ich habe Feierabend“. Nervös warf sie einen Blick aus dem Fenster. Der Mann saß immer noch da. Selbstzufrieden. Schien auf sie zu warten. Niemand sprach er an, niemand schien von ihm Notiz zu nehmen. Warum hatte er ausgerechnet sie angeblickt? „Wollen Sie etwa hier übernachten?“, scherzte der Arzt, sie prüfend ansehend. „Nein, natürlich nicht, ich habe nur…“, stammelte sie, sich mühsam zusammenreißend. „Kommen Sie doch noch einmal in meinen Praxis“, meinte der Arzt.

„Was ich Ihnen vorher erklärt habe, war eine Metapher. Verstehen Sie?“
„Eine Metapher?“
„Das mit der grenzwertigen Untersensibilität. Ihre Haut ist völlig normal. Psychologisch aber versuchen Sie, sich eine „dicke Haut“ zuzulegen. Die entsprechend unsensibel ist.“
„Sind Sie nun auch noch Psychologe oder was?“
„Nein, aber ich bin nicht blind.“
„Warum sollte ich das tun? Mir ihre „dicke Haut“ zulegen, wie Sie meinen?“
„Sie haben Angst vor ihm, oder?“
„Angst vor wem?“
„Dem Mann vor der Tür. Sie warten seit drei Stunden in meinem Wartezimmer. Nach der Behandlung. Nach dem Termin.
„Sie haben interessante Zeitschriften.“
„So interessant, dass Sie sie gleich zwei Mal lesen wollen?“
„Was wollen Sie von mir?“
„Ich will die Wahrheit herausfinden.“
„Welche Wahrheit?“
„Warum Sie Angst haben vor einem Mann, der nichts tut, als Sie anzusehen.“
„Weil er etwas von mir will. Geld wahrscheinlich.“
„Hat er Sie um etwas gebeten?“
„Nein, aber ich habe ihm ja auch die Chance dazu nicht gegeben. Sonst hätte er es sicher getan.“
„Und wenn ich Ihnen sage, dass der Mann ein Freund von mir ist, den ich gebeten habe, für ein soziales Experiment vor meiner Praxis zu sitzen und nichts zu tun, als Menschen liebevoll anzublicken?“
„Was hätten Sie davon?“
„Ich wollte wissen, was es mit Menschen macht, wenn Sie unerwartet bedingungsloser Liebe begegnen. Offensichtlich macht es Angst. Ihre ‚Untersensibilität‘, die ich ihnen diagnostiziert habe, ist Ihre meiner Ansicht nach nur wenig ausgeprägte Fähigkeit, diese Liebe wahrzunehmen. Und ihre ‚intakten Werte‘, die ich ihnen bescheinigt habt, die Festigkeit der Strukturen, die sie daran hindern, etwas daran zu verändern.“
„Sie sprachen so, als sei ich im Grunde genommen gesund.“
„Aus unserer gesellschaftlichen Ebene betrachtet sind Sie das auch. Aber fühlen Sie sich auch tatsächlich wohl?“
„Meistens, ja. Wenn ich nicht ständig solchen Menschen wie dem Mann da draußen ausgesetzt bin, die einen so komisch ansehen, als wollten sie etwas von mir. Da gibt es ja gefühlt immer mehr davon.“
„Sie würden von denen gerne in Ruhe gelassen werden?“
„Ja, die machen mir Angst.“
„Es sind stets die Unberührbaren einer Gesellschaft, die uns zeigen, wie unberührbar ihre Mitglieder selbst geworden sind. Nicht sie, die noch Kontakt mit uns aufnehmen wollen, sind die Unberührbaren, sondern wir.“
„Warum habe ich Angst vor denen?“
„Weil es Menschen sind, die verstehen. Die Ihnen einen Teil von Ihnen wiederspiegeln, den Sie gerne vergessen würden. Vielleicht eine Erinnerung aus ihrer Kindheit. Vielleicht eine unterdrückte und längst überdeckte Angst. Vielleicht das, was man gemeinhin ‚Mitgefühl‘ nennt.“
„Jetzt habe ich Angst vor mir selbst.“
„Vor dem, was in ihnen stecken könnte, ja. Dem in Ihnen, was sie selbst berühren, in Bewegung bringen, verändern könnte, ja. Deswegen hilft Ihnen ihre „dicke Haut“ auch nicht wirklich weiter, verlagert das Problem nur scheinbar nach außen. Sie umschließt nur das, was Ihnen wirklich Angst macht, macht es unzugänglicher, aber es ist immer noch da.“
„Ich muss jetzt wirklich gehen.“
„Natürlich“, lächelte der Arzt, mit diesem Blick, der sie nervös machte, „dann gehen Sie. Auf Wiedersehen!“
Eiligen Schrittes verließ sie die Arztpraxis. Der Mann war fort. Hatte er je existiert? Das Gespräch mit dem Arzt kam ihr nun seltsam irreal vor. Was hatte er gesagt? Dass die Angst, die man vor anderen fühlte, nur die Angst vor dem eigenen Inneren sein sollte? Das klang irgendwie seltsam, unlogisch. War sie im Wartesaal eingeschlafen, hatte alles nur geträumt, inspiriert von den weisen Gedanken in den Magazinen?

