„Was ist los?“, sah sie ihn leicht irritiert an, als er im Sprechen kurz innegehalten hatte.
„Nichts“, antwortete er. „Ich hatte nur das seltsame Gefühl, als wär die Küchentür grad aufgegangen und jemand reingegangen. Aber die ist ja zu. Vergiss es.“
„Ich habe davon gehört“, meinte sie. „Das passiert, wenn jemand… anwesend ist. In diesem Fall deine-“
Ein Schauer überkam ihn, und in dem Bruchteil der Sekunde, bevor sie es aussprach, wusste er, dass es wahr war.
„Mama“

Im Grunde war es nicht weiter verwunderlich, dass sie gerade jetzt „auftauchte“. Vor einigen Wochen waren sie nun nach Jahren daran gegangen, die Trümmer der alten Ordnungen auf der Suche nach Erinnerungen zu durchwühlen. Jene, die ein Loslassen ermöglichen mochten, das nicht mit dem Preis der Verdrängung und großzügigen nachträglichen Einfärbungen erkauft wurde. Die Vergangenheit war eine Art schlecht verheilte Wunde, schwärend, bisweilen eiternd aufbrechend, nur unzureichend überdeckt mit Verbänden rationaler Herleitungen. Das Fundament der Neubauten, wohl durchdacht in seinen internen Strukturen, war auf unruhigem Grund errichtet worden, der nie ganz zur Ruhe gekommen war. Und nun also, nach Jahren der Verweigerung, der Kontakt zur Quelle wiederhergestellt.

Lange noch saßen sie beieinander im Schein der Kerzen des Adventkranzes. Nur wenig wurde gesprochen, einiges an Schokolade verputzt und gemeinsam schenkten sie sich Mut. Sich auf diese eigenwillige Stimmung einzulassen, von ihr treiben zu lassen, in Kontakt zu treten mit dieser Besucherin einer so fremdartigen und doch so vertrauten Welt.

Einige Tage später saß er bei einer Veranstaltung einer Frau gegenüber, wohl gut 10 Jahre älter als er, mit der er sich seltsam verbunden fühlte, ohne sie je vorher getroffen zu haben. Tags darauf trafen sie wieder aufeinander, und sie erzählte ihm von ihrer Vorgeschichte, die jener seiner Mutter in den Grundmustern auf verblüffende Weise ähnelte. Und wieder dieses sonderbare Gefühl von Anwesenheit.

Als sie sich verabschiedeten, machte sie deutlich, dass sie ein Wiedersehen wünschte, und auch er fühlte intuitiv, dass es ein Wiedersehen geben würde. Es erstaunte ihn nur zum Teil, dass er diese Frau nun kennengelernt hatte, wo er sich mehr und mehr bereit fühlte, die einst aus Schmerz und Überforderung über Krankheit und Tod Verstoßene wieder in sein Leben zu integrieren. Es war mehr als ihre Person gewesen, von der er sich damals distanziert hatte. Die sich nun ihren rechtmäßigen Platz in seinem Leben zurückerkämpfte. Geblendet, gepeinigt vom Schmerz, hatte er einst seine Sinne verschlossen. Nun, sie langsam, blinzelnd wieder öffnend, musste er sich erst wieder an all jene Eindrücke gewöhnen.

Noch einige Tage vor jenem denkwürdigen Tag hatte er sich mangels entsprechender Erinnerungs-Bilder gefragt, ob seine Mutter ihn denn jemals habe lieben können, und er sie. Auch jetzt fehlten ihm noch konkrete Erinnerungen an einzelne Situationen, aber diese waren innerhalb von Tagen irrelevant geworden. Denn er fühlte ihre Liebe nun ganz deutlich, als eine Art „Hintergrundstrahlung“ seines Alltages. Oder womöglich war es auch gar nicht die ihre, sie am Ende nur eine Art „Vermittler“ hin zu einer über sie hinausgehenden Quelle. Im Grunde war es irrelevant. Denn nun, offenen Auges, konnte er endlich wieder klar sehen. Sie war überall. Sie alle waren überall.

Halt hatte er gesucht gehabt, an dem er sich hätte aufrichten können. An fehlendem Halt war er bisweilen verzweifelt. Nun, schaudernd, musste er anerkennen, dass es ihm wohl in Wahrheit an Haltung gefehlt hatte. Wohl war er gut darin geworden, gewissermaßen „unbesiegbar“ zu werden. Es war einfach, wenn man nur darauf verzichtete, einen Standpunkt verteidigen, für etwas stehen zu wollen. Nein, ernstlich besiegt war er nie worden. Aber im vollen Lichte der Wahrheit wohl nur deshalb, weil er stets schon vor der theoretischen Möglichkeit einer äußerlichen Kampfhandlung zurückgeschreckt war. Die Narben des Nichtigen waren innen zu finden. Überall.

Doch nun war es soweit. Die Wintersonnenwende stand kurz bevor. Der absolute Tiefpunkt. Dieses Mal würde er ihn nicht mehr fliehen. Ihn sehenden Auges erwarten, erdulden, dies schien nun endlich, Jahre danach, ertragbar. Denn die Liebe, die den Aufprall dämpfen, ihn auffangen, ihn auch aus tiefsten Tiefen früher oder später stets wieder in luftige Höhen führen würde, war weder jemals in sein Leben getreten noch ganz aus seinem Leben entschwunden. Sie war ewig, eine Art natürlicher Konstante. Um ihn. In ihm. Überall. Was ihn bisher gehindert hatte, sie zu finden, war wohl einzig die Intention der Suche selbst gewesen, die von einer Trennung vom Gesuchten, einem noch zu überwindenden Hindernis ausging – und damit die Notwendigkeit von Hindernissen überall erst miterschuf.

