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Der Tod ist eine Reise. Wer stirbt, lässt andere Menschen zurück. Wer reist, lässt andere Menschen zurück. In beiden Fällen geschieht manchmal etwas Nicht-Alltägliches, etwas Besonderes: Gefühle werden zugelassen, und nicht nur zugelassen, sondern auch ausgedrückt. Im Sterben stellt sich die Sinn-Frage, ein Leben lang oft nicht beantwortet oder gar nie gestellt, sehr akut: warum war ich hier? Welchen Sinn hatte mein Leben? Der Tod, grösster aller Meister, verbreitet eine besondere Atmosphäre, eine, die unsere alltägliche Reserviertheit aufheben und radikale Ehrlichkeit ermöglichen kann. Es bleibt keine Zeit für Umschreibungen und Floskeln. Die Wahrheit. Die eine letzte Chance, unsere Rüstungen und Waffen abzulegen und uns von Mensch zu Mensch zu begegnen.

Ein kleiner Tod

Zu reisen, ist zu sterben. Ich spreche hier nicht von einem all-inclusive-Urlaub in der Türkei für 1000 Euro, sondern der stillen Variante. Nicht die Action-Erlebnis-durchgeplante Variante mit Pool, zu der wir uns einmal im Jahr hingezogen fühlen mögen, oder zumindest diejenigen von uns mit der entsprechend vollen Brieftasche. Nein, ich spreche von den Reisen ohne bereits gebuchte Widerkehr, denen, in denen eine jede Begegnung die potentiell letzte Begegnung mit diesem Menschen sein kann.

Den Monaten, in denen wir durch Bolivien und den Norden Brasiliens gereist sind, ohne dabei mit Sicherheit zu wissen, a) ob wir sie heil überstehen und b) wohin sie uns noch führen wird. Und letztlich von meiner langen Reise von Österreich hierher beziehungsweise nun in wenigen Tagen der ebenso langen Reise zurück nach Österreich. Als ich damals von Österreich aufbrach in dieses Abenteuer, ohne irgendwelche Sprachkenntnisse in einem etwa 10.000 km entferntes Land ein Jahr zu verbringen, war ich damals schon überrascht und gleichzeitig unglaublich gerührt von den vielen kleinen und grossen Abschiedsgeschenken und guten Worten der Menschen, die ich (sehr oft unbewusst) berühren und deren Leben ich bereichern durfte.

Ein Paradebeispiel dafür ist ein kleines Bilhet, das mir meine Kollegen der pädagogischen Hochschule, in der ich mich (fälschlicherweise) nie so ganz heimisch gefühlt hatte, zum Abschied überreichten, in denen ein jeder auf seine Art und Weise eine sehr liebevolle Botschaft hinterlassen hatte. In den Tagen, Wochen und Monaten, in denen es mir nicht sehr gut ging hier (vor allem den ersten, in denen ich kein Wort Portugiesisch verstand), würde ich dieses Bilhet herausholen und wissen, dass, egal was mit mir hier passierte, irgendwo auf dieser Welt, in meiner Vergangenheit, einem anderen Leben, wenn man so will, habe ich, oft ohne es zu bemerken, Menschen berührt. Dies nimmt die schlimmste Angst vor dem Tod: dass das gelebte Leben keinen Sinn hatte.

Wiedergeburt

Gestern lud ich einige meiner hier kennen und lieben gelernten Menschen ein, sich noch einmal zu versammeln, ich hatte einen Kuchen gebacken und wir spielten mit einigen kleinen Bällen Rot-Blau-Tot und andere Kinderspiele, machten Abends noch Pancakes und spielten fünf Stunden lang bis 2 Uhr in der Früh Risiko – ein sehr schöner Tag mit vielen fröhlichen Gesichtern. Was mich jedoch am meisten berührte, waren einige Zeilen, die eine Freundin aus Argentinien verfasst hatte. Ich wollte sie erst (in Übersetzung) hier abtippen, bis mir klar wurde, dass diese Zeilen für mich verfasst sind und nicht für die ganze Welt, und dass es respektlos wäre, sie hier 1:1 zu veröffentlichen.

Sinngemäss schrieb sie, dass sie durch mich wieder an eine andere Welt glauben kann, eine Welt, in der sie einfach glücklich und fröhlich sein kann, so wie ich, und dass diese Welt mehr Menschen wie mich braucht, die diese Welt zum Guten verändern wollen, aber im Kleinen damit beginnen, mit Free Hugs, mit wunderschöner Musik auf der Strasse, einem Lächeln für die, die kein Lächeln erwarten.

Wandernde Meister

Als ich diese Zeilen las, wurde mir bewusst, welche Spuren ich wohl hier in diesem Jahr wirklich hinterlassen durfte, wie so oft, ohne es zu bemerken. Ich habe mit ihr abgesehen von einer grösseren Wanderung kaum sehr viel unternommen, ansonsten sahen wir uns meistens in der Mensa oder zufällig auf der Strasse, und ohne diese Zeilen hätte ich wohl nie bemerkt, welchen tiefen Eindruck ich augenscheinlich hinterlassen habe. Ich kann mich nicht einmal erinnern, mit ihr irgendwann einmal über Utopien oder Weltverbesserungen gesprochen zu haben. Möglicherweise nähere ich mich mittlerweile wirklich ein wenig dem im Tao Te King beschriebenen Ideal des Lehren, ohne zu lehren.

Während wir vor einer Reise oft sehr genau abschätzen können, wann ein Mensch uns für vielleicht lange Zeit verlassen wird, ist der Tod oft ein unerwarteter Besucher. Wir wissen nicht, wann er kommt, um die besonderen Menschen in unserem Leben heimzuholen, und ob wir die Art und Weise, wie wir wirklich über andere Menschen denken, ihnen am nächsten Tag noch zeigen können. Die Erwartung des Todes verbreitet eine besondere Atmosphäre, vor der wir uns fürchten mögen, aber warum bringen wir den positiven Aspekt dieser Atmosphäre, die Ehrlichkeit, nicht auch im täglichen Leben zustande? Wovor haben wir Angst? Warum die Masken und Fassaden?

Es wird ein Tag kommen, an dem diese Fassaden fallen, an dem wir diese Masken nicht mehr brauchen, an dem wir jemandem in die Augen sehen können und sagen: Ich liebe dich dafür, dass du existierst und diese Welt bereicherst. Ich liebe dich für dein Du-Sein, nicht für deine Fähigkeit zur Anpassung, sondern für dein inneres Licht, das diese Welt in deinen Regenbogen voller Farben taucht.

Es wird der Tag nach demjenigen Tag sein,
an dem wir dies erstmals zu uns selbst sagen können.

Niklas