Im Tao Te King findet sich (neben vielen anderen Weisheiten) eine einzelne Textzeile, die mich stets fasziniert hat, weil sie in so wenigen Worten eine Wahrheit mit weitreichenden Konsequenzen ausdrückt: Sparsamkeit gebiert Großzügigkeit. Oder anders ausgedrückt: Es gibt keine Großzügigkeit ohne Selbstbeschränkung. Aber was soll das alles mit der Liebe zu tun haben?

Ăśber die Jahre hat sich fĂĽr mich ein grobes Modell herauskristallisiert, was „die Liebe“ eigentlich ist. In einem Wort ausgedrĂĽckt wĂĽrde ich sie wohl am treffendsten mit „Glaubenskraft“ ĂĽbersetzen – mit einer Art 2. Platz fĂĽr das Wort „Aufmerksamkeit“, da wir mit unserer Aufmerksamkeit oft bei Menschen sind, die wir lieben.

Das Modell: Eine Ă–konomie der Liebe

Ă–konomie der Liebe - Modell

In diesem Modell stellen wir uns einen jeden Menschen als eine Art „Zelle“ vor, der sich in einer Art „Ursuppe“ bewegt. Eine jede dieser Zellen hat eine Art Kern und eine Membran, die diesen Kern von der Außenwelt abgrenzt.

Im Kern einer jeder dieser Zellen (eines jeden Menschen) entsteht eine Art nachwachsende Ressource, die wir „Liebe“ nennen können. Bei manchen Menschen wächst sie schneller nach, bei anderen langsamer, manchmal regelmäßig, manchmal unregelmäßig. Und je nach Lebenssituation „verbraucht“ dieser Mensch auch jeweils mehr oder weniger dieser Ressource, um sich einigermaßen wohlzufühlen. Hat er zu wenige „Vorräte“, „hungert“ er nach Liebe.

Weil die Membran dieser „Zelle“ halbdurchlässig ist, ist auch ein Austausch dieser Ressource Liebe möglich. So kann etwa ein Mensch einen Teil seiner Liebe einem anderen Menschen schenken, der diese dann zusätzlich zu seiner eigenen verbrauchen kann. Denn die Liebe ist eine neutrale Ressource, die sowohl für den Eigengebrauch als auch für andere geeignet ist.

Handelsbeziehungen und Energie-Vampire

Ein groĂźer Teil unser zwischenmenschlichen Beziehungen, seien es Freundschaften oder auch romantische Beziehungen, basieren auf einer Art “Handels-Beziehung”. Ein Mensch schenkt einem anderen Liebe/Aufmerksamkeit und erwartet sich in der Folge vom Anderen ein ähnliches Verhalten: „Freunde sind fĂĽreinander da, wenn es einem schlecht geht“.

Anders ausgedrĂĽckt: wenn meine eigenen Vorräte an Liebe unter ein gewisses Level fallen, erwarte ich mir von einem Freund, dass er mir einen Teil seiner Liebe zukommen lässt. Im Gegenzug kann er sich, sollte er selbst in eine solche Situation kommen, auch auf mich verlassen. Dies wird selten so konkret ausgesprochen, schwingt aber oftmals unterschwellig mit – und sorgt im Krisenfall fĂĽr groĂźe Enttäuschungen, wenn der Freund sich dann plötzlich nicht als „echter Freund, der fĂĽr einen da ist“ entpuppt.

Ein weiteres verbreitetes Muster ist die Helfer-Beziehung, bei der ein Mensch einem anderen regelmäßig Liebe zukommen lässt, während vom anderen wenig bis nichts zurückkommt. Der nehmende Partner jener Beziehung wird gerne als „Energie-Vampir“ bezeichnet, dem gebenden Partner ein „Helfer-Syndrom“ attestiert.

Ich bezeichne die beiden Grundtypen bewusst als „Partner“, weil sie sich in den meisten Fällen gegenseitig brauchen. Nicht ohne Grund kommt es oft vor, dass ein Mensch, der einen „Energie-Vampir“ losgeworden ist, sich sehr rasch einen weiteren Menschen sucht, mit dem er ähnliche Muster durchspielen kann – und umgekehrt.

Der SchlĂĽssel: Die Kontrolle ĂĽber die Membran

Bevor wir geboren werden, leben wir in Symbiose mit unserer Mutter, mit entsprechend sehr durchlässiger Membran. Wir sind noch sehr abhängig von der Liebe unserer Eltern usw. Später, in der Pubertät, experimentieren wir unbewusst stärker mit den Möglichkeiten der Membran, uns von der Umgebung abzugrenzen.

Viele von uns haben die erste große Liebe wohl als eine Art „Durchbruch“ diesbezüglich erlebt, eine Art Versuch, erneut eine symbiotische Beziehung einzugehen. Was kaum jemals klappt. Die Verletzung, die aus diesem Scheitern entsteht, wirkt sich bei vielen noch Jahre danach aus.

Die meisten versuchen sich dann an der Kunst, bestimmten mehr oder weniger vordefinierten Beziehungsformen zu entsprechen, sei es eine „klassische Beziehung“, ein One-Night-Stand, eine „offene Beziehung“ und was immer es noch für definierte Modelle geben mag, mit unterschiedlichem Erfolg. In den meisten Fällen schwanken die Versuche irgendwo zwischen größtmöglicher Freiheit und langfristiger Verlässlichkeit – mit Phasen zwischen „Man kann eben nicht alles haben“ und „Das kann es doch nicht gewesen sein“.

