Im Tao Te King findet sich (neben vielen anderen Weisheiten) eine einzelne Textzeile, die mich stets fasziniert hat, weil sie in so wenigen Worten eine Wahrheit mit weitreichenden Konsequenzen ausdrĂŒckt: Sparsamkeit gebiert GroßzĂŒgigkeit. Oder anders ausgedrĂŒckt: Es gibt keine GroßzĂŒgigkeit ohne SelbstbeschrĂ€nkung. Aber was soll das alles mit der Liebe zu tun haben?

Über die Jahre hat sich fĂŒr mich ein grobes Modell herauskristallisiert, was „die Liebe“ eigentlich ist. In einem Wort ausgedrĂŒckt wĂŒrde ich sie wohl am treffendsten mit „Glaubenskraft“ ĂŒbersetzen – mit einer Art 2. Platz fĂŒr das Wort „Aufmerksamkeit“, da wir mit unserer Aufmerksamkeit oft bei Menschen sind, die wir lieben.

Das Modell: Eine Ökonomie der Liebe

Ökonomie der Liebe - Modell

In diesem Modell stellen wir uns einen jeden Menschen als eine Art „Zelle“ vor, der sich in einer Art „Ursuppe“ bewegt. Eine jede dieser Zellen hat eine Art Kern und eine Membran, die diesen Kern von der Außenwelt abgrenzt.

Im Kern einer jeder dieser Zellen (eines jeden Menschen) entsteht eine Art nachwachsende Ressource, die wir „Liebe“ nennen können. Bei manchen Menschen wĂ€chst sie schneller nach, bei anderen langsamer, manchmal regelmĂ€ĂŸig, manchmal unregelmĂ€ĂŸig. Und je nach Lebenssituation „verbraucht“ dieser Mensch auch jeweils mehr oder weniger dieser Ressource, um sich einigermaßen wohlzufĂŒhlen. Hat er zu wenige „VorrĂ€te“, „hungert“ er nach Liebe.

Weil die Membran dieser „Zelle“ halbdurchlĂ€ssig ist, ist auch ein Austausch dieser Ressource Liebe möglich. So kann etwa ein Mensch einen Teil seiner Liebe einem anderen Menschen schenken, der diese dann zusĂ€tzlich zu seiner eigenen verbrauchen kann. Denn die Liebe ist eine neutrale Ressource, die sowohl fĂŒr den Eigengebrauch als auch fĂŒr andere geeignet ist.

Handelsbeziehungen und Energie-Vampire

Ein großer Teil unser zwischenmenschlichen Beziehungen, seien es Freundschaften oder auch romantische Beziehungen, basieren auf einer Art “Handels-Beziehung”. Ein Mensch schenkt einem anderen Liebe/Aufmerksamkeit und erwartet sich in der Folge vom Anderen ein Ă€hnliches Verhalten: „Freunde sind fĂŒreinander da, wenn es einem schlecht geht“.

Anders ausgedrĂŒckt: wenn meine eigenen VorrĂ€te an Liebe unter ein gewisses Level fallen, erwarte ich mir von einem Freund, dass er mir einen Teil seiner Liebe zukommen lĂ€sst. Im Gegenzug kann er sich, sollte er selbst in eine solche Situation kommen, auch auf mich verlassen. Dies wird selten so konkret ausgesprochen, schwingt aber oftmals unterschwellig mit – und sorgt im Krisenfall fĂŒr große EnttĂ€uschungen, wenn der Freund sich dann plötzlich nicht als „echter Freund, der fĂŒr einen da ist“ entpuppt.

Ein weiteres verbreitetes Muster ist die Helfer-Beziehung, bei der ein Mensch einem anderen regelmĂ€ĂŸig Liebe zukommen lĂ€sst, wĂ€hrend vom anderen wenig bis nichts zurĂŒckkommt. Der nehmende Partner jener Beziehung wird gerne als „Energie-Vampir“ bezeichnet, dem gebenden Partner ein „Helfer-Syndrom“ attestiert.

Ich bezeichne die beiden Grundtypen bewusst als „Partner“, weil sie sich in den meisten FĂ€llen gegenseitig brauchen. Nicht ohne Grund kommt es oft vor, dass ein Mensch, der einen „Energie-Vampir“ losgeworden ist, sich sehr rasch einen weiteren Menschen sucht, mit dem er Ă€hnliche Muster durchspielen kann – und umgekehrt.

Der SchlĂŒssel: Die Kontrolle ĂŒber die Membran

Bevor wir geboren werden, leben wir in Symbiose mit unserer Mutter, mit entsprechend sehr durchlÀssiger Membran. Wir sind noch sehr abhÀngig von der Liebe unserer Eltern usw. SpÀter, in der PubertÀt, experimentieren wir unbewusst stÀrker mit den Möglichkeiten der Membran, uns von der Umgebung abzugrenzen.

Viele von uns haben die erste große Liebe wohl als eine Art „Durchbruch“ diesbezĂŒglich erlebt, eine Art Versuch, erneut eine symbiotische Beziehung einzugehen. Was kaum jemals klappt. Die Verletzung, die aus diesem Scheitern entsteht, wirkt sich bei vielen noch Jahre danach aus.

Die meisten versuchen sich dann an der Kunst, bestimmten mehr oder weniger vordefinierten Beziehungsformen zu entsprechen, sei es eine „klassische Beziehung“, ein One-Night-Stand, eine „offene Beziehung“ und was immer es noch fĂŒr definierte Modelle geben mag, mit unterschiedlichem Erfolg. In den meisten FĂ€llen schwanken die Versuche irgendwo zwischen grĂ¶ĂŸtmöglicher Freiheit und langfristiger VerlĂ€sslichkeit – mit Phasen zwischen „Man kann eben nicht alles haben“ und „Das kann es doch nicht gewesen sein“.

Was wir in kaum einer jener vordefinierten Beziehungsformen lernen, ist die bewusste Kontrolle ĂŒber unsere eigene Membran und die Notwendigkeit des Umgangs mit der begrenzten Ressource Liebe und den möglichen Quellen dieser Ressource. Die Verwirrung und bisweilen auch der Schmerz, die daraus entstehen, sind nachvollziehbar. Aber auch irgendwie traurig und oft unnötig, sobald wir lernen, unsere Membran zu kontrollieren. Üblicherweise (auch aus eigener Erfahrung) geschieht dies in verschiedenen Stufen.

Ein Stufenmodell der Kontrolle ĂŒber die Membran

In den Stufen 0-2 durchlaufen wir die Prozesse von völliger Symbiose hin zu völliger Abgrenzung bis zum folgenschweren Ereignis der ersten großen Verliebtheit (=erneute völlige Öffnung) und entsprechender Verletzung, die oft zu einer erneuten „Abschottung“ fĂŒhrt. Die VerĂ€nderung der „Dichte“ der Membran „passiert“ uns dabei noch und unterliegt kaum unserer bewussten Kontrolle.

