Im Tao Te King findet sich (neben vielen anderen Weisheiten) eine einzelne Textzeile, die mich stets fasziniert hat, weil sie in so wenigen Worten eine Wahrheit mit weitreichenden Konsequenzen ausdrückt: Sparsamkeit gebiert Großzügigkeit. Oder anders ausgedrückt: Es gibt keine Großzügigkeit ohne Selbstbeschränkung. Aber was soll das alles mit der Liebe zu tun haben?

Ăśber die Jahre hat sich fĂĽr mich ein grobes Modell herauskristallisiert, was „die Liebe“ eigentlich ist. In einem Wort ausgedrĂĽckt wĂĽrde ich sie wohl am treffendsten mit „Glaubenskraft“ ĂĽbersetzen – mit einer Art 2. Platz fĂĽr das Wort „Aufmerksamkeit“, da wir mit unserer Aufmerksamkeit oft bei Menschen sind, die wir lieben.

Das Modell: Eine Ă–konomie der Liebe

Ă–konomie der Liebe - Modell

In diesem Modell stellen wir uns einen jeden Menschen als eine Art „Zelle“ vor, der sich in einer Art „Ursuppe“ bewegt. Eine jede dieser Zellen hat eine Art Kern und eine Membran, die diesen Kern von der Außenwelt abgrenzt.

Im Kern einer jeder dieser Zellen (eines jeden Menschen) entsteht eine Art nachwachsende Ressource, die wir „Liebe“ nennen können. Bei manchen Menschen wächst sie schneller nach, bei anderen langsamer, manchmal regelmäßig, manchmal unregelmäßig. Und je nach Lebenssituation „verbraucht“ dieser Mensch auch jeweils mehr oder weniger dieser Ressource, um sich einigermaßen wohlzufühlen. Hat er zu wenige „Vorräte“, „hungert“ er nach Liebe.

Weil die Membran dieser „Zelle“ halbdurchlässig ist, ist auch ein Austausch dieser Ressource Liebe möglich. So kann etwa ein Mensch einen Teil seiner Liebe einem anderen Menschen schenken, der diese dann zusätzlich zu seiner eigenen verbrauchen kann. Denn die Liebe ist eine neutrale Ressource, die sowohl für den Eigengebrauch als auch für andere geeignet ist.

Handelsbeziehungen und Energie-Vampire

Ein groĂźer Teil unser zwischenmenschlichen Beziehungen, seien es Freundschaften oder auch romantische Beziehungen, basieren auf einer Art “Handels-Beziehung”. Ein Mensch schenkt einem anderen Liebe/Aufmerksamkeit und erwartet sich in der Folge vom Anderen ein ähnliches Verhalten: „Freunde sind fĂĽreinander da, wenn es einem schlecht geht“.

Anders ausgedrĂĽckt: wenn meine eigenen Vorräte an Liebe unter ein gewisses Level fallen, erwarte ich mir von einem Freund, dass er mir einen Teil seiner Liebe zukommen lässt. Im Gegenzug kann er sich, sollte er selbst in eine solche Situation kommen, auch auf mich verlassen. Dies wird selten so konkret ausgesprochen, schwingt aber oftmals unterschwellig mit – und sorgt im Krisenfall fĂĽr groĂźe Enttäuschungen, wenn der Freund sich dann plötzlich nicht als „echter Freund, der fĂĽr einen da ist“ entpuppt.

Ein weiteres verbreitetes Muster ist die Helfer-Beziehung, bei der ein Mensch einem anderen regelmäßig Liebe zukommen lässt, während vom anderen wenig bis nichts zurückkommt. Der nehmende Partner jener Beziehung wird gerne als „Energie-Vampir“ bezeichnet, dem gebenden Partner ein „Helfer-Syndrom“ attestiert.

Ich bezeichne die beiden Grundtypen bewusst als „Partner“, weil sie sich in den meisten Fällen gegenseitig brauchen. Nicht ohne Grund kommt es oft vor, dass ein Mensch, der einen „Energie-Vampir“ losgeworden ist, sich sehr rasch einen weiteren Menschen sucht, mit dem er ähnliche Muster durchspielen kann – und umgekehrt.

Der SchlĂĽssel: Die Kontrolle ĂĽber die Membran

Bevor wir geboren werden, leben wir in Symbiose mit unserer Mutter, mit entsprechend sehr durchlässiger Membran. Wir sind noch sehr abhängig von der Liebe unserer Eltern usw. Später, in der Pubertät, experimentieren wir unbewusst stärker mit den Möglichkeiten der Membran, uns von der Umgebung abzugrenzen.

Viele von uns haben die erste große Liebe wohl als eine Art „Durchbruch“ diesbezüglich erlebt, eine Art Versuch, erneut eine symbiotische Beziehung einzugehen. Was kaum jemals klappt. Die Verletzung, die aus diesem Scheitern entsteht, wirkt sich bei vielen noch Jahre danach aus.

Die meisten versuchen sich dann an der Kunst, bestimmten mehr oder weniger vordefinierten Beziehungsformen zu entsprechen, sei es eine „klassische Beziehung“, ein One-Night-Stand, eine „offene Beziehung“ und was immer es noch für definierte Modelle geben mag, mit unterschiedlichem Erfolg. In den meisten Fällen schwanken die Versuche irgendwo zwischen größtmöglicher Freiheit und langfristiger Verlässlichkeit – mit Phasen zwischen „Man kann eben nicht alles haben“ und „Das kann es doch nicht gewesen sein“.

Was wir in kaum einer jener vordefinierten Beziehungsformen lernen, ist die bewusste Kontrolle über unsere eigene Membran und die Notwendigkeit des Umgangs mit der begrenzten Ressource Liebe und den möglichen Quellen dieser Ressource. Die Verwirrung und bisweilen auch der Schmerz, die daraus entstehen, sind nachvollziehbar. Aber auch irgendwie traurig und oft unnötig, sobald wir lernen, unsere Membran zu kontrollieren. Üblicherweise (auch aus eigener Erfahrung) geschieht dies in verschiedenen Stufen.

Ein Stufenmodell der Kontrolle ĂĽber die Membran

In den Stufen 0-2 durchlaufen wir die Prozesse von völliger Symbiose hin zu völliger Abgrenzung bis zum folgenschweren Ereignis der ersten großen Verliebtheit (=erneute völlige Öffnung) und entsprechender Verletzung, die oft zu einer erneuten „Abschottung“ führt. Die Veränderung der „Dichte“ der Membran „passiert“ uns dabei noch und unterliegt kaum unserer bewussten Kontrolle.

Stufe 3 der Kontrolle der Membran wäre dann die Fähigkeit, bewusster „auf“ und „zu“ zu machen, wobei die meisten rasch aus Erfahrung lernen, nur bei ganz bestimmten Menschen „aufzumachen“ und dem Rest der Menschheit verschlossen zu bleiben, um nicht wieder verletzt zu werden. Die „Verletzung“ besteht oftmals darin, gewissermaßen an Liebe „auszulaufen“, ohne dass genügend dieser wertvollen Ressource von außen zurückkommt – gewissermaßen also eine Art „passive Verletzung“.

In dieser Stufe sind Menschen besonders anfällig für „Energie-Vampire“, weil sie noch keine Möglichkeit haben, ihre Liebe zu „dosieren“. Die „Energie-Vampire“ selbst stecken womöglich in einem ähnlichen Entwicklungs-Schritt fest, weil sie nur entweder aufnehmen können oder nicht. Ein Mehr an Liebe des Einen in dieser Beziehung führt damit fast unweigerlich zu einem „Abfließen“ zum Anderen.

Die Stufe 4 der Kontrolle der Membran erlaubt zwischen einem „offen“ und „zu“ auch Zwischentöne und Graustufen, etwa ein „halbdurchlässig“. So kann nun die Dosierung des Austausches besser reguliert werden.

In Stufe 5 kommt zusätzlich eine Ansteuerung von einzelnen Teilen der Membran hinzu. So kann etwa die Verbindung zu dem einen Menschen sehr offen sein, während die Abgrenzung zu einem anderen sehr „dicht“ ist. Mit der Zeit kann dies immer genauer auf die Bedürftigkeit anderer sowie dem eigenen „Vorrat“ an Ressourcen abgestimmt werden.

Mir geht es dabei weniger um eine bestimmte Abfolge jener Stufen. Sondern darum zu zeigen, dass es bestimmte Entwicklungsschritte in der Kontrolle der Membran gibt, die einerseits in der genaueren Ansteuerung bestimmter Teilbereiche und andererseits in der Kontrolle der Durchlässigkeit besteht – und eine immer bewusstere Kontrolle darüber bzw. auch ein Bewusstsein für die Notwendigkeit dieser Fähigkeit.

Die Fähigkeit zur Eigenliebe

Viele Menschen suchen ihr ganzes Leben im Außen nach Liebe – in Partnern, Liebhabern, Freunden, in der Familie, Gruppierungen, Gott/Göttern, der Natur, dem  Universum, wo auch immer. Auf ihrer Suche schenken sie anderen Liebe, in der Hoffnung, doch zumindest ein kleines bisschen zurückzubekommen. Als wäre Liebe erst dadurch etwas wert geworden, wenn sie weitergeschenkt wird.