Was wir in kaum einer jener vordefinierten Beziehungsformen lernen, ist die bewusste Kontrolle über unsere eigene Membran und die Notwendigkeit des Umgangs mit der begrenzten Ressource Liebe und den möglichen Quellen dieser Ressource. Die Verwirrung und bisweilen auch der Schmerz, die daraus entstehen, sind nachvollziehbar. Aber auch irgendwie traurig und oft unnötig, sobald wir lernen, unsere Membran zu kontrollieren. Üblicherweise (auch aus eigener Erfahrung) geschieht dies in verschiedenen Stufen.

Ein Stufenmodell der Kontrolle ĂĽber die Membran

In den Stufen 0-2 durchlaufen wir die Prozesse von völliger Symbiose hin zu völliger Abgrenzung bis zum folgenschweren Ereignis der ersten großen Verliebtheit (=erneute völlige Öffnung) und entsprechender Verletzung, die oft zu einer erneuten „Abschottung“ führt. Die Veränderung der „Dichte“ der Membran „passiert“ uns dabei noch und unterliegt kaum unserer bewussten Kontrolle.

Stufe 3 der Kontrolle der Membran wäre dann die Fähigkeit, bewusster „auf“ und „zu“ zu machen, wobei die meisten rasch aus Erfahrung lernen, nur bei ganz bestimmten Menschen „aufzumachen“ und dem Rest der Menschheit verschlossen zu bleiben, um nicht wieder verletzt zu werden. Die „Verletzung“ besteht oftmals darin, gewissermaßen an Liebe „auszulaufen“, ohne dass genügend dieser wertvollen Ressource von außen zurückkommt – gewissermaßen also eine Art „passive Verletzung“.

In dieser Stufe sind Menschen besonders anfällig für „Energie-Vampire“, weil sie noch keine Möglichkeit haben, ihre Liebe zu „dosieren“. Die „Energie-Vampire“ selbst stecken womöglich in einem ähnlichen Entwicklungs-Schritt fest, weil sie nur entweder aufnehmen können oder nicht. Ein Mehr an Liebe des Einen in dieser Beziehung führt damit fast unweigerlich zu einem „Abfließen“ zum Anderen.

Die Stufe 4 der Kontrolle der Membran erlaubt zwischen einem „offen“ und „zu“ auch Zwischentöne und Graustufen, etwa ein „halbdurchlässig“. So kann nun die Dosierung des Austausches besser reguliert werden.

In Stufe 5 kommt zusätzlich eine Ansteuerung von einzelnen Teilen der Membran hinzu. So kann etwa die Verbindung zu dem einen Menschen sehr offen sein, während die Abgrenzung zu einem anderen sehr „dicht“ ist. Mit der Zeit kann dies immer genauer auf die Bedürftigkeit anderer sowie dem eigenen „Vorrat“ an Ressourcen abgestimmt werden.

Mir geht es dabei weniger um eine bestimmte Abfolge jener Stufen. Sondern darum zu zeigen, dass es bestimmte Entwicklungsschritte in der Kontrolle der Membran gibt, die einerseits in der genaueren Ansteuerung bestimmter Teilbereiche und andererseits in der Kontrolle der Durchlässigkeit besteht – und eine immer bewusstere Kontrolle darüber bzw. auch ein Bewusstsein für die Notwendigkeit dieser Fähigkeit.

Die Fähigkeit zur Eigenliebe

Viele Menschen suchen ihr ganzes Leben im Außen nach Liebe – in Partnern, Liebhabern, Freunden, in der Familie, Gruppierungen, Gott/Göttern, der Natur, dem  Universum, wo auch immer. Auf ihrer Suche schenken sie anderen Liebe, in der Hoffnung, doch zumindest ein kleines bisschen zurückzubekommen. Als wäre Liebe erst dadurch etwas wert geworden, wenn sie weitergeschenkt wird.

Womöglich ist der langfristig befriedigendere Zugang jedoch die Erkenntnis, dass in uns allen ein Quell von Liebe ist, eine Art nachwachsende Ressource, die wir auch ohne den Umweg, zuerst andere zu lieben, für uns nutzbar machen können. Es ist die einzige Quelle der Liebe, auf die wir uns 100%ig verlassen können, und die uns von vornherein bedingungslos zur Verfügung steht.

Genährt von dieser inneren Quelle können wir dann den Überschuss bedenkenlos mit unserer Mitwelt und den Menschen, die sich in ihr bewegen, teilen, ohne auf die Notwendigkeit bestehen zu müssen, irgendeine Gegenleistung dafür einfordern zu müssen. Bedingungslos lieben.

Womit sich der Kreis zum eingangs erwähnten Zitat aus dem Tao Te King wieder schließt – ein wenig anders ausgedrückt: Selbstbeschränkung ermöglicht erst echte Großzügigkeit. Die Fähigkeit zur Eigenliebe auszubilden befähigt erst zur nachhaltig selbstlosen Liebe – weil für die eigene Bedürftigkeit verlässlich gesorgt ist.

„Aber führt dies nicht in die Einsamkeit“, mag der eine oder andere richtigerweise einwerfen, „wenn man sich selbst so wichtig nimmt?“. Meine bisherige Erfahrung ist eine gegenteilige: Die Fähigkeit zur bedingungslosen Liebe macht zu einem sehr angenehmen Gegenüber, mit dem die meisten Menschen gerne Zeit verbringen.

Die Fähigkeit zur Eigenliebe schließt auch nicht aus, andere um Liebe und Unterstützung zu bitten. Aber sie führt das Element der Freiwilligkeit ein, sowie die Akzeptanz persönlicher Grenzen. Ich bitte um Hilfe, aber habe Verständnis für die mögliche Beschränktheit der Möglichkeiten des Anderen – immerhin behalte auch ich mir auch selbst ein ähnliches Recht der Hoheit über meine persönlichen Ressourcen vor.