Stufe 3 der Kontrolle der Membran wĂ€re dann die FĂ€higkeit, bewusster „auf“ und „zu“ zu machen, wobei die meisten rasch aus Erfahrung lernen, nur bei ganz bestimmten Menschen „aufzumachen“ und dem Rest der Menschheit verschlossen zu bleiben, um nicht wieder verletzt zu werden. Die „Verletzung“ besteht oftmals darin, gewissermaßen an Liebe „auszulaufen“, ohne dass genĂŒgend dieser wertvollen Ressource von außen zurĂŒckkommt – gewissermaßen also eine Art „passive Verletzung“.

In dieser Stufe sind Menschen besonders anfĂ€llig fĂŒr „Energie-Vampire“, weil sie noch keine Möglichkeit haben, ihre Liebe zu „dosieren“. Die „Energie-Vampire“ selbst stecken womöglich in einem Ă€hnlichen Entwicklungs-Schritt fest, weil sie nur entweder aufnehmen können oder nicht. Ein Mehr an Liebe des Einen in dieser Beziehung fĂŒhrt damit fast unweigerlich zu einem „Abfließen“ zum Anderen.

Die Stufe 4 der Kontrolle der Membran erlaubt zwischen einem „offen“ und „zu“ auch Zwischentöne und Graustufen, etwa ein „halbdurchlĂ€ssig“. So kann nun die Dosierung des Austausches besser reguliert werden.

In Stufe 5 kommt zusĂ€tzlich eine Ansteuerung von einzelnen Teilen der Membran hinzu. So kann etwa die Verbindung zu dem einen Menschen sehr offen sein, wĂ€hrend die Abgrenzung zu einem anderen sehr „dicht“ ist. Mit der Zeit kann dies immer genauer auf die BedĂŒrftigkeit anderer sowie dem eigenen „Vorrat“ an Ressourcen abgestimmt werden.

Mir geht es dabei weniger um eine bestimmte Abfolge jener Stufen. Sondern darum zu zeigen, dass es bestimmte Entwicklungsschritte in der Kontrolle der Membran gibt, die einerseits in der genaueren Ansteuerung bestimmter Teilbereiche und andererseits in der Kontrolle der DurchlĂ€ssigkeit besteht – und eine immer bewusstere Kontrolle darĂŒber bzw. auch ein Bewusstsein fĂŒr die Notwendigkeit dieser FĂ€higkeit.

Die FĂ€higkeit zur Eigenliebe

Viele Menschen suchen ihr ganzes Leben im Außen nach Liebe – in Partnern, Liebhabern, Freunden, in der Familie, Gruppierungen, Gott/Göttern, der Natur, dem  Universum, wo auch immer. Auf ihrer Suche schenken sie anderen Liebe, in der Hoffnung, doch zumindest ein kleines bisschen zurĂŒckzubekommen. Als wĂ€re Liebe erst dadurch etwas wert geworden, wenn sie weitergeschenkt wird.

Womöglich ist der langfristig befriedigendere Zugang jedoch die Erkenntnis, dass in uns allen ein Quell von Liebe ist, eine Art nachwachsende Ressource, die wir auch ohne den Umweg, zuerst andere zu lieben, fĂŒr uns nutzbar machen können. Es ist die einzige Quelle der Liebe, auf die wir uns 100%ig verlassen können, und die uns von vornherein bedingungslos zur VerfĂŒgung steht.

GenĂ€hrt von dieser inneren Quelle können wir dann den Überschuss bedenkenlos mit unserer Mitwelt und den Menschen, die sich in ihr bewegen, teilen, ohne auf die Notwendigkeit bestehen zu mĂŒssen, irgendeine Gegenleistung dafĂŒr einfordern zu mĂŒssen. Bedingungslos lieben.

Womit sich der Kreis zum eingangs erwĂ€hnten Zitat aus dem Tao Te King wieder schließt – ein wenig anders ausgedrĂŒckt: SelbstbeschrĂ€nkung ermöglicht erst echte GroßzĂŒgigkeit. Die FĂ€higkeit zur Eigenliebe auszubilden befĂ€higt erst zur nachhaltig selbstlosen Liebe – weil fĂŒr die eigene BedĂŒrftigkeit verlĂ€sslich gesorgt ist.

„Aber fĂŒhrt dies nicht in die Einsamkeit“, mag der eine oder andere richtigerweise einwerfen, „wenn man sich selbst so wichtig nimmt?“. Meine bisherige Erfahrung ist eine gegenteilige: Die FĂ€higkeit zur bedingungslosen Liebe macht zu einem sehr angenehmen GegenĂŒber, mit dem die meisten Menschen gerne Zeit verbringen.

Die FĂ€higkeit zur Eigenliebe schließt auch nicht aus, andere um Liebe und UnterstĂŒtzung zu bitten. Aber sie fĂŒhrt das Element der Freiwilligkeit ein, sowie die Akzeptanz persönlicher Grenzen. Ich bitte um Hilfe, aber habe VerstĂ€ndnis fĂŒr die mögliche BeschrĂ€nktheit der Möglichkeiten des Anderen – immerhin behalte auch ich mir auch selbst ein Ă€hnliches Recht der Hoheit ĂŒber meine persönlichen Ressourcen vor.

Vermutlich ist sie auch die Voraussetzung fĂŒr eine langfristig und nachhaltig glĂŒckliche Beziehung zwischen Menschen, welche konkrete Form auch immer diese annehmen mag.

Auf jeden Fall aber erscheint mir die FĂ€higkeit der Kontrolle der Membran zu erlernen ein sehr erstrebenswertes Ziel zu sein. Und mit jedem Fortschritt auf diesem Weg merke ich auch eine Weiterentwicklung in meinen Beziehungen zu meinen Mitmenschen und zu mir selbst.

Viel Freude und schöne Erkenntnisse auch euch beim Experimentieren damit!

Niklas

„Was ist los?“, sah sie ihn leicht irritiert an, als er im Sprechen kurz innegehalten hatte.
„Nichts“, antwortete er. „Ich hatte nur das seltsame GefĂŒhl, als wĂ€r die KĂŒchentĂŒr grad aufgegangen und jemand reingegangen. Aber die ist ja zu. Vergiss es.“
„Ich habe davon gehört“, meinte sie. „Das passiert, wenn jemand
 anwesend ist. In diesem Fall deine-“
Ein Schauer ĂŒberkam ihn, und in dem Bruchteil der Sekunde, bevor sie es aussprach, wusste er, dass es wahr war.
„Mama“

Im Grunde war es nicht weiter verwunderlich, dass sie gerade jetzt „auftauchte“. Vor einigen Wochen waren sie nun nach Jahren daran gegangen, die TrĂŒmmer der alten Ordnungen auf der Suche nach Erinnerungen zu durchwĂŒhlen. Jene, die ein Loslassen ermöglichen mochten, das nicht mit dem Preis der VerdrĂ€ngung und großzĂŒgigen nachtrĂ€glichen EinfĂ€rbungen erkauft wurde. Die Vergangenheit war eine Art schlecht verheilte Wunde, schwĂ€rend, bisweilen eiternd aufbrechend, nur unzureichend ĂŒberdeckt mit VerbĂ€nden rationaler Herleitungen. Das Fundament der Neubauten, wohl durchdacht in seinen internen Strukturen, war auf unruhigem Grund errichtet worden, der nie ganz zur Ruhe gekommen war. Und nun also, nach Jahren der Verweigerung, der Kontakt zur Quelle wiederhergestellt.