Womöglich ist der langfristig befriedigendere Zugang jedoch die Erkenntnis, dass in uns allen ein Quell von Liebe ist, eine Art nachwachsende Ressource, die wir auch ohne den Umweg, zuerst andere zu lieben, für uns nutzbar machen können. Es ist die einzige Quelle der Liebe, auf die wir uns 100%ig verlassen können, und die uns von vornherein bedingungslos zur Verfügung steht.

Genährt von dieser inneren Quelle können wir dann den Überschuss bedenkenlos mit unserer Mitwelt und den Menschen, die sich in ihr bewegen, teilen, ohne auf die Notwendigkeit bestehen zu müssen, irgendeine Gegenleistung dafür einfordern zu müssen. Bedingungslos lieben.

Womit sich der Kreis zum eingangs erwähnten Zitat aus dem Tao Te King wieder schließt – ein wenig anders ausgedrückt: Selbstbeschränkung ermöglicht erst echte Großzügigkeit. Die Fähigkeit zur Eigenliebe auszubilden befähigt erst zur nachhaltig selbstlosen Liebe – weil für die eigene Bedürftigkeit verlässlich gesorgt ist.

„Aber führt dies nicht in die Einsamkeit“, mag der eine oder andere richtigerweise einwerfen, „wenn man sich selbst so wichtig nimmt?“. Meine bisherige Erfahrung ist eine gegenteilige: Die Fähigkeit zur bedingungslosen Liebe macht zu einem sehr angenehmen Gegenüber, mit dem die meisten Menschen gerne Zeit verbringen.

Die Fähigkeit zur Eigenliebe schließt auch nicht aus, andere um Liebe und Unterstützung zu bitten. Aber sie führt das Element der Freiwilligkeit ein, sowie die Akzeptanz persönlicher Grenzen. Ich bitte um Hilfe, aber habe Verständnis für die mögliche Beschränktheit der Möglichkeiten des Anderen – immerhin behalte auch ich mir auch selbst ein ähnliches Recht der Hoheit über meine persönlichen Ressourcen vor.

Vermutlich ist sie auch die Voraussetzung fĂĽr eine langfristig und nachhaltig glĂĽckliche Beziehung zwischen Menschen, welche konkrete Form auch immer diese annehmen mag.

Auf jeden Fall aber erscheint mir die Fähigkeit der Kontrolle der Membran zu erlernen ein sehr erstrebenswertes Ziel zu sein. Und mit jedem Fortschritt auf diesem Weg merke ich auch eine Weiterentwicklung in meinen Beziehungen zu meinen Mitmenschen und zu mir selbst.

Viel Freude und schöne Erkenntnisse auch euch beim Experimentieren damit!

Niklas

Es war doch immer wieder erstaunlich. Eine Stunde mit einer Freundin telefoniert. Versucht, der Suchenden guten Rat zu geben. Nur um nach dem Auflegen verblüfft festzustellen, dass man – wieder einmal – im Grunde mit sich selbst gesprochen hatte.

„Eigentlich ist es doch total unsinnig, was man da macht“, hatte er zu ihr gemeint. „Also dass man sich einredet, erst dann wieder miteinander in Kontakt zu treten zu dürfen, wenn man seine Schwierigkeiten überwunden hat. Dabei wär es doch viel logischer andersrum. Dann in Kontakt zu treten, wenn man Unterstützung braucht. Wenn man sich das mal angewöhnt hat, und die Unterstützung dann auch bekommt, dann kann einen ja eigentlich kaum mehr etwas wirklich umwerfen. Weil man dann umso mehr gehalten wird, je fester der Gegenwind weht.“
Das klang so dermaĂźen einleuchtend, dass es seltsam schien, dass er es selbst ebenso selten lebte wie jene Freundin, der er gerade zu helfen versucht hatte. Warum nur?

Lange saß er nach jenem denkwürdigen Telefonat noch in der Hängematte, schaukelte still vor sich hin, wiegte sich selbst, in sich versunken. Dann klingelte sein Handy erneut. Eine andere alte Freundin war dran. Er kannte sie nun beinahe schon zehn Jahre lang, und sie hatten immer schon ein etwas.. zwiespältiges Verhältnis gehabt. So eine merkwürdige Mischung aus gegenseitiger Zuneigung und sich gegenseitig kaum auf Dauer aushalten. Und so hatten sie sich eben mit der Zeit daran gewöhnt, dass sich zwischen ihnen immer wieder aufs Neue innige Momente mit Momenten gegenseitiger Abstoßung abwechselten. Auf seltsame Art und Weise.. liebten sie sich auch, hatten sich immer geliebt und würden sich wohl immer lieben. Nur nie eine auch alltagstaugliche Form für diese Liebe gefunden, die auch ohne jene sich wiederholenden Muster von Anziehung/Abstoßung auskam.

Und nun sprachen sie über den jüngsten Vorfall, der ihn wieder einmal dazu gebracht hatte, für ein paar Tage auf Distanz zu ihr zu gehen. Sie war zu Besuch gewesen, sie hatten sich gut verstanden. Bis sich wieder einmal jener „Rucksacktourist“, wie er es für sich nannte, in ihre Kommunikation eingeschlichen hatte. Mittlerweile hatte sich das Muster oft genug wiederholt, dass er es nicht mehr über Gebühr fürchtete. Trotzdem war es jedes Mal aufs Neue im Moment des Auftretens verwirrend. Sie waren gemütlich auf der Terrasse gesessen, hatten ungezwungen geplaudert. Sie hatte ihm eine Frage gestellt, unverfänglich an der Oberfläche betrachtet. Und doch hatte er sofort gespürt, dass der Rucksacktourist sich wieder einmal bemerkbar machte.

Der Schlingel war schwer wahrzunehmen, aber mit den Jahren hatte er ein feines GespĂĽr fĂĽr jene Momente entwickelt. Es war der Moment, in dem sie – an der Oberfläche betrachtet – eine ergebnisoffene Frage stellte, aber nur eine Antwort zu akzeptieren bereit war. FrĂĽher, noch ungeĂĽbter, hatte er sich bisweilen ĂĽberrumpeln lassen. Hatte jene eine Antwort gegeben, um den Konflikt zu vermeiden. War damit oftmals Verpflichtungen eingegangen, die er später bereute. Nur um frĂĽher oder später festzustellen, dass sie ihn – ohne es selbst zu merken – in jenem Fall ohnehin immer tiefer an und schlieĂźlich ĂĽber seine Grenzen fĂĽhren wĂĽrde. Bis er wieder einmal jene Grenzen ĂĽbergangen, ihr schlicht aus Ăśberforderung nicht mehr die Antwort zu geben vermochte, die sie davor schĂĽtzte, den Rucksacktouristen selbst wahrnehmen zu mĂĽssen.

Nun, aufmerksamer auf die Infiltration des Gesprächs durch den Rucksacktouristen, vertraute er mehr seiner instinktiven Reaktion, die dem Druck, die eine richtige Antwort zu geben, widerstand. An ihren Reaktionen war zu erkennen, dass er sie durch seine Weigerung, dem Druck des Rucksacktouristen nachzugeben, mit einem schwer zu greifenden Trauma zu konfrontieren drohte. Meist endete es jedoch damit, dass sie ihn mehr oder weniger wüst beschimpfte, was wohl als Vorstufe einer direkten Konfrontation mit dem in ihr wohnenden Rucksacktouristen zu deuten war. Besser Distanz herstellen zu demjenigen, der es wagte, den Spiegel zu stellen, in dessen Spiegelbild sie ihren Rucksacktouristen voll wahrnehmen könnte.

All das war in ihm als inneres Bild schon seit längerer Zeit herangewachsen, hatte er als gegeben akzeptiert gehabt. So war sie eben. War zwar bisweilen nervig, aber er liebte sie ja trotzdem irgendwie, und so oft kam es dann auch wieder nicht vor.

Aber nun war er mit einer unangenehmen Fragestellung konfrontiert: War wohl auch in ihm ein solcher Rucksacktourist zu finden, der ihn auf notwendige Entwicklungsprozesse hindeuten wollte, dem er aber ebenso über die Schaffung von Distanz aus dem Weg ging wie jene Freundin? War nicht dieses – objektiv betrachtet – absurde Grundmuster, in der eigenen Herausforderung auf Distanz zu Menschen zu gehen, die ihm hilfreich hätten sein können, ein verdächtig ähnliches? Was würde wohl geschehen, wenn er das Grundmuster umkehrte? Sich ohne Scham Unterstützung holte, wenn er sie auch brauchte?

In den letzten Monaten hatte er erste Ansätze dieser „Kontinentalverschiebung“ seiner Herangehensweise umsetzen können. Zumindest da, wo er rechtzeitig reagiert hatte, und noch nicht im Sumpf seiner Überforderung versunken war. Und dabei Erfahrungen gemacht, die gleichzeitig verstörend wie Hoffnung weckend waren: viele Menschen fühlten sich geehrt, wirkten froh, helfen zu können. Interpretierten es nicht als Belastung, wie er allzu oft angenommen, sondern als Ausdruck von Liebe und Vertrauen zueinander.