Nun aber schien sich etwas in ihm langsam zu öffnen, langsam zuzulassen, was zuzulassen ihm bestimmt war. Und blinzelnd erkannte, spürte er sie wieder: die Liebe, den Halt, die Unverwundbarkeit, die Unvergänglichkeit hinter der scheinbaren Zerbrechlichkeit der Hüllen. Sie war anwesend. Alle waren sie anwesend. Als Teil von ihm, wie er Teil von ihnen war, wie sie alle Teil von allem waren. Er hatte den offenen Kampf stets vermieden gehabt, verstrickt in der Illusion der Zerbrechlichkeit, der Isolation. Nun jedoch entzündeten sich erste Funken aufbegehrender Flammen, von Fragen, die in ihm aufglommen: Wer willst du sein? Wofür willst du einstehen? Wofür bist du bereit zu kämpfen, auch auf das Risiko hin, zu unterliegen?

Denn nun, offenen Auges, konnte er auch wieder sehen, dass die Niederlage wieder ertragbar, ihrer Endgültigkeit beraubt worden war. Überall. Und damit der Weg offen war, ihn frei innerer Hemmungen zu betreten. Dafür einzustehen, wofür es sich nach eigenem Ermessen einzustehen lohnte. Äußeren Widerständen dort entgegenzutreten, wo die eigene Kraft dafür reichte, und sich dort Unterstützung und Heilung zu erbitten, wo dies nicht der Fall war.

„In dir ist unglaublich viel Liebe zu spüren“, hatte der Freund ihm vor einigen Wochen gesagt, und die Reaktion auf seinen zweifelnden Blick sagte ihm, dass er es ernst gemeint hatte. Einige Tage noch hatte er gezweifelt. Aber dann begann die Erkenntnis sich doch ihren Weg durch das Dickicht der Prägungen und gesellschaftlichen Normen zu bannen. Denn im Grunde wusste er, dass der Freund Recht hatte. Und auch wenn die Konsequenzen furchterregend erschienen, früher oder später zu offenem Konflikt mit etablierten Ordnungen führen mochten: es war nicht nur sein Kampf, sondern einer, der sich jenem anschloss, der wohl so alt war wie die Menschheit selbst: Das subjektiv Richtige zu tun. Nicht stur den Regeln zu folgen, oder dem eigenen Vorteil. Sondern dem Diktat des Gewissens, der Liebe füreinander.

Diese innere Gewissheit im Außen zu verwirklichen. Durch eigenes Handeln, anstatt den einfachen Weg zu wählen, es nur anderen vorschreiben zu wollen. Überall. Weil die Entscheidungen jedes einzelnen eben nicht egal war, sich nicht schlicht arithmetisch summierten, sondern sich gegenseitig beeinflussten. Es ging um die lokale Übermacht, wie auch Napoleon, der große Stratege, schon herausgefunden hatte. Lokal, im alltäglichen Miteinander, entschied sich das Schicksal unserer Welt. In den unzähligen kleinen Kämpfen des Gewissens gegen die Angst und Bequemlichkeit. Überall.

Aber zuerst war es an der Zeit, „unterzutauchen“, gewissermaßen „getauft“ zu werden im Tiefpunkt der Wintersonnenwende. Zuzulassen. Sich zu befreien von der Illusion der vermeintlichen Notwendigkeit jener absoluten, trennenden Selbständigkeit. Für etwas zu stehen, das dieses Selbst transzendierte. Wieder aufzutauchen, gestärkt durch die Erfahrung der Transzendenz, der Zeitlosigkeit im Herzen: Nur Leben. Überall.

Es war doch immer wieder erstaunlich. Eine Stunde mit einer Freundin telefoniert. Versucht, der Suchenden guten Rat zu geben. Nur um nach dem Auflegen verblüfft festzustellen, dass man – wieder einmal – im Grunde mit sich selbst gesprochen hatte.

„Eigentlich ist es doch total unsinnig, was man da macht“, hatte er zu ihr gemeint. „Also dass man sich einredet, erst dann wieder miteinander in Kontakt zu treten zu dürfen, wenn man seine Schwierigkeiten überwunden hat. Dabei wär es doch viel logischer andersrum. Dann in Kontakt zu treten, wenn man Unterstützung braucht. Wenn man sich das mal angewöhnt hat, und die Unterstützung dann auch bekommt, dann kann einen ja eigentlich kaum mehr etwas wirklich umwerfen. Weil man dann umso mehr gehalten wird, je fester der Gegenwind weht.“
Das klang so dermaßen einleuchtend, dass es seltsam schien, dass er es selbst ebenso selten lebte wie jene Freundin, der er gerade zu helfen versucht hatte. Warum nur?

Lange saß er nach jenem denkwürdigen Telefonat noch in der Hängematte, schaukelte still vor sich hin, wiegte sich selbst, in sich versunken. Dann klingelte sein Handy erneut. Eine andere alte Freundin war dran. Er kannte sie nun beinahe schon zehn Jahre lang, und sie hatten immer schon ein etwas.. zwiespältiges Verhältnis gehabt. So eine merkwürdige Mischung aus gegenseitiger Zuneigung und sich gegenseitig kaum auf Dauer aushalten. Und so hatten sie sich eben mit der Zeit daran gewöhnt, dass sich zwischen ihnen immer wieder aufs Neue innige Momente mit Momenten gegenseitiger Abstoßung abwechselten. Auf seltsame Art und Weise.. liebten sie sich auch, hatten sich immer geliebt und würden sich wohl immer lieben. Nur nie eine auch alltagstaugliche Form für diese Liebe gefunden, die auch ohne jene sich wiederholenden Muster von Anziehung/Abstoßung auskam.

Und nun sprachen sie über den jüngsten Vorfall, der ihn wieder einmal dazu gebracht hatte, für ein paar Tage auf Distanz zu ihr zu gehen. Sie war zu Besuch gewesen, sie hatten sich gut verstanden. Bis sich wieder einmal jener „Rucksacktourist“, wie er es für sich nannte, in ihre Kommunikation eingeschlichen hatte. Mittlerweile hatte sich das Muster oft genug wiederholt, dass er es nicht mehr über Gebühr fürchtete. Trotzdem war es jedes Mal aufs Neue im Moment des Auftretens verwirrend. Sie waren gemütlich auf der Terrasse gesessen, hatten ungezwungen geplaudert. Sie hatte ihm eine Frage gestellt, unverfänglich an der Oberfläche betrachtet. Und doch hatte er sofort gespürt, dass der Rucksacktourist sich wieder einmal bemerkbar machte.