Lange noch saßen sie beieinander im Schein der Kerzen des Adventkranzes. Nur wenig wurde gesprochen, einiges an Schokolade verputzt und gemeinsam schenkten sie sich Mut. Sich auf diese eigenwillige Stimmung einzulassen, von ihr treiben zu lassen, in Kontakt zu treten mit dieser Besucherin einer so fremdartigen und doch so vertrauten Welt.

Einige Tage spĂ€ter saß er bei einer Veranstaltung einer Frau gegenĂŒber, wohl gut 10 Jahre Ă€lter als er, mit der er sich seltsam verbunden fĂŒhlte, ohne sie je vorher getroffen zu haben. Tags darauf trafen sie wieder aufeinander, und sie erzĂ€hlte ihm von ihrer Vorgeschichte, die jener seiner Mutter in den Grundmustern auf verblĂŒffende Weise Ă€hnelte. Und wieder dieses sonderbare GefĂŒhl von Anwesenheit.

Als sie sich verabschiedeten, machte sie deutlich, dass sie ein Wiedersehen wĂŒnschte, und auch er fĂŒhlte intuitiv, dass es ein Wiedersehen geben wĂŒrde. Es erstaunte ihn nur zum Teil, dass er diese Frau nun kennengelernt hatte, wo er sich mehr und mehr bereit fĂŒhlte, die einst aus Schmerz und Überforderung ĂŒber Krankheit und Tod Verstoßene wieder in sein Leben zu integrieren. Es war mehr als ihre Person gewesen, von der er sich damals distanziert hatte. Die sich nun ihren rechtmĂ€ĂŸigen Platz in seinem Leben zurĂŒckerkĂ€mpfte. Geblendet, gepeinigt vom Schmerz, hatte er einst seine Sinne verschlossen. Nun, sie langsam, blinzelnd wieder öffnend, musste er sich erst wieder an all jene EindrĂŒcke gewöhnen.

Noch einige Tage vor jenem denkwĂŒrdigen Tag hatte er sich mangels entsprechender Erinnerungs-Bilder gefragt, ob seine Mutter ihn denn jemals habe lieben können, und er sie. Auch jetzt fehlten ihm noch konkrete Erinnerungen an einzelne Situationen, aber diese waren innerhalb von Tagen irrelevant geworden. Denn er fĂŒhlte ihre Liebe nun ganz deutlich, als eine Art „Hintergrundstrahlung“ seines Alltages. Oder womöglich war es auch gar nicht die ihre, sie am Ende nur eine Art „Vermittler“ hin zu einer ĂŒber sie hinausgehenden Quelle. Im Grunde war es irrelevant. Denn nun, offenen Auges, konnte er endlich wieder klar sehen. Sie war ĂŒberall. Sie alle waren ĂŒberall.

Halt hatte er gesucht gehabt, an dem er sich hĂ€tte aufrichten können. An fehlendem Halt war er bisweilen verzweifelt. Nun, schaudernd, musste er anerkennen, dass es ihm wohl in Wahrheit an Haltung gefehlt hatte. Wohl war er gut darin geworden, gewissermaßen „unbesiegbar“ zu werden. Es war einfach, wenn man nur darauf verzichtete, einen Standpunkt verteidigen, fĂŒr etwas stehen zu wollen. Nein, ernstlich besiegt war er nie worden. Aber im vollen Lichte der Wahrheit wohl nur deshalb, weil er stets schon vor der theoretischen Möglichkeit einer Ă€ußerlichen Kampfhandlung zurĂŒckgeschreckt war. Die Narben des Nichtigen waren innen zu finden. Überall.

Doch nun war es soweit. Die Wintersonnenwende stand kurz bevor. Der absolute Tiefpunkt. Dieses Mal wĂŒrde er ihn nicht mehr fliehen. Ihn sehenden Auges erwarten, erdulden, dies schien nun endlich, Jahre danach, ertragbar. Denn die Liebe, die den Aufprall dĂ€mpfen, ihn auffangen, ihn auch aus tiefsten Tiefen frĂŒher oder spĂ€ter stets wieder in luftige Höhen fĂŒhren wĂŒrde, war weder jemals in sein Leben getreten noch ganz aus seinem Leben entschwunden. Sie war ewig, eine Art natĂŒrlicher Konstante. Um ihn. In ihm. Überall. Was ihn bisher gehindert hatte, sie zu finden, war wohl einzig die Intention der Suche selbst gewesen, die von einer Trennung vom Gesuchten, einem noch zu ĂŒberwindenden Hindernis ausging – und damit die Notwendigkeit von Hindernissen ĂŒberall erst miterschuf.

Nun aber schien sich etwas in ihm langsam zu öffnen, langsam zuzulassen, was zuzulassen ihm bestimmt war. Und blinzelnd erkannte, spĂŒrte er sie wieder: die Liebe, den Halt, die Unverwundbarkeit, die UnvergĂ€nglichkeit hinter der scheinbaren Zerbrechlichkeit der HĂŒllen. Sie war anwesend. Alle waren sie anwesend. Als Teil von ihm, wie er Teil von ihnen war, wie sie alle Teil von allem waren. Er hatte den offenen Kampf stets vermieden gehabt, verstrickt in der Illusion der Zerbrechlichkeit, der Isolation. Nun jedoch entzĂŒndeten sich erste Funken aufbegehrender Flammen, von Fragen, die in ihm aufglommen: Wer willst du sein? WofĂŒr willst du einstehen? WofĂŒr bist du bereit zu kĂ€mpfen, auch auf das Risiko hin, zu unterliegen?

Denn nun, offenen Auges, konnte er auch wieder sehen, dass die Niederlage wieder ertragbar, ihrer EndgĂŒltigkeit beraubt worden war. Überall. Und damit der Weg offen war, ihn frei innerer Hemmungen zu betreten. DafĂŒr einzustehen, wofĂŒr es sich nach eigenem Ermessen einzustehen lohnte. Äußeren WiderstĂ€nden dort entgegenzutreten, wo die eigene Kraft dafĂŒr reichte, und sich dort UnterstĂŒtzung und Heilung zu erbitten, wo dies nicht der Fall war.

„In dir ist unglaublich viel Liebe zu spĂŒren“, hatte der Freund ihm vor einigen Wochen gesagt, und die Reaktion auf seinen zweifelnden Blick sagte ihm, dass er es ernst gemeint hatte. Einige Tage noch hatte er gezweifelt. Aber dann begann die Erkenntnis sich doch ihren Weg durch das Dickicht der PrĂ€gungen und gesellschaftlichen Normen zu bannen. Denn im Grunde wusste er, dass der Freund Recht hatte. Und auch wenn die Konsequenzen furchterregend erschienen, frĂŒher oder spĂ€ter zu offenem Konflikt mit etablierten Ordnungen fĂŒhren mochten: es war nicht nur sein Kampf, sondern einer, der sich jenem anschloss, der wohl so alt war wie die Menschheit selbst: Das subjektiv Richtige zu tun. Nicht stur den Regeln zu folgen, oder dem eigenen Vorteil. Sondern dem Diktat des Gewissens, der Liebe fĂŒreinander.