Vermutlich ist sie auch die Voraussetzung fĂĽr eine langfristig und nachhaltig glĂĽckliche Beziehung zwischen Menschen, welche konkrete Form auch immer diese annehmen mag.

Auf jeden Fall aber erscheint mir die Fähigkeit der Kontrolle der Membran zu erlernen ein sehr erstrebenswertes Ziel zu sein. Und mit jedem Fortschritt auf diesem Weg merke ich auch eine Weiterentwicklung in meinen Beziehungen zu meinen Mitmenschen und zu mir selbst.

Viel Freude und schöne Erkenntnisse auch euch beim Experimentieren damit!

Niklas

In diesem Artikel geht es um einige Erfahrungen zum Thema “Offene Beziehungen” und Liebe/Beziehungen im Allgemeinen. Viele solche Experimente scheitern nicht an den Formen, sondern an den Voraussetzungen und Erwartungen der Liebenden. Wer sich auf das Abenteuer offene Beziehung einlässt, wirklich einlässt, wird vor allem mit sich selbst konfrontiert. Das liegt nicht jedem.

Ă´ffeneBeziehungen

Ich beschäftige mich seit 10+ Jahren theoretisch mit der Thematik, und seit gut der Hälfte der Zeit auch praktisch. Es gibt dazu unzählige „Tipps“ im Internet zu finden. Den Großteil davon halte ich für nicht sonderlich hilfreich, weil sie nur eine vordefinierte Form durch eine andere ersetzen.

Hier möchte ich versuchen, einige Erfahrungen zu teilen, die unabhängig von der jeweilig gewählten Beziehungsform hilfreich sein können.

Vielleicht die wichtigste Frage vorweg beantwortet: Bin ich mit meinen Experimenten glĂĽcklich geworden?

Im GroĂźen und Ganzen: ja. Zumindest habe ich viel gelernt. Ăśber mich selbst. Ăśber den jeweils anderen. Die Welt im Allgemeinen. Und mit den Jahren bin ich dadurch wohl auch ein StĂĽck weit weiser geworden.

Hier zwecks besserer Ăśbersicht eine kleine Auflistung des Folgenden:

Die Verwirrung der Begrifflichkeiten

Bestimmte Wörter triggern bestimmte Vorerfahrungen oder Erwartungshaltungen beim jeweils Anderen, die oft schwer wieder auszulöschen sind.

Wenn ich von „offenen Beziehungen“ spreche, spreche ich von dem Ansatz, sich gemeinsam hinzusetzen und immer wieder herauszufinden, was jeder braucht, um sich miteinander (und mit sich selbst) wohlzufühlen, unabhängig von gesellschaftlichen Normvorstellungen. Andere verstehen darunter eher ein „Ich fick mich durch die Welt“, wieder andere ein „Mir ist alles egal. Du eingeschlossen.“ Viele haben damit auch bereits entsprechende (oft negative) Vorerfahrungen gemacht. Dies erschwert einen unvoreingenommenen Zugang zum Thema.

Ein einziger Begriff, unbedacht verwendet, kann – am besten noch in Kombination mit Hemmungen, über Befürchtungen offen zu sprechen – beinahe unüberwindliche Hindernisse aufbauen. Daher kann man nicht immer darauf vertrauen, dass der Andere Begriffe auch so versteht, wie man selber sie meint. Und ein Nicht-Nachfragen bedeutet nicht immer Einverständnis, sondern allzu oft eher ein „Ich habe Angst vor der Antwort, wenn ich eine Frage stellen würde, deswegen stelle ich sie lieber nicht“.

Liebe ist immer auch Selbst-Ăśberwindung. Wer sich dabei auch noch von etablierten Normen verabschiedet, betritt einen Raum, der Angst machen kann. Andere hören davon, raten ab davon, beeinflussen das Miteinander. Weil sie selbst schlechte Erfahrungen damit gemacht haben. Oder – ebenso häufig und nicht zu unterschätzen – es nicht aushalten wĂĽrden, dass man selbst damit glĂĽcklich wird. Weil es sie mit der realen Möglichkeit konfrontiert, ebenso etwas Anderes zu versuchen.

Mut, und Verlässlichkeit, die den Mut rechtfertigt, sind deine Freunde.

Das Erlernen der Selbstliebe

Quelle der Selbstliebe

In einem jeden von uns ist eine Quelle zu finden, aus der wir Liebe „ernten“ können. In manchen Menschen ist sie etwas versteckter als in anderen. Aber zu finden ist sie in einem jeden von uns, wenn man sich ernsthaft auf die Suche danach macht.

Weil es auf den ersten Blick einfacher erscheint, sich seine Liebe von außerhalb zu holen, wenden wir jedoch vielfach nicht die Zeit dafür auf. Es geht ja auch anders. Dass wir uns damit von diesem Außen erpressbar machen, fällt oft erst dann auf, wenn dieser Fall eintritt.

So akzeptieren wir aus Angst vor Liebesverlust Verhaltensweisen anderer, die weder uns noch ihnen gut tun. Der einzige nachhaltige Schutz gegen diese ungesunde Abhängigkeit ist es, die Quelle der Selbstliebe in uns selbst zu entdecken, und zu lernen, mit ihren Schwankungen umzugehen.

Nicht wenige Menschen verstehen unter „Offenen Beziehungen“ die Idee, das Risiko dieser Abhängigkeit vom Außen auf mehrere Menschen aufzuteilen. Fällt einer weg, fangen die anderen das Risiko auf. Darum haben diese Menschen auch tendenziell Angst, in die Situation zu kommen, „nur“ einen Partner zu haben.