Der Schlingel war schwer wahrzunehmen, aber mit den Jahren hatte er ein feines Gespür für jene Momente entwickelt. Es war der Moment, in dem sie – an der Oberfläche betrachtet – eine ergebnisoffene Frage stellte, aber nur eine Antwort zu akzeptieren bereit war. Früher, noch ungeübter, hatte er sich bisweilen überrumpeln lassen. Hatte jene eine Antwort gegeben, um den Konflikt zu vermeiden. War damit oftmals Verpflichtungen eingegangen, die er später bereute. Nur um früher oder später festzustellen, dass sie ihn – ohne es selbst zu merken – in jenem Fall ohnehin immer tiefer an und schließlich über seine Grenzen führen würde. Bis er wieder einmal jene Grenzen übergangen, ihr schlicht aus Überforderung nicht mehr die Antwort zu geben vermochte, die sie davor schützte, den Rucksacktouristen selbst wahrnehmen zu müssen.

Nun, aufmerksamer auf die Infiltration des Gesprächs durch den Rucksacktouristen, vertraute er mehr seiner instinktiven Reaktion, die dem Druck, die eine richtige Antwort zu geben, widerstand. An ihren Reaktionen war zu erkennen, dass er sie durch seine Weigerung, dem Druck des Rucksacktouristen nachzugeben, mit einem schwer zu greifenden Trauma zu konfrontieren drohte. Meist endete es jedoch damit, dass sie ihn mehr oder weniger wüst beschimpfte, was wohl als Vorstufe einer direkten Konfrontation mit dem in ihr wohnenden Rucksacktouristen zu deuten war. Besser Distanz herstellen zu demjenigen, der es wagte, den Spiegel zu stellen, in dessen Spiegelbild sie ihren Rucksacktouristen voll wahrnehmen könnte.

All das war in ihm als inneres Bild schon seit längerer Zeit herangewachsen, hatte er als gegeben akzeptiert gehabt. So war sie eben. War zwar bisweilen nervig, aber er liebte sie ja trotzdem irgendwie, und so oft kam es dann auch wieder nicht vor.

Aber nun war er mit einer unangenehmen Fragestellung konfrontiert: War wohl auch in ihm ein solcher Rucksacktourist zu finden, der ihn auf notwendige Entwicklungsprozesse hindeuten wollte, dem er aber ebenso über die Schaffung von Distanz aus dem Weg ging wie jene Freundin? War nicht dieses – objektiv betrachtet – absurde Grundmuster, in der eigenen Herausforderung auf Distanz zu Menschen zu gehen, die ihm hilfreich hätten sein können, ein verdächtig ähnliches? Was würde wohl geschehen, wenn er das Grundmuster umkehrte? Sich ohne Scham Unterstützung holte, wenn er sie auch brauchte?

In den letzten Monaten hatte er erste Ansätze dieser „Kontinentalverschiebung“ seiner Herangehensweise umsetzen können. Zumindest da, wo er rechtzeitig reagiert hatte, und noch nicht im Sumpf seiner Überforderung versunken war. Und dabei Erfahrungen gemacht, die gleichzeitig verstörend wie Hoffnung weckend waren: viele Menschen fühlten sich geehrt, wirkten froh, helfen zu können. Interpretierten es nicht als Belastung, wie er allzu oft angenommen, sondern als Ausdruck von Liebe und Vertrauen zueinander.

Ein Stück weit war es die letzten Jahre über zu einer Art von Alleinstellungsmerkmal von ihm geworden, dass tendenziell er es war, der anderen half, und nur dann um Unterstützung bat, wenn es um Alltägliches ging. War er wirklich betroffen, vom Leben niedergeworfen worden, so hatte er sich üblicherweise zurückgezogen. Bis er – gestärkt und bewehrt mit einer erzählenswerten Geschichte – sich wieder „annehmbar“ genug für Kontakt fühlte. Wie passend das Wort “Alleinstellungsmerkmal” doch aus dieser Betrachtungsweise schien – fabrizierte er ja im Grunde seine eigene Einsamkeit und seine eigene Überforderung dadurch mit.

Nachdem er aufgelegt hatte, hatte er seinen Mantel genommen, die Haustür hinter sich geschlossen und war Tanzen gegangen. Immer noch erfahrungsgemäß eine der besten Möglichkeiten, ins Tun, ins Verändern zu kommen. Hatte eine Freundin dort getroffen, die sich neben ihn setzte, ihn umarmte, lange einfach nur neben ihm saß. Irgendwann hatte er dann ihre Hand genommen, mit einem hoffnungsvollen „I brauch des heute irgendwie“, und sie hatte ihn freundlich angelächelt, seine Hand gehalten, ihn gehalten, ihm Halt gegeben. Erstaunlich, wie einfach das war, wenn man endlich mal den Mut fand, einfach darum zu bitten. Sich zumindest für Momente mal von der Vorgabe verabschiedete, man müsse makellos sein, um geliebt, um gehalten werden zu können. Und wie logisch eigentlich: war es denn nicht viel einfacher, Halt zu finden und zu geben, wenn man sich auch an der Oberfläche, dort, wo andere es sehen mochten, Makel, eine gewissermaßen “rauere Oberfläche” erlaubte?

Und im Grunde hatte er sie ziemlich satt. All die Makellosigkeiten, all die Alleinstellungsmerkmale, die die Menschen voneinander trennten. Warum sich nicht zur Abwechslung mal unmittelbar begegnen, und nicht nur dann, wenn man peinlich genau darauf geachtet hatte, dass nur die „guten“ Emotionen und Geschichten ausgetauscht werden würden, weil der Rest tief genug in dunklen Hinterzimmern des Herzens vergraben war? Auch mal ganz offiziell verdammt verzweifelt sein dürfen, wenn man sich ja ohnehin schon so fühlte. Warum also nicht anderen die Chance geben, hilfreich sein zu können und so Beziehungen zu vertiefen? Die Alleinstellungsmerkmale, die das Leben oft so unglaublich schwer zu bewältigen machten, aufzugeben, um zu einem Wir zu finden, das sich aus der Anerkennung und Wertschätzung des jeweils Besonderen und des daraus denkbaren Potentials speiste.