Ein StĂĽck weit war es die letzten Jahre ĂĽber zu einer Art von Alleinstellungsmerkmal von ihm geworden, dass tendenziell er es war, der anderen half, und nur dann um UnterstĂĽtzung bat, wenn es um Alltägliches ging. War er wirklich betroffen, vom Leben niedergeworfen worden, so hatte er sich ĂĽblicherweise zurĂĽckgezogen. Bis er – gestärkt und bewehrt mit einer erzählenswerten Geschichte – sich wieder „annehmbar“ genug fĂĽr Kontakt fĂĽhlte. Wie passend das Wort “Alleinstellungsmerkmal” doch aus dieser Betrachtungsweise schien – fabrizierte er ja im Grunde seine eigene Einsamkeit und seine eigene Ăśberforderung dadurch mit.

Nachdem er aufgelegt hatte, hatte er seinen Mantel genommen, die HaustĂĽr hinter sich geschlossen und war Tanzen gegangen. Immer noch erfahrungsgemäß eine der besten Möglichkeiten, ins Tun, ins Verändern zu kommen. Hatte eine Freundin dort getroffen, die sich neben ihn setzte, ihn umarmte, lange einfach nur neben ihm saĂź. Irgendwann hatte er dann ihre Hand genommen, mit einem hoffnungsvollen „I brauch des heute irgendwie“, und sie hatte ihn freundlich angelächelt, seine Hand gehalten, ihn gehalten, ihm Halt gegeben. Erstaunlich, wie einfach das war, wenn man endlich mal den Mut fand, einfach darum zu bitten. Sich zumindest fĂĽr Momente mal von der Vorgabe verabschiedete, man mĂĽsse makellos sein, um geliebt, um gehalten werden zu können. Und wie logisch eigentlich: war es denn nicht viel einfacher, Halt zu finden und zu geben, wenn man sich auch an der Oberfläche, dort, wo andere es sehen mochten, Makel, eine gewissermaĂźen “rauere Oberfläche” erlaubte?

Und im Grunde hatte er sie ziemlich satt. All die Makellosigkeiten, all die Alleinstellungsmerkmale, die die Menschen voneinander trennten. Warum sich nicht zur Abwechslung mal unmittelbar begegnen, und nicht nur dann, wenn man peinlich genau darauf geachtet hatte, dass nur die „guten“ Emotionen und Geschichten ausgetauscht werden würden, weil der Rest tief genug in dunklen Hinterzimmern des Herzens vergraben war? Auch mal ganz offiziell verdammt verzweifelt sein dürfen, wenn man sich ja ohnehin schon so fühlte. Warum also nicht anderen die Chance geben, hilfreich sein zu können und so Beziehungen zu vertiefen? Die Alleinstellungsmerkmale, die das Leben oft so unglaublich schwer zu bewältigen machten, aufzugeben, um zu einem Wir zu finden, das sich aus der Anerkennung und Wertschätzung des jeweils Besonderen und des daraus denkbaren Potentials speiste.

Aus abnormal und abnormal mochte kein normal werden, das den Ansprüchen einer Perfektion erwartenden Gesellschaft genügte. Aber ein „wunderbar“ war womöglich durchaus in Reichweite für denjenigen, der den Mut aufbrachte, der Welt auch mal ohne Scham eine gerade leere Hand zu reichen, um die Fülle zu empfangen, die diese Welt gerne zu schenken bereit war.

Aber offen darum zu bitten, sich zu trauen, die eigene Unzulänglichkeit auch sichtbar zu tragen..
Eines Tages. Vielleicht.

Da stand er nun vor den Ruinen seiner Arbeit.
Jahre, die er in den Aufbau einer Infrastruktur der Hoffnung gesteckt hatte, waren dahin. Das Erdbeben, das große Teile des Landes völlig verwüstet hatte, hatte auch ihn, der zu dem Zeitpunkt Tausende Kilometer entfernt gewesen war, zutiefst erschüttert. Man sagte, dass es eine der schlimmsten Erfahrungen sei, die ein Menschen erleben konnte: den Boden unter den  Füßen zu verlieren.  Er war nicht anwesend gewesen, als es passierte. Aber der rettende Boden, der war ab jenem Zeitpunkt auch für ihn in weite Ferne gerückt gewesen.

Und so hatte er sich eine Weile treiben lassen. Hatte Zuflucht, hatte Heimat gesucht in Orten, Menschen, Substanzen, und nur manchmal auch gefunden. Hatte mit dem Boden auch sich selbst verloren geglaubt.

Bis er einige Zeit später wieder jenen Boden betrat, der ihm einst Sinn eröffnet hatte. Die Erde hatte sich beruhigt, wie auch sein Innerstes wieder mehr zur Ruhe gekommen war. Es war etwas Besonderes an diesem Ort zu finden, das ihn nun erneut zu sich rief. Etwas, das er beinahe verloren geglaubt hatte, zerstört im Chaos der bebenden Erde. Und nun, Jahre später, konnte er erneut erahnen, warum er sich damals auf den Weg hierher gemacht hatte. Vieles war in dem Beben zerstört worden, aber dies waren nur äußere, vergängliche Formen gewesen. Etwas Tieferes, Wichtigeres, Ewiges war geblieben.

Die Menschen hier hatten nach den heimatlichen Standards nichts. Und doch waren sie glĂĽcklich.

Das hatte er vor vielen Jahren dem Jüngeren erzählt gehabt, der seinerseits seiner Wege ging, das Amulett wie die Führung des Älteren nah an seinem Herzen. Sie sahen sich nur noch selten. Und doch war auch hier eine Resonanz spürbar, ein Beben, das Worte transzendierte.

Die Menschen dort, nach all der Zerstörung, die waren immer noch so glücklich, erzählte er nun dem Jüngeren, der sich lächelnd an die damaligen Worte des Älteren erinnerte. Und sie haben sich an mich erinnert, auch als von der Arbeit meiner Hände nichts mehr übrig war.

Der Jüngere schwieg, weil seine Worte nur ungenügend ausdrücken konnten, was er als Wahrheit in sich erspürte: Weil diese Menschen, die dich so faszinieren, weise sind. Sie wissen, dass alles Geschaffene wieder vergehen wird, und hängen daher ihr Glück nicht an Vergängliches. Wer nie vergisst, dass nichts selbstverständlich ist, freut sich über jede kleine Annehmlichkeit, und trauert keinem Verlust allzu lange hinterher. Sie erinnern sich nicht an dich, weil sie jetzt die Infrastruktur, die du aufgebaut hattest, nutzen können (die durch das Erdbeben zerstört wurde, was zeigt, wie vergänglich sie war). Sie erinnern sich nicht an das Ergebnis deiner Arbeit, sondern daran, dass du ihnen mit deiner Arbeit dienen wolltest. Du dienst ihnen nicht, wenn du dein eigenes Glück oder deinen eigenen Selbstwert daran hängst, was mit dem Ergebnis deiner Arbeit geschieht. Du dienst ihnen, wenn du ihnen dienst, und damit deine Liebe ausdrückst.

Um all dies klar und unmissverständlich auszudrücken, fehlten dem Jüngeren die Worte, fehlten ihm die notwendige Weisheit. Aber es gab andere Worte in ihm, die nach Ausdruck verlangten.
„Du hast mich auf meinen Weg gebracht“, sagte er zum Älteren. „Du bist einer von vielleicht drei Menschen, die mich in meinem Leben am meisten geprägt haben.“
„Du hast mir geholfen, auf meinem Weg zu bleiben, und zurückzufinden, wenn ich ihn verloren habe“, sagte der Ältere zum Jüngeren.
Und dann umarmten sie sich und schwiegen, weil es nichts mehr zu sagen gab, das nach Worten verlangte.

Das Amulett hatte er längst verloren. Es war nicht mehr notwendig.
Auch so spürten sie die starke Resonanz zweier Herzen, die Gefährten geworden waren, auf Wegen, die sich in ihren Verstrickungen unterscheiden mochten, aber im Endeffekt doch demselben Ziel zustrebten.

Welchem? Das erschien weniger wichtig, als den Weg zurückzulegen, der sich stimmig anfühlte, und sich gegenseitig dabei zu unterstützen, den jeweils nächsten notwendigen Schritt zu setzen.

Waren nicht, im Endeffekt, genau dafĂĽr wahre Freunde da?

Der folgende Text stammt von Katja Lenes aus Baden bei Wien, NĂ–. Sie arbeitet an einer Freien Schule, ist ein wunderfeiner Mensch und steckt – wie ihr selbst nachlesen könnt – auch voller interessanter Wortkonstruktionen 🙂
Wer sie direkt kontaktieren mag, kann das unter katjasc@gmx.at tun, sie freut sich sicher ĂĽber freundliche RĂĽckmeldungen..

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

meine Zweifel hätten für ihn keine Bedeutung!

Sogleich spuckte ich in ihn.

Sollte er froh sein,

fast hätte ich in ihn uriniert.

 

GroĂźzĂĽgig gab ich ihm eine zweite Chance.

Er kräuselte sich vor Lachen und ich

weinte heiße Tränen.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

meiner Absicht könne er nicht folgen!

Sogleich schichtete ich Stein auf Stein.

Sollte er doch erfahren, was es hieĂź,

nach meiner Absicht zu flieĂźen.

 

Er ging seiner Wege

und kĂĽmmerte sich nicht.

Ich fand mich wieder voll bitterer Wut.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

sei nackt und leer,

sonst kannst du mich nicht spĂĽren!

Sogleich sprang ich jubelnd

aus all meinen Kleidern.

 

Doch als ich merkte,

meine Gedanken und Sorgen hafteten an mir,

zog ich schwer betrĂĽbt von dannen.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

er wĂĽrde ĂĽbergehen und das sichere Ufer verschlingen!