Doch dann sah sie eine junge Frau, die mitten auf der Straße tanzte, während ein junger Mann ihr mit einer Holzkiste den Rhythmus vorgab. Eine kleine Menge Schaulustiger hatte sich gebildet, und auch sie fühlte sich von der Musik angezogen, bewegt. Straßenkünstler. Sie würden Geld von ihr wollen. Aber aus unerfindlichen Gründen war es ihr gerade egal. Sie wollte tanzen, ihre Hüften schwingen. Aber mitten auf der Straße? Vor so vielen Leuten? Mit einem Mal, machtvoll, kehrte die Angst zurück. Sie konnte doch nicht einfach dort hingehen und mittanzen. Das war ja lächerlich! Und sie war ja auch gar keine so gute Tänzerin. Die Leute würden lachen. Oder die Künstler von ihr genervt sein. Eine machtvolle Woge der Unsicherheit überschwemmte sie, ließ sie innehalten, den Sog der Musik in ihr unterbinden, sie zur stillen Beobachterin werden. Diese Menschen waren anders. Waren frei. Das war nicht ihr Leben. Konnte nicht ihr Leben sein. Die tanzende Frau schien ihre Unsicherheit zu spüren, lächelte sie an, tanzte auf sie zu, streckte die Hand in einer einladenden Geste zu ihr aus. Es erschien plötzlich so möglich. Es erschien unlogisch, undenkbar – aber doch möglich.

Doch schon einen Augenblick später hatte sie sich wieder unter Kontrolle, wusste um ihren Platz im Leben, jene Rollen, die ihr zugewiesen waren und jene, die ihr verwehrt bleiben würden. Sie würde nicht tanzen. Das passte auch gar nicht zu ihr. Würde die Musik und ihre Macht in sich verstummen lassen, dem Pärchen einen Blick zuwerfen, der eine adäquate Mischung aus Respekt und Herablassung vermuten ließ, und dann geruhsam die Straße entlangschlendern, wie alle anderen auch. Alles gut. Nur weitergehen.

Nur dieser letzte, wissende Blick der Tänzerin, den sie noch aufgefangen hatte, verwirrte sie. Da war etwas von Freude in ihrem Blick, von Verbundenheit mit der Musik. Aber auch von Mitgefühl. Dieses Pärchen, abseits ihrer Show mit Sicherheit total unglücklich mit ihrem verkorksten Leben und ihrer Situation, durfte kein Mitgefühl für sie empfinden. Das war nicht richtig so. War irgendwie verkehrt. Sich noch einmal umdrehend, bemerkte sie, dass die Tänzerin ihr immer noch nachblickte, mit diesem scheußlich zärtlichen Blick, der ihr den Magen umdrehte. Es sind stets die Unberührbaren einer Gesellschaft, die uns zeigen, wie unberührbar ihre Mitglieder selbst geworden sind, hatte der Arzt gesagt. Und für einen Moment wurde ihr bewusst, wie unwohl sie sich in ihrem Körper fühlte, den sie in all den Jahrzehnten doch noch nie wahrhaft kennengelernt hatte. Wie gern sie sich im Takt der Musik bewegt hätte, aber einfach nicht wusste, wie. Die Erkenntnis schmerzte. Berührte. Musste aufhören. Und hörte einen Augenblick später auch auf, als ihre inneren Mechanismen sich um den Rest kümmerten.

Und in der Illusion der Zufriedenheit, in der sie sich am wohlsten fühlte, eine Melodie pfeifend, schlenderte die Unberührbare weiter die Straße entlang. Alles gut. Die Werte waren noch im Rahmen.

„Wenn ich schwanger bin, höre ich sofort auf damit“, hatte sie immer gesagt, wenn sie auf die Gefahren für das heranwachsende Kind angesprochen worden war, und den Fragesteller angelächelt. Natürlich wusste sie, dass es schlecht für das Kind sei, und natürlich wäre sie verantwortungsvoll genug, dem neuen Leben in ihr die beste Entwicklungsumgebung zu bereiten, die ihr möglich war. Aber bis dahin war es ja kein Verbrechen, sich hin und wieder eine Auszeit zu gönnen. Es war so einfach – wenn man keine Lust mehr hatte, mit dem weiterzumachen, was man gerne tat, machte man einfach eine Rauchpause. „Die Sucht ruft“ würde man den anderen mit einem verschmitzten Lächeln erklären, und einfach gehen. „Ich rauch mal eine“ dem Gesprächspartner erklären, wenn man keine Lust mehr auf dessen langweilige Monologe hatte. Einatmen, sich spüren, ausatmen, alles rauslassen. So einfach und simpel.

Hatte man gerade keine Kippen bei der Hand, war es beinahe noch besser. Überall liefen ja Menschen umher, die man nach Zigaretten fragen konnte, oder nach Feuer, und niemand kuckte einen schief an, wenn man einen völlig Fremden dafür ansprach. Für einen Moment wurde der Abstand zwischen Unbekannten, das Unbekannte selbst, überbrückt durch die gemeinsame Realität des Rauches. Dann ging man wieder seiner Wege, wenn sich der Andere als Langweiler herausstellte, oder quasselte noch eine Weile weiter mit dem neuen Bekannten. So simpel.

Gestern jedoch hatte es nicht so recht geklappt. Ihr Tabak war ausgegangen, und als sie einige Leute angesprochen hatte, ob sie ihr nicht eine Kippe geben könnten, hatten diese sie nur abschätzend angesehen und gemeint, sie rauchten nicht und würden es auch nicht unterstützen wollen. Nach dem dritten Mal war es ihr zu blöd geworden, schief angesehen zu werden, und gab es auf. Aber ohne eine Kippe Rauchpause zu machen war auch seltsam, da würden die Kollegen schon ein wenig schief kucken und sie für faul halten. Also war sie den ganzen Tag im Büro geblieben und hatte weitergearbeitet. Nach einer Weile hatte sie sich ziemlich unwohl gefühlt, aber da war wohl nichts zu machen.