Aus abnormal und abnormal mochte kein normal werden, das den Ansprüchen einer Perfektion erwartenden Gesellschaft genügte. Aber ein „wunderbar“ war womöglich durchaus in Reichweite für denjenigen, der den Mut aufbrachte, der Welt auch mal ohne Scham eine gerade leere Hand zu reichen, um die Fülle zu empfangen, die diese Welt gerne zu schenken bereit war.

Aber offen darum zu bitten, sich zu trauen, die eigene Unzulänglichkeit auch sichtbar zu tragen..
Eines Tages. Vielleicht.

Hallo, kleine Pflanze, die du da so unverschämt aus der Ritze lachst.
Hast du dich, als Same noch, gefragt, wo du wohl landen wirst auf deiner Reise? Ob du Raum haben wirst, dich zu entfalten, ob die Nährstoffe reichen werden, die Versorgung mit dem lebenswichtigen Wasser?
Oder hast du, todesmutig, es einfach darauf ankommen lassen? Hast dich der Welt anvertraut, in dem Glauben, der Hoffnung, dass es gut sei, wie es eben sei?
Da sind kleine Wassertröpfchen auf dir, kleine Pflanze, die glitzern in der schwächer werdenden Herbstsonne. Nascht du von ihrem kühlenden Nass, wie es dir am besten bekommt, oder rationierst du deinen kostbaren Besitz bis zum nächsten Regenschauer?
Da sind sanfte Winde, in denen du dich wiegst, als wäre dir deine Position im Leben relativ egal, solange du nur fest verwurzelt bist.
Deine Farben entsprechen so gar nicht jenen deiner Brüder rund um dich, doch das scheint dich nicht groß zu kümmern. Du wächst in der Nische, die du dir gefunden hast. Und dort, am Kreuzungspunkt, an dem du dich befindest, bist du Königin.

Weißt du denn, dass wir Menschen die Angewohnheit haben, Emporkömmlinge wie dich nicht allzu lange zwischen der strengen Ordnung unserer Bauten zu dulden? Dass deine bloße Existenz von vielen von uns als Störung dieser uns so heiligen Ordnung wahrgenommen, kaum ertragen werden kann? Dass schon dadurch, nicht nur durch die Tatsache des herannahenden Winters, deine Tage gezählt sein werden, auch wenn ich selbst deine erhabene Schönheit anerkenne?
Weißt du, dass du sterben wirst, und dass deine Entscheidungen jenen Zeitpunkt beeinflussen könnten? Kümmert es dich? Und falls nein, kannst du mich lehren, mir ebenso wenig darum Gedanken zu machen?

Denn einst war ich jung, dir ähnlich, meiner Intuition folgend König meiner eigenen Nische. Dann wurde ich entwurzelt, umgepflanzt. In eine Umgebung, die mich lehrte, aus der Vergangenheit mögliche Zukunft abzuleiten, um zu überleben. Ich überlebte, aber etwas Wichtiges ging mir verloren. Nun, selbst unter anderen, freundlicheren Bedingungen, finde ich nicht mehr zurück in mein kindliches Urvertrauen. Muss, wie ich nach einigen gescheiterten Versuchen des Zurückkehrens anerkennen lernte, voranschreiten statt zurückschauen. Nun, verändert, wieder neu vertrauen lernen, mit jeder möglichen Zukunft umgehen zu können, statt aus Erfahrung zu wissen, was die Zukunft bringen wird, und versuchen, sie in meinem Sinne zu beeinflussen.

Ich bin wenig bewandert in Pflanzenkunde, aber es sieht so aus, als ob du kaum je größer als ein kleines Buch werden wirst. Und doch strahlst du jene sonderbare Größe aus, die diejenigen zu umgeben pflegt, die in dem ihren Raum Erfüllung finden.

Nun ist ein Marienkäfer herangeflogen, und hat es sich an der Wand gemütlich gemacht. Er gehört uns nicht, und doch gehört er irgendwie zu uns, nun, da wir ihn entdeckt, anerkannt haben. Er wird nicht bleiben, die Begegnung wird flüchtig sein, und doch hat seine Anwesenheit mich im Jetzt berührt. Mich näher an den Ursprung zurückgebracht, von dem ich mich oft schon zu weit entfernt glaubte, um zurückkehren zu können. Hier, mit meinem Körper, habe ich ihn entdeckt. Jetzt, in diesem Moment, ist er hier, und ich mit ihm, bin mit ihm in einer kurzen, flüchtigen Beziehung.

Es wird schwieriger, diese Beziehungen herzustellen und aufrechtzuerhalten, je älter und damit gewissermaßen auch vermeintlich „wissender“ ich werde. Je mehr ich glaube zu wissen, desto schwieriger wird es, sich auf die Unbestimmtheit einzulassen, die authentisch neue Erfahrung gebiert. Man will ja immer alles schon gewusst haben. Schließlich ist man ja nun erwachsen. Da ist es ein bisschen peinlich, sich auf etwas einzulassen, dessen Ausgang man nicht vorhersehen kann. Man könnte sich ja zum Affen machen dabei. Hat sowas wie einen Ruf zu verlieren.

Ja, kleine Pflanze, du hast durchaus Recht: ich rede hier völligen Schwachsinn. Leider ist dieser Schwachsinn durchaus real, und wird gewissermaßen von uns erwartet. Hier bei uns Menschen wird man gefeiert und bewundert, wenn man immer die Kontrolle behält. Wer sich in unkontrollierte, unvorhersehbare Situationen begibt, der handelt dann „unverantwortlich“. Natürlich, wenn man alles gut übersteht, hat man danach gute Geschichten zu erzählen, dann wird man auch wieder bewundert, und hat plötzlich wieder ziemlich viele Freunde. Aber der Weg dorthin ist ein einsamer. Und wir Menschen, wir ertragen die Einsamkeit nicht sehr lange.