Diese innere Gewissheit im Außen zu verwirklichen. Durch eigenes Handeln, anstatt den einfachen Weg zu wĂ€hlen, es nur anderen vorschreiben zu wollen. Überall. Weil die Entscheidungen jedes einzelnen eben nicht egal war, sich nicht schlicht arithmetisch summierten, sondern sich gegenseitig beeinflussten. Es ging um die lokale Übermacht, wie auch Napoleon, der große Stratege, schon herausgefunden hatte. Lokal, im alltĂ€glichen Miteinander, entschied sich das Schicksal unserer Welt. In den unzĂ€hligen kleinen KĂ€mpfen des Gewissens gegen die Angst und Bequemlichkeit. Überall.

Aber zuerst war es an der Zeit, „unterzutauchen“, gewissermaßen „getauft“ zu werden im Tiefpunkt der Wintersonnenwende. Zuzulassen. Sich zu befreien von der Illusion der vermeintlichen Notwendigkeit jener absoluten, trennenden SelbstĂ€ndigkeit. FĂŒr etwas zu stehen, das dieses Selbst transzendierte. Wieder aufzutauchen, gestĂ€rkt durch die Erfahrung der Transzendenz, der Zeitlosigkeit im Herzen: Nur Leben. Überall.

Es war doch immer wieder erstaunlich. Eine Stunde mit einer Freundin telefoniert. Versucht, der Suchenden guten Rat zu geben. Nur um nach dem Auflegen verblĂŒfft festzustellen, dass man – wieder einmal – im Grunde mit sich selbst gesprochen hatte.

„Eigentlich ist es doch total unsinnig, was man da macht“, hatte er zu ihr gemeint. „Also dass man sich einredet, erst dann wieder miteinander in Kontakt zu treten zu dĂŒrfen, wenn man seine Schwierigkeiten ĂŒberwunden hat. Dabei wĂ€r es doch viel logischer andersrum. Dann in Kontakt zu treten, wenn man UnterstĂŒtzung braucht. Wenn man sich das mal angewöhnt hat, und die UnterstĂŒtzung dann auch bekommt, dann kann einen ja eigentlich kaum mehr etwas wirklich umwerfen. Weil man dann umso mehr gehalten wird, je fester der Gegenwind weht.“
Das klang so dermaßen einleuchtend, dass es seltsam schien, dass er es selbst ebenso selten lebte wie jene Freundin, der er gerade zu helfen versucht hatte. Warum nur?

Lange saß er nach jenem denkwĂŒrdigen Telefonat noch in der HĂ€ngematte, schaukelte still vor sich hin, wiegte sich selbst, in sich versunken. Dann klingelte sein Handy erneut. Eine andere alte Freundin war dran. Er kannte sie nun beinahe schon zehn Jahre lang, und sie hatten immer schon ein etwas.. zwiespĂ€ltiges VerhĂ€ltnis gehabt. So eine merkwĂŒrdige Mischung aus gegenseitiger Zuneigung und sich gegenseitig kaum auf Dauer aushalten. Und so hatten sie sich eben mit der Zeit daran gewöhnt, dass sich zwischen ihnen immer wieder aufs Neue innige Momente mit Momenten gegenseitiger Abstoßung abwechselten. Auf seltsame Art und Weise.. liebten sie sich auch, hatten sich immer geliebt und wĂŒrden sich wohl immer lieben. Nur nie eine auch alltagstaugliche Form fĂŒr diese Liebe gefunden, die auch ohne jene sich wiederholenden Muster von Anziehung/Abstoßung auskam.

Und nun sprachen sie ĂŒber den jĂŒngsten Vorfall, der ihn wieder einmal dazu gebracht hatte, fĂŒr ein paar Tage auf Distanz zu ihr zu gehen. Sie war zu Besuch gewesen, sie hatten sich gut verstanden. Bis sich wieder einmal jener „Rucksacktourist“, wie er es fĂŒr sich nannte, in ihre Kommunikation eingeschlichen hatte. Mittlerweile hatte sich das Muster oft genug wiederholt, dass er es nicht mehr ĂŒber GebĂŒhr fĂŒrchtete. Trotzdem war es jedes Mal aufs Neue im Moment des Auftretens verwirrend. Sie waren gemĂŒtlich auf der Terrasse gesessen, hatten ungezwungen geplaudert. Sie hatte ihm eine Frage gestellt, unverfĂ€nglich an der OberflĂ€che betrachtet. Und doch hatte er sofort gespĂŒrt, dass der Rucksacktourist sich wieder einmal bemerkbar machte.

Der Schlingel war schwer wahrzunehmen, aber mit den Jahren hatte er ein feines GespĂŒr fĂŒr jene Momente entwickelt. Es war der Moment, in dem sie – an der OberflĂ€che betrachtet – eine ergebnisoffene Frage stellte, aber nur eine Antwort zu akzeptieren bereit war. FrĂŒher, noch ungeĂŒbter, hatte er sich bisweilen ĂŒberrumpeln lassen. Hatte jene eine Antwort gegeben, um den Konflikt zu vermeiden. War damit oftmals Verpflichtungen eingegangen, die er spĂ€ter bereute. Nur um frĂŒher oder spĂ€ter festzustellen, dass sie ihn – ohne es selbst zu merken – in jenem Fall ohnehin immer tiefer an und schließlich ĂŒber seine Grenzen fĂŒhren wĂŒrde. Bis er wieder einmal jene Grenzen ĂŒbergangen, ihr schlicht aus Überforderung nicht mehr die Antwort zu geben vermochte, die sie davor schĂŒtzte, den Rucksacktouristen selbst wahrnehmen zu mĂŒssen.

Nun, aufmerksamer auf die Infiltration des GesprĂ€chs durch den Rucksacktouristen, vertraute er mehr seiner instinktiven Reaktion, die dem Druck, die eine richtige Antwort zu geben, widerstand. An ihren Reaktionen war zu erkennen, dass er sie durch seine Weigerung, dem Druck des Rucksacktouristen nachzugeben, mit einem schwer zu greifenden Trauma zu konfrontieren drohte. Meist endete es jedoch damit, dass sie ihn mehr oder weniger wĂŒst beschimpfte, was wohl als Vorstufe einer direkten Konfrontation mit dem in ihr wohnenden Rucksacktouristen zu deuten war. Besser Distanz herstellen zu demjenigen, der es wagte, den Spiegel zu stellen, in dessen Spiegelbild sie ihren Rucksacktouristen voll wahrnehmen könnte.

All das war in ihm als inneres Bild schon seit lÀngerer Zeit herangewachsen, hatte er als gegeben akzeptiert gehabt. So war sie eben. War zwar bisweilen nervig, aber er liebte sie ja trotzdem irgendwie, und so oft kam es dann auch wieder nicht vor.