Aber das verlagert das Problem nur, löst es nicht. Die einzig dauerhaft nachhaltige Lösung ist in einem selbst zu finden: im Finden und Nutzbarmachen der eigenen Quelle der Liebe und Aufmerksamkeit.

Die Ă–konomie der GroĂźzĂĽgigkeit

Wer in sich eine Quelle der (Eigen-)Liebe entdeckt hat, wird bald erkennen, dass er diese in sich „geerntete“ Liebe auch an andere weitergeben und damit Glück bringende Verbindungen schaffen kann.

Doch auch wenn diese Quelle in uns eine nachwachsende Ressource ist, bringt sie nicht immer gleiche Ernte. Zudem schwankt unser „Eigenverbrauch“ mit unseren Bedürfnissen und unseren Verbindungen zur Außenwelt mit.

Im Idealfall schaffen wir es, uns selbst aus eigener Quelle gut zu versorgen und den Überschuss an andere weiter zu schenken. Geben wir aus diesen Ressourcen mehr, als wir selbst „nach-ernten“ können, so deswegen, weil aus verlässlicher Quelle von außen genug nachkommt, um unseren eigenen Bedarf zu decken. Ich kenne kaum jemand, der diesen Idealfall lebt.

Erfahren wir hingegen einen Mangel an Liebe/Aufmerksamkeit (weil wir zu wenig in uns finden, zu viel gegeben haben oder zu wenig zurĂĽckbekommen haben), so wächst das BedĂĽrfnis nach Kontrolle unserer Beziehungen zum AuĂźen. Aus Beziehungen, die je nach Ressourcen ĂśberschĂĽsse miteinander teilen, werden „Handels-Beziehungen“ – mit entsprechenden (oft unausgesprochenen) „Verträgen“ oder zumindest Vorstellungen entsprechender Verpflichtungen und Hochrechnungen der jeweiligen “Leistungen” fĂĽreinander..

Eine der Voraussetzungen, um ökonomisch mit den eigenen Ressourcen wie Liebe und Aufmerksamkeit umgehen zu können, ist ein kontrollierter Umgang mit den eigenen Grenzen: den Durchfluss hin zum Anderen genau so weit zu öffnen, wie es allen Betroffenen (also auch mir!) gut tut.

Allzu oft werfen Menschen anderen vor, sie bewusst „ausgenutzt“ zu haben, wo sie doch nur selbst unfähig waren, den „Abfluss“ der eigenen Ressourcen entsprechend zu steuern.

Die gute Nachricht ist: diese Selbst-Kontrolle lässt sich erlernen.

Die Fähigkeit der Selbstbehauptung

Selbstbehauptung

Wenn wir uns durch die Welt bewegen, treffen wir auf andere Menschen, denen es an Liebe und Aufmerksamkeit fĂĽr sich selbst fehlt. Vor allem in den sensibleren von uns wird dadurch oft der Wunsch geweckt zu helfen. So manches Mal werden wir auch direkt um Hilfe gebeten, oder es wird versucht, diese (bis zur Anwendung von Gewalt) einzufordern.

Viele Menschen machen die Entscheidung, ob sie helfen wollen, von der Hilfsbedürftigkeit des Anderen abhängig. Dabei übersehen sie gerne, dass ihre eigenen Ressourcen und damit ihre Möglichkeiten zu Helfen beschränkt sind.

Viel hilfreicher für alle Beteiligten ist es im Regelfall, wenn der eigene „Haushalt“ an Ressourcen wie Liebe und Aufmerksamkeit der entscheidende Faktor ist: Bin ich gerade im Überfluss? Und wenn ja, wie viel kann ich geben, ohne selbst in einen Mangel zu geraten?

Wird diesem Aspekt zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, so kann es rasch zu VorwĂĽrfen dem Anderen gegenĂĽber kommen, wenn wir uns beim “Helfen” selbst ĂĽberfordern. Die Ursache der Ăśberforderung liegt jedoch nicht im leidenden Anderen verborgen, sondern in unserer Unfähigkeit der Abgrenzung, wo uns die Ressourcen fehlen, nachhaltig zu helfen.

Nun kann es auch passieren, dass jemand von uns Hilfe verlangt, etwa weil er uns vorher selbst geholfen hat, oder es als Pflicht innerhalb einer Freundschaft/Beziehung/… ansieht. Auch hier kann es hilfreich sein, dies stattdessen vom eigenen Ressourcen-Haushalt abhängig zu machen, selbst wenn es vorerst zu einem Konflikt führen mag.

Denn bin ich selbst „unterversorgt“, kann ich dem Anderen nur sehr eingeschränkt helfen. Ich tue ihm keinen Gefallen, wenn ich ihm meinen eigenen Mangel verschweige.

Vor allem wird durch solche Konflikte dann plötzlich sichtbar, wie oft wir uns eigentlich in „Handels-Beziehungen“ mit unseren Mitmenschen befinden, die nach „vorgefertigten Formen“ ablaufen („Ein echter Freund reagiert so“), anstatt uns an unseren Bedürfnissen und Möglichkeiten zu orientieren.

Manche Menschen drängen anderen Menschen ihre Liebe und Aufmerksamkeit auf, weil sie sich nicht mit sich selbst beschäftigen wollen. Oft wollen sie sich damit auch eine entsprechende „Gegenleistung“ in ihren eigenen schlechten Phasen „erkaufen“. Wer annimmt, was er nicht braucht, um einen Konflikt im Jetzt zu vermeiden, nimmt dafür im Regelfall einen späteren Konflikt in Kauf – bei dem er sich dann in der Defensive befindet, hat er doch vom anderen schon „profitiert“.