Sogleich packte mich die Angst und ich floh.

Noch aus der Ferne hörte ich sein Tosen.

 

Wie konnte ich ihn je wiedersehen?

Ich erklomm einen sehr hohen Berg

und ganz oben blieb….

ICH….stehen.

 

Er gefiel mir so gut,

also lieĂź ich mich fallen!

Als mich der Fluss zu sich einlud,

war ich endlich bereit!

 

Zaghaft streckten sich meine Zehen

nach seinem strömenden Sog..

Meine Fingerspitzen saugten sich

an seiner Oberfläche fest..

In meinen Kniekehlen sammelte sich

seine gelassene KĂĽhle,

während meine Schenkel

heftige Blitze durchzuckten..

Ich benetzte mein Gesicht

mit dem Nass seines Körpers..

Erstarrte, als sich sein Wasser

in meinen Bauchnabel ergoss..

 

Er gefiel mir so gut, ich war verliebt!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud,

tauchte ich vollständig ein,

mit Haut und Haar.

 

Meine Zweifel waren mir nicht von Bedeutung.

Meiner Absicht wollte ich folgen.

Und ich war nackt und leer, so wie er.

Ich ging ĂĽber vor tosender Kraft,

lieĂź mich gedankenlos treiben

und kĂĽmmerte mich nicht.

 

Ich bin der Fluss und lade dich ein.

 

„Darf man fragen, ob es dafür bestimmte Gründe gibt?“
Anzeichen, die hatte es gegeben. Als er vor einigen Wochen zu ihr gekommen war, und sie meinte, es wĂĽrde nicht an ihm liegen, aber… heute wĂĽrde es nicht passen… oder als sie sich um 17 Uhr verabredet hatten, und sie dann bis 20 Uhr weder auftauchte noch erreichbar gewesen war. Es hatte sich bereits abgezeichnet. Und auch er hatte innerlich gespĂĽrt, dass ihre Verbindung nicht allzulange so weiterbestehen wĂĽrde. Ăśberrascht war er mehr ĂĽber die Geschwindigkeit, mit der der von Anfang an absehbare Prozess sich nun vollzogen hatte.

Und interessiert. An den GrĂĽnden. Oder zumindest jenen, deren sie sich bewusst war.
„Naja, mir ist aufgefallen, dass ich dich nicht vermisst habe, wenn ich dich nicht gesehen habe.“

Es war ihr unangenehm, zu sprechen, und ebenso unangenehm, zu schweigen. Eine schwer lokalisierbare Form von Schmerz, den er ihr nicht nehmen konnte und wollte. Er war notwendiger Teil des Prozesses, eines Ablaufes, den er mittlerweile oft genug durchlaufen hatte, ihn nicht mehr ĂĽber GebĂĽhr zu fĂĽrchten. ErfĂĽllte eine kommunikative Funktion: aufzurĂĽtteln, zum Handeln zu bringen, wo Handeln noch konstruktive Konsequenzen nach sich zog. Aber hier, das war ihm schon klar gewesen an der Art, wie sie auf ihn zugegangen war, war die Art seines Handelns irrelevant, das Ende der Geschichte schon vorgeschrieben.
Schweigen. Aushalten.

„Weißt du, ich habe in letzter Zeit so eine Theorie, die immer mehr Sinn zu machen beginnt“, setzte er an. „Vielleicht sind wir uns in unseren Beziehungen Lehrmeister, und diese Beziehungen, gleich welcher Form, haben eine Art natürlichen Verlauf von Geburt, Wachstum, Verfall. Vielleicht haben wir uns einfach bereits alles gelehrt, was wir uns zum derzeitigen Zeitpunkt lehren können.“
Sie schwieg. Es gab auch nur noch eines zu sagen.

„Ich hab in der kurzen Zeit enorm viel durch dich gelernt. Danke dafür.“
Der Hauch einer Erwiderung.

„Dann werden wir uns wohl so schnell nicht mehr wiedersehen?“, begann er, die Zukunft abzustecken.
„Über den Weg laufen sicher mal.“
Der Subtext sprach Bände.

Als sie gegangen war, fühlt er sich seltsam leer, unberührt. Als wäre etwas falsch an seiner Reaktion gewesen, als hätte er herumschreien oder zumindest irgendetwas zerdeppern müssen.

In Ermangelung besserer Einfälle ging er einfach los, fand den Wald, fand den Fluss, wurde zum Fluss in immer fließenderen Bewegungen. Und als der Fluss ihn völlig ausfüllte, fühlte er, wie sich ihm inmitten aller Strömungen der Wahrnehmungen und Leben ein kleiner, unscheinbarer Ort eröffnete, an dem er die Stille wiederfand. Und die Stille sprach sanft zu ihm:
Was hast du verloren?

Und er sah ihr Gesicht in allen Formen der Welt wiedergespiegelt. Sah, dass jede Geburt ein Sterben war, und jedes Sterben Raum schuf fĂĽr Wiedergeburt. Die Einzigartigkeit des Moments, der ihm geschenkt war, und das Wunder, im stetigen Wandeln von Tod und Wiedergeburt stets einen radikal neuen Moment vorzufinden.

Alles vergeht, alles kommt wieder.
Als er die Augen öffnete, fand er sich auf einem Stein wieder, umsprudelt von einem dahinplätschernden Bach. Wie er hierhergekommen war, wusste er nicht. Aber es war im Grunde auch irrelevant.

Nichts geht je ganz verloren.
Er wĂĽrde sie wiedersehen, verhĂĽllt in neue Formen, verkleidet als wieder andere Lehrmeisterin.

Nun fühlte er sich erinnert an den Moment, als er vor einigen Wochen mit einer jungen Frau ins Wasser eines Sees gelaufen war. Sie hatte gezögert, war nicht sicher, ob sie sich der erwarteten Kälte stellen wollte. „Warm, kalt, macht keinen Unterschied!“, hatte er ihr zugerufen, „nur weil du glaubst, kalt sei unangenehmer, erlebst du es so!“. Den Gedanken hatte er schon lange mit sich herumgetragen, aber nun, um ihn ihr – und sich selbst – zu beweisen, ging er mutig voran ins Wasser.

Die Schwierigkeit war nicht, dass das Außen stets in Bewegung war. Warm. Kalt. Nähe. Distanz. Die Schwierigkeit lag darin, sich auf die Bewegung einzulassen, ohne auf die Stille im Zentrum zu vergessen, aus der alles entsprang, zu der alles zurückkehrte, und dank der niemals etwas von Essenz verloren ging. Wohl änderten sich die Formen, ähnlich wie ein jeder Regentropfen für sich einzigartig war. Aber der Regen als solcher war eine Konstante. Es würde immer Leben geben. Es würde immer Liebe geben, Nähe, Distanz, Tod, Wiedergeburt. Die großen Konstanten.
Alles vergeht. Alles kommt wieder.
Er hatte die Kreisläufe schon oft genug durchlaufen, um den einstmaligen Glauben zur Gewissheit werden zu lassen.
Nur die HĂĽllen, die Formen, sind sterblich.
Vielleicht wĂĽrde er sie in jener Form nie wiedersehen.
Nichts Essentielles geht je verloren.
Aber die Liebe in ihrer Essenz wĂĽrde wiederkehren.

Und nun verstand er, warum er vorhin keine nennenswerte Trauer verspĂĽrt hatte.
WorĂĽber auch trauern, wo doch ohnehin alles wiederkehren wĂĽrde?
Mit neuen Formen, neuen Erfahrungen, und dem unwiderstehlichen Hauch eines neuen FrĂĽhlings.

So hat man zu lieben. Wenn, dann richtig. Sonst ist es keine Liebe. Nur.. Machtspiel. Oder vielleicht auch Lust. Nein, Liebe, richtige Liebe, ist bedingungslos.

Und so hatte er geliebt, mit all seiner Macht, mit all seiner Hoffnung, mit all seinem Glauben. Hatte Erwiderung gefunden. Den einen anderen Menschen, von dem die in Unzahl verschlungenen Geschichten sprachen. Hatte sich ein paar Jahre an das vorgeschriebene Skript gehalten, bis der innere Widerspruch ihn doch unausweichlich mit der komplexeren Wahrheit konfrontierte: dass es da mehr gab als den beschriebenen einen anderen Menschen.

Solche Geschichten zu aufzufinden war schwieriger, umso mehr Geschichten von Menschen, die sich dieser Wahrheit gestellt und damit auch glücklich geworden waren. Es überwogen die Tragödien und Dramen, die Eifersuchts-Szenen bis hin zu Morden im Affekt. Warum sich all dem aussetzen? Warum nicht lieber die Geschichten seiner Kindheit nachspielen, die im Gegensatz dazu meist gut endeten? Was bedeutete ein kleines Opfer an Wahrheit schon im Gegenzug für ein „glücklich bis ans Ende ihrer Tage“?

An dem Tag, an dem er die Realität hinter den Geschichten nicht nur in Andeutungen spürte, sondern mit ihr unmissverständlich konfrontiert wurde, hatte er seine Antwort. Es war bequemer, sich an das Skript zu halten, sich in die endlosen Reihen der Schauspieler vor ihm einzureihen. Nicht mehr alleine, sondern Teil einer kollektiven Geschichte zu sein, und wenn es auch bedeutete, den widerspenstigeren Teil der eigenen Wahrheit, des eigenen Seins, mit fröhlichen Masken zu überdecken. Man muss lernen, sich anzupassen, meinte eine Freundin zu ihm. Man muss. Sonst wirst du auf Dauer nicht glücklich werden. Sie war nicht die einzige, die ihm derart zu helfen suchte.