Du kannst uns eine reinhauen, du kannst uns hungern lassen, wir mögen vieles nicht. Aber was wir auf Dauer überhaupt nicht vertragen, ist die Einsamkeit. Mir machen die absurdesten Dinge, nur um uns nicht einsam fühlen zu müssen. Und weil sich das eben so durchgesetzt hat hier bei uns, versuchen die meisten von uns dann auch noch, andere dazu zu bringen, sich mit uns zu beschäftigen. Weil wir diese absurde Angst haben, dass die es niemals von sich aus tun würden, so dass wir sie eben „fremdsteuern“ müssen. Wir haben sogar Verträge erfunden dafür! Obwohl man glauben könnte, wenn ich dich, kleine Pflanze, einfach durch dein Da-Sein als wundervoll und wertvoll empfinden kann, sollten wir Menschen es doch auch bei anderen Menschen zusammenbringen.

Tatsächlich können wir das auch ganz gut, zumindest einige von uns. Aber dann haben wir doch Angst, dass es vielleicht nur im Moment so ist, und was ist dann mit morgen? Da brauchen wir ja auch Liebe und Anerkennung! Darum lieber vorsorgen, schauen, wie wir sicherstellen können, dass es auch morgen so weitergehen wird. „Glücklich bis zum Ende aller Tage“ nennen wir das dann. Ja, natürlich ist das in etwa so unsinnig, wie sich ein ganzes Jahr lang nur Sonnenschein oder nur Regen zu wünschen, das ist weder wachstumsfördernd noch besonders interessant. Aber wir machen das trotzdem so. Ich habs ja auch probiert. Wenn es alle machen, hab ich mir gedacht: wär ja seltsam, wenn das nicht zumindest ein bisschen sinnvoll wär. Können ja nicht alle deppert sein.

Nur leider, kleine Pflanze, war ich dadurch nur noch ziemlich selten „da“. Ich war ständig irgendwo in der Vergangenheit, um zu lernen, die Zukunft besser einschätzen und damit steuern zu können. In der Zukunft, um da entsprechend die Fäden zu ziehen. Oder im Geiste irgendwo, wo ich mal war oder noch hinkommen wollte. „Da“, also im Hier und Jetzt, war ich mit der Zeit immer seltener. Das fiel mir  nicht einmal groß auf, weil auch alle anderen kaum je „da“ waren. Das war nicht nur „normal“, das war sogar gewissermaßen angesehen, ein untrügliches Zeichen für Wichtigkeit. Und da Ansehen, Gesehen werden und geliebt werden sich schon ein bisschen ähnlich anfühlen, erschien es für eine Weile durchaus sinnvoll, da mitzumachen.

Tja, kleine Pflanze, und nun sitze ich da vor dir, und denk mir, das ist eine der schönsten Begegnungen der letzten Monate. Hab dich ja schon öfter gesehen und mir gedacht, dass du irgendwie etwas Besonderes bist. Aber wer selten „da“ ist, hat auch kaum je Zeit dafür, jemanden wie dich kennenzulernen. Der muss dann eben auch nehmen, was kommt und in dem engen Zeitkorsett, das übrig bleibt, Platz findet. Was sich auch langfristig gut in den Zeitplan einordnen lässt. Was nicht passt, wird entweder passend gemacht, oder eben verworfen. Langfristig denken, sich etwas aufbauen und so, du weißt schon. Oder vielleicht auch nicht? Vielleicht ist das dein Geheimnis?

Gestern, kleine Pflanze, hatte ich einen seltsamen Traum. Ich war Beisitzer bei einer politischen Besprechung, und plötzlich meinte einer der eigentlichen Akteure, er wolle mit mir Platz tauschen. Ich sei geeigneter als er, in dieser Position zu sein. Anfangs zögerte ich: wer war ich schon, reale Macht auszuüben, was waren meine Ansichten schon wert? Aber selbst die Politiker der anderen Fraktionen ermunterten mich. Mit mir würden sie gerne zusammenarbeiten wollen. Also setzte ich mich auf den mir angebotenen Platz. Und mit einem Mal konnte ich fühlen, wie richtig es war, auf jenem Platz angekommen zu sein. Hier war der Raum, den auszufüllen mir bestimmt war. Als ich nach dem Aufwachen einer Freundin davon erzählte, meinte sie, ich würde nun endlich aufhören, im Publikum meines eigenen Lebens zu sitzen, und lernen, mich selbst ins rechte Licht zu rücken.

Was würde ich ändern wollen, nun, da ich symbolisch „an die Macht gekommen war“? Nun, vielleicht würde ich die fatale Idee hinterfragen und ein bisschen aufweichen wollen, dass man die Zukunft aus der Vergangenheit abzuleiten vermochte. Ein bisschen mehr Spielraum gewähren, Entscheidungen ergebnisoffen zu treffen, selbst wenn sich diese im Nachhinein als Fehler herausstellen sollten. Die Zeit schenken, dieses Nachhinein auch abwarten zu können, bevor der Begriff „Fehler“ überhaupt verwendet wird. Und die Entscheidung darüber, was richtig und was falsch gewesen sei, dort, wo es nicht anderweitig zwingend notwendig ist, bei den jeweils Betroffenen zu belassen, anstatt aus allem einen Staatsakt zu machen.

Wäre das eine Welt, in der du gerne leben würdest, kleine Pflanze? Ich vermute, dir wird die Welt der Menschen ein Stück weit egal sein. Du bist besser darin als wir, einfach drauf los zu leben und die Konsequenzen deiner Handlungen stillschweigend zu ertragen. Aber vielleicht… und nur vielleicht… würdest du dann hier in deiner Ritze auch länger weiterleben dürfen und nicht ausgerupft werden. Denn auch wenn du die Ordnung der Fliesen auf dieser Terrasse stören magst, und schon gar nicht eingeplant warst, als diese Terrasse gebaut wurde:

So, wie du bist, bist du wunderschön.