Bedingungslose Liebe

Die meisten von uns sind es gewohnt, die Bewertung unseres Tuns vom zu erwartenden Ergebnis abhängig zu machen. Wir “investieren” in einen Menschen, weil wir uns einen Nutzen daraus erwarten. Wenn es dann danach aussieht, als wĂĽrde sich der Nutzen womöglich nicht einstellen, hören wir damit auf.

Im Hinblick auf die Liebe: wir geben einer geliebten anderen Person Aufmerksamkeit, in der Hoffnung, sie würde es uns gleichtun und im Gegenzug uns Aufmerksamkeit schenken. Keimt in uns der Verdacht auf, dies würde nicht so sein, hören wir oft damit auf – und erzeugen damit womöglich erst die Situation, die wir fürchten. Denn die andere Person denkt sich nun: Bin ich ihm denn am Ende doch nicht so wichtig als ich glaubte? Und wird ebenso ihre „Investition herunterfahren“.

Der Schlüssel liegt auch hier wieder im Vertrauen auf die eigenen Ressourcen: sich selbst von der Reaktion der Umwelt unabhängig zu machen. Weil die notwendigen Ressourcen an Liebe und Aufmerksamkeit in ausreichender Menge in einem selbst zu finden sind, und der Überschuss bedingungslos weitergeschenkt werden kann.

Zu lieben. Einfach so. Sobald man genügend Liebe und Aufmerksamkeit in sich selbst „gewonnen“ hat, dass man den Überfluss aus freien Stücken verschenken kann, ohne auf einen Ausgleich angewiesen zu sein.

Meiner beschränkten Erfahrung nach ist hier die eigentliche Grenze “freier Liebe” zu finden. Ich kann bedingungslos lieben, aber dieser “Ăśberschuss” an Liebe und Aufmerksamkeit, den ich geben kann, ist trotz allem begrenzt.

Deswegen halte ich es aus heutiger Sicht fĂĽr sinnvoll, sich auf eine Person, eine Gefährtin zu beschränken, der man Priorität einräumt. Ist genĂĽgend “Ăśberschuss” vorhanden, um noch mehr Menschen etwas davon zukommen zu lassen: gut, warum nicht. Aber ich habe noch niemanden kennengelernt, der dies auch dauerhaft und gleichberechtigt mit mehreren Menschen auf eine Weise vollbracht hätte, die alle Betroffenen glĂĽcklich macht.

Die Kunst der lebendigen Formen

Ausgeglichenheit

Die meisten von uns betrachten die Liebe tendenziell als eine Sache von Entweder-Oder. Entweder du bist mit mir in einer Beziehung, dann opfere ich mich für dich auf (und erwarte dasselbe von dir). Oder wir sind es nicht, und was wir füreinander tun ist beschränkt durch bestimmte Formen.

Wehe, die Grenzen jener Formen verwischen sich – etwa wenn der One-Night-Stand plötzlich auf die Idee kommt, den anderen zu lieben. Oder die sexuelle Anziehung innerhalb einer Beziehung ihren Reiz verliert. Das war doch anders ausgemacht! Dann trennt man sich mehr oder weniger versöhnlich, um nicht in die schwierige Situation zu kommen, sich im unsicheren Terrain der Graustufen zu bewegen.

Wer die obigen Aspekte verinnerlicht hat, ist gut vorbereitet auf jenen weiteren mutigen Schritt: gemeinsam lebendige Formen zu kreieren. Wenn alle Beteiligten gut auf sich selbst achten, können sie auch gemeinsam eine Form des Miteinanders finden, die ihren jeweiligen Bedürfnissen entspricht. Und auch einen für sie stimmigen Veränderungsprozess jener Form, damit sie lebendig bleibt und sich verändernden Bedürfnissen anpasst. Denn alles ist vergänglich in dieser Welt.

Der Gefährte, der gerade in einer persönlich schwierigen Phase durchmacht, wird womöglich in jener Zeit mehr Nähe und Geborgenheit brauchen, als er es zu anderen Zeiten notwendig hat, wo er diese eher als „übertrieben“ oder gar „lästig“ empfindet. Und warum auch nicht?

Alles, was dazu notwendig ist, ist gute, ergebnisoffene Kommunikation. Nicht: Willst du X für mich sein oder Y? Sondern: Was brauchst du? Ich brauche dies und jenes. Eine gewisse Schamlosigkeit, die die notwendige Voraussetzung von Authentizität und Echtheit ist. In der man auch mal schwach, nicht perfekt sein darf, und dem Anderen das gleiche Recht zugesteht. Wie befreiend!

Die Akzeptanz einer imperfekten Welt

Die meisten von uns sehnen sich (aus Eigenerfahrung sowie Erfahrungen anderer, die sich mir anvertraut haben) einerseits nach einem Gefährten, dem Vertrauten, aber auch dem Neuen, oft in einer Art stetigem Wechselspiel des Ganzen. Und wollen am besten all das in einer Person vereint. Am besten noch ohne großen eigenen Aufwand, bis übermorgen geliefert bis an die Haustüre.

Nur: die Welt verändert sich ständig. Die Menschen um uns verändern sich, und auch wir selbst und unsere Bedürfnisse. Die Idee einer offenen Beziehung (im Sinne meiner Definition, gemeinsam ein Miteinander zu finden, das stimmig für alle Betroffenen ist) kommt dem entgegen. Weil sie vom Zwang erlöst, die perfekte Wahl zu treffen und auch selbst zu sein. Weil ich – wenn es mir wirklich wichtig ist – gemeinsam mit allen Betroffenen nach konstruktiven Lösungen suchen kann, ohne mich ständig für oder gegen Menschen entscheiden zu müssen.