Am Ende waren es dann diese nie ganz ausgelöschte Spuren von Traurigkeit, von Verlust, die sich in den Zügen jener „Glücklichen“ abzeichneten. Die Bruchteile von Augenblicken, die tiefere Einblicke gewährten, in jene, die ordnungsgemäß gelernt hatten, sich anzupassen. Da war dieser Moment der Reue, kaum wahrnehmbar, und doch den Schmerz verratend: akzeptiert worden zu sein, aber nie ganz, nie in der ganzen Komplexität, der ganzen Tiefe. Es waren gangbare Wege, akzeptable Wege, Wege aus der Einsamkeit, aber ihnen zu folgen schien doch in Sackgassen zu führen. Man war Teil eines Ganzen geworden, aber stets nur als Anteil, in innerer Rest-Spannung mit jenem Teil des Selbst, der als Gegenleistung dafür in die Untiefen des Unterbewusstseins verbannt werden musste.

Nun aufmerksamer auf die Zeichen, fand er sich inmitten wiedergekäuter Geschichten wieder, die sich in den Bewegungen, vor allem aber in den Augen seiner Mitmenschen abzeichneten. Man muss lernen, sich anzupassen, kam ihm die Aussage der Freundin wieder in den Sinn. Aber wenn das stimmte, wie waren dann all diese Geschichten, aus denen man wählen durfte, ursprünglich entstanden? War nicht am Anfang jeder dieser Geschichten jemand gewesen, der durch sein Handeln Geschichte schrieb? Woraus hatte dieser die Berechtigung bezogen, sich eben nicht für eine der bestehenden Geschichten zu entscheiden, sondern Subjekt seiner eigenen, individuellen zu sein? Und wer war überhaupt befugt, solche Berechtigungen zu erteilen oder zu verweigern?

Die Erkenntnis ließ ihn erschaudern: Ich. Und so hatte er von neuem begonnen, mit einem unbeschriebenen Blatt. Nur von der Liebe wollte er sich leiten lassen, von der höchsten, edelsten Liebe, bedingungslos, ehrlich und frei. Und so liebte er die Menschen, die seine Liebe erwiderten, und liebte jene, die dies nicht vermochten. Sah mit einem freundlichen Zwinkern auf diejenigen, die seine Liebe für sich allein beanspruchen wollten, ihn einschränken, ihn an sich binden wollten. „Nehmt!“, schien er ihnen zu sagen, „Es ist genug für alle da!“. Und lange, über viele Jahre, schien er damit auch Recht zu behalten.

Bis er sich irgendwann eingestehen musste, dass seine Liebe am Ende doch auch natürliche Grenzen aufwies, dass sie komplexer war. Nicht in ihrem Fühlen, sondern im Lebendig werden lassen in einer in sich begrenzten Welt. Liebe, das war gleichzeitig ewige, unabänderliche Essenz, und unbeständige, gewissermaßen pulsierende Form. War Vertrauen, Hoffnung auf diese Essenz hinter den Formen, war Anziehung, war Loslassen, war Wiederkehren, war… vergänglich und ewig zugleich, war Sterben lassen der Formen mit dem Glauben an die Wiedergeburt, war… keine Auswahl an Geschichten mit vordefiniertem Ausgang mehr, aus denen zu wählen war, sondern ergebnisoffen. War Risiko, nicht einmalig, sondern stets aufs Neue.

Hilfreiche Bilder fand er, wie so oft, in den Elementen: Wasser. Wasser veränderte seine Konsistenz, war nicht immer gleich greifbar, konnte Leben spenden, aber auch verletzen und töten. Bedingungslose Liebe in ihrer Essenz allein war wie Wasser in seiner natürlich vorkommenden Form. Nun hatte der Mensch über Jahrtausende gelernt, Wasserläufe ein Stück weit zu beeinflussen, ihnen zweckdienliche Formen zu verleihen. Doch dort, wo Wasser in Verkennung seiner Essenz zu kontrollieren versucht wurde, verlor es seinen lebensspendenden Wert: Wasser musste fließen können. Und doch war es auch möglich, es in Anerkennung seiner ursprünglichen Form umzuleiten, ohne es in seiner Lebendigkeit zu beeinträchtigen. War das etwa, neben der Fähigkeit, unabhängig der gerade sichtbaren Formen an die immerwährende Essenz hinter den Formen zu glauben, die wahre Kunst der Liebe?

Und so suchte er nach Wegen, seine Liebe und die jener, die für ihn Liebe empfanden, in lebendige Bahnen zu leiten, die dem gemeinsamen Wachstum förderlich sein würden. Liebte bedingungslos, und doch stets bemüht, im Ausdruck dieser Liebe die Bahnen zu achten, die die Bedürftigkeit des Einzelnen vorschrieben. Versuchte, ganz zu lieben, unverdrängt, und damit auch anderen den Raum zu eröffnen, sich ebenso ganz, nackt zu zeigen. So ineinander zu fließen, dass die gegenseitig gefühlte Liebe Leben und Lebendigkeit spendete.

Es war ein schwieriger Weg, sich hinter die Kulissen zu begeben, hinter die Masken der öffentlichen Identität, hinter die Formen, die die Menschen vor dem ganzen Mensch zu beschützen vorgaben, hinter die Wörter, die die Identität des Einzelnen davor schützten, zu einer individuellen, einzigartigen zu werden. Und doch… fand er sich bestätigt, wenn er sich mit Menschen in diesem unbestimmten Raum wiederfand, und in ihren Augen und Herzen dieselbe Nervosität und Freude spürte, die auch ihn stets erfasste, wenn er hierher zurückkehrte. Hier war… Mögliches zu finden.

Hier, das war ein Raum reinen Potentials, gewissermaßen Wasser in seiner ursprünglichsten Essenz. Es war der Ort, an dem sich Menschen einander ganz zu zeigen vermochten, an dem sichtbar werden durfte, was der jeweils andere brauchte. An dem es wertfrei als gegeben akzeptiert werden konnte, dass auch erwachsene Menschen überhaupt brauchen durften. An dem man gemeinsam nach kreativen Lösungen suchen durfte, diese realen Bedürfnisse der Betroffenen auch erfüllt zu sehen. Und wie die in ihrer Essenz vorhandene Liebe zueinander so ausgedrückt werden konnte, dass sie auch immer wieder das das Geschenk empfunden werden konnte, das sie darstellte.

Vor Jahren hatte er begonnen, diesem Weg zu folgen, der streng genommen erst Weg wurde, indem man ihn gegangen war. Immer wieder hatte er sich mit anderen Menschen an jenem Ort reinen Potentials wiedergefunden. Oft hatte er lange nicht mehr dorthin zurĂĽckgefunden, oder ohne die Menschen, fĂĽr die er Liebe empfand, wieder dort anzutreffen, weil auch diese sich bisweilen in der Welt verlaufen hatten. Oft hatte er gelitten, oft war er versucht gewesen, doch den Rat der Freundin anzunehmen. Man muss, hatte sie gesagt.

Doch trotz aller Erfahrungen, die ihn bisweilen an seinen Entscheidungen zweifeln ließen, trotz aller Narben, die er an seiner Seele davongetragen hatte, verlieh ihm doch eines Mut: er konnte sich eingehend im Spiegel betrachten, und fand doch sehr oft ein Lächeln in diesem vertrauten Gesicht. Konnte tief in diesen Augen schürfen, und fand doch, obwohl sich neben Freude bisweilen auch Traurigkeit darin finden mochte, keine Reue.

Man muss nicht, dachte er. Man kann. Man kann aber auch nicht, wenn man nicht will, und es sich nicht richtig anfühlt. Vielleicht liegt darin ja das ganze Geheimnis. Dass man aus viel mehr als ein paar vorgefertigten Geschichten wählen kann. Solange man sich dabei noch im Spiegel betrachten und zufrieden sein kann mit dem, der einem da entgegenlacht. Dann kann man auch mal falsch liegen. Und manchmal richtig.

Und so, aus dieser einen ursprĂĽnglich Entscheidung, durch eigenes Handeln einen eigenen, stimmigen Weg zu gehen, eine Geschichte schreiben, die es auch wert ist, gelesen zu werden.


P.S.: Ein wenig Werbung in eigener Sache:
In den nächsten zwei Wochen gibts von mir im FreiRaumWels jeweils Dienstag, 19:00 einen Vortrag anzuhören:

  • 29.5., 19:00 – Der universelle Entwicklungskreislauf (was hat die Arbeitsweise von Psychotherapeuten, Schamanen, Heilern, Lehrern, … gemeinsam? Welche Rolle spielen Drogen und SĂĽchte darin? Was können wir daraus fĂĽr den Alltag lernen?)
  • 5.6., 19:00 – FĂĽhren zur Selbstverantwortung (Wie fĂĽhrt man andere so, dass sie eigenständig und in Eigen-Initiative lernen/arbeiten, bzw. wie gestalte ich Soziale Systeme wie z.B. eine Schulklasse so, dass sie die Eigen-Initiative und Selbstverantwortung unterstĂĽtzen statt wie sonst oft eher blockieren?)