Heute war ihr dann klar geworden, warum niemand gestern so sozial gewesen war, ihr Tabak zu geben: im Büro war allgemeines Rauchverbot vorgeschrieben worden, und ihre Kollegen wollten sich wohl daran halten. Überrascht stellte sie jedoch nun fest, dass ein junger Mitarbeiter trotzdem an dem Ort stand, wo sie sich sonst immer zum Rauchen getroffen hatten. Rauchte er etwa heimlich? Sie beschloss, runterzugehen und ihn anzusprechen. Vielleicht hatte er ja auch für sie genug dabei.

Unten angekommen musste sie jedoch feststellen, dass der Kollege die Frechheit besessen hatte, einfach so eine Pause zu machen. „Weil ich eine Pause gebraucht habe“, meinte er nur achselzuckend, als wäre es das normalste der Welt, einfach Pause zu machen, wenn man eine brauchte. Das war doch irgendwie kindisch. Er musste ihren Blick bemerkt haben, oder vielleicht hatte sie ihren letzten Gedanken laut ausgesprochen? „Ist es nicht viel kindischer, eine Zigarette als Vorwand zu benutzen, um eine Pause machen zu dürfen, anstatt zu seinen Bedürfnissen zu stehen?“, meinte er, leicht verächtlich, „Ist es nicht erwachsener, sich um sein eigenes inneres Kind zu kümmern?“

Und dann stellte sie sich die Frage, warum sie sich einredete, dass sie mit dem Rauchen aufhören würde, um ein in ihr heranwachsendes Kind zu schützen, aber nicht bereit war, dem schon seit ihrer Geburt in ihr wohnenden inneren Kind dieselbe Fürsorge zu gewähren. Warum sie nicht bereit war, sich selbst genug zu lieben, um liebevoll für sich und ihren Körper zu sorgen. Und warum sie sich ohne Zigarette schuldig fühlte, hier und jetzt mit diesem Mann ein Gespräch zu führen, obwohl sie doch seit drei Stunden ununterbrochen gearbeitet hatte und ihr einige Minuten Pause auch rechtlich durchaus zugestanden wurden.

Warum brauche ich eine Entschuldigung dafür?, dachte sie, und dann, erschrocken über die Klarheit ihrer Gedanken: Wer erlaubt mir, zu leben, wie ich es für richtig halte? Und warum kann ich mir diese Erlaubnis nicht einfach selbst geben? Sie atmete tief ein, spürte die frische Luft in ihren Lungen, und atmete aus. So einfach. So simpel. So frei.

#66 Für das Kind in mir als .pdf downloaden

Es gibt Menschen, die wollen ganz viel im Leben erreichen. Wollen Geld, Autos, Wohnungen, Häuser, andere Menschen. Setzen sich ganz viele Ziele. Zum Beispiel mehr Gehalt. Ein Haus im Grünen. Eine schöne neue Frau. Dass es den Tieren besser geht. Eine bessere Welt. Oder das Ende der Welt, und dann wollen sie daraus irgendwie eine neue und bessere bauen. Und dann gibt es noch die Menschen, die –

Hmm. Vielleicht gibt es auch nur die eine Sorte an Menschen, oder besser gesagt einfach nur Menschen. Vielleicht sind wir ja einfach so. Vielleicht sind wir so geboren, oder werden alle irgendwann so. Dass wir im Leben Ergebnisse erreichen wollen. Weil es uns in den Genen liegt oder so. Zumindest sagt Frau Bauernfeind das immer, und die ist schließlich meine Lehrerin. Die ist auch schon richtig alt, und hat graue Haare. Eine richtige Oma, könnte man sagen, und die sind ja bekanntlich meistens recht schlau, weil sie schon viel erlebt haben. Deswegen nennen wir sie auch meistens Oma Bauernfeind, aber das stört sie gar nicht. Die ist wirklich ganz nett eigentlich.

Oh, vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen. Mein Name ist Mimi. Also, eigentlich heiße ich Maria, aber alle nennen mich Mimi, das ist leichter. Ich gehe in die dritte Klasse bei Frau Bauernfeind, und Frau Bauernfeind ist eigentlich sehr nett. Aber es gibt da eine Sache, über die kann ich mit ihr irgendwie nicht reden. Da wird sie dann immer ganz aufgeregt und hektisch, und das macht mir Angst. Sie hat ja schon graue Haare und ist sicherlich schon sehr alt, ich möchte nicht, dass sie vor lauter Aufregung noch umkippt. Dann wäre ich schuld daran, dass unsere liebe Oma Bauernfeind tot ist und ein Geist wird, und wir bekommen vielleicht eine andere Oma, die nicht so lieb ist, als Lehrerin. Oder Oma Bauernfeind ist dann böse auf mich und kommt nachts als Geist zu mir, um in meinem Zimmer zu spuken. Das möchte ich nicht. Also lasse ich sie damit in Ruhe.

Es ist gut, dass wir bei Oma Bauernfeind lesen und schreiben lernen, weil ich jetzt endlich mit jemandem sprechen kann, der nicht Angst bekommt vor dem, was ich fragen will. Danke, liebes Tagebuch, dass du nicht davonlaufen willst. Ich finde es schade, dass du mir auf meine Fragen nicht antworten können wirst, weil du ja nur aus Papier bist und nicht denken kannst. Aber vielleicht besucht dich ja eines Tages ein Geist, der liest, was ich geschrieben habe, und der macht sich dann Gedanken und antwortet mir. Vielleicht die Mama von Oma Bauernfeind, die ist ja schon gestorben, und die ist sicher noch klüger als Oma Bauernfeind, weil sie ja sogar noch älter ist als sie und sicher noch grauere Haare hat.