Ich glaube nicht, dass es die „objektiv perfekte Form“ des Miteinanders gibt. Sondern dass die Kunst darin besteht, gut für sich selbst sorgen zu lernen und gemeinsam ein stimmiges Miteinander zu finden, das sich seine Lebendigkeit behält. Damit man sich aneinander erfreuen kann. Nicht notwendigerweise ständig, aber mit den Rhythmen von Sterben und Wiedergeburt der jeweils stimmigen Formen des Miteinanders immer wieder aufs Neue.

Erstaunlich oft ist mir das neben einigen schmerzvollen Erfahrungen auch gelungen. Ich wünsche euch ähnliche positive (oder zumindest lehrreiche) Erfahrungen.

Niklas

P.S.: In meinem Buch BarfuĂź fĂĽhrt dein Weg dich weiter sind auch dazu einige Texte enthalten. Und bis 29.11.2018 ist die eBook-Version meines Buches sogar noch kostenlos downloadbar. Mehr Infos dazu unter diesem Link.

So hat man zu lieben. Wenn, dann richtig. Sonst ist es keine Liebe. Nur.. Machtspiel. Oder vielleicht auch Lust. Nein, Liebe, richtige Liebe, ist bedingungslos.

Und so hatte er geliebt, mit all seiner Macht, mit all seiner Hoffnung, mit all seinem Glauben. Hatte Erwiderung gefunden. Den einen anderen Menschen, von dem die in Unzahl verschlungenen Geschichten sprachen. Hatte sich ein paar Jahre an das vorgeschriebene Skript gehalten, bis der innere Widerspruch ihn doch unausweichlich mit der komplexeren Wahrheit konfrontierte: dass es da mehr gab als den beschriebenen einen anderen Menschen.

Solche Geschichten zu aufzufinden war schwieriger, umso mehr Geschichten von Menschen, die sich dieser Wahrheit gestellt und damit auch glücklich geworden waren. Es überwogen die Tragödien und Dramen, die Eifersuchts-Szenen bis hin zu Morden im Affekt. Warum sich all dem aussetzen? Warum nicht lieber die Geschichten seiner Kindheit nachspielen, die im Gegensatz dazu meist gut endeten? Was bedeutete ein kleines Opfer an Wahrheit schon im Gegenzug für ein „glücklich bis ans Ende ihrer Tage“?

An dem Tag, an dem er die Realität hinter den Geschichten nicht nur in Andeutungen spürte, sondern mit ihr unmissverständlich konfrontiert wurde, hatte er seine Antwort. Es war bequemer, sich an das Skript zu halten, sich in die endlosen Reihen der Schauspieler vor ihm einzureihen. Nicht mehr alleine, sondern Teil einer kollektiven Geschichte zu sein, und wenn es auch bedeutete, den widerspenstigeren Teil der eigenen Wahrheit, des eigenen Seins, mit fröhlichen Masken zu überdecken. Man muss lernen, sich anzupassen, meinte eine Freundin zu ihm. Man muss. Sonst wirst du auf Dauer nicht glücklich werden. Sie war nicht die einzige, die ihm derart zu helfen suchte.

Am Ende waren es dann diese nie ganz ausgelöschte Spuren von Traurigkeit, von Verlust, die sich in den Zügen jener „Glücklichen“ abzeichneten. Die Bruchteile von Augenblicken, die tiefere Einblicke gewährten, in jene, die ordnungsgemäß gelernt hatten, sich anzupassen. Da war dieser Moment der Reue, kaum wahrnehmbar, und doch den Schmerz verratend: akzeptiert worden zu sein, aber nie ganz, nie in der ganzen Komplexität, der ganzen Tiefe. Es waren gangbare Wege, akzeptable Wege, Wege aus der Einsamkeit, aber ihnen zu folgen schien doch in Sackgassen zu führen. Man war Teil eines Ganzen geworden, aber stets nur als Anteil, in innerer Rest-Spannung mit jenem Teil des Selbst, der als Gegenleistung dafür in die Untiefen des Unterbewusstseins verbannt werden musste.

Nun aufmerksamer auf die Zeichen, fand er sich inmitten wiedergekäuter Geschichten wieder, die sich in den Bewegungen, vor allem aber in den Augen seiner Mitmenschen abzeichneten. Man muss lernen, sich anzupassen, kam ihm die Aussage der Freundin wieder in den Sinn. Aber wenn das stimmte, wie waren dann all diese Geschichten, aus denen man wählen durfte, ursprünglich entstanden? War nicht am Anfang jeder dieser Geschichten jemand gewesen, der durch sein Handeln Geschichte schrieb? Woraus hatte dieser die Berechtigung bezogen, sich eben nicht für eine der bestehenden Geschichten zu entscheiden, sondern Subjekt seiner eigenen, individuellen zu sein? Und wer war überhaupt befugt, solche Berechtigungen zu erteilen oder zu verweigern?

Die Erkenntnis ließ ihn erschaudern: Ich. Und so hatte er von neuem begonnen, mit einem unbeschriebenen Blatt. Nur von der Liebe wollte er sich leiten lassen, von der höchsten, edelsten Liebe, bedingungslos, ehrlich und frei. Und so liebte er die Menschen, die seine Liebe erwiderten, und liebte jene, die dies nicht vermochten. Sah mit einem freundlichen Zwinkern auf diejenigen, die seine Liebe für sich allein beanspruchen wollten, ihn einschränken, ihn an sich binden wollten. „Nehmt!“, schien er ihnen zu sagen, „Es ist genug für alle da!“. Und lange, über viele Jahre, schien er damit auch Recht zu behalten.