Mehr Informationen dazu gibts unter Vorträge/Workshops – ich freu mich auf euer kommen 🙂

 

In den letzten Tagen hat mich die Frage viel beschäftigt, was manche Menschen zu Opfern ihrer Umstände werden lässt und andere nicht. Was unterscheidet Menschen, die „ihr Schicksal in die Hand nehmen“, von jenen, die ein „schweres Schicksal“ haben? Tatsächlich nur äußere Umstände – oder gibt es womöglich andere Faktoren, die den Unterschied ausmachen, Faktoren, die man erlernen und damit auch lehren könnte? Immerhin handelt es sich bei dieser Frage um die Feststellung einer Grundvoraussetzung selbstständigen Lernens oder gar Lebens an sich: sind manche Menschen „geborene Opfer“, oder können selbst jene, die sich ihr Leben lang immer wieder als Opfer erlebt haben, diesen Teufelskreis durch eigene Initiative bzw. auch Begleitung von außen schließlich durchbrechen? Und falls dieses Wissen lehrbar ist, wäre es nicht ein sehr wertvolles Wissen?

Zufällige oder systemische Opfer

Bei der Beantwortung dieser Frage müssen wir als ersten Schritt eine erste Grundunterscheidung treffen, und zwar zwischen einem zufälligen Opfer-Sein und einem systemischen Opfer-Sein. Ein zufälliges Opfer kann beispielsweise Mann sein, der auf offener Straße von einem sein Opfer wahllos auswählenden Räuber überfallen wird. Natürlich könnte man im Nachhinein feststellen, der Überfallene sei durch seine eigene Entscheidung zu genau jenem Zeitpunkt an jener Stelle gewesen, aber in den meisten Fällen wird der Überfallene keine Möglichkeit gehabt haben, dies im Vorhinein zu wissen. Wird jemand zufällig zum Opfer, ist sein Opfer-Dasein keine direkte Folge seiner vorangegangenen Entscheidungen, oder umgekehrt: Der Täter hätte genauso gut jemand anderen für seine Tat auswählen können. Handelt es sich um ein zufälliges Opfer-Sein, so bleibt dieses Erlebnis für die meisten Menschen ein isoliertes, sich nicht-wiederholendes.

Was aber ist mit Menschen, die immer wieder zum Opfer werden, die sich wiederholt in ähnlichen Grundmustern wiederfinden? Es wird sehr rasch sehr problematisch und kompliziert, wenn es zum Beispiel um Gewalt- oder Sexualverbrechen geht, Traumatisierungen und so weiter, weswegen ich (auch aus Mangel an fundierter Kompetenz) diesen Bereich eher ausblenden möchte. Stattdessen möchte ich die Frage eingrenzen: in sozialen Situationen, etwa wenn jemand wiederholt seinen Job verliert, von seinem Partner verlassen wird und Ähnlichem. Gerade in diesen Bereichen nämlich fällt mir bei vielen Menschen ein interessantes Muster auf: sie bewerten die Macht der (äußeren) Bedingungen höher als die Macht ihrer (inneren) Entscheidungen. Die Entscheidungen, die sie jetzt im Moment mit dem Ziele der Überwindung der einschränkenden Bedingungen treffen, scheinen ihnen – metaphorisch ausgedrückt – nicht kraftvoll genug, die Mauern der äußeren Bedingungen zu durchbrechen oder zumindest zu überspringen.

Die unterschätzte Komponente der Zeit

Oftmals haben sie damit sogar Recht. Nur weil ich mich hier und jetzt entscheide, 1x/Woche laufen zu gehen, heißt dies nicht, dass ich das auch wirklich umsetzen werde, wenn meine Bedingungen (Zeitdruck, Gewohnheiten, vielleicht auch schwerfällige Körpermasse, …) zu erschwerend scheinen. Was Menschen, die ihr Leben in die Hand nehmen, von wiederholten Opfern unterscheidet, ist wohl die Einbeziehung der Zeit-Komponente. Fügt man der (Un-)Gleichung „Entscheidung < Umstände“ ein Zeitverständnis hinzu, so können wir feststellen, dass die Umstände die uns umgeben die Folge der Summe unserer vergangenen Entscheidungen sind. Was wiederum bedeutet, dass wir, indem wir jetzt eine Entscheidung treffen, die für sich alleine zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht ausreicht, um die Bedingungen zu überwinden die uns einschränken, mit dieser Entscheidung im Jetzt die zukünftigen Bedingungen verändern. Ohne der Einbeziehung der Zeit-Komponente hätte es tatsächlich keinen Sinn, Entscheidungen zu treffen und umzusetzen, wenn die umgebenden Bedingungen sie unausführbar machen (ich bin Opfer und kann nichts daran ändern). Mit ihr aber werden wir selbst zum Mit-Schöpfer nicht nur unserer Entscheidungen, sondern auch der Bedingungen, unter denen diese Entscheidungen umgesetzt werden. Anstatt uns als Opfer zu erleben, erleben wir mit der Zeit (im mehrfachen Sinne) unsere Selbst-Wirksamkeit.

Das Opfer im Beziehungsnetz

Nun mag jemand richtigerweise einwerfen, schön und gut, aber wir sind ja nicht alleine auf der Welt, und unsere äuĂźeren Bedingungen sind nicht nur die Folge unserer Entscheidungen, sondern der Entscheidungen vieler anderer Akteure ebenso – was als isolierte Aussage völlig korrekt ist. Jedoch ermöglicht auch hier die Einbeziehung der Zeit-Achse einiges an „Spiel-Raum“. Obwohl wir uns unsere Bezogenheit zu bestimmten Menschen und Räumen nicht ohne weiteres aussuchen können (etwa die Befolgung der Gesetze – sie zu ändern ist zwar möglich, aber sehr langwierig und schwierig), können wir uns doch immer wieder fĂĽr, gegen oder auch fĂĽr eine bestimmte Art der Bezogenheit zu unseren Mitmenschen entscheiden und damit die Bedingungen fĂĽr unsere eigenen Entscheidungen entscheidend beeinflussen. Wenn etwa der enge Kontakt zu einem alten Freund sich mit den Jahren nicht mehr passend anfĂĽhlt, können wir uns – die statische Variante – ĂĽber ihn beschweren, und dass er ständig mit uns Kontakt haben will – oder aber die Beziehung zu ihm entsprechend unserer aktuellen BedĂĽrfnisse anpassen.

Natürlich wird diese „Anpassung“ im Kontakt bei vielen Mitmenschen zumindest im ersten Moment einen gewissen Widerstand auslösen, aber auch hier mag wieder unser Bild hilfreich sein: wenn ich jetzt unzufrieden bin und mich als Opfer fühle, ist das die Folge meiner vorangegangenen Entscheidungen. Wenn ich dieselbe Entscheidung im Jetzt wiedertreffe, werde ich mich auch beim nächsten Mal wieder als Opfer der Umstände fühlen. Treffe ich hingegen jetzt eine Entscheidung, die in Zukunft meine Bedingungen verändern könnte, kann ich aus meinem Opfer-Dasein ausbrechen und wieder handlungsfähig werden.

Der Vorteil dieses Zugangs liegt zusätzlich noch darin, dass er auch dort zum Handeln ermutigt, wo es „offensichtlich“ sinnlos erscheint zu handeln. Anstatt ergebnisorientiert zu handeln wird das Handeln vom (direkten) Ergebnis abgekoppelt, um – wenn die direkte Überwindung der äußeren einschränkenden Bedingungen nicht gelingt – zumindest indirekt durch die Beeinflussung dieser äußeren Bedingungen einen Vorteil in der oben beschriebenen Ungleichung „Entscheidung < Umstände“ zu ermöglichen. Und zwar indem der Betrag des Unterschieds so lange verringert wird, bis sich „die Vorzeichen ändern“.

Nachtrag: Aber was bedingt Entscheidungen?

Nochmals darüber geschlafen ist mir aufgefallen, dass noch ein relevantes Puzzle-Teil in unserem Modell fehlt: warum fällt es manchen Menschen leichter, sich für bestimmte Handlungen zu entscheiden und diese Entscheidungen auch umzusetzen?

Ich glaube, dass wir zur Beantwortung dieser Fragestellung ĂĽberprĂĽfen sollten, ob der betreffende Mensch fähig und willens ist, fĂĽr sich selbst Prioritäten zu setzen – und nun wirds philosophisch: eine Art Grundgesetz des Lebens ist es fĂĽr mich, dass ein jeder Moment meines Lebens einzigartig ist und nie mehr in der exakt gleichen Form wiederkommen wird. Jeder Moment meines Lebens entspricht damit einer einzigen Chance, ihn möglichst so zu gestalten, wie er fĂĽr mich am wertvollsten werden kann, sowohl auf diesen Moment selbst bezogen als auch im Zusammenspiel mit den vorhergehenden und den danach kommenden Momenten (womit wir wieder bei der Einbeziehung der Zeit-Komponente wären). Unabhängig von den getroffenen Entscheidungen selbst lässt sich daraus ableiten, dass zwar die Anzahl an möglichen Optionen zur Gestaltung eines Moments gegen unendlich tendieren, die Anzahl der konkreten Umsetzungs-Durchläufe je Moment jedoch nur 1 beträgt. Anders ausgedrĂĽckt: die Chance ist hoch, sich falsch zu entscheiden.

