Da stand er nun vor den Ruinen seiner Arbeit.
Jahre, die er in den Aufbau einer Infrastruktur der Hoffnung gesteckt hatte, waren dahin. Das Erdbeben, das große Teile des Landes völlig verwĂŒstet hatte, hatte auch ihn, der zu dem Zeitpunkt Tausende Kilometer entfernt gewesen war, zutiefst erschĂŒttert. Man sagte, dass es eine der schlimmsten Erfahrungen sei, die ein Menschen erleben konnte: den Boden unter den  FĂŒĂŸen zu verlieren.  Er war nicht anwesend gewesen, als es passierte. Aber der rettende Boden, der war ab jenem Zeitpunkt auch fĂŒr ihn in weite Ferne gerĂŒckt gewesen.

Und so hatte er sich eine Weile treiben lassen. Hatte Zuflucht, hatte Heimat gesucht in Orten, Menschen, Substanzen, und nur manchmal auch gefunden. Hatte mit dem Boden auch sich selbst verloren geglaubt.

Bis er einige Zeit spĂ€ter wieder jenen Boden betrat, der ihm einst Sinn eröffnet hatte. Die Erde hatte sich beruhigt, wie auch sein Innerstes wieder mehr zur Ruhe gekommen war. Es war etwas Besonderes an diesem Ort zu finden, das ihn nun erneut zu sich rief. Etwas, das er beinahe verloren geglaubt hatte, zerstört im Chaos der bebenden Erde. Und nun, Jahre spĂ€ter, konnte er erneut erahnen, warum er sich damals auf den Weg hierher gemacht hatte. Vieles war in dem Beben zerstört worden, aber dies waren nur Ă€ußere, vergĂ€ngliche Formen gewesen. Etwas Tieferes, Wichtigeres, Ewiges war geblieben.

Die Menschen hier hatten nach den heimatlichen Standards nichts. Und doch waren sie glĂŒcklich.

Das hatte er vor vielen Jahren dem JĂŒngeren erzĂ€hlt gehabt, der seinerseits seiner Wege ging, das Amulett wie die FĂŒhrung des Älteren nah an seinem Herzen. Sie sahen sich nur noch selten. Und doch war auch hier eine Resonanz spĂŒrbar, ein Beben, das Worte transzendierte.

Die Menschen dort, nach all der Zerstörung, die waren immer noch so glĂŒcklich, erzĂ€hlte er nun dem JĂŒngeren, der sich lĂ€chelnd an die damaligen Worte des Älteren erinnerte. Und sie haben sich an mich erinnert, auch als von der Arbeit meiner HĂ€nde nichts mehr ĂŒbrig war.

Der JĂŒngere schwieg, weil seine Worte nur ungenĂŒgend ausdrĂŒcken konnten, was er als Wahrheit in sich erspĂŒrte: Weil diese Menschen, die dich so faszinieren, weise sind. Sie wissen, dass alles Geschaffene wieder vergehen wird, und hĂ€ngen daher ihr GlĂŒck nicht an VergĂ€ngliches. Wer nie vergisst, dass nichts selbstverstĂ€ndlich ist, freut sich ĂŒber jede kleine Annehmlichkeit, und trauert keinem Verlust allzu lange hinterher. Sie erinnern sich nicht an dich, weil sie jetzt die Infrastruktur, die du aufgebaut hattest, nutzen können (die durch das Erdbeben zerstört wurde, was zeigt, wie vergĂ€nglich sie war). Sie erinnern sich nicht an das Ergebnis deiner Arbeit, sondern daran, dass du ihnen mit deiner Arbeit dienen wolltest. Du dienst ihnen nicht, wenn du dein eigenes GlĂŒck oder deinen eigenen Selbstwert daran hĂ€ngst, was mit dem Ergebnis deiner Arbeit geschieht. Du dienst ihnen, wenn du ihnen dienst, und damit deine Liebe ausdrĂŒckst.

Um all dies klar und unmissverstĂ€ndlich auszudrĂŒcken, fehlten dem JĂŒngeren die Worte, fehlten ihm die notwendige Weisheit. Aber es gab andere Worte in ihm, die nach Ausdruck verlangten.
„Du hast mich auf meinen Weg gebracht“, sagte er zum Älteren. „Du bist einer von vielleicht drei Menschen, die mich in meinem Leben am meisten geprĂ€gt haben.“
„Du hast mir geholfen, auf meinem Weg zu bleiben, und zurĂŒckzufinden, wenn ich ihn verloren habe“, sagte der Ältere zum JĂŒngeren.
Und dann umarmten sie sich und schwiegen, weil es nichts mehr zu sagen gab, das nach Worten verlangte.

Das Amulett hatte er lÀngst verloren. Es war nicht mehr notwendig.
Auch so spĂŒrten sie die starke Resonanz zweier Herzen, die GefĂ€hrten geworden waren, auf Wegen, die sich in ihren Verstrickungen unterscheiden mochten, aber im Endeffekt doch demselben Ziel zustrebten.

Welchem? Das erschien weniger wichtig, als den Weg zurĂŒckzulegen, der sich stimmig anfĂŒhlte, und sich gegenseitig dabei zu unterstĂŒtzen, den jeweils nĂ€chsten notwendigen Schritt zu setzen.

Waren nicht, im Endeffekt, genau dafĂŒr wahre Freunde da?

„Darf man fragen, ob es dafĂŒr bestimmte GrĂŒnde gibt?“
Anzeichen, die hatte es gegeben. Als er vor einigen Wochen zu ihr gekommen war, und sie meinte, es wĂŒrde nicht an ihm liegen, aber… heute wĂŒrde es nicht passen… oder als sie sich um 17 Uhr verabredet hatten, und sie dann bis 20 Uhr weder auftauchte noch erreichbar gewesen war. Es hatte sich bereits abgezeichnet. Und auch er hatte innerlich gespĂŒrt, dass ihre Verbindung nicht allzulange so weiterbestehen wĂŒrde. Überrascht war er mehr ĂŒber die Geschwindigkeit, mit der der von Anfang an absehbare Prozess sich nun vollzogen hatte.