Bis er sich irgendwann eingestehen musste, dass seine Liebe am Ende doch auch natürliche Grenzen aufwies, dass sie komplexer war. Nicht in ihrem Fühlen, sondern im Lebendig werden lassen in einer in sich begrenzten Welt. Liebe, das war gleichzeitig ewige, unabänderliche Essenz, und unbeständige, gewissermaßen pulsierende Form. War Vertrauen, Hoffnung auf diese Essenz hinter den Formen, war Anziehung, war Loslassen, war Wiederkehren, war… vergänglich und ewig zugleich, war Sterben lassen der Formen mit dem Glauben an die Wiedergeburt, war… keine Auswahl an Geschichten mit vordefiniertem Ausgang mehr, aus denen zu wählen war, sondern ergebnisoffen. War Risiko, nicht einmalig, sondern stets aufs Neue.

Hilfreiche Bilder fand er, wie so oft, in den Elementen: Wasser. Wasser veränderte seine Konsistenz, war nicht immer gleich greifbar, konnte Leben spenden, aber auch verletzen und töten. Bedingungslose Liebe in ihrer Essenz allein war wie Wasser in seiner natürlich vorkommenden Form. Nun hatte der Mensch über Jahrtausende gelernt, Wasserläufe ein Stück weit zu beeinflussen, ihnen zweckdienliche Formen zu verleihen. Doch dort, wo Wasser in Verkennung seiner Essenz zu kontrollieren versucht wurde, verlor es seinen lebensspendenden Wert: Wasser musste fließen können. Und doch war es auch möglich, es in Anerkennung seiner ursprünglichen Form umzuleiten, ohne es in seiner Lebendigkeit zu beeinträchtigen. War das etwa, neben der Fähigkeit, unabhängig der gerade sichtbaren Formen an die immerwährende Essenz hinter den Formen zu glauben, die wahre Kunst der Liebe?

Und so suchte er nach Wegen, seine Liebe und die jener, die für ihn Liebe empfanden, in lebendige Bahnen zu leiten, die dem gemeinsamen Wachstum förderlich sein würden. Liebte bedingungslos, und doch stets bemüht, im Ausdruck dieser Liebe die Bahnen zu achten, die die Bedürftigkeit des Einzelnen vorschrieben. Versuchte, ganz zu lieben, unverdrängt, und damit auch anderen den Raum zu eröffnen, sich ebenso ganz, nackt zu zeigen. So ineinander zu fließen, dass die gegenseitig gefühlte Liebe Leben und Lebendigkeit spendete.

Es war ein schwieriger Weg, sich hinter die Kulissen zu begeben, hinter die Masken der öffentlichen Identität, hinter die Formen, die die Menschen vor dem ganzen Mensch zu beschützen vorgaben, hinter die Wörter, die die Identität des Einzelnen davor schützten, zu einer individuellen, einzigartigen zu werden. Und doch… fand er sich bestätigt, wenn er sich mit Menschen in diesem unbestimmten Raum wiederfand, und in ihren Augen und Herzen dieselbe Nervosität und Freude spürte, die auch ihn stets erfasste, wenn er hierher zurückkehrte. Hier war… Mögliches zu finden.

Hier, das war ein Raum reinen Potentials, gewissermaßen Wasser in seiner ursprünglichsten Essenz. Es war der Ort, an dem sich Menschen einander ganz zu zeigen vermochten, an dem sichtbar werden durfte, was der jeweils andere brauchte. An dem es wertfrei als gegeben akzeptiert werden konnte, dass auch erwachsene Menschen überhaupt brauchen durften. An dem man gemeinsam nach kreativen Lösungen suchen durfte, diese realen Bedürfnisse der Betroffenen auch erfüllt zu sehen. Und wie die in ihrer Essenz vorhandene Liebe zueinander so ausgedrückt werden konnte, dass sie auch immer wieder das das Geschenk empfunden werden konnte, das sie darstellte.

Vor Jahren hatte er begonnen, diesem Weg zu folgen, der streng genommen erst Weg wurde, indem man ihn gegangen war. Immer wieder hatte er sich mit anderen Menschen an jenem Ort reinen Potentials wiedergefunden. Oft hatte er lange nicht mehr dorthin zurĂĽckgefunden, oder ohne die Menschen, fĂĽr die er Liebe empfand, wieder dort anzutreffen, weil auch diese sich bisweilen in der Welt verlaufen hatten. Oft hatte er gelitten, oft war er versucht gewesen, doch den Rat der Freundin anzunehmen. Man muss, hatte sie gesagt.

Doch trotz aller Erfahrungen, die ihn bisweilen an seinen Entscheidungen zweifeln ließen, trotz aller Narben, die er an seiner Seele davongetragen hatte, verlieh ihm doch eines Mut: er konnte sich eingehend im Spiegel betrachten, und fand doch sehr oft ein Lächeln in diesem vertrauten Gesicht. Konnte tief in diesen Augen schürfen, und fand doch, obwohl sich neben Freude bisweilen auch Traurigkeit darin finden mochte, keine Reue.

Man muss nicht, dachte er. Man kann. Man kann aber auch nicht, wenn man nicht will, und es sich nicht richtig anfühlt. Vielleicht liegt darin ja das ganze Geheimnis. Dass man aus viel mehr als ein paar vorgefertigten Geschichten wählen kann. Solange man sich dabei noch im Spiegel betrachten und zufrieden sein kann mit dem, der einem da entgegenlacht. Dann kann man auch mal falsch liegen. Und manchmal richtig.