Es steht uns wohl nicht zu, die Prioritätensetzung eines anderen Menschen in seiner Wertigkeit zu beurteilen, aber eine besondere Art der Entscheidung lässt sich dennoch gesondert betrachten: die Entscheidung, sich nicht zu entscheiden, sich möglichst viele Optionen offenhalten zu wollen. Was auf den ersten Blick sogar vernünftig wirken mag (wer hat nicht gern viele Optionen?), führt in der Praxis rasch dazu, dass die Prioritätensetzung eines solchen Menschen von seinen äußeren Bedingungen diktiert wird. Wenn ich frage: Was ist möglich?, so orientiere ich mich an äußeren Bedingungen, nicht an meinen inneren Prioritäten und Wertvorstellungen.

So beängstigend dies sich anfühlen mag (weil es einen jeden von uns, unabhängig vom Umfeld, in die eigene Verantwortung nimmt): die Entscheidung für unsere jeweils einzigartigen Prioritäten bedingt das Werturteil unserer Entscheidungen, und die Folgen dieser Entscheidungen bedingen die Umsetzbarkeit unserer Prioritäten in der Zukunft.

Niklas

„Das ist total übergriffig, was du da machst“, stand in der Nachricht zu lesen, die ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Was hatte er angeblich gemacht? „Energien gelenkt“? Gar auf „rücksichtslose“ Art und Weise? Er war sich gar nicht sicher gewesen, ob es so etwas wie unsichtbare Energien überhaupt gab, und nun sollte er auf diesem ungewissen Feld gar zum Bösewicht, zum Täter geworden sein?

Und doch, in den letzten Monaten und Jahren hatte er immer wieder festgestellt, dass es etwas zu geben schien, dass ihn zuweilen zu lenken vermochte, das seine Schritte, seine Aufmerksamkeit anzog, ansog in bestimmte Richtungen, bestimmte Bachläufe, Ströme des Seins. Es war eine Art von.. Sicherheit gewesen, ein unerklärliches Wissen der eigenen Unüberwindbarkeit im Verfolgen jener Wege. Der Fluss des Wassers mochte versickern, gestaut werden, Umwege verfolgen, doch die Schwerkraft ließ ihn mit der Zeit alles überwinden, jeden Widerstand wegwaschen, solange der Kontakt zur Quelle stetig neue Wasser brachte. Es war immer richtig gewesen, jenen Ahnungen zu folgen. Und nun dieser Vorwurf, der seine bisherigen Erfahrungen so dermaßen in Frage stellte.

Er war sich so sicher gewesen, in ihren Augen, ihren Bewegungen, ihrem ganzen Sein dieses Verlangen nach seinen Wassern spüren zu können, zarte Pflänzchen, Vorboten wunderbaren Wachstums. War er damals, an jenem verhängnisvollen Tag, etwa übergeschwappt aus den förderlichen Bahnen? Hatte er es an Geduld fehlen lassen, den oft so quälend langsamen Prozess abzuwarten, hatte er die zarten ersten Triebe ersäuft, weggeschwemmt mit seiner Ungeduld? War es ihm wirklich vorzuwerfen, noch kein erfahrener Gärtner der Seele zu sein, zudem er sich in einem für das Auge unsichtbarem Feld bewegte?

In seiner Verzweiflung war es ein leichtes gewesen, sich selbst von jeder Schuld freizusprechen. Was bildete sie sich überhaupt ein, ihn für ein Verbrechen auf einem Feld verurteilen zu wollen, das möglicherweise nicht einmal real existierte? Wollte er sich wirklich in Gefilde begeben, die ihm so völlig unbekannt und unkontrollierbar erschienen, dass er nicht mehr sicher war, seinen eigenen Urteilen vertrauen zu können? Warum die Episode nicht einfach als Fehler, als Irrung abschreiben, als verbrannte Erde? Sein Leben würde weitergehen. Ihr Leben würde weitergehen. Mit anderen Augen betrachtet war ja im Grunde auch gar nichts zwischen ihnen passiert. Kein Gericht der Welt würde ihn für „stümperhafte Energiearbeit“ verurteilen. Man konnte ja auch darüber lachen.

Und doch war da noch die schwer zu verstummende Stimme des Gewissens, und diese noch schwieriger zu ignorierende, stimmlose Intuition. Die ihn hinterfragen ließ, was er an jenem Abend tatsächlich angestellt haben könnte. Und die Antwort war schmerzhaft real: er hatte für einen Moment den Glauben an seine Intuition, an die Quelle seines inneren Stromes verloren und damit die Gelassenheit und Geduld, die ihr gesundes Wachstum von ihm abverlangte. Für einen Moment hatte er wohl Angst verspürt, ihre inneren Blockaden niemals überwinden zu können, und aus eigener Kraft versucht, den Prozess zu beschleunigen. Kein Wunder, dass sie sich zurückgezogen hatte. Sein Strom war versiegt, sobald er versucht hatte, zu kontrollieren und zu lenken, was ihn zu leiten bestimmt war.

Es war ein furchterregender, unsicherer Weg, der sich ihm da aufzeigte, ein Tasten im Dunkeln, ein Weg, der Vertrauen, der Glauben von ihm forderte. Ein schmerzhafter, schwer planbarer, oft so fürchterlich einsamer Weg des Wachsens, Lernens und Entwickelns. Ja, es gab die sicheren Varianten er erprobten und vielmals begangenen Wege, die Möglichkeit der Nachfolge, und wie sehr wünschte er sich oftmals, dass dieser Weg ihm offenstände. Doch sein Weg war ein anderer. Immerhin so viel hatte er mittlerweile verstanden.

Auch sie würde wachsen, würde ihrer Intuition folgen, würde wieder vertrauen, wieder glauben können an die Reinheit seiner Wasser, sobald er ihren Schmerz, ihre Verletzung, seine Grenzüberschreitung als solche bekannt, anerkannt hatte. Ihre Reaktion war extrem gewesen, im Nachhinein betrachtet auch übertrieben vielleicht, aber im Moment notwendig. Die Zeit würde das Übrige tun, ihren Glauben aneinander erneut zu stärken. Gelassenheit. Geduld. Vertrauen. Die Seele war ein Raum der unsichtbaren Entwicklung, ein Raum des Glaubens, der Hoffnung.

Tage-, Wochenlang war nichts geschehen, und er hatte die Hoffnung beinahe aufgegeben. Doch nun endlich sprießten die ersten kleinen Tomatenpflänzchen auf seinem Fensterbrett, und er freute sich täglich aufs Neue über ihre ungestüme Lebensfreude.

Er mochte nicht als Gärtner geboren oder geschult worden sein. Aber er würde lernen.

Jahrzehntelang hatte er dagegen angekämpft. Hatte sich eingeredet und einreden lassen, was denn so als korrektes Verhalten gelte, was denn zu gutem Ausgang für alle Beteiligten führe, was denn richtig wäre. Oh er fühlte das brennende Bedürfnis, es richtig zu machen! Es seinen Mitmenschen Recht zu machen! Ihre Liebe zu erringen, ihren Schritten nachzufolgen, einer von ihnen zu sein. Zu glauben, Teil einer größeren Wahrheit zu sein, zum größeren Glück der Menschheit beizutragen. Aber die Zweifel waren geblieben. Die Fakten würden doch für die alten Wege sprechen, wurde ihm gesagt. Aber es waren die Fakten, die dem Zweifel Aufwind schenkten. So viele Scheidungen. So viele Affären. Konnte es wirklich nur an den Fehlern der Menschen liegen?

Er hatte sich geschämt dafür was er tat, hatte es im Dunkel der Nacht getan. Hatte sich abgesichert mit Worten und Regeln, sich einen Raum geschaffen, zu erfahren, statt nur zu wissen. Was er fand, entfloh seinen Worten, blieb vage, unerreicht. Er hatte Antworten gesucht, und nur weitere Fragen gefunden. Warum war es falsch zu lieben? Falsch zu begehren? Warum schämte er sich dessen, was er doch in sich fand? War es dermaßen vermessen, wahrhaftig zu sein?

Und dann hatte er sie getroffen. Diese eine andere Seele, die sein erhitztes Haupt und Herz kühlte und ihm Wärme schenkte, wenn er drohte zu erfrieren. Die so verletzt war, so zutiefst erschüttert von der Erkenntnis ihres realen Innenlebens und der Erfahrung, dass die Welt im Außen keinen Platz wusste für die wahre Gestalt ihrer Seele. Deren Hand er gehalten, in deren Schoß sein ruheloser Geist Frieden gefunden hatte. Die mit ihm war in seiner verzweifelten Suche nach der Wahrheit, die genauso unfähig wie er war, in weniger als in Wahrheit zu leben und wie er gar nicht anders konnte als die Konsequenzen ihrer Wahrheit zu ertragen. Gemeinsam hatten sie gelernt, die Blutungen zu stoppen und die Narben mit Stolz zu tragen.

Später hatte er andere Seelen gefunden, die ihn riefen, ihr Wegbegleiter zu sein, ihr Führer auf ihnen allen unbekannten Wegen. Niemand wusste, wohin der Weg sie führen würde, aber sie alle schienen zu spüren, dass sie fort mussten, fort von altbekannten Pfaden, altbekannten Wunden. Und plötzlich war da Raum. Raum für Ängste, Raum für Scham, Raum für Trauer, Raum für Begehren, Raum für Lust. Raum, ihn mit Wahrheit zu füllen. Und zaghaft begann er, zu vertrauen.