Im hier.
Im Jetzt angekommen.
Kann ich endlich wieder fühlen:
Ich bin es auch.

Für jemanden wie mich, der sich für Menschen und was sie zu Menschen macht interessiert, gibt es wohl nur wenige Bereiche, in denen ich wertvollere Erfahrungen machen kann als eine freie Schule, in der auf allen Ebenen Menschen mehr oder weniger losgelöst von gesellschaftlichen Erwartungen aneinandergeraten und irgendwie miteinander auskommen müssen. Hier stoßen alle Beteiligten immer wieder an ihre Grenzen, machen Fehler, die sie dann bereuen, und meist entschuldigen sie sich dann auch. Manchmal überdauern Konflikte auch einige Zeit, und hin und wieder mag es vorkommen, dass sich der eine oder andere auch eine dauerhafte Abneigung gegen jemanden entwickelt.

Da haben wir nun all die Werkzeuge bei der Hand, von der gewaltfreien Kommunikation bis zur Streitschlichter-Ausbildung, all die Liebe zueinander, die uns immer wieder morgens aus dem Bett lockt und uns nach einem ereignisreichen Tag mit einem Lächeln die Schule verlassen lässt, und doch haben wir dieses Lächeln oft auch hart mit unseren Tränen erkämpft, die wir füreinander vergossen haben. Hier wechseln sich Frustrationen mit Hochgefühlen ab, und nicht an allen Tagen wissen wir, dass Letztere doch überwiegen. Und doch kehren wir wieder, an jene Stätte, die uns aufs Neue einladen will, die uns sanft ruft, uns in ihr zu versammeln.

Denn irgendwo tief in uns spüren wir doch, was hier an jenem Ort mit uns geschehen kann, wenn wir uns auf ihn einlassen können. Dass die Freude, die wir erleben, wenn wir feststellen, dass andere uns anfeuern, während wir Anlauf für den großen Sprung über die aufgestapelten Polster nehmen, vor allem auch eines ist, und zwar echt. Dass die Trauer und manchmal die Wut aus dem Leiden an echten Bedürfnissen stammen, die es dem Anderen ermöglichen, innezuhalten und uns gegenseitig in den Arm zu nehmen. Und wenn dann die Tränen frei fließen können, spüren wir die Kraft, die uns am Ende jenes Stroms erwartet.

Traurige Geschichten

Und doch haben wir alle unsere Geschichte, haben alle gelernt, uns vor denjenigen zu schützen, von denen wir glauben, dass sie es nicht gut mit uns meinen. Und so haben wir gelernt, die Trauer ebenso zu verbergen wie unsere Freude, haben gelernt, „politisch“ zu handeln, und „strategisch“ zu denken, um unsere Widersacher dort zu überrumpeln, wo sie es am wenigsten erwarten. Und so schaffen wir uns verbitterte Feinde, wo wir doch nur Unverständnis vermuten müssten, anstatt aufeinander zuzugehen und uns gegenseitig aufzuklären, was wir unter Freundschaft verstehen, unter Liebe – und einem guten Menschen. Dort, wo wir es wagen, finden wir oft erst wahre Freunde.

Ich habe in meiner Arbeit das Glück, jungen Menschen beim Heranwachsen zusehen zu dürfen, und auch bei ihnen zeigt sich relativ rasch, wer von ihnen gelernt hat, sich anderen zu öffnen und wer von ihnen gelernt hat, sich vor anderen zu schützen und zu verschließen, und welche Folgen dies für ihr Leben (an der Schule) zu haben scheint. Diejenigen, die gelernt haben, sich keine Blößen zeigen zu dürfen, werden oft zu Einzelgängern oder suchen sich andere Grüppchen, die ihnen das Gefühl von Stärke vermitteln können. Gerade, wenn sie sich wohl schwach fühlen, scheinen sie ihre Stärke demonstrieren zu müssen. Kaum sieht man sie trauern, des Öfteren jedoch wütend werden. Andere jedoch scheinen gelernt zu haben, sich in Konflikten eher zu öffnen denn zu verschließen, und manchmal leiden sie auch darunter. Und doch wirken diese Schüler im Großen und Ganzen glücklicher als jene, die sich ihre Strategien zurechtlegen, um zu „gewinnen“. Denn für jeden Sieg, den der Stratege erlangt, schafft er sich mit dem Besiegten einen Gegner, vielleicht sogar einen Feind, wo er durch Offenheit einen Freund hätte gewinnen können.

Konstruktives Leiden?

Es ist manchmal eine schwierige Gratwanderung zwischen dieser konstruktiven Offenheit und jener destruktiver, sich alles gefallen zu lassen. Der Schlüssel dazu lautet wohl Authentizität. Authentisches Feedback einem anderen gegenüber wirft die Konsequenzen seines Handelns auf ihn zurück und nimmt ihn in die Verantwortung. Eine Freundin von mir hat es einmal in etwa so ausgedrückt: „Ich bin es gewöhnt, dass mir jemand auf einen wütenden Kommentar einen ebenso wütenden Kommentar zurückgibt. Wenn du das nicht machst, ist das gemein von dir, weil dann fühle ich mich schlecht und will mich bei dir entschuldigen. Wenn du mich nicht zurück angreifst, muss ich mich fragen, warum ich dich angreife.”

Das bedeutet nicht, dass mir egal ist, was sie tut oder sagt. Aus dem Tai Chi Chuan habe ich gelernt, dass es wichtig ist, stets Kontakt mit dem Anderen zu halten, um seine Energie auf ihn zurückleiten zu können, und auch in der Kommunikation scheint dies ein Grundgesetz zu sein. Ich setze mir keine Strategie zurecht, dem Gegner zuvorzukommen und ihn zu schlagen, ich nehme Kontakt zu ihm auf und helfe ihm, seine eigene „Energie“ zu verstehen, indem ich darauf eingehe und sie ihm zurückleite. Verständnis entsteht dort, wo wir für ein jedes Yang das passende Yin geben können, das dem Yang als Spiegel zur Selbsterkenntnis dient.