Und interessiert. An den GrĂŒnden. Oder zumindest jenen, deren sie sich bewusst war.
„Naja, mir ist aufgefallen, dass ich dich nicht vermisst habe, wenn ich dich nicht gesehen habe.“

Es war ihr unangenehm, zu sprechen, und ebenso unangenehm, zu schweigen. Eine schwer lokalisierbare Form von Schmerz, den er ihr nicht nehmen konnte und wollte. Er war notwendiger Teil des Prozesses, eines Ablaufes, den er mittlerweile oft genug durchlaufen hatte, ihn nicht mehr ĂŒber GebĂŒhr zu fĂŒrchten. ErfĂŒllte eine kommunikative Funktion: aufzurĂŒtteln, zum Handeln zu bringen, wo Handeln noch konstruktive Konsequenzen nach sich zog. Aber hier, das war ihm schon klar gewesen an der Art, wie sie auf ihn zugegangen war, war die Art seines Handelns irrelevant, das Ende der Geschichte schon vorgeschrieben.
Schweigen. Aushalten.

„Weißt du, ich habe in letzter Zeit so eine Theorie, die immer mehr Sinn zu machen beginnt“, setzte er an. „Vielleicht sind wir uns in unseren Beziehungen Lehrmeister, und diese Beziehungen, gleich welcher Form, haben eine Art natĂŒrlichen Verlauf von Geburt, Wachstum, Verfall. Vielleicht haben wir uns einfach bereits alles gelehrt, was wir uns zum derzeitigen Zeitpunkt lehren können.“
Sie schwieg. Es gab auch nur noch eines zu sagen.

„Ich hab in der kurzen Zeit enorm viel durch dich gelernt. Danke dafĂŒr.“
Der Hauch einer Erwiderung.

„Dann werden wir uns wohl so schnell nicht mehr wiedersehen?“, begann er, die Zukunft abzustecken.
„Über den Weg laufen sicher mal.“
Der Subtext sprach BĂ€nde.

Als sie gegangen war, fĂŒhlt er sich seltsam leer, unberĂŒhrt. Als wĂ€re etwas falsch an seiner Reaktion gewesen, als hĂ€tte er herumschreien oder zumindest irgendetwas zerdeppern mĂŒssen.

In Ermangelung besserer EinfĂ€lle ging er einfach los, fand den Wald, fand den Fluss, wurde zum Fluss in immer fließenderen Bewegungen. Und als der Fluss ihn völlig ausfĂŒllte, fĂŒhlte er, wie sich ihm inmitten aller Strömungen der Wahrnehmungen und Leben ein kleiner, unscheinbarer Ort eröffnete, an dem er die Stille wiederfand. Und die Stille sprach sanft zu ihm:
Was hast du verloren?

Und er sah ihr Gesicht in allen Formen der Welt wiedergespiegelt. Sah, dass jede Geburt ein Sterben war, und jedes Sterben Raum schuf fĂŒr Wiedergeburt. Die Einzigartigkeit des Moments, der ihm geschenkt war, und das Wunder, im stetigen Wandeln von Tod und Wiedergeburt stets einen radikal neuen Moment vorzufinden.

Alles vergeht, alles kommt wieder.
Als er die Augen öffnete, fand er sich auf einem Stein wieder, umsprudelt von einem dahinplÀtschernden Bach. Wie er hierhergekommen war, wusste er nicht. Aber es war im Grunde auch irrelevant.

Nichts geht je ganz verloren.
Er wĂŒrde sie wiedersehen, verhĂŒllt in neue Formen, verkleidet als wieder andere Lehrmeisterin.

Nun fĂŒhlte er sich erinnert an den Moment, als er vor einigen Wochen mit einer jungen Frau ins Wasser eines Sees gelaufen war. Sie hatte gezögert, war nicht sicher, ob sie sich der erwarteten KĂ€lte stellen wollte. „Warm, kalt, macht keinen Unterschied!“, hatte er ihr zugerufen, „nur weil du glaubst, kalt sei unangenehmer, erlebst du es so!“. Den Gedanken hatte er schon lange mit sich herumgetragen, aber nun, um ihn ihr – und sich selbst – zu beweisen, ging er mutig voran ins Wasser.

Die Schwierigkeit war nicht, dass das Außen stets in Bewegung war. Warm. Kalt. NĂ€he. Distanz. Die Schwierigkeit lag darin, sich auf die Bewegung einzulassen, ohne auf die Stille im Zentrum zu vergessen, aus der alles entsprang, zu der alles zurĂŒckkehrte, und dank der niemals etwas von Essenz verloren ging. Wohl Ă€nderten sich die Formen, Ă€hnlich wie ein jeder Regentropfen fĂŒr sich einzigartig war. Aber der Regen als solcher war eine Konstante. Es wĂŒrde immer Leben geben. Es wĂŒrde immer Liebe geben, NĂ€he, Distanz, Tod, Wiedergeburt. Die großen Konstanten.
Alles vergeht. Alles kommt wieder.
Er hatte die KreislÀufe schon oft genug durchlaufen, um den einstmaligen Glauben zur Gewissheit werden zu lassen.
Nur die HĂŒllen, die Formen, sind sterblich.
Vielleicht wĂŒrde er sie in jener Form nie wiedersehen.
Nichts Essentielles geht je verloren.
Aber die Liebe in ihrer Essenz wĂŒrde wiederkehren.

Und nun verstand er, warum er vorhin keine nennenswerte Trauer verspĂŒrt hatte.
WorĂŒber auch trauern, wo doch ohnehin alles wiederkehren wĂŒrde?
Mit neuen Formen, neuen Erfahrungen, und dem unwiderstehlichen Hauch eines neuen FrĂŒhlings.

Gestern hielt ich im FreiRaumWels einen meiner VortrĂ€ge, „FĂŒhren zur Selbstverantwortung“. In einem Teil des Vortrages spreche ich auch ĂŒber das „Lustige Fehlersuchen“, das ich vor einigen Jahren mal in einer VS-Klasse erfunden hatte, um den SchĂŒlern die Angst vor dem Fehlermachen zu nehmen. Wie so oft, kam mir dann, wĂ€hrend ich darĂŒber sprach, eine simple, aber doch sehr mĂ€chtige Erkenntnis ĂŒber die Natur des Fehlers. Abends sah ich mir dann noch eine Dokumentation ĂŒber das Leben des Buddhas an, und plötzlich passten viele Puzzle-Teile perfekt aufeinander. Die Erkenntnis will ich euch natĂŒrlich nicht vorenthalten…

Die relative Natur des Fehlers

Bevor er zum „ausgewachsenen“ Fehler wird, durchlĂ€uft er – bildlich gesprochen – mehrere Entwicklungsstufen. Er beginnt als Intention. Jemand hat die Absicht, etwas zu erreichen. Der nĂ€chste Schritt ist die Auswahl der vermutlich geeignetsten Handlungsweise. Diese muss nicht notwendigerweise bewusst stattfinden, sie kann beispielsweise auch aus Gewohnheit entstehen. Danach erfolgt die Umsetzung der Handlung, und schlussendlich die Bewertung der Konsequenzen nach den Kriterien der Intention. Habe ich mein Ziel erreicht? Gibt es eine Abweichung vom Ziel, und wenn ja, wie ausgeprĂ€gt ist diese Abweichung? Daraus ergibt sich, ob ich „richtig“ gehandelt habe, oder aber auch, wie dramatisch mein Fehler (meine Abweichung vom Ziel) war.

Im Alltag wird wohl kaum jegliche Intention und Handlung dermaßen genau durchdacht werden, stattdessen wird wohl viel unbewusst ablaufen. Diese sehr genaue Betrachtungsweise ermöglicht jedoch einige interessante Beobachtungen und Überlegungen ĂŒber die Natur des Fehlers.

  1. Die Möglichkeit, einen „Fehler“ zu machen, entsteht erst durch die Beurteilung des Endergebnisses nach bestimmten Kriterien. Ohne diese (nicht notwendigerweise rationalen) Beurteilungskriterien wĂŒrde es uns unmöglich sein, Fehler als solche ĂŒberhaupt zu erkennen. Unsere Welt wĂ€re gewissermaßen „Fehler-los“.
  2. Wir können Beurteilungskriterien vor, wĂ€hrend oder/und nach der Handlung anwenden, und werden möglicherweise zu verschiedenen Bewertungen gelangen. Es könnte beispielsweise sein, dass wir wĂ€hrend einer Handlung zur Bewertung „falsch“ kommen und daraufhin die Handlung abbrechen, obwohl das Endergebnis durchaus positiv fĂŒr uns gewesen wĂ€re.
  3. Unterschiedliche Menschen können unterschiedliche Bewertungskriterien fĂŒr die gleichen Intentionen annehmen.
  4. Unterschiedliche Menschen können selbst bei ĂŒbereinstimmenden Bewertungskriterien zu unterschiedlichen Bewertungen gelangen.
  5. Dies fĂŒhrt zur Frage: welchen Menschen ĂŒbertragen wir die Macht ĂŒber unser Handeln zu, zu bewerten, was ein „Fehler“ ist und was nicht? Warum genau diesen Menschen? Und warum tun wir das ĂŒberhaupt?

All diese Überlegungen zeigen uns eines auf: Fehler sind etwas Relatives. Selbst die exakt gleiche Handlung zur Erreichung der exakt gleichen Intention mag von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich als korrekt, als Fehler oder auch als große Innovation interpretiert werden.

Abweichung: Die gemeinsame Voraussetzung von Fehler und Innovation

Ein Fehler und eine Innovation sind in ihrem “Embryo-Stadium” noch kaum zu unterscheiden: beide stellen lediglich eine Abweichung von der erwarteten oder sonst ĂŒblichen Handlungsweise dar. Dazu ein sehr simples Beispiel aus der Welt der Sprache: meine Ex-Freundin schreibt – ebenso wie ich – sehr gerne, und sie hat ein Talent dafĂŒr, Wörter zu erfinden, die es „nicht gibt“, aber sich beim Lesen trotzdem stimmig anfĂŒhlen. Eines meiner Lieblingswörter, die sie erfunden hat, ist „AngefĂŒhl“, z.B. verwendet fĂŒr „im AngefĂŒhl der Trennung“. Als strenger Lehrer, mit dem Wörterbuch als Kriterium an der Hand, mag man das Wort nun Ă€hnlich rot markieren wie mein Schreibprogramm das gerade gemacht hat – fĂŒr mich hingegen ist es eine wunderschöne neue Wortschöpfung, eine Innovation. Wer aber entscheidet jetzt darĂŒber, ob aus einer Abweichung ein Fehler oder eine Innovation wird?

Suchen wir nach einer Antwort auf diese Frage, kommen wir kaum um die Frage nach MachtverhĂ€ltnissen herum. Derjenige, von dessen Wohlwollen/UnterstĂŒtzung ich abhĂ€ngig bin, hat eine gewisse Macht, meine Handlungen in richtig/Falsch einzuteilen.

Das Interessante daran ist, dass diese Macht nicht aktiv ausgeĂŒbt werden muss, indem mir jemand stĂ€ndig sagt, was ich nicht schon wieder falsch gemacht habe. Es reicht, wenn ich vermute, dass jemand, von dessen UnterstĂŒtzung ich abhĂ€ngig bin, mein Verhalten als fehlerhaft ansehen wird. Es entsteht gewissermaßen eine Art Internalisierung der Bewertung des anderen, die dann irgendwann unabhĂ€ngig von den tatsĂ€chlichen Bewertungen des Anderen in mir ablĂ€uft. Die RelativitĂ€t des Fehlers geht verloren, er wird zu einem absoluten Fehler.

In der Folge passiert noch etwas sehr Interessantes: der Zeitpunkt der Bewertung verschiebt sich nach vorne. Habe ich ursprĂŒnglich noch ergebnisoffen gehandelt, und ist mein Handeln danach als fehlerhaft (oder auch nicht) bewertet worden, so findet dieser (interne) Bewertungsprozess nun zunehmend bereits wĂ€hrend der Handlung, und irgendwann auch schon vor der Handlung statt. Um das Risiko zu minimieren, negative Konsequenzen durch denjenigen erleben zu mĂŒssen, von dessen UnterstĂŒtzung man abhĂ€ngig ist, wird irgendwann jede Abweichung vom erfahrungsgemĂ€ĂŸ „richtigen“ (= keine negativen oder sogar positive Konsequenzen) Verhalten vermieden. Eine absolute innere Blockade wurde geboren: “Das ist nun mal einfach so.”

Innovation und Schaumamoi

In den im Nachhinein betrachtet bisher schönsten Jahren meines Lebens (auf deren Lebenseinstellung ich mich – hoffentlich – nun langsam wieder hinbewege) dominierte eine Grundformel meinen Alltag: „Schau ma moi, wos passiert“, also gewissermaßen eine radikale Neugier, die sich jeglicher Vor-Bewertung möglicher Folgen entzog. Nicht alle Konsequenzen meiner Handlungen waren positiv, manche waren durchaus auch negativ, aber selten in meinem Leben fĂŒhlte ich mich einerseits derart frei und andererseits derart glĂŒcklich.

Was ich meinen SchĂŒlern spĂ€ter ĂŒber das „Lustige Fehlersuchen“ beibrachte, praktizierte ich damals tagtĂ€glich selbst: ich tat, was sich richtig anfĂŒhlte, und sah mir am Ende – nicht ohne eine gewisse Neugier – an, was dabei rauskam. Oft kam ohnehin viel Gutes dabei raus, und wenn etwas nicht ideal gelaufen war, war das Ergebnis oft Grund zur Heiterkeit und Basis zahlreicher humorvoller Geschichten, die man miteinander teilen konnte.

Dieses Schaumamoi war möglicherweise der grĂ¶ĂŸte Schatz, den ich jemals besessen hatte. Jahre spĂ€ter, nach eingehender BeschĂ€ftigung mit allen möglichen religiösen Texten und vor allem auch östlicher Philosophie, finde ich ziemlich viel davon in buddhistischen Texten wieder, die von einem Loslassen der Anhaftung an gewĂŒnschte Folgen des eigenen Tuns sprechen. Sie sprechen nicht darĂŒber, nichts mehr wollen zu dĂŒrfen, sondern darĂŒber, sich von der Notwendigkeit zu lösen, dass dieses Wollen exakt so wie gewollt RealitĂ€t wird. Gewissermaßen ein Handeln mit einem Schaumamoi, und am Ende einem wertneutralen Herausfinden, was denn nun tatsĂ€chlich geschehen ist. Nicht ein Ende des Tuns, sondern eine Reduzierung der Wichtigkeit der erwĂŒnschten Konsequenzen des Tuns. Was sich praktischerweise auch gut deckt mit den Lehren des Taoismus, mit denen ich mich oft sehr gut identifizieren kann.

Die Illusion der BestÀndigkeit

Ein Aspekt aus der östlichen Philosophie (woher exakt ich den nun habe ist mir entfallen, aber das Woher fĂŒr mich auch irrelevant, solange das Was Sinn ergibt), der mir besonders gefĂ€llt, ist die Erkenntnis, dass alles gleichzeitig ewig und vergĂ€nglich ist. Es wird möglicherweise immer (oder zumindest noch fĂŒr lange Zeit) Jahreszeiten geben, aber dieser Sommer fĂŒr sich ist einzigartig, und dem Kreislauf von Entstehen/Vergehen unterworfen. In unserer Wahrnehmung wird es noch viele Montage geben, gewissermaßen ist “der Montag” als Konzept damit „ewig“, aber jeder Montag fĂŒr sich ist einzigartig. Ich werde in meinem Leben wohl noch viele Menschen kennenlernen, und der Kontakt mit Menschen ist gewissermaßen ewig, weil immer wiederkehrend, aber die einzelnen Menschen und die einzelnen Begegnungen und Momente mit ihnen sind einzigartig. Damit ist gleichzeitig jeder Moment unendlich wertvoll, und ein möglicher Neuanfang, aber auch jeglichem Druck, etwas ganz Großes aus ihm zu machen, enthoben: er ist auch ewig, wiederkehrend. Ihn „verschwendet“ zu haben (der Bezug zum „Fehler“ mag hier auffallen) hat keine große Relevanz, weil er (in anderer Form) wiederkehren wird.

Es gibt damit unabhĂ€ngig von der Situation, in der ich mich befinde, keinen Grund zur Hoffnungslosigkeit, weil jeder Moment die Chance eines radikalen (“radix” = Wurzel) Neuanfangs in sich birgt. Ich kann in jedem Moment einfach aufstehen, aus dem Haus gehen, und ein völlig neues Leben beginnen – wenn ich bereit bin, die Konsequenzen zu ertragen. Meine Anhaftungen (=Fixierung auf erwĂŒnschte Konsequenzen meiner Handlungen) sind somit meine einzigen realen Blockaden meiner absoluten Freiheit.

Ein SchlĂŒssel zur Überwindung der Angst vor dem Fehler

In Bezug auf unser Thema des Fehlers ist das Durchschauen dieser Illusion der BestĂ€ndigkeit ein möglicher SchlĂŒssel zur Überwindung der Angst vor dem Fehler. Denn eine Vor-Bewertung oder WĂ€hrend-Bewertung einer Handlung macht nur dann Sinn, wenn wir das Endergebnis verlĂ€sslich vorhersagen können. WĂ€re die Welt bestĂ€ndig und keinem Wandel unterworfen, so wĂŒrde eine solche Vorhersage tatsĂ€chlich immer Nutzen bringen, weil wir damit die Welt und ihre Wirkungsgesetze zunehmend besser verstehen könnten.

Da sich die Welt trotz ihres ewigen Aspekts aber auch stets im Wandel befindet, ist eine Vor- oder WĂ€hrend-Beurteilung eine Verkennung der RealitĂ€t, eine gewissermaßen selbst auferlegte Machtlosigkeit. Wir gehen davon aus, dass unser Verhalten, oft genug als „Fehler“ rĂŒckgemeldet, gewissermaßen „absolut“ ein Fehler sein muss, und versuchen dann, diese Fehler von vornherein zu vermeiden, um damit die Konsequenzen, die wir fĂŒrchten, zu vermeiden – bis wir uns irgendwann möglicherweise kaum mehr erinnern können, wie wir ĂŒberhaupt zu dem Schluss gekommen sind, dass ein Verhalten „falsch“ sein mĂŒsse.

Das Problem dabei ist (neben vielen anderen), dass Fehler, wie eingangs erwĂ€hnt, im Grunde immer nur relativ, nur situativ als solche bewertet werden können. Was unsere Eltern uns, als wir Kinder waren, als „falsch“ eingetrichtert haben, mag fĂŒr damals durchaus hilfreich und sinnvoll gewesen sein, aber ist es das nun als Erwachsener immer noch? Oder vielleicht war es auch damals schon nicht konstruktiv, aber wir waren als Kinder eben zu abhĂ€ngig von den Eltern, um widersprechen zu können – aber sind wir das immer noch?

Das GefÀngnis der Erwartungen

Vermutlich haben wir uns alle im Laufe unseres Lebens ein gewisses Maß an Erwartungshaltungen von richtig/falsch angeeignet, die von unseren AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnissen geprĂ€gt sind. Das ist nicht zwingend etwas Negatives, war wohl oft auch notwendige Überlebens-Strategie

Dort jedoch, wo wir zu erahnen beginnen, dass wir uns dadurch selbst blockieren, mag die Frage sinnvoll sein, wer im Bereich dieser Blockaden die Hoheit ĂŒber die Bewertung besitzt: wir selbst, die wir uns durchaus auch bewusst fĂŒr ein Schaumamoi entscheiden können, um herauszufinden, welche Handlungen sich fĂŒr uns stimmig anfĂŒhlen? Oder vielmehr jemand, von dem wir glauben, abhĂ€ngig zu sein, und von dem wir glauben, dass er bestimmte Verhaltensweisen wĂŒnscht oder ablehnt? Im letzteren Fall steht uns – zumindest als Erwachsenen – die Möglichkeit offen, mit den betroffenen Personen offen ĂŒber ihre tatsĂ€chlichen BedĂŒrfnisse zu kommunizieren, anstatt unseren Verhaltens-Spielraum möglicherweise unnötigerweise weiter basierend auf Annahmen einzuschrĂ€nken. Oft haben sich diese im Laufe der Zeit verĂ€ndert, oder wir haben sie von vornherein nicht treffend interpretiert. Oder aber die (erlebte) AbhĂ€ngigkeit von den betroffenen Personen kann reduziert werden, etwa indem man sich einen neuen/zusĂ€tzlichen Arbeitgeber sucht, oder weitere Freunde kennenlernt, um die AbhĂ€ngigkeit von den Meinungen des besten Freundes zu reduzieren. Vielleicht auch einen Konflikt wagt, und feststellt, dass sich die MachtverhĂ€ltnisse mit der Zeit verĂ€ndert haben.

Diese Überlegungen erinnern mich ein bisschen an ein sehr schönes Bild, das mein Tai Chi Lehrer RenĂ© oft benutzt hat. Er ließ sich von einem Freiwilligen an den Handgelenkten fassen, und zeigte, wie verkrampft jemand dabei werden konnte, weil er glaubte, nun „gefangen“ zu sein. Entspannte er seinen Körper, so konnte er wunderbar vorzeigen, so war er im Grunde ĂŒberhaupt nicht gefangen, konnte sich immer noch sehr frei umherbewegen, oder je nach Wunsch auch denjenigen, der ihn an den Handgelenken packte, gerade aufgrund der dadurch entstandenen Verbindung seinerseits kontrollieren. Die Verkrampfung in solch einer Situation ist eine automatische Reflexhandlung, die uns das GefĂŒhl gibt, unfrei zu sein. Bewusstes Entspannen und Zulassen können zeigt auf, welche Freiheiten wir eigentlich trotz aller angeblichen “EinschrĂ€nkungen” haben.

Da unsere Erwartungen, unsere – Ă€hnlich reflexartige – Angewohnheit, Bewertungen schon vor oder wĂ€hrend einer Handlung vorzunehmen, um negative Konsequenzen seitens denen, von denen wir uns abhĂ€ngig glauben, zu vermeiden, gewissermaßen „in uns“ stattfindet, können wir sie auch aktiv beeinflussen. Mein „Meditationswort“ dafĂŒr ist dieses irgendwann entstandene „Schau ma moi, wos passiert“, aber im Grunde braucht es das nicht – ich finde es nur lustig (Humor hilft definitiv!), und es versetzt mich recht zuverlĂ€ssig zurĂŒck in jene Zeit, in der ich diese Praxis ganz natĂŒrlich sehr meisterhaft beherrscht habe.

Warum ich sie ĂŒberhaupt ein StĂŒck weit verlernt habe? Nun, der Einstieg ins „echte“ Berufsleben war sicher ein Faktor. Vielleicht musste ich sie auch erst verlernen, dann mĂŒhsam neu erlernen, um sie auch anderen vermitteln zu können, die nicht diese natĂŒrlich entstandene Vorerfahrung mitbringen, wer weiß?

Niklas

P.S.: Einige AnkĂŒndigungen, genaueres dazu gibts wie gewohnt unter VortrĂ€ge/Workshops

  • NĂ€chste Woche Montags, 19:00, gibt’s im FreiRaumWels den dritten Vortrag meiner kleinen Vortragsreihe. Diesmal geht’s um Familien- und Rechts-Systeme: systemische Ursachen der Entstehung von Mobbing und totalitĂ€ren Systemen (die sich interessanterweise sehr Ă€hneln), und auch, was das fĂŒr unsere aktuelle politisch-gesellschaftliche Situation in Österreich bedeuten mag.
  • Das Konzept dazu steht noch nicht ganz konkret, aber ich werde wohl in Wels eine Art “Filiale” vom Tai Chi Kurs meines Lehrers RenĂ© aufbauen, nachdem mir einige rĂŒckgemeldet haben, sie hĂ€tten Interesse, wollen aber nicht nach Braunau fahren deswegen. Hab mir mal gesagt, bei 3 Interessenten wĂŒrd ich das machen, 2 haben sich schon gemeldet. Wir wohl kein reiner Tai Chi-Kurs werden, sondern Ă€hnlich wie bei René’s Kurs auch viele Aspekte wie Auflösung von Blockaden, Entspannung, Philosophie dahinter etc. werden. Genauere Infos folgen wie gewöhnt unter VortrĂ€ge/Workshops, bei grundsĂ€tzlichem Interesse wĂ€r eine Vormerkung bei mir sinnvoll, dann kann ich das besser planen, bzw. vielleicht auch mögliche Termine so abstimmen, dass möglichst viele Interessenten Zeit dafĂŒr finden können.
  • Unsere ResonanzWörter-Übungsgruppe Öffentliches Sprechen jeweils Sonntags, 18:00 im FreiRaumWels wird langsam eine bestĂ€ndigere Gruppe, jetzt waren wir schon 2x zu viert, das zĂ€hlt dann schon fast als „Öffentlichkeit“. Wer Lust hat mal vorbeizuschauen, sehr gerne, ist auch echt immer sehr spaßig gewesen bisher. Da das Zusammentreffen ausfĂ€llt, falls nicht genug Besucher zusammenkommen, bitte bei Interesse bei mir (per SMS z.B.) melden, damit ich bei Nicht-Zustandekommen auch absagen kann, sonst steht wer vor verschlossener TĂŒr, das wĂ€r schade 😉

Farben segeln um uns nieder
Das Leben gibt und nimmt rasch wieder
Was gestern war, wird morgen sein
Der Halt am Jetzt gebiert die Pein
Erfreu dich an der Farben Pracht
Das Ende naht, es naht mit Macht
Ein Anfang bricht in deinen Raum

Weiße fĂ€llt, wirbelt uns nieder
Wir sammeln uns, wir singen Lieder
Dunkel wird‘s, die Flammen brechen
Nun möge sich der Sommer rÀchen
Beizeiten sind wir hoch geflogen
In alle Winde wir zerstoben
Sieh!, nun schwindet letzter Halt

Neckisch Kitzeln, sanftes Regen
Es streckt sich, weitet sich das Leben
Unter Decken, unterm Grund
WĂ€chst die Sehnsucht nach dem Und
Nach dem Mehr hinter den Zeilen
Forsch und ungezwungen eilen
Federn ĂŒber leeres Blatt

Nun komm‘n wir an, nach alter Weise
Der Sonne  WÀrme trÀgt uns leise
Ins Schattenspiel, naiv wir sind
Glaub‘n, wir wĂ€r‘n fĂŒr immer Kind!
Und die Schatten wĂŒrd’n schwinden
Wenn wir nur die Augen binden
Wenn wir warten nur auf Morgen
Wird Kummer fern sein, fort die Sorgen
Ein‘ Sommer lang! Soll es nur halten
So viel MĂŒh, nun lass verwalten
Halten, greifen sie, bewahren
Und wenn es auch nur Schatten waren

Rhythmen ziehen ihre Kreise
Bald schon wird es wieder leise
Freude, Schmerz, vergeblich Ringen
Entfernt noch in Erinn’rung klingen
Vom Streben bleibt nur Schall und Rauch
Lass ziehen, Kind, lass ziehen!
Den Schmerz, den jedes Ende braucht
Wenn Anfang bricht in deinen Raum

Es gab nun nicht mehr allzu viel zu erzĂ€hlen. Immer noch kamen sie vorbei, regelmĂ€ĂŸig, auch wenn der Besuchsrhythmus in der Regel immer mĂ€ĂŸiger wurde.  Die Wiederholungen hĂ€uften sich, und der Neuigkeitswert nutzte sich ab. Ich habe mich heute in den weichen Stuhl fallen lassen war mittlerweile fĂŒr jene, die kamen, weder eine neue noch eine wertvolle Aussage mehr. Und so hatte sie sich angewöhnt, ihre Gedanken einzuteilen in jene, die die Besucher interessieren mochten und jene, die sie fĂŒr sich behielt. Eine Weile noch war sie der irrigen Vorstellung angehangen, sie wĂŒrde durch ihr Schweigen Neugier oder die Sogwirkung echten Interesses erzeugen können, doch rasch hatte sie feststellen mĂŒssen, dass sie falsch gelegen war. Die Besucher waren beruhigt, sie vorzufinden, suchten oder fanden keine Zeit, auch noch in ihr nach Wertvollem zu suchen.

Es gab nicht enden wollende Tage des Schmerzes, und dann wieder rasch vergehende Tage des Schmerzes, doch der Schmerz blieb. Wurde zur Konstante, zum stillen Begleiter, der versicherte, dass man noch am Leben war. Schmerz, das war Leben. Leben war Schmerz. Leben war Leiden. Wo hatte sie das einst gelesen? Oder hatte sie den Satz einst in einem GesprÀch vernommen? Ihr Erinnerungsvermögen war auch nicht mehr das, was es einst gewesen war. Manchmal brachte sie nun Personen, Zeiten und Orte durcheinander. Die Welt geriet ihr aus den Fugen, entglitt den schwindenden KrÀften ihres ordnenden Geistes, wurde ihr unberechenbar. An manchen Tagen konnte sie nicht mehr beurteilen, ob es besser war, aufzustehen und sich zu bewegen, oder doch besser, einfach liegen zu bleiben. So hörte sie auf, zu urteilen.

Manchmal lachte sie auch ohne fĂŒr ihre Besucher ersichtlichen Grund. Diese, höflich und konfliktscheu erzogen wie auch sie selbst einst, lachten dann zaghaft mit, um ihr einen Gefallen zu tun. Herzhaft mitzulachen, das trauten sie sich nicht. Ihre GefĂŒhle könnten verletzt werden, wenn man ihr das GefĂŒhl gab, sie nicht mehr ernst zu nehmen. Sie war schwer zu lesen geworden, schwer einzuschĂ€tzen, irrational. Musste wohl Schmerzen haben, dachten die Besucher, und sprachen lange und eingehend mit Ärzten und Pflegern, sie zumindest von ihren Schmerzen zu befreien, wenn sie sonst nichts fĂŒr sie tun konnten.

Am nĂ€chsten Morgen wachte sie auf und schloss aus dem Datum der Zeitung auf dem Tisch, dass es ein Dienstag sein musste. Dann wiederum war sie nicht sicher, ob der letzte Besuch nicht vielleicht doch schon lĂ€nger als einen Tag her war, und schloss daraus, dass sie nicht mit Sicherheit bestimmen konnte, um welchen Tag es sich handeln musste. Im Grunde war es ja einerlei, wie der jeweilige Tag „richtig“ zu benennen war. Jeder Tag war ohnehin ein Geschenk fĂŒr sich. Erst dann fiel ihr auf, dass die Schmerzen verschwunden waren. Wenn Leben Schmerz war, war sie dann – umgekehrt gedacht – gestorben? Nein, das Zimmer ihrer Wohnung schien unverĂ€ndert zu sein. Und doch fĂŒhlte es sich anders an – genauer gesagt fĂŒhlte es sich nicht an. Sie war taub gegenĂŒber den Schmerzen geworden, aber auch sonst fĂŒhlte sie nicht mehr allzu viel. Wohl die Schmerzmittel. So fĂŒhlt es sich also an, wenn einem das Leben nicht mehr zugetraut wird, dachte sie amĂŒsiert.

Die Besucher traten ein, wirkten zufrieden. Sprachen ĂŒber die Segnungen der Medizin, die den Schmerz besiegt hatten und den Tod ein StĂŒck ertrĂ€glicher scheinen ließen. Sprachen miteinander, an ihr vorbei in den Raum, waren anwesend und ihr doch verschlossen. Pflichttreu an ihrer Seite, wie es sich fĂŒr Angehörige gehörte, damit niemand ihnen vorwerfen konnte, sie zu vernachlĂ€ssigen. Stellten ihr Fragen wie Sind die Schmerzen besser?, worauf sie nur leise lachte. Was sollte sie auch antworten? Es war kein Raum in ihnen fĂŒr das, was sie zu sagen hatte. Sie waren gekommen, um zu geben, nicht um mitzunehmen. Wollten ihr ein StĂŒck Leben bringen hier in jenen kleinen Raum voller Schmerzen, den sie – so völlig unverstanden – ihr „Leben“ zu nennen pflegte. Als die Besucher sie verlassen hatten, gingen sie leichteren Schrittes, unbeschwerter, froh, ihrer Pflicht genĂŒge getan zu haben und jenen Ort zu verlassen zu dĂŒrfen, der ihnen stets seltsam schwer, gewichtig erschien.

Auch zu empfangen: das hatten sie – wie es so ĂŒblich war – am Ende nicht gewagt.

Eine Freundin von mir sagte mir vor ein paar Tagen, sie wĂŒrde gerne lernen, so friedfertig wie ich zu leben, und tatsĂ€chlich kann ich mit gutem Gewissen behaupten, dass ich auf viele meiner Mitmenschen wohl eine harmonisierende Ausstrahlung habe, wĂ€hrend sie aus GrĂŒnden, die mir nicht ganz klar sind, oft mit ihren Mitmenschen in Konflikt gerĂ€t. Und so sehr ich mich manchmal ĂŒber unnĂŒtze Konflikte Ă€rgere, wird mir doch zunehmend bewusst, dass ich mich in meiner friedfertigen Welt ohne Menschen wie sie nicht sehr wohl fĂŒhle. Ich glaube, wir Menschen brauchen den Konflikt ebenso notwendig wie die Harmonie. Die Art und Weise, Konflikte auszutragen, halte ich oft fĂŒr verbesserungswĂŒrdig, aber ich merke, dass ich mich unwohl fĂŒhle, wenn ich auf Dauer in einer zu harmonischen Umgebung lebe. Harmonie ist wunderbar ent-spannend, aber es fehlt dann auf Dauer die Spannung.

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Konflikte als etwas „Schlechtes“ wahrgenommen wurden und damit zu einem recht erfolgreichen Konflikt-Vermeider geworden. In vielen Situationen ist das eine sehr hilfreiche Eigenschaft, in anderen steht es mir jedoch auch im Weg. Dadurch, dass Konflikte fĂŒr mich nichts AlltĂ€gliches, sondern Katastrophen waren, ist es fĂŒr mich schwer nachzuvollziehen, dass man sich nach Konflikten auch wieder verstehen kann, wĂ€hrend es fĂŒr jene Freundin schwer nachvollziehbar ist, wie man Konflikten derart aus dem Weg gehen kann, weil man sich ja ohnehin danach wieder in die Arme nimmt und gerne hat. Ich bin ihr sehr dankbar, dass ich durch sie lernen konnte, dass Konflikte nicht das Ende der Welt (oder zumindest von Beziehungen) sind, sondern ein essentieller und ebenso wertvoller Teil des Lebens.

Ein-samkeit

Ein Kollege in meiner Schule, der sich viel mit dem Buddhismus beschĂ€ftigt hat, hat mir erklĂ€rt, dass viele Konflikte in der Welt aus der Illusion der Menschen entstehen, dass wir in der gleichen Welt leben (bzw. diese gleich wahrnehmen) und dann enttĂ€uscht sind, dass der Andere anders als erwartet handelt. Wenn ein bestimmtes Handeln aus unserer Sichtweise völlig logisch erscheint, dann muss jemand, der anders gehandelt hat, das absichtlich getan haben, und wenn dieses Handeln mir schadet, dann will er mir folglich schaden. Er meinte auch, dass es eine sehr wunderbare Erfahrung sei, tatsĂ€chliches VerstĂ€ndnis fĂŒr die individuelle Sichtweise des Anderen, tatsĂ€chliches Verstehen zu erleben, das die Illusion der Gleichheit ablöst.

Mein Kollege ist – soweit ich das beurteilen kann – ein eher kopflastiger Mensch, der Sachverhalte gerne rational erfasst und von Prinzipien ableitet, wohingegen ich mich eher als jemanden bezeichnen wĂŒrde, der Sachen „erspĂŒrt“ und aus diesen Ahnungen dann das ableite, was ich zu wissen glaube. Ich kenne diese Übereinstimmung zwar auch aus GesprĂ€chen, aber weit intensiver aus einer Art „energetischen“ Übereinstimmung mit anderen (ich mag das Wort nicht so gerne, aber mir fĂ€llt kein besseres dafĂŒr ein). In jenem Zustand fĂŒhle ich mich mit anderen sehr verbunden, kann ihre GefĂŒhle und Ängste nachfĂŒhlen, und was ich will, will auch der Andere. Es ist, als wĂŒrde ich in jenen Momenten die Grenzen meines eigenen Körpers ĂŒberwinden und seelisch mit anderen verschmelzen, fĂŒr einige Momente eins mit ihnen sein. Es fĂŒhlt sich dann ein bisschen so an, als wĂŒrde ich hingebungsvoll Gitarre spielen. Dann wird die Gitarre zu einem Teil des Körpers und meine Finger bewegen die Seiten ebenso unbewusst, wie die Muskeln in meiner Hand meine Finger bewegen, wenn ich spiele. Die Trennung voneinander löst sich dabei auf. Es ist ein Zustand völliger Harmonie, völliger Entspannung. Konflikte kommen erst wieder ins Spiel, wenn die Trennung spĂŒrbar wird und wir uns wieder “von außen” begegnen.

Zwei-Samkeit

Die letzten Tage habe ich bei meinem Vater verbracht, in dessen Haus fĂŒr mich seit einigen Jahren eine unglaublich entspannende AtmosphĂ€re wirkt. Normalerweise fĂ€llt es mir schwer, freie Zeit zu nutzen, mich zu entspannen, doch in diesem Haus ĂŒberfĂ€llt es mich regelmĂ€ĂŸig. Und so habe ich den 25. Dezember eigentlich nur damit verbracht, im Wohnzimmer auf einer Couch zu liegen und mich damit ganz wohl zu fĂŒhlen. Niemand schrieb mir vor, was zu tun war, nicht einmal ich selbst fĂŒhlte mich mĂŒĂŸig, unbedingt etwas erledigen oder tun zu mĂŒssen. Es war eine sehr entspannte Zeit, und sehr schön. Doch schon am 26. wurde es mir innerlich irgendwie zu viel der Harmonie. Also ging ich laufen, arbeitete an einem Gedicht, kurz: entfloh der Harmonie des sĂŒĂŸen Nichts-Tuns. Es wird mir einfach nach sehr kurzer Zeit auch wieder zu langweilig. Vielleicht bin ich besonders sensibel fĂŒr jene BedĂŒrfnisse, aber ich denke, dass es uns allen so geht, dass wir ein BedĂŒrfnis nach einem Wechsel von Spannung und Entspannung, von Harmonie und Konflikt, von Eins-Sein und Trennung haben.

Leben in DualitÀten

Es ist fĂŒr mich eine der genialsten Erfindungen des Lebens, Konstruktion und Destruktion, Aufbau und Zerstörung als notwendige Bedingung fĂŒr seinen Weiterbestand festzulegen, den Tod zur Grundbedingung fĂŒr das Leben einzufĂŒhren. Als die Schlange Eva den Apfel anbot, der ihr das Wissen ĂŒber Gut und Böse eröffnen wĂŒrde, bat sie ihr das Leben selbst an, denn Leben ist VerĂ€nderung, und es kann ein „Gut“ nur in AbhĂ€ngigkeit von einem „Bösen“ geben, ein „kalt“ nur in Relation zu einem „warm“, eine „Freude“ nur in Relation zu einem „Leiden“, ein Wachsen nur in Relation zu einem Schwinden und den Fortbestand einer Idee, etwas Bestehendem nur in einem stetigen und ausbalancierten Wechsel zwischen diesen DualitĂ€ten. Was bestehen soll, muss gehen und wiederkehren können.

Gestern habe ich mir einen alten chinesischen Film angesehen, in der eine Frau einige faszinierende SĂ€tze sprach. Sie meinte, sie hĂ€tte einen Mann nicht heiraten wollen, weil er ihr nicht sagen wollte, dass er sie liebte, auch wenn sie wusste, dass er sie liebte, denn sie hatte geglaubt, Worte wĂŒrden lĂ€nger leben als GefĂŒhle, die doch stets vergehen. Doch sie hĂ€tte sich geirrt: Alles wĂŒrde vergehen, und nun hĂ€tte sie die BlĂŒtezeit ihres Lebens ohne den Mann verbracht, der sie doch geliebt hatte.

In all dem natĂŒrlichen Fluss des Lebens und der Seele zwischen den DualitĂ€ten scheinen wir Menschen uns doch nach der BestĂ€ndigkeit zu sehnen, wollen etwas dem Tod entreißen, wollen schaffen, was auch in Zukunft, was auch nachdem wir gegangen sind noch besteht. Es mag paradox erscheinen, doch mir scheint es, als wĂŒrde nur jenes die Jahre ĂŒberstehen, was wir bereit sind aufzugeben. Nur Weltbilder, denen ich der Disharmonie abweichender Erkenntnisse aussetzte, konnten stĂ€rker wiederauferstehen, wohingegen alle fixen Ideen irgendwann an der RealitĂ€t zerbrechen mussten. Nur die Liebe, die (oft schmerzlich) verblassen durfte, kehrte mit neuer Macht wieder, weil der Wunsch nach Eins-Sein nur im Wechsel mit dem Wunsch nach Zwei-Sein aufrecht bleiben kann, der Wunsch nach Harmonie nur in Disharmonie entstehen kann und das BedĂŒrfnis nach Spannung nur in der Entspannung.

Und die PĂ€dagogik?

Wer diesen Blog schon lĂ€nger verfolgt, wird vermutlich schon festgestellt haben, dass ich hier eine bunte Mischung aus praktischen Erfahrungsberichten, pĂ€dagogischen Spekulationen und allgemeinen Lebenserfahrungen veröffentliche. Dies hat den Grund, weil ich davon ausgehe, dass PĂ€dagogik am Ende des Tages hauptsĂ€chlich Menschenkunde ist, und auch in der Menschenkunde an die DualitĂ€t der Harmonie (des Verstehens) und der Disharmonie (des Missverstehens) glaube. Es wird menschliche Eigenschaften geben, die sich auf andere Menschen, andere Situationen ĂŒbertragen lassen, und welche, die eher speziell zu sehen sind, doch ich glaube, dass es wertvoll ist, eine FĂŒlle an möglichen „Menschlichkeiten“ wirklich verstehen zu wollen. Einerseits hilft es dabei, andere Menschen besser zu verstehen, andererseits ist es eine schöne Idee, dass wir den jeweils anderen wohl niemals völlig verstehen werden. Denn dies bedeutet, dass er uns noch ĂŒberraschen, dass er uns noch zum Staunen bringen kann.

Und anderen Menschen mit dieser interessierten Einstellung zu begegnen ist fĂŒr mich schon an sich ein Grundpfeiler sinnvoller PĂ€dagogik.

Niklas