Aber nun war er mit einer unangenehmen Fragestellung konfrontiert: War wohl auch in ihm ein solcher Rucksacktourist zu finden, der ihn auf notwendige Entwicklungsprozesse hindeuten wollte, dem er aber ebenso ĂŒber die Schaffung von Distanz aus dem Weg ging wie jene Freundin? War nicht dieses – objektiv betrachtet – absurde Grundmuster, in der eigenen Herausforderung auf Distanz zu Menschen zu gehen, die ihm hilfreich hĂ€tten sein können, ein verdĂ€chtig Ă€hnliches? Was wĂŒrde wohl geschehen, wenn er das Grundmuster umkehrte? Sich ohne Scham UnterstĂŒtzung holte, wenn er sie auch brauchte?

In den letzten Monaten hatte er erste AnsĂ€tze dieser „Kontinentalverschiebung“ seiner Herangehensweise umsetzen können. Zumindest da, wo er rechtzeitig reagiert hatte, und noch nicht im Sumpf seiner Überforderung versunken war. Und dabei Erfahrungen gemacht, die gleichzeitig verstörend wie Hoffnung weckend waren: viele Menschen fĂŒhlten sich geehrt, wirkten froh, helfen zu können. Interpretierten es nicht als Belastung, wie er allzu oft angenommen, sondern als Ausdruck von Liebe und Vertrauen zueinander.

Ein StĂŒck weit war es die letzten Jahre ĂŒber zu einer Art von Alleinstellungsmerkmal von ihm geworden, dass tendenziell er es war, der anderen half, und nur dann um UnterstĂŒtzung bat, wenn es um AlltĂ€gliches ging. War er wirklich betroffen, vom Leben niedergeworfen worden, so hatte er sich ĂŒblicherweise zurĂŒckgezogen. Bis er – gestĂ€rkt und bewehrt mit einer erzĂ€hlenswerten Geschichte – sich wieder „annehmbar“ genug fĂŒr Kontakt fĂŒhlte. Wie passend das Wort “Alleinstellungsmerkmal” doch aus dieser Betrachtungsweise schien – fabrizierte er ja im Grunde seine eigene Einsamkeit und seine eigene Überforderung dadurch mit.

Nachdem er aufgelegt hatte, hatte er seinen Mantel genommen, die HaustĂŒr hinter sich geschlossen und war Tanzen gegangen. Immer noch erfahrungsgemĂ€ĂŸ eine der besten Möglichkeiten, ins Tun, ins VerĂ€ndern zu kommen. Hatte eine Freundin dort getroffen, die sich neben ihn setzte, ihn umarmte, lange einfach nur neben ihm saß. Irgendwann hatte er dann ihre Hand genommen, mit einem hoffnungsvollen „I brauch des heute irgendwie“, und sie hatte ihn freundlich angelĂ€chelt, seine Hand gehalten, ihn gehalten, ihm Halt gegeben. Erstaunlich, wie einfach das war, wenn man endlich mal den Mut fand, einfach darum zu bitten. Sich zumindest fĂŒr Momente mal von der Vorgabe verabschiedete, man mĂŒsse makellos sein, um geliebt, um gehalten werden zu können. Und wie logisch eigentlich: war es denn nicht viel einfacher, Halt zu finden und zu geben, wenn man sich auch an der OberflĂ€che, dort, wo andere es sehen mochten, Makel, eine gewissermaßen “rauere OberflĂ€che” erlaubte?

Und im Grunde hatte er sie ziemlich satt. All die Makellosigkeiten, all die Alleinstellungsmerkmale, die die Menschen voneinander trennten. Warum sich nicht zur Abwechslung mal unmittelbar begegnen, und nicht nur dann, wenn man peinlich genau darauf geachtet hatte, dass nur die „guten“ Emotionen und Geschichten ausgetauscht werden wĂŒrden, weil der Rest tief genug in dunklen Hinterzimmern des Herzens vergraben war? Auch mal ganz offiziell verdammt verzweifelt sein dĂŒrfen, wenn man sich ja ohnehin schon so fĂŒhlte. Warum also nicht anderen die Chance geben, hilfreich sein zu können und so Beziehungen zu vertiefen? Die Alleinstellungsmerkmale, die das Leben oft so unglaublich schwer zu bewĂ€ltigen machten, aufzugeben, um zu einem Wir zu finden, das sich aus der Anerkennung und WertschĂ€tzung des jeweils Besonderen und des daraus denkbaren Potentials speiste.

Aus abnormal und abnormal mochte kein normal werden, das den AnsprĂŒchen einer Perfektion erwartenden Gesellschaft genĂŒgte. Aber ein „wunderbar“ war womöglich durchaus in Reichweite fĂŒr denjenigen, der den Mut aufbrachte, der Welt auch mal ohne Scham eine gerade leere Hand zu reichen, um die FĂŒlle zu empfangen, die diese Welt gerne zu schenken bereit war.

Aber offen darum zu bitten, sich zu trauen, die eigene UnzulÀnglichkeit auch sichtbar zu tragen..
Eines Tages. Vielleicht.

Hallo, kleine Pflanze, die du da so unverschÀmt aus der Ritze lachst.
Hast du dich, als Same noch, gefragt, wo du wohl landen wirst auf deiner Reise? Ob du Raum haben wirst, dich zu entfalten, ob die NĂ€hrstoffe reichen werden, die Versorgung mit dem lebenswichtigen Wasser?
Oder hast du, todesmutig, es einfach darauf ankommen lassen? Hast dich der Welt anvertraut, in dem Glauben, der Hoffnung, dass es gut sei, wie es eben sei?
Da sind kleine Wassertröpfchen auf dir, kleine Pflanze, die glitzern in der schwĂ€cher werdenden Herbstsonne. Nascht du von ihrem kĂŒhlenden Nass, wie es dir am besten bekommt, oder rationierst du deinen kostbaren Besitz bis zum nĂ€chsten Regenschauer?
Da sind sanfte Winde, in denen du dich wiegst, als wÀre dir deine Position im Leben relativ egal, solange du nur fest verwurzelt bist.
Deine Farben entsprechen so gar nicht jenen deiner BrĂŒder rund um dich, doch das scheint dich nicht groß zu kĂŒmmern. Du wĂ€chst in der Nische, die du dir gefunden hast. Und dort, am Kreuzungspunkt, an dem du dich befindest, bist du Königin.

Weißt du denn, dass wir Menschen die Angewohnheit haben, Emporkömmlinge wie dich nicht allzu lange zwischen der strengen Ordnung unserer Bauten zu dulden? Dass deine bloße Existenz von vielen von uns als Störung dieser uns so heiligen Ordnung wahrgenommen, kaum ertragen werden kann? Dass schon dadurch, nicht nur durch die Tatsache des herannahenden Winters, deine Tage gezĂ€hlt sein werden, auch wenn ich selbst deine erhabene Schönheit anerkenne?
Weißt du, dass du sterben wirst, und dass deine Entscheidungen jenen Zeitpunkt beeinflussen könnten? KĂŒmmert es dich? Und falls nein, kannst du mich lehren, mir ebenso wenig darum Gedanken zu machen?