Lieber Geist von Uroma Bauernfeind, falls du mein Tagebuch lesen kommst, bitte falle nicht tot um! Aber eigentlich bist du ja ein Geist, der kann nicht nochmal sterben, oder? Jedenfalls, wenn du mein Tagebuch lesen kannst, ohne ganz aufgeregt zu werden: vielleicht kannst du mir ja eine Antwort geben, weil du sicher sehr alt und deswegen auch sehr klug bist. Warum überlegen sich die Menschen immer, was sie wollen, anstatt etwas zu tun? Warum will meine Mama immer abnehmen, aber isst dann so viel Kuchen? Warum will mein Papa immer die Arbeit wechseln, aber geht dann jeden Tag wieder zur Arbeit? Kann er nicht einfach nicht mehr zur Arbeit gehen? Warum will Oma Bauernfeind, dass wir ganz viel lernen, und wird dann nervös, wenn ich ihr solche Fragen stelle?

Liebes Tagebuch, und lieber Geist, der es lesen wird, ich verstehe nicht, warum die Erwachsenen so kompliziert sein müssen. Wenn ich nicht zur Arbeit gehen will, dann kann ich doch nicht trotzdem zur Arbeit gehen! Wenn ich will, dass mein Körper dünner wird, dann kann ich ihn doch nicht mit Kuchen vollstopfen! Da bringt es ja nichts, etwas zu wollen, wenn man dann etwas Anderes macht. Ich finde, die Erwachsenen sind da ziemlich kompliziert. Wenn ich etwas will, muss ich meinem Körper sagen, dass er etwas tun soll. Wenn ich will, dass ich zum Kiosk komme, muss ich meinem Körper sagen, er soll dorthin laufen. Wenn ich mich nur dorthin wünsche, ohne dass mein Körper das auch macht, komme ich nicht dorthin. Ich kann wollen, was ich will, ohne meinen Körper werde ich nichts erreichen. Deswegen ist es auch wichtig, darauf zu achten, dass der funktioniert und gesund bleibt. Ich bin ja nur neun Jahre alt, aber das verstehe sogar ich.

Es ist seltsam, wie wenig die Erwachsenen ihren Körper benutzen, obwohl sie doch so viel erreichen wollen. Wir Kinder laufen ja ständig herum, klettern und balancieren über alles Mögliche, aber die meisten Erwachsenen sitzen den ganzen Tag irgendwo und denken darüber nach, was sie noch erreichen wollen, anstatt mal in Bewegung zu kommen. Kein Wunder, dass sie ständig unglücklich sind und nichts erreichen! Auch Oma Bauernfeind, die oft erzählt, wie gerne sie doch damals Herrn Mahler nähergekommen wäre, und es bis heute bereut, sich nicht getraut zu haben. Herr Mahler, das ist unser Direktor, muss man wissen. Aber anstatt sich einfach in seine Nähe zu setzen, denkt sie darüber nach, wie schön es wäre, es zu tun! Als ich Frau Bauernfeind darauf angesprochen habe, hat sie mich gefragt, ob ich denn meine, dass sie sich auch aufführen sollte wie wir Kinder. Sie hat mir dann erklärt, dass Erwachsene das nicht machen könnten, denn sonst würde ja überall völliges Chaos herrschen. Und bei der Vorstellung alleine bekommt sie schon Albträume. Ich habe dann aufgehört, weiterzufragen, weil ich Oma Bauernfeind ja gern habe und will, dass es ihr gut geht. Aber findest du die Erwachsenen nicht auch ein wenig unsinnig, liebes Tagebuch?

Deine Mimi

#64 Werkzeuge als .pdf downloaden

Mal wieder ein kleines Gedicht zur Abwechslung, nachdem ich die letzten Tage vergeblich versucht habe, eine Geschichte zusammenzubringen, die meinen Ansprüchen genügt hat. Es ist gut, die (freiwillige) Verpflichtung eingegangen zu sein, wöchentlich zu veröffentlichen, sonst hätte ich mich diese Woche wohl gerne davor gedrückt. Dämlicher Perfektionismus, der zu Schreibblockaden führt! Viel Freude mit dem Gedicht!

An Alphabeten:
Eure Lettern vergehn!
An die Besser-Wisser
Die ihr glaubt, zu verstehen:
An die, die Freude finden, Alphas anzubeten
Omegas zu zertreten, die ihr erwartet Propheten
Um sie zu fragen: „Was tun?“
Nun, lebt! Liebt! Leidet! Verzeiht!
Es ist an der Zeit, es ist eure Zeit!
Die vergeht, die verrinnt, ob ihr weint oder lacht –
Die einzige, die euch verbleibt.

Hört auf, euer Leben in Büchern zu suchen
Die andere für euch geschrieben
Hört auf!, euch zu beneiden
Leben ist Lieben– Leben ist Leiden.
Leben ist Lernen, sinn-erfassend lesen.
Sucht den Sinn! Oder seid sinnlos gewesen.
Welch fester Anker, wenn der Sturmwind weht
Sinn: letzte Antwort auf jedes Gebet
Das sonst da nur fraget: Wann?
Wann wird er kommen, mich zu freien
Der Mann in Schwarz, mich zu befreien?
Wann wird er bringen süßes Glück
Und was nur: Was? Was bleibt einst zurück?

Du fragst nur: Wann?, und betest flehend,
Liest Bücher und Welten, und doch nicht verstehend,
Dass die Welt aus Zwei bestehend,
Die am Ende scheinen gleich, und -gültig,
Bis ein neuer Anfang eilt herbei,
Aus dem Einen wieder Zwei,
Dann Drei und die Zehntausend werden,
Doch selbst Zehntausend müssen sterben,
Werdn’s Einer, Zwei, Zehntausend erben?