Und so, aus dieser einen ursprĂĽnglich Entscheidung, durch eigenes Handeln einen eigenen, stimmigen Weg zu gehen, eine Geschichte schreiben, die es auch wert ist, gelesen zu werden.


P.S.: Ein wenig Werbung in eigener Sache:
In den nächsten zwei Wochen gibts von mir im FreiRaumWels jeweils Dienstag, 19:00 einen Vortrag anzuhören:

  • 29.5., 19:00 – Der universelle Entwicklungskreislauf (was hat die Arbeitsweise von Psychotherapeuten, Schamanen, Heilern, Lehrern, … gemeinsam? Welche Rolle spielen Drogen und SĂĽchte darin? Was können wir daraus fĂĽr den Alltag lernen?)
  • 5.6., 19:00 – FĂĽhren zur Selbstverantwortung (Wie fĂĽhrt man andere so, dass sie eigenständig und in Eigen-Initiative lernen/arbeiten, bzw. wie gestalte ich Soziale Systeme wie z.B. eine Schulklasse so, dass sie die Eigen-Initiative und Selbstverantwortung unterstĂĽtzen statt wie sonst oft eher blockieren?)

Mehr Informationen dazu gibts unter Vorträge/Workshops – ich freu mich auf euer kommen 🙂

 

Es ist lange her, dass ich zuletzt geschrieben habe. Zu lange. Ich habe dich vermisst, Gegenüber aus Papier, so formvollendet weil formlos, so voller Potential und doch so leer. Ich habe von dir gelassen, weil ich „etwas aufbauen“ wollte, wenn-dann-richtig-schreiben, mit Sinn, mit Fokus auf eine möglichst gewisse Zukunft. Habe verdrängt, dass Geschichten Wort für Wort errungen werden. Dass das Erleben flüchtig ist und nur die Rückschau bleibt. Die Zukunft aber ist stets ein unbeschriebenes Blatt.

Es tut bisweilen gut, sie sich auszumalen, sie zu konzeptualisieren, solange noch Platz übrig ist sich zu entfalten, an letzten Schräubchen zu drehen, wenn der Moment heranbricht. Nicht nur noch „abzuleben“, was längst definiert und mehrseitig abgesegnet wurde. Immerhin war es ja mal gut, wie kann es da misslingen? Ha!

Und dann habe ich dich getroffen, und du bist in mein Leben geflossen. Sanft, auf Umwegen, irgendwie oft meilenweit entfernt, und doch immer dabei. Ich habe dich geliebt, und ich wollte, konnte dich nicht gehen lassen, selbst dann, als es notwendig erschien. Ich wollte die Kraft aufbringen, dich lieben zu können, auch wenn es meine Grenzen sprengte. Du hast mich nie darum gebeten, dies zu tun, und ja, es ist unfair, dir vorzuwerfen, was doch meine Entscheidung war. Ich hätte auch gehen können, vielleicht auch sollen. Wäre das „authentischer“ gewesen, wie du das gerne zu nennen pflegst? Manchmal ist zu gehen schwieriger als zu bleiben.

Es ist nur dann auch schön, nicht einsperrend, wenn eine solche Verbindung als Geschenk gemeint ist, hast du gesagt. Wahrscheinlich meinst du damit sinngemäß „bedingungslos“. Das war es, immer. Irgendwann jedoch überstieg die Überforderung meine Kräfte. Ich wollte dich nicht hängen lassen, blieb für dich da, so gut ich es vermochte. Und mit dem Schwinden meiner Kräfte erwachte plötzlich ein neues Bedürfnis in mir: gesehen werden. Gewertschätzt für das, was ich aus Liebe versucht habe zu leisten, was ich war und geworden bin. Nicht als Bedingung meiner Liebe, nein! Als unabhängiges Bedürfnis, im Außen als wertvoll erlebt zu werden, und auch mich selbst lieben zu lernen.

Leider fehlt mir darin die Übung. Ich habe in meinem Leben viele komplizierte Mechanismen entwickelt, um mich dem tiefsten Kern nicht stellen zu müssen. Um dorthin vorzudringen, muss ich vorher erst die ganzen Schutzvorrichtungen darüber abbauen. Wer werde ich danach noch sein? Werde ich am Ende dieses Weges noch ein Dach über dem Kopf haben, noch erkannt werden von Freunden und mir selbst im Spiegel? Wer hätte noch Respekt vor mir als Landstreicher, als Sonderling, als der, der sich womöglich zeigen mag?

Ach, würde ich mein Leben leben ohne Hemmungen, so würde ich schreiben, schreiben, schreiben, nicht nur in den Pausen, die die Hülle meines äußeren Lebens mir lässt. Ich würde die Welt so richtig auflaufen lassen an mir, mit all ihren projizierten Bedürfnissen und Formen. Die größte Angst, so wird mir immer mehr bewusst, ist die, uns am Ende allein zu finden. Was, wenn wir irgendwann so ungefiltert wir selbst sind, dass wir uns gegenseitig nicht mehr ertragen können? Können wir dann die alten Masken wieder aufsetzen? Tun, als wäre nichts gewesen, als hätten wir uns nicht längst bereits geschaut?

Deshalb der Spagat von Jetzt-Welt und Verlangen. Deshalb die Worte, die ich nur schreiben kann, niemals aber sprechen. Auf Papier machen sie mich ganz, ausgesprochen bergen sie zu großes Risiko. Ich denke, ich wär vielleicht sogar eine schöne Zumutung. Allein, mir fehlt noch der Mut.