Denn einst war ich jung, dir Ă€hnlich, meiner Intuition folgend König meiner eigenen Nische. Dann wurde ich entwurzelt, umgepflanzt. In eine Umgebung, die mich lehrte, aus der Vergangenheit mögliche Zukunft abzuleiten, um zu ĂŒberleben. Ich ĂŒberlebte, aber etwas Wichtiges ging mir verloren. Nun, selbst unter anderen, freundlicheren Bedingungen, finde ich nicht mehr zurĂŒck in mein kindliches Urvertrauen. Muss, wie ich nach einigen gescheiterten Versuchen des ZurĂŒckkehrens anerkennen lernte, voranschreiten statt zurĂŒckschauen. Nun, verĂ€ndert, wieder neu vertrauen lernen, mit jeder möglichen Zukunft umgehen zu können, statt aus Erfahrung zu wissen, was die Zukunft bringen wird, und versuchen, sie in meinem Sinne zu beeinflussen.

Ich bin wenig bewandert in Pflanzenkunde, aber es sieht so aus, als ob du kaum je grĂ¶ĂŸer als ein kleines Buch werden wirst. Und doch strahlst du jene sonderbare GrĂ¶ĂŸe aus, die diejenigen zu umgeben pflegt, die in dem ihren Raum ErfĂŒllung finden.

Nun ist ein MarienkĂ€fer herangeflogen, und hat es sich an der Wand gemĂŒtlich gemacht. Er gehört uns nicht, und doch gehört er irgendwie zu uns, nun, da wir ihn entdeckt, anerkannt haben. Er wird nicht bleiben, die Begegnung wird flĂŒchtig sein, und doch hat seine Anwesenheit mich im Jetzt berĂŒhrt. Mich nĂ€her an den Ursprung zurĂŒckgebracht, von dem ich mich oft schon zu weit entfernt glaubte, um zurĂŒckkehren zu können. Hier, mit meinem Körper, habe ich ihn entdeckt. Jetzt, in diesem Moment, ist er hier, und ich mit ihm, bin mit ihm in einer kurzen, flĂŒchtigen Beziehung.

Es wird schwieriger, diese Beziehungen herzustellen und aufrechtzuerhalten, je Ă€lter und damit gewissermaßen auch vermeintlich „wissender“ ich werde. Je mehr ich glaube zu wissen, desto schwieriger wird es, sich auf die Unbestimmtheit einzulassen, die authentisch neue Erfahrung gebiert. Man will ja immer alles schon gewusst haben. Schließlich ist man ja nun erwachsen. Da ist es ein bisschen peinlich, sich auf etwas einzulassen, dessen Ausgang man nicht vorhersehen kann. Man könnte sich ja zum Affen machen dabei. Hat sowas wie einen Ruf zu verlieren.

Ja, kleine Pflanze, du hast durchaus Recht: ich rede hier völligen Schwachsinn. Leider ist dieser Schwachsinn durchaus real, und wird gewissermaßen von uns erwartet. Hier bei uns Menschen wird man gefeiert und bewundert, wenn man immer die Kontrolle behĂ€lt. Wer sich in unkontrollierte, unvorhersehbare Situationen begibt, der handelt dann „unverantwortlich“. NatĂŒrlich, wenn man alles gut ĂŒbersteht, hat man danach gute Geschichten zu erzĂ€hlen, dann wird man auch wieder bewundert, und hat plötzlich wieder ziemlich viele Freunde. Aber der Weg dorthin ist ein einsamer. Und wir Menschen, wir ertragen die Einsamkeit nicht sehr lange.

Du kannst uns eine reinhauen, du kannst uns hungern lassen, wir mögen vieles nicht. Aber was wir auf Dauer ĂŒberhaupt nicht vertragen, ist die Einsamkeit. Mir machen die absurdesten Dinge, nur um uns nicht einsam fĂŒhlen zu mĂŒssen. Und weil sich das eben so durchgesetzt hat hier bei uns, versuchen die meisten von uns dann auch noch, andere dazu zu bringen, sich mit uns zu beschĂ€ftigen. Weil wir diese absurde Angst haben, dass die es niemals von sich aus tun wĂŒrden, so dass wir sie eben „fremdsteuern“ mĂŒssen. Wir haben sogar VertrĂ€ge erfunden dafĂŒr! Obwohl man glauben könnte, wenn ich dich, kleine Pflanze, einfach durch dein Da-Sein als wundervoll und wertvoll empfinden kann, sollten wir Menschen es doch auch bei anderen Menschen zusammenbringen.

TatsĂ€chlich können wir das auch ganz gut, zumindest einige von uns. Aber dann haben wir doch Angst, dass es vielleicht nur im Moment so ist, und was ist dann mit morgen? Da brauchen wir ja auch Liebe und Anerkennung! Darum lieber vorsorgen, schauen, wie wir sicherstellen können, dass es auch morgen so weitergehen wird. „GlĂŒcklich bis zum Ende aller Tage“ nennen wir das dann. Ja, natĂŒrlich ist das in etwa so unsinnig, wie sich ein ganzes Jahr lang nur Sonnenschein oder nur Regen zu wĂŒnschen, das ist weder wachstumsfördernd noch besonders interessant. Aber wir machen das trotzdem so. Ich habs ja auch probiert. Wenn es alle machen, hab ich mir gedacht: wĂ€r ja seltsam, wenn das nicht zumindest ein bisschen sinnvoll wĂ€r. Können ja nicht alle deppert sein.

Nur leider, kleine Pflanze, war ich dadurch nur noch ziemlich selten „da“. Ich war stĂ€ndig irgendwo in der Vergangenheit, um zu lernen, die Zukunft besser einschĂ€tzen und damit steuern zu können. In der Zukunft, um da entsprechend die FĂ€den zu ziehen. Oder im Geiste irgendwo, wo ich mal war oder noch hinkommen wollte. „Da“, also im Hier und Jetzt, war ich mit der Zeit immer seltener. Das fiel mir  nicht einmal groß auf, weil auch alle anderen kaum je „da“ waren. Das war nicht nur „normal“, das war sogar gewissermaßen angesehen, ein untrĂŒgliches Zeichen fĂŒr Wichtigkeit. Und da Ansehen, Gesehen werden und geliebt werden sich schon ein bisschen Ă€hnlich anfĂŒhlen, erschien es fĂŒr eine Weile durchaus sinnvoll, da mitzumachen.

Tja, kleine Pflanze, und nun sitze ich da vor dir, und denk mir, das ist eine der schönsten Begegnungen der letzten Monate. Hab dich ja schon öfter gesehen und mir gedacht, dass du irgendwie etwas Besonderes bist. Aber wer selten „da“ ist, hat auch kaum je Zeit dafĂŒr, jemanden wie dich kennenzulernen. Der muss dann eben auch nehmen, was kommt und in dem engen Zeitkorsett, das ĂŒbrig bleibt, Platz findet. Was sich auch langfristig gut in den Zeitplan einordnen lĂ€sst. Was nicht passt, wird entweder passend gemacht, oder eben verworfen. Langfristig denken, sich etwas aufbauen und so, du weißt schon. Oder vielleicht auch nicht? Vielleicht ist das dein Geheimnis?