Ein Lied ertönt nun, liebestrunken
Und ruft das Reich, das einst versunken.
„Atlantis!“, rufst du, reich belesen
In was noch komme, was gewesen
Und irrst doch! Tragisch irrt dein Wesen
Wie recht du hast! Geschrieben steht
Was einst wird kommen, früh vergeht
Doch irrt der Narr, der glaubt, versteht
Zur Zukunft brauchts zukünftig Alphabet.

Oh Mensch, bedenke, wo du stehst
Woher du kommst, wohin du gehst
Drehst dich immerfort im Kreise
Und wirst doch niemals wirklich weise.
Ein Narr!, wer glaubt einst zu verstehn:
Wir sind und bleiben Analphabet
Wie alles ist, das noch erbebt
Sind Bücher mit noch leeren Stellen
Hab’n Tinte auch, um sie zu füllen.
Bevor wir sie dann dereinst schließen
Gibt’s noch so viel zu genießen
Nur schreibend lernen wir zu lesen
Geschichte eines Lebens:
Das wäre sie gewesen.
Sterbend erst –
Werden wir sie lesen.

Es war dunkel hier, im Park, und irgendwie ein Stück weit unheimlich, das Grün des beginnenden Frühlings seltsam ergraut, unter der Oberfläche verschwunden. Einzig das Licht des Mondes spiegelte sich in dem kleinen See im Zentrum des Parks und ließ einige wenige Blätter des Baumes einen leichten Grünton annehmen. Spiegelte das beginnende Grün in ihrer Seele, die viel zu lange ergraut, viel zu lange umnachtet gewesen war. Da war nun Licht, Frühling in Sicht, kostbarer Frühling nach einem viel zu langen Winter. Sie umfasste seine Hand fester, Mut fassend, und ließ sich von ihm tiefer in den nächtlichen Park geleiten.

Die Seevögel hatten sie immer wieder aufgeschreckt, sie an ein Lachen von Menschen glauben lassen, die im Dunkel der Nacht durch den Park schlenderten, und sie hatte innegehalten, um zu lauschen. Ein Blick in seine Augen beruhigte sie, nur ein Vogel, keine Gefahr, hatten sie ihr versichert, und so hatte sie sich ihm wieder hingegeben, war ihm verfallen im Dunkel der Nacht. Und später, als der Mond langsam zu verblassen begann und die ersten Strahlen der morgendlichen Sonne eine Ahnung von der Wärme des Tages versprachen, waren sie dem Morgen entflohen, der die Wahrheit offenlegen würde, heimgekehrt in ein allzu bekanntes Leben.

Etwas jedoch war heute anders gewesen. Nach einigen verwirrten Sekunden wurde ihr bewusst, was sie irritierte: Er lag hier bäuchlings in ihrem Bett, sie mit einem Lächeln erwartend. Das hatte er anfangs immer gemacht, mit seiner kindisch-romantischen Ader, die sie an ihm einst lieben gelernt hatte, und der Blume im Mund, als wäre er einer der Helden ihrer Jugendromane. Natürlich war ihnen beiden die Sache rasch langweilig geworden, und so hatten sie die Sache eben alle paar Tage hinter sich gebracht, bis ihnen auch das zu dämlich geworden war und sie angefangen hatten, in verschiedenen Betten, dann verschiedenen Zimmern zu schlafen. Warum also war er nun hier?

„Guten Morgen, Tanja!“, begrüßte er sie mit einem Grinsen, „Schöne Nacht verbracht?“
War er etwas eifersüchtig? Nun, nach all den Jahren der Öde, wollte er sie plötzlich wieder an sich binden? Aber nein, sein Lächeln schien echt zu sein.
„Was willst du, René?“
„Wissen, wie die Nacht für dich so war.“
„Eifersüchtig? Du? Nach all den Jahren?“
„Nein, nicht eifersüchtig. Mach doch, was dir gut tut. Aber interessiert. Wird ja nach all den Jahren doch wieder einmal Zeit, dass ich mich auch für dein Leben interessiere, meinst du nicht? In guten wie in schlechten Zeiten und so weiter, du weißt schon.“
„Du weißt es also?“
„Dass du nur noch wenig zuhause bist? Ich bin vielleicht unaufmerksam, aber blöde bin ich dann auch wieder nicht. Anfangs tat es mir schon weh, das will ich gar nicht leugnen. Aber irgendwann habe ich erkannt, dass ich vielleicht nicht der beste Mann für dich war, und dann habe ich es irgendwie verstanden.“
„Und nun willst du also alles besser machen, damit ich aufhöre, mich mit ihm zu treffen?“
„Glaubst du denn, das würde dir oder mir wirklich helfen?“
„Ich würde es schon schön finden, wenn du dich wieder ein bisschen mehr um mich bemühen könntest.“
„Ich glaube nicht, dass du mich hasst, Tanja. Ich glaube, du kannst mich sogar ganz gut leiden. Vielleicht hast du mich auch irgendwann einmal geliebt, oder kannst mich eines Tages sogar wieder lieben. Aber ich hab‘s wohl ein bisschen verbockt. Und weil ich dich selbst nach dem ganzen Schlamassel immer noch gerne habe und dein Bestes will, wäre es doch doof von mir, dir und deinem Typen da im Wege zu stehen. Wenn es für dich wichtig ist, dann leb dich aus. Ich mach das ja auch seit Jahren. Ja, tu nicht so überrascht! Ich bin vielleicht nicht der beste Mann für dich im Moment, aber das bedeutet nicht, dass andere das ebenso sehen müssen.“
„Warum zur Hölle hast du dann nie die Scheidung eingereicht? Wie viele waren es denn?“
„Ein paar, über die Jahre. Ich mag dich halt, auch wenn wir uns beide verändert haben.“
„Bequemlichkeit also?“
„Nein, eher die Erkenntnis, dass Liebe kommen und gehen muss, um überdauern zu können. Ich dachte, wenn sie ohnehin wiederkommen wird, muss ich mich nicht zwischenzeitlich scheiden lassen.“
„Du bist schon ein seltsamer Mann, weißt du das?“
„Du bist nicht die erste Frau, die mir das sagt.“
„Und du willst mir also sagen, du gehst mir fröhlich fremd, aber willst dann wieder zu mir zurückkehren?“
„So in etwa. Es ist schön, seinem Fernweh nachzugeben, aber auch schön, eine Heimat zu haben.“
„Also, wir beiden sind dann irgendwie zusammen, aber zwischenzeitlich auch mal nicht, je nach Lust und Laune? Ist das nicht irgendwie ein wenig kindisch, ein wenig zu einfach gedacht?“
„Sieh her, meine liebe Tanja, ich mag dich, aber auf Dauer werden wir uns einfach zu langweilig. Kindisch wäre es, das auszublenden und einfach zu hoffen, dass es bei uns nicht so sein wird wie bei allen anderen. Was sollen wir uns nach ein paar Jahren noch erzählen? Aber wenn du dir ein paar Ausflüge auch ohne mich erlaubst, wird das Ganze wieder ein wenig spannender.“
„Du akzeptierst es nicht nur, du willst, dass ich dir fremdgehe? Du bist wirklich ein sehr seltsamer Mann.“
„Du hast gerade meine Theorie bewiesen“, lachte er und zog sie neben sich, „Und schön bist du, mit deinen zerzausten Haaren. Eine Dusche würde nicht schaden, aber sonst… Willkommen zuhause, so nebenbei.“
„Du bist mir ein seltsamer Mann!“, lachte nun auch sie, sich zu ihm setzend, „Aber ein sehr liebenswerter. Na dann erzähl mal, was du in all den Jahren so Interessantes in der ‚Fremde‘ erlebt hast…“

#60 Fremd gehen als .pdf downloaden

blasen
Die folgende Geschichte entstand als Assoziation mit dem obigen Bild, das ich unlängst mit einem Freund gezeichnet habe. Im Sinne der Abwechslung habe ich es einfach mal beigefügt…

Hier im Norden waren die Blasen also etwas größer. Das hätte ihn nicht weiter überraschen müssen, war er doch vor dem stereotypen Nordmann gewarnt worden, der sein Leben gerne innerhalb der gut kontrollierbaren Sphäre verbrachte, die er seinen geregelten und geordneten Alltag zu nennen pflegte. Ja, er war gewarnt worden, dass es schwierig werden würde, hier zu Menschen durchzudringen. Einen selbstsicheren Eindruck machten sie alle hier, mit ihren Sonnenbrillen und durchgestylten Outfits. Nichts konnte sie erschüttern, alles wurde durch ihre Hochsicherheits-Blasen von ihnen ferngehalten, die sie sich morgens anlegten wie andere ihre Kleidung. Und so wirkten sie eigentlich sehr glücklich, diese Menschen.

Die Ausländer haben sich an unsere Kultur anzupassen, hatte er vernommen, und sich bemüht, den Anforderungen zu entsprechen. Ein Wirtschaftswunderland wie Deutschland musste eine Kultur hervorgebracht haben, die es sich zu imitieren lohnte. Also hatte er gelernt, die Menschen um ihn nicht mehr zu grüßen, wie er es aus seiner Heimat gewohnt war, sie nicht mehr anzusehen, um sie nicht in ihrem Alltag zu stören. Sie alle hatten wohl zu tun, gingen wichtigen Geschäften nach, wo sie doch so rasch an ihm vorbeiströmten, ohne die vielen kleinen Wunder im Augenwinkel noch wahrzunehmen, die er als Kind immer so geliebt hatte. Fokus, das hatte ihm immer gefehlt. Nicht links, nicht rechts zu sehen, sich nicht aufhalten zu lassen, sondern geradewegs auf das Ziel zu, mit aller Energie. Deutschland, das war das Land der Erwachsenen, von denen man noch etwas lernen konnte. Wie gut es war, hierhergekommen zu sein! Auch er würde in Kürze einer von ihnen sein, mit seiner eigenen großen Blase, die es ihm ermöglichte, den Kopf freizuhaben für die wichtigen Dinge im Leben.

Nach einigen Monaten hatte er gelernt, genauso selbstsicher umherzulaufen wie die Menschen um ihn. Von seinem Gehalt hatte er sich eine Sonnenbrille gekauft, und zog nun unbeirrt an den neidischen Blicken der wenigen kindischen Menschen in diesem Land vorbei, die von solch einer Unabhängigkeit und Zielstrebigkeit nur träumen konnten. Natürlich waren sie selber schuld, denn bei solch vielen Vorbildern in diesem Land war es sehr einfach, erwachsen zu werden. Wer leiden wollte, sollte leiden, aber keine anderen damit nerven oder ihren Tag durcheinanderbringen. Schließlich hatte ja ein jeder zu tun.

Eines Abends jedoch, als er von der Arbeit heimkehrte und seiner Freundin erklärt hatte, er hätte noch zu viel zu tun, um bereits schlafen zu gehen – und bewundernde Blicke für solch Zielstrebigkeit erhalten hatte – stellte er verblüfft fest, dass die Nächte, die er fokussiert durchgearbeitet hatte, nicht dazu beigetragen hatten, den Berg der an ihn herangetragenen Arbeit zu verkleinern. Wozu eigentlich der Stress?, dachte er in einem Anflug von Überraschung, wozu all die Welt um mich ausblenden, um effektiver arbeiten zu können, wenn ich mir damit nur noch mehr Arbeit, noch mehr Druck schaffe? Er schritt auf die Terrasse des Hauses hinaus, das sie sich erarbeitet hatten. Ich war noch nie hier draußen, überkam ihn die Erkenntnis. Er hatte noch nie die Zeit dazu gefunden. Nein. Er hatte sich noch nie die Zeit dazu genommen. Was nützte es, zu besitzen, was seinem Fokus entging?

„Komm!“, schüttelte er seine Freundin, die ihn mit verschlafenen Augen ansah.
„Bist du schon fertig mit deiner Arbeit?“
„Nein.“
„Warum weckst du mich dann? Ich muss schlafen, muss morgen fit sein. Morgen muss ich wieder zur Arbeit.“
„Weil es Zeit ist, aufzuwachen aus diesem Schlamassel. Komm!“
Er zog sie aus dem Bett und führte sie auf die Terrasse.
„Siehst du die Sterne da oben? Was fühlst du, wenn du sie betrachtest?“
„Ich fühl mich müde und will ins Bett.“
„Lass dein Bett mal eine halbe Stunde dein Bett sein, und opfere deinen Schönheitsschlaf der Schönheit dieser Welt.“
„Was redest du da für Stuss?“
Und da erkannte er erst, dass auch sie sich in einer riesigen Seifenblase befand, die glitzerte, spiegelte, aber weitgehend undurchlässig war. Erkannte, dass er in all den Jahren nie durch diese Masse gedrungen war, und dass das, was er für seine Freundin gehalten hatte, nur ein verschwommenes Bild von ihr darstellen musste.
„Ich geh wieder schlafen. Mach doch, was du willst.“, zuckte sie die Achseln.
Und ihm wurde bewusst, dass er allein war in dieser Welt der Blasen, der Schemen und Schatten, dass er verlernt hatte, andere zu berühren, weil er verlernt hatte, sich selbst von der Welt berühren zu lassen, verlernt hatte, selbst mehr zu sein als undeutlicher Schemen, ein Schatten seiner selbst.
„Verdammt, wir müssen doch aufwachen können aus diesem Albtraum!“, schrie er, wütend über sich selbst und seine Unfähigkeit, auszubrechen aus diesem einsamen Spiel, das jeder für sich zu spielen schien.

Doch die Welt um ihn schlummerte selbstzufrieden weiter.

#59 Blasenbildung als .pdf downloaden

Was blieb nun, von all den großen Träumen, was blieb nun, hier in seinem kleinen Zimmerchen, was blieb noch zu tun, als die Sache zu Ende zu führen? Die Eltern waren außer Haus, und die Geschwister ebenso. Niemand hier, ihn aufzuhalten, alles gut durchdacht. Schon lange hatte er mit dem Gedanken gespielt, seinem Leben und seinem Leiden ein Ende zu setzen, hatte mit seinen Freunden die möglichen Methoden diskutiert. Und nun, heute, an diesem verregneten Tag, war es wohl an der Zeit, endlich nicht mehr nur darüber zu reden. Und doch, die Frage quälte ihn: Was würde bleiben?

Das Messer in der Hand wiegend, sein Gewicht fühlend, versuchte er, seinen Geist zu beruhigen. Wahrscheinlich war es nur der Überlebensinstinkt seines Körpers, der ihn nun dazu brachte, alles wieder und wieder zu hinterfragen. Dieses Stück Fleisch, Muskeln und Knochen wollte immer nur überleben. Als würde es einen tieferen Sinn haben, tagein, tagaus seine Nutella-Brote in sich hineinzustopfen, von den selben Mitschülern angepöbelt zu werden und sich mit der Frage zu quälen, wie irgendein Mensch einen Menschen wie ihn lieben würde können. Zu leben war zu fragen, zu zweifeln, zu leiden, und nach so vielen Jahren des Zweifels war er es Leid geworden, auf einen nächsten Tag zu hoffen, an dem sich alles wie durch ein Wunder ändern würde. Nichts würde sich ändern an dieser Welt. Aber er konnte sie verlassen. Alles, was es dazu brauchte, war eine schnelle Bewegung, ein kurzer Stich. Und doch, wieder: was würde bleiben?

Und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen vor den Augen: es war an ihm, zu entscheiden, was bleiben sollte. Es war an ihm, zu entscheiden, warum er leben sollte. Sein ganzes Leben hatte er sich gefragt, warum er überhaupt am Leben war, wo das Leben doch nur Leid für ihn bereit hielt, wem er verpflichtet war, weiterzuleben, wenn doch die Entscheidung zu leben nicht von ihm selbst getroffen worden war. Seinen Eltern? Einem Gott?. Doch nun, mit der Entschlossenheit, seinem Leben ein Ende zu setzen, fühlte er sich plötzlich frei, fühlte eine gewaltige Wahrheit in sich aufdämmern.

Erst wer bereit war, zu sterben, war Herr über sein Leben. Wie lächerlich waren doch von dieser Warte aus betrachtet jene, die ihm das Leben schwer machen wollten? Er konnte seinem Leben jetzt ein Ende setzen. Oder morgen. Oder in einem Jahr. Wenn Leben auch Leiden bedeutete, so würde er sich fortan für sein Leben und damit das dafür manchmal notwendige Leiden entschieden haben. Es war allein seine Entscheidung, zu leben, jeden Tag, jeden Augenblick aufs Neue, seine Entscheidung, dieses Leben mit all seinen Freuden und all seinem Leiden aufs Vollste auszukosten, oder es zu beenden.