Er sah die Ozeane eines Augenpaars und fühlte die Wahrheit einer Verbindung, noch bevor er ihre Lippen auf den seinen spürte. Am Tag nach ihrem ersten Kuss hatte er ihr davon erzählt, in angstvoller Erwartung, in seiner Wahrheit von ihr zurückgewiesen zu werden, doch seine Angst war unbegründet gewesen. Diese Seele fragte nach nichts als seiner Wahrheit. Und irgendwann stellte er fest, dass er sie dafür liebte wie nichts und niemand anderen sonst in dieser Welt. Mit ihr wagte er es, in Wahrheit zu sein. Mit ihr wagte er es, all die Normen und Glaubensbeweise hinter sich zu lassen, bis er keinen einzigen rationellen Grund für ihre Liebe mehr anführen konnte. Er brauchte keine vertrauten Formen mehr, keine Stützen seines Glaubens, denn wider alle Logik wusste er, dass er in einer einst ungeahnten Tiefe zu ihr gehörte und sie zu ihm.

Und so musste er schmunzeln, als eine weitere junge Frau in sein Leben tanzte und er auf den ersten Blick fühlte, dass sie Liebe füreinander empfinden würden. Sie würden den üblichen Tanz, die üblichen Missverständnisse durchleben, die Liebende eben zu überwinden hatten, aber zumindest für eine gewisse Zeit würde zwischen ihnen Liebe fließen dürfen, das wusste er vom Moment an, als er sie erblickt hatte. Er würde ihr davon erzählen, und sie würde sich freuen, an seiner Wahrheit teilhaben zu dürfen. Dass er mit ihr wagte, was sonst kaum jemand wagte: miteinander der Wahrheit treu zu bleiben.

Und diese Wahrheit, reduziert von allen etablierten Formen, war sehr simpel: Er liebte sie mit aller Macht seines Herzens, und wie sie fühlte auch er Liebe für viele weitere Seelen. Es gab für sie keinen ersichtlichen Grund, von einem Mangel an Liebe auszugehen. Es fehlte vielleicht an passenden Formen und Namen, aber im Grunde waren sie auch irrelevant, denn wider allem erlernten Wissen über die Notwendigkeit der Einhaltung bewährter Formen wussten sie, dass ihre Liebe Substanz hatte.

Es war einmal eine junge Frau, die in der Nähe eines großen Waldes eine kleine Hütte hatte, in der sie seit ihrer Jugend lebte. Wenn die ersten Nebel aufzogen, pflegte sie jedes Jahr in den Wald zu gehen und einen guten Vorrat für den Winter anzulegen, damit sie nicht frieren musste. Als sie also eines Tages aufwachte und die prächtigen Farben der Blätter um sie erblickte, machte sie sich auf den Weg. Es war ein schöner, langer Sommer gewesen, nun freute sie sich auf eine ruhige Zeit, immer schön nah am knisternden Feuer. Und viel, viel Zeit.

Nach einer Weile des Wanderns war sie an der Stelle im Wald angekommen, wo sie guten Fund vermutet hatte, und tatsächlich gab es auch dieses Jahr wieder eine Fülle an gutem, trockenem Holz. Sie sammelte einige Stücke zusammen und band sie mit dem alten Seil, das sich in langen Jahren bewährt hatte, zusammen.

Auf dem Heimweg traf sie einen älteren Herrn, der einen Baum prüfend ansah. „Junge Dame“, rief er ihr zu, „ich sehe, Sie haben bereits gutes, brennbares Holz gefunden? Würden Sie so freundlich sein, mir davon abzugeben? Sehen Sie, ich bin ein alter Mann, und für mich ist der Weg sehr weit.“ Die junge Frau freute sich, behilflich sein zu können, und brachte ihm das Feuerholz noch bis zu seiner Hütte, bevor sie sich wieder auf den Weg zurück in den Wald machte, um für sich selbst Nachschub zu holen.

Nur wenig später traf sie ein kleines Mädchen, das sich an einem großen Stock abschleppte. „Na, wo soll es denn hingehen?“, fragte sie sie. „Nach Hause zu meinen Eltern“, erwiderte das Mädchen, „mein Vater ist krank und meine Mutter pflegt ihn, also bleibe nur ich übrig, um Holz für den Winter zu suchen“. „Na dann lass mich dir helfen“, sagte die junge Frau, und begleitete das Mädchen nach Hause. „Hier, nimm noch diese Stücke hinzu! Für mich ist es doch viel leichter, neues zu holen.“

Bald darauf war sie schon beinahe an ihrer Lieblingsstelle im Wald angelangt, als sie einen jungen Mann traf, der mit nur mäßigem Erfolg einen Baumstumpf kleinzukriegen versuchte. „Wenn du noch zehn Minuten mit mir mitgehst, findest du bessere Arbeit für deine Axt“, schlug sie ihm vor, „und mit dem Korb, den ich geflochten habe, können wir auch mehr transportieren“. Der junge Mann war sichtlich erfreut, und die gemeinsame Arbeit ging ihnen gut von der Hand. Nachdem sie die ersten drei Körbe voll zu dem jungen Mann nach Hause gebracht hatten, war er müde und bat sie, am nächsten Morgen wiederzukommen, damit sie gemeinsam auch ihren Bedarf decken würden können.

Als sie am nächsten Morgen an der Hütte klopfte, öffnete ihr eine alte Frau. „Hier wohnt kein junger Mann“, meinte sie überrascht. „Aber wer hat mit mir dann gestern das ganze Holz hier abgeladen?“, fragte die junge Frau ebenso erstaunt. „Das weiß ich nicht, ich war nicht zuhause, Liebste. Bezahlt habe ich dafür wie jedes Jahr im Voraus, und das Holz wird dann eben früher oder später geliefert“.

Irgendetwas stimmt hier nicht, dachte die Frau, während sie sich wieder einmal auf den Weg in den Wald machte. In den letzten Tagen war es spürbar kälter geworden, und sie hatte noch kein einziges Stück Holz für ihre eigene Hütte nach Hause bringen können. Sie traute ihren Augen kaum, als sie an ihre Stelle kam: der Ort war doch tatsächlich weiträumig umzäunt. Als sie nähertrag, erkannte sie ein Schild, auf dem etwas von einem neuen Eigentümer stand, und dass das Betreten verboten sei.

Jetzt reicht es aber, dachte die Frau und wollte kurzerhand die Absperrung ĂĽberwinden, doch eine Stimme wies sie zurĂĽck: „Nicht so rasch, meine Liebe! Dies hier ist Privatgrund. Kein Zugang!“ Der Gesichtsausdruck des Wächters sagte ihr, dass ein Diskutieren wenig Sinn haben wĂĽrde, trotzdem setzte sie an: „Aber das war immer schon mein – “
„Gewöhnen Sie sich daran. Ist alles rechtens. Wenn Sie wollen, hab ich’s auch schriftlich irgendwo hier.“
„Nein Danke, ich glaub’s Ihnen auch so.“

Ihr fröstelte. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sich die Farbe der Blätter immer mehr einem prophetischen Braun angenähert hatte. Plötzlich fühlte sie sich alt, verdorrt, wie ein alter Baum, den der Winter überrascht und der seine Lebenssäfte nicht rechtzeitig in die Wurzeln retten hatte können. Die Pilze auf den alten Baumstämmen überlebten eigentlich immer irgendwie. Nicht so ihr Wirt.

„Sie können auch Holz kaufen. Ist nicht allzu teuer.“, meinte der Wächter, den wohl ihre Verzweiflung nun doch zu rühren schien.
Nein, konnte sie nicht. Sie war bisher stets ohne Geld ausgekommen, hatte nie gelernt, wie es zu erlangen sei. Wozu auch? Die Welt sorgte für ihre Geschöpfe. So war es bisher doch immer gewesen! Wortlos drehte sie sich um und ging stolpernden Schrittes zurück in Richtung ihrer Hütte.

Sie musste sich in ihrer Überforderung verlaufen haben, denn auch nach einigen Stunden des Wanderns fand sie sich noch nicht zuhause wieder. An einigen Hütten hatte sie angeklopft und gefragt, ob sie sich wohl eine Weile aufwärmen dürfe, aber niemand hatte ihr aufgemacht, niemand schien gewillt, wertvolle Wärme mit ihr zu teilen. Was gäbe ich jetzt für ein warmes Feuerchen zuhause!, dachte sie verbittert. Doch das Holz hier war feucht, zu nichts nutze, und es war fraglich, ob sie in der Kälte noch rechtzeitig nach Hause finden würde, um ihre kaum mehr fühlbaren Glieder aufwärmen zu können. Hier war ich noch nie, dachte sie verblüfft. Und die ganze Hilflosigkeit ihrer Situation überwältigte sie dermaßen, dass sie in das nasskalte Gras sank und mit einer seltsam gefühllosen Verwunderung erkannte, dass sie nicht mehr imstande sein würde, noch einmal aufzustehen.

Erste Schneeflocken bedeckten das Tal, bedeckten die einsame Gestalt und ihr Schicksal. Vereinzelt stiegen Rauchschwaden aus den Hütten hervor, wo man eng zusammengekuschelt zusammensaß und von einem warmen Frühling träumte.