Gestern, kleine Pflanze, hatte ich einen seltsamen Traum. Ich war Beisitzer bei einer politischen Besprechung, und plötzlich meinte einer der eigentlichen Akteure, er wolle mit mir Platz tauschen. Ich sei geeigneter als er, in dieser Position zu sein. Anfangs zögerte ich: wer war ich schon, reale Macht auszuĂŒben, was waren meine Ansichten schon wert? Aber selbst die Politiker der anderen Fraktionen ermunterten mich. Mit mir wĂŒrden sie gerne zusammenarbeiten wollen. Also setzte ich mich auf den mir angebotenen Platz. Und mit einem Mal konnte ich fĂŒhlen, wie richtig es war, auf jenem Platz angekommen zu sein. Hier war der Raum, den auszufĂŒllen mir bestimmt war. Als ich nach dem Aufwachen einer Freundin davon erzĂ€hlte, meinte sie, ich wĂŒrde nun endlich aufhören, im Publikum meines eigenen Lebens zu sitzen, und lernen, mich selbst ins rechte Licht zu rĂŒcken.

Was wĂŒrde ich Ă€ndern wollen, nun, da ich symbolisch „an die Macht gekommen war“? Nun, vielleicht wĂŒrde ich die fatale Idee hinterfragen und ein bisschen aufweichen wollen, dass man die Zukunft aus der Vergangenheit abzuleiten vermochte. Ein bisschen mehr Spielraum gewĂ€hren, Entscheidungen ergebnisoffen zu treffen, selbst wenn sich diese im Nachhinein als Fehler herausstellen sollten. Die Zeit schenken, dieses Nachhinein auch abwarten zu können, bevor der Begriff „Fehler“ ĂŒberhaupt verwendet wird. Und die Entscheidung darĂŒber, was richtig und was falsch gewesen sei, dort, wo es nicht anderweitig zwingend notwendig ist, bei den jeweils Betroffenen zu belassen, anstatt aus allem einen Staatsakt zu machen.

WĂ€re das eine Welt, in der du gerne leben wĂŒrdest, kleine Pflanze? Ich vermute, dir wird die Welt der Menschen ein StĂŒck weit egal sein. Du bist besser darin als wir, einfach drauf los zu leben und die Konsequenzen deiner Handlungen stillschweigend zu ertragen. Aber vielleicht
 und nur vielleicht
 wĂŒrdest du dann hier in deiner Ritze auch lĂ€nger weiterleben dĂŒrfen und nicht ausgerupft werden. Denn auch wenn du die Ordnung der Fliesen auf dieser Terrasse stören magst, und schon gar nicht eingeplant warst, als diese Terrasse gebaut wurde:

So, wie du bist, bist du wunderschön.

Im hier.
Im Jetzt angekommen.
Kann ich endlich wieder fĂŒhlen:
Ich bin es auch.

Ein bisschen lĂ€cherlich fĂŒhlte er sich schon. Seit lĂ€ngerem hatte er sich gefragt, warum er eigentlich tatsĂ€chlich nie Alkohol trank, und war der Antwort bisher immer ganz gut aus dem Weg gegangen. Jedes Wochenende war es ein sich wiederholendes PhĂ€nomen, dass der am wenigsten Betrunkene die anderen nach Hause brachte, und ĂŒber die letzten zehn Jahre war er des Öftern dieser am wenigsten Betrunkene gewesen. Immer wieder war er gefragt worden, warum er nichts trinke, und im Grunde war ihm kein sinnvoller Grund eingefallen, dafĂŒr aber die sich schlau anhörende Antwort „Warum sollte ich schon etwas trinken?“. Das brachte ihm meistens entweder Respekt ein oder ein zum Schweigen gebrachtes GegenĂŒber, das ihn fortan mit dieser Frage in Ruhe ließ und sich andere, willfĂ€hrigere GefĂ€hrten fĂŒr seine alkoholischen Genusserlebnisse suchte.

Fragen hatten die bedrohliche Eigenschaft, dass sie nach Antworten verlangten. Und weil er es geĂŒbt war, anderen Fragen zu stellen, die sie in der Tiefe aufwĂŒhlten und die Wahrheit ans Licht brachten, war der Versuch einer Verteidigung gegen die ihn nun mit sich selbst konfrontierenden Fragen im Grunde zwecklos. Fast drei Monate war er den Fragen nun recht erfolgreich ausgewichen, nun aber zerrten sie die Antwort gnadenlos in sein Bewusstsein: ja. Es mochte von außen kaum erkennbar sein, mochte als mentale StĂ€rke, als ĂŒberragende Selbstkontrolle interpretiert werden, aber im Grunde war er doch in seinem mangelnden Vertrauen auf sich selbst zurĂŒckgeworfen.

Doch einmal zugelassen, brachten die Fragen noch ganz andere unerwĂŒnschte Folgefragen in sein Bewusstsein. Er hatte sich mit verdĂ€chtig vielen Menschen umgeben, die ihn brauchten. Wenn er von anderen gebraucht wurde, so war es wohl selbstverstĂ€ndlich, fĂŒr den anderen da zu sein. Er selbst brauchte niemanden. War der große Held, der zwar bisweilen ein wenig an seiner ÜberschĂ€tzung, an seiner Selbstaufopferung litt, aber er kam klar. Zwei Tage im Bett, alles wieder gut.

Entwicklungshilfeprojekte kam ihm in den Sinn, und dass diese hĂ€ufig AbhĂ€ngigkeits-Situationen kreierten, die dann – um als Projekt Spenden etc. lukrieren zu können und die Initiatoren zu ihrer Arbeit zu berechtigen – darauf angewiesen waren, dass es weiter Menschen gab, die sie auch brauchten. Die damit ein – oft unbewusstes – Eigeninteresse daran hatten, dass es den ihnen anvertrauten Menschen nie so gut ging, dass sie selbst ĂŒberflĂŒssig wurden. Hatte auch er Menschen, denen er angeblich „half“, durch seine eigene Notwendigkeit, „Helfer“ zu sein, geschadet?

Die Antwort tat weh, denn wenn er ehrlich zu sich selbst war, musste er auch diese Frage bejahen. Er hatte Menschen um sich gebraucht, die ihn brauchten, um sich der Frage zu entziehen, was er selbst brauchte. Er hatte diese Menschen gefunden, gewissermaßen an sich gebunden, um nie in die Situation zu kommen, nicht im Außen gebraucht zu werden. Ehrlichkeit tat weh, war schwer auszuhalten, aber nach all den Jahren spĂŒrte er auch, dass es nun kein ZurĂŒck mehr gab, dass er sich nun endlich dem stellen musste, was er all die Jahre erfolgreich vermieden hatte.

Sie hatte ihn sicher heimgebracht, hatte ihn etwas ausgelacht und gemeint: „Das nennst du ‚dich betrinken‘?“, aber darum war es nicht gegangen. Er hatte ihr vertraut. Sie hatte sein Vertrauen gerechtfertigt. Erstaunt wurde ihm bewusst, dass er nun gefĂŒhlt wieder freier atmen konnte, dass sich ihm eine Welt der Möglichkeiten eröffnete, die er vor vielen Jahren aus Unwissenheit und Verletztheit bereits abgeschrieben hatte. Liebe durchströmte ihn, Neugier auf diese Welt, die nur darauf wartete, entdeckt, erfĂŒhlt, erschmeckt, erlebt zu werden. Sie lĂ€chelte ihn im Dunkeln an.