Und dann erkannte er, dass von ihm bleiben würde, wofür er bereit war zu leiden, vielleicht auch zu sterben, vor allem aber, wofür er bereit war zu leben. Von jenem Tag an kümmerte es ihn nicht mehr, wenn ihm Menschen vorwarfen, ihren Vorstellungen nicht zu entsprechen, weil er wusste, dass es nicht seine Aufgabe war, ihr Leben zu leben. Es war seine Entscheidung, zu leben, und seine Aufgabe, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie er selbst leben wollte, wie es ihre Entscheidung war, zu leben, und ihre Aufgabe, Antworten auf ihre eigenen Fragen zu finden. Und eines jeden Menschen Verantwortung, mit den Konsequenzen seiner Entscheidungen zu leben.
Das Leben war schon seltsam, dass es manchmal erst die Bereitschaft zum Sterben brauchte, um einen Sinn im Leben zu finden. Was würde also am Ende bleiben, warum leben?
„Weil ich mich dafür entschieden habe.“, dachte der Alte lächelnd, bevor er die Augen für immer schloss.

#57 Was bleibt als .pdf downloaden

„Nun, uns bleiben also noch gut zehn Wochen miteinander.“, stellte er abschließend fest, und blickte in die Runde. Ruhig war es im Raum geworden, beinahe ehrfürchtig, und allen schien klar zu sein, dass sie Zeugen eines besonderen Moments geworden waren. Sechzig Menschen, jüngere wie ältere, sprachlos. Schweigend. Es gab nur wenig zu sagen in diesem Augenblick, der klargestellt hatte, was das Gewusel des Alltags oft so erfolgreich vergessen machte: alles hat ein Ende.

„Aber wie lange wirst du denn weg sein?“, wurde er gefragt, „Etwa ein ganzes Jahr?“, und bangende Augen flehten ihn an, die Frage zu ignorieren, sich umzudrehen und zu gehen, es nicht auszusprechen, eine letzte Ungewissheit, eine letzte Hoffnung offen zu lassen. Doch er antwortete in einer Klarheit, die auch die letzten rettenden Zweifel zu vernichten vermochte: „Vermutlich für immer.“
„…für immer…“, schienen seine Worte sich wie ein Echo immer weiter im Raum auszubreiten, über ihre kleinen Köpfchen hinweg und doch auch mit jedem Flüstern in sie hinein, während sie versuchten, das Gesagte zu begreifen. Sie waren zu jung, um ein Ende fassen zu können, zu ängstlich, die Konsequenzen begreifen zu können.
„Bedeutet das, dass wir uns vielleicht nie wiedersehen werden?“, sprach einer von ihnen die ungeheure Vorstellung aus.
„Es bedeutet, dass wir noch zehn Wochen haben, um uns in Erinnerung zu bleiben.“

Den restlichen Tag hatte er damit verbracht, über seine eigenen letzten Worte nachzudenken. Und während sie seine Nähe suchten, ihn zu überzeugen suchten, seine Worte zurückzunehmen, nicht zu gehen, wurde ihm die Bedeutung und Tragweite seiner Entscheidung erst vollkommen bewusst. Er liebte diese Menschen, und sie liebten ihn. Doch warum fühlte er beim Gedanken, sie bald nicht mehr tagtäglich sehen zu können, keine Traurigkeit, sondern nur eine tiefe Rührung, die ihn auch die nächsten Tage nicht verlassen sollte?

Und dann dachte er an seine Mutter, die ihn einst ebenso in Liebe hinter sich gelassen hatte, die fortgegangen war an einen Ort, an den er ihr noch nicht folgen hatte können. Es musste ihr schwer gefallen sein zu gehen, damals, wohl wissend, dass sie Menschen zurückließ, die sie liebten und die sie brauchten. Und doch war sie gegangen, war der Notwendigkeit gefolgt, wie auch er nun einer inneren Notwendigkeit folgte, einen Weg zu beschreiten, auf dem diese Menschen ihm noch nicht folgen konnten.

Er fühlte in einem Anflug von Verblüffung, dass er seiner Mutter längst verziehen hatte, ihn damals mit ihrer Traurigkeit angesteckt und ihm die Trennung damit noch schwerer gemacht zu haben. So hatte er lernen können, dass die Trauer nichts daran ändern konnte, dass ein anderer Mensch aus dem Leben verschwand. Dass es leichter war, das Unvermeidliche hinzunehmen, wenn man daran ging, dankbar zu sein für die Zeit, die man mit einem anderen Menschen verbringen hatte dürfen. Und dass es die Unvermeidlichkeit eines Endes brauchte, um dies zu lernen.

Zehn Wochen waren es also noch, zehn Wochen, in denen sie alle die Chance haben würden, eine Spur zu hinterlassen, einen Eindruck, der noch lange nachwirken würden, nachdem ihre Wege sich getrennt haben würden. Und vielleicht würden sie sich irgendwann tatsächlich wieder treffen, an jenen Orten, die so manchem einst noch verwehrt gewesen waren. Dann würden sie feststellen, dass eine jede Begegnung immer Spuren hinterließ, dass ein jeder Mensch immer Spuren hinterließ in jener Welt, die uns das Geschenk der Endlichkeit offenbarte.

#56 Das Geschenk der Endlichkeit als .pdf downloaden