Ich habe in meinem Leben noch keinen einzigen „bösen“ Menschen kennengelernt, wohl aber viele Menschen, die nur wenig Ahnung davon hatten, was sie mit ihren Aussagen und Handlungen für Konsequenzen nach sich zogen. Ich habe bisher nur wenige Menschen getroffen, die authentisch genug waren, anderen diese Konsequenzen auch aufzuzeigen, um echtes Lernen zu ermöglichen. Virginia Satir schrieb einst sinngemäß in einem Buch über Familientherapie, dass ein jeder Mensch in jedem Moment versuche, das für alle Beteiligten (die ihm bewusst/wichtig sind) das Beste zu tun, und meiner Erfahrung nach hatte sie durchaus recht damit. Wir müssen uns also weniger darum kümmern, dass Menschen einander Gutes tun wollen, als darum, ihnen aufzuzeigen, wie sich ihr Handeln tatsächlich auf andere Menschen auswirkt, damit sie das Gute, dass sie sich und der Welt tun wollen, auch wirklich so umsetzen können.

Warum Kinder uns doch als Vorbilder brauchen

Wir gehen oft davon aus, dass Kinder erwachsene Vorbilder brauchen, um zu lernen, doch wer ist authentischer als ein kleines Kind, dass sich hemmungslos seinen Tränen und seiner Freude hingibt? Kinder brauchen keine Vorbilder, um authentisch zu sein, aber dringend authentische Erwachsene, um auch in den Wirren der menschlichen Entwicklung authentisch bleiben zu können.

An uns Erwachsenen finden Kinder Vorbilder, was es heißt, „erwachsen“ zu sein, entnehmen ihnen den Rahmen des Möglichen und trennen ihn von dem Bereich des „Kindlichen“, von dem sie sich emanzipieren wollen. Je nachdem, welche Erwachsene in ihrer Umgebung vorfinden, werden sie unter „erwachsen werden“ wohl eher das politische Spiel und die Verleugnung der authentischen Bedürfnisse lernen oder den authentischen Umgang mit ihnen. Ich halte es für wichtig, dass sie auch die sanfte Macht der Offenheit und ihre Konsequenzen an Erwachsenen beobachten können, dass sie nicht “alternativlos” aufwachsen müssen.

Ich meine es gut mit dir, ich bin nur manchmal etwas unfähig

Ein authentischer Umgang mit den eigenen Bedürfnissen ist nicht gleichbedeutend mit deren sofortigen Erfüllung, solange er auch die Bedürfnisse anderer einbezieht. Dazu benötigen wir zumindest ein Mindestmaß an Empathie, doch auch diese wird wohl durch ein Erspüren der eigenen Bedürfnisse eher gefördert denn gehemmt. Was ich in mir spüre, kann ich auch in anderen nachvollziehen. Viriginia Satir schrieb, Menschen würden das tun wollen, was sie glauben, „das für alle Beteiligten am besten ist“. Nicht immer erkennen Menschen alle anderen Beteiligten oder sie liegen falsch damit, was jene selbst für am besten halten.

Eine Freundin verblüffte mich einst mit der Frage, ob mir eigentlich bewusst wäre, dass nicht alle Menschen denken würden, dass alle anderen Menschen es eigentlich gut miteinander meinen würden. Ich war damals ziemlich verblüfft darüber, denn für mich war es sonnenklar, dass mein Leben um einiges unglücklicher wäre, wenn ich davon ausgehen würde, dass es Menschen, bei denen ich es nicht wirklich wusste, im Zweifelsfall eher schlecht mit mir meinten als gut. Und auch die Erfahrung zeigt mir, dass Menschen, von denen man ausgeht, dass sie gute Menschen sind, sich tendenziell auch so verhalten. Mein Leben wäre wohl unabhängig von den tatsächlichen Handlungen meiner Mitmenschen um einiges unglücklicher, wenn ich davon ausginge, dass andere Menschen mir böses Wünschen würden. Warum also mich selbst unglücklich machen und anderen, die nichts dafür können, die Schuld zuschieben?

Alte Geschichten und neue Potentiale

Auch oder gerade in einer freien Schule gibt es nun historisch gewachsene Konflikte, die nie ganz ausgeräumt wurden und zu anhaltenden Verstimmungen geführt haben. Es ist immer wieder interessant für mich, wie diese Konflikte dazu führen können, dass Menschen untereinander nur noch das voneinander verstehen, was sie glauben, dass der andere sagt, dass sie irgendwann dazu übergehen, das Gesagte des Anderen abzuwerten, bevor sie den Sinn des Gesagten überhaupt verstanden haben. Und so reden sie aufeinander ein anstatt miteinander und vertiefen einen Konflikt, bei dem es längst nicht mehr um die Sache selbst, sondern nur noch um das Negative, das sie in die andere Person hineininterpretieren, geht. Es ist bezeichnend, dass die Lebensdauer jener destruktiven Konflikte mit dem Alter der beteiligten Personen zuzunehmen scheint.

Und so darf es uns nicht wundern, wenn auch die Kinder, die ihre Konflikte einst unter Tränen der Wut und manchmal auch der Ergriffenheit oder Freude ausgetragen haben, lernen, ihre tatsächlichen Gefühle zu verstecken und lernen, ihre Gegnern mit politischem Kalkül zu Fall zu bringen, lernen, die Schädigung des Gegners selbst vor das eigene Glück zu stellen. Oft können Kinder dann auch die negativen Konsequenzen dieser Handlungsweisen beobachten, aber sie benötigen erwachsene Vorbilder, die aufzeigen, wie es noch gehen kann, wenn sie sich nicht mit einem „Das ist eben so, wenn man erwachsen wird“ abfinden sollen.

Niklas

Als ich gestern Nacht mit einer Freundin darüber sprach, was ich an der Schule, an der ich arbeiten werde, gerne ausprobieren möchte, kam mir neben einer qualitativeren Demokratie, als sie sonst gerne praktiziert wird, der Gedanke, dass ich gerne mit authentischen Problemen experimentieren möchte. Damit meine ich Probleme oder Fragestellungen, die ich mir tatsächlich selbst stelle, in die Schule zu bringen. Das kann bedeuten, dass es darum gehen kann, wie ich es schaffen kann, weitere sichere Sitzgelegenheiten in meinem Verschwindibus anzubringen, ohne das praktische Klappbett dadurch zu verlieren, wie es möglich sei, Geld einzusparen aber auch kompliziertere Dinge wie beispielsweise, wie Obdachlosen tatsächlich und langfristig geholfen werden kann oder wie weitere Kriege weltweit zu verhindern wären. Kurz gesagt, Probleme, die mich tatsächlich beschäftigen und für dich ich tatsächlich (noch) keine zufriedenstellende Lösung habe.

Wenn ich mir Schule nicht als jene von der Welt abgeschottete Blase vorstelle, die sie derzeit noch oft ist, sondern als ein Zentrum interessierter Menschen und Problemlöser, so würde dies mehrere Dinge ermöglichen.

Probleme werden tatsächlich angegangen

Ich könnte meinen tatsächlich interessanten Fragen nachgehen und andere daran teilhaben lassen. Kinder (sowie Erwachsene) könnten sich auf freiwilliger Basis an der Problemlösung beteiligen oder auch nur mitverfolgen, wie das Problem (hoffentlich) gelöst wurde. Vermutlich würde ich so nebenbei auch einige der Schwierigkeiten tatsächlich angehen, die man sich sonst aufgrund angeblicher Zeiteinschränkungen nie erlaubt in die Hand zu nehmen.

Auf diese Art und Weise wäre ich wohl ein ziemlich gutes Vorbild dessen, was ich in den Kindern fördern möchte: Probleme anzugehen, die möglicherweise (noch) unlösbar sind – und es trotzdem zu versuchen. Und wenn es nicht möglich erscheint, sich eben Hilfe oder auch nur Trost zu erbitten. Wenn ich die Fragen, die ich mir tatsächlich stelle, in die Schule bringe, so schaffe ich damit eine offensichtlich überfordernde Situation, in der es nicht so schlimm ist, etwas nicht zu bewältigen.

Die angegangenen Probleme wären wohl allesamt subjektiv sinnvoll für diejenigen, die sie angehen. Entweder versuchen sie, ihre eigenen Schwierigkeiten zu lösen, oder helfen anderen, dies zu tun. In beiden Fällen erfolgt ein direktes Feedback über die Zufriedenheit mit der Lösung.

Komplexes pädagogisches Material wird weitgehend irrelevant

Wie Falko Peschels Pädagogik des leeren Blattes wird es in den meisten Fällen, wenn es um die Lösung tatsächlicher Probleme geht, kaum über Montessori-Material oder ähnlichem möglich sein. Natürlich wird oft Material benötigt werden, aber eher Rohmaterial, Werkzeuge zur Bearbeitung sowie Recherchemöglichkeiten. Neben der dadurch ermöglichten leichteren Übersicht (wenn weniger Material herumliegt) kann dies auch dazu führen, dass viel oft teures didaktisches Material nicht beschafft werden muss, sondern nur noch auf Anfrage selbst hergestellt wird. Der Umgang mit Material und Werkzeugen muss dann nur noch dort erlernt werden, wo das Material oder das Werkzeug auch tatsächlich einen Sinn erfüllt, etwa die Suche im Internet über einen PC.

Der Lehrplan wird (möglicherweise) nebenbei erfüllt

Da sich im Problemlösungsprozess in vielen Fällen gewisse grundlegende Tätigkeiten wiederholen (Recherche, praktisches Handeln, Reflexion, schätzen, vermuten, messen, Kommunikation untereinander, …), mag es sogar sein, dass alleine aufgrund der komplexen Anforderungen, die das Lösen komplexer Probleme mit sich bringen, ein Großteil der normalerweise in Kleinstschritten durchzuarbeitenden Lehrgänge abgedeckt bzw. weit überboten wird. Die tatsächlichen Auswirkungen lassen sich jedoch ohne ein Experiment in dieser Richtung wohl kaum abschätzen.

Eine sinnvolle Einbindung der Außenwelt wird denkbar

Weitergedacht würde es sich dann noch anbieten, eine solche Schule auch anderen Personen zu öffnen, die in diesem „Problemlösezentrum“ der Lösung ihrer Schwierigkeiten nachgehen bzw. sich Hilfe dabei suchen oder diese Hilfe anbieten. Anzudenken wären dabei auch Möglichkeiten, die zur Problemlösung oft notwendigen Materialien frei verfügbar zu machen, etwa über einen Kost-Nix-Laden mit dazugehörender Werkstatt/Bibliothek, um die nicht mehr gebrauchten Materialien in nützliche Neuschaffungen zu verwandeln, wo dies nötig erscheint. Möglicherweise ist es auf diese Art und Weise auch möglich, Elternbeiträge zu reduzieren oder ganz unnötig zu machen, weil durch den Zusatznutzen, den die Schule durch ihre Hilfestellungen der Umgebung bringt, eine Art von Crowdfunding der laufenden Kosten durch eine Art von Mitgliederbeitrag der die Schule besuchenden Menschen denkbar wäre.

Zurück in die Realität

Leider ist mir bisher noch keine Schule bekannt, in der solche oder ähnliche Experimente versucht wurden. Umso mehr würde es mich reizen, in diese Richtung zu experimentieren, und ich hoffe, in der Schule, in der ich arbeiten werde, die Freiräume vorzufinden, so etwas zu ermöglichen.

Denn die Alternative, dass Schüler stapelweise Materialien durcharbeiten oder selbst herstellen, dass dann die Schule nie verlässt und quasi sinnlos „verpufft“, gibt es bereits so häufig (wenn auch in verschiedenster Ausführung), dass sie mir fast ein wenig langweilig wird.

Niklas