Nun endlich, nach beinahe zehn Jahren, war er nun endlich nicht mehr in letzter Konsequenz allein.

Wohin mit dieser Wahrheit
Die dem Widerspruch entsprungen
Die im Kampfe hart errungen
Und den Sieger isoliert
Wohin mit diesem Streben dann
Auch von dem Preis zu geben
An Augen, Ohren, bebend Herz
Bereit zu stellen sich dem Schmerz?

Wohin mit dieser Wahrheit
Wenn die Orte sich verweben
Rote FĂ€den sich ergeben
WĂ€hrend Konsens sich verliert

Wohin mit dieser Wahrheit
Deren Macht sich Reiche beugen
Oft verschlungen ihre Zeugen
Macht nur aufzeigt, niemals gibt

Wohin mit diesem Streben
Ganz in Wahrheit aufzugehen
Wenn im Widerhall der Sprache
LĂ€rm aus Worten Laute formt
Bis selbst auf Lauten folgt nur Stille
Jedes Streben sich entwinde
Endlich auch Wille gibt sich auf
Ein letzter, erster Schrei – horch auf!
ErschĂŒttert wird der Welten Lauf
Wo Angesicht zu Angesicht
Endlich von Wahrheit leuchtend spricht
Welch fröhlich Ton im Beisein schwingt
Wenn Schmerz, die Angst vor Todgeburt
Erst glĂŒcklich ĂŒberwunden
Wo wahre Worte Frieden kĂŒnden

Wohin mit dieser Wahrheit, fragst du
MĂŒde des Ertragens Pflicht
Sie stoße, drĂ€nge, forme dich
Denn wenn erst sie gut Platz gefunden
Und feierlich entbunden
Den TrÀger des Ertragens Pflicht
Trotz aller Qualen der Geburt
Wird dir nicht fehlen ihr Gewicht
Zu stĂŒtzen und zu leiten dich

So sei sie dir manch guter Freund
Solange sie dich bĂŒrde
Wohlan nun, Krieger, ohne Scheu
Verfechte sie mit WĂŒrde

Gestern kam ich endlich dazu, eine Idee umzusetzen, die ich schon etwa ein halbes Jahr mit mir herumtrage: ich habe mir die Menschen sichtbar gemacht, die mir wirklich wichtig sind.

kontakt-ubersicht

Schon vor vielen Jahren habe ich festgestellt, dass ich beizeiten unter einer seltsamen Aufmerksamkeits-AusprĂ€gung leide: ich vergesse oft, wie viele wunderbare Menschen ich eigentlich kenne. Immer wieder kommt es vor, dass ich mich ziemlich einsam in der Welt fĂŒhle, obwohl ich doch in gewisser Weise mit vielen dieser Menschen verbunden bin, selbst wenn ich sie aus verschiedensten GrĂŒnden gerade nicht sehen kann. Oder ich mache mir Sorgen, mit jemandem nicht genĂŒgend Kontakt auszuleben wie er oder sie es verdient hĂ€tte, und fĂŒhle mich dann nicht mehr „berechtigt“, die Person dann zu kontaktieren, wenn ich tatsĂ€chlich Zeit und freudvolle Erwartung aufbringen kann.

Der Großteil der damit verknĂŒpften Gedanken, Ängste und Hoffnungen sind ziemlich diffus und haben nur wenig mit der tatsĂ€chlichen RealitĂ€t zu tun. Mit den meisten meiner lĂ€nger bestehenden Bindungen hat sich mit der Zeit ein gewisser Rhythmus eingependelt, der den Bedingungen unserer jeweiligen Lebenswelten geschuldet ist – und fĂŒr den Großteil der Betroffenen ist dies entgegen meinen diffusen Vorstellungen im Regelfall auch völlig in Ordnung so. Rationales Wissen darĂŒber hilft allerdings nicht unbedingt sonderlich gut gegen diffuse Ängste, weswegen meine inneren Selbst-Beruhigungsversuche bisher meist nur mĂ€ĂŸig erfolgreich waren.

Beziehung außerhalb von Gruppen

Vor allem aber gab es da viele Menschen, mit denen ich mich gefĂŒhlt enger verbunden fĂŒhlte, als ich als tatsĂ€chlichen Kontakt auslebte. Menschen, in deren Leben ich gerne mehr Teil wĂ€re, mehr eingebunden – gleichzeitig habe ich mit den Jahren auch mein oftmals unberechenbares Innenleben kennen und schĂ€tzen gelernt und weiß, dass es mir schwer fĂ€llt, meine VerlĂ€sslichkeit auf allzu viele Beziehungen auszudehnen. Ich war nie ein Gruppen-Kontakt-Mensch. Das hat den Vorteil, dass man ĂŒber Gruppendruck eher lĂ€cheln kann, aber auch den Nachteil, dass man Schwierigkeiten hat, sich wirklich zugehörig zu fĂŒhlen.

Beziehung entsteht dadurch fĂŒr mich durch den „Akt der wiederkehrend Tat“, wie ich es unlĂ€ngst in einem Gedicht formuliert habe, und verliert sich grĂ¶ĂŸtenteils durch ein Nicht-mehr-Tun. Das hat den Vorteil, dass Beziehung in jeglicher Form jederzeit von Neuem entstehen kann, dass ich selten in die Verlegenheit komme, alle BrĂŒcken zu jemandem abbrechen zu mĂŒssen, demonstrativ zwischen Beziehung und Nicht-Beziehung, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Entweder fĂŒhle ich Liebe, ein Hingezogen-Sein zu jemandem oder nicht, und ich weiß mittlerweile genug ĂŒber das ewige Kommen und Gehen dieser GefĂŒhle, um ĂŒblicherweise niemanden festhalten zu mĂŒssen. Es hat eine Art Ă€sthetische Schönheit, die Welt und den Kontakt zu ihr auf diese Art zu erleben. Es macht beizeiten aber auch sehr einsam.

Viele meiner Mitmenschen leben eher in Gruppen-Beziehungen, die sich durch Eintritts-Rituale, Gruppen-Normen wie auch Austritts-Rituale ausdrĂŒcken. Es gibt Schwellen des Kontaktes zwischen Fremder, Bekannter, Freund, guter Freund, bester Freund, Partner, zwischen One Night Stand, Friends with Benefits, Beziehungen, offenen Beziehungen und was auch immer es noch gibt an verschiedenen Definitionen – die fĂŒr mein primĂ€res Erleben eine Art von Fremdsprache darstellen. Ich habe ihr Vokabular erlernt und ich kann es situationsadĂ€quat einsetzen, aber es wird mir nie so nah sein wie mein primĂ€res Erleben, dass viel eher den Gezeiten in ihrem steten Wandel Ă€hnelt denn den Fixsternen, an denen man sich orientiert.

Die Menschen, die ich will erheben

Als ich begann die Namen derjenigen niederzuschreiben, die mich in wiederkehrender IntensitĂ€t durch mein Leben begleitet hatten, wurde mir bewusst, dass es mir trotz aller Wechselhaftigkeit doch möglich war, unterschiedliche Kontakt-„Stufen“ zuzuweisen. Da gab es die tĂŒrkisen Post-Its mit Menschen, ĂŒber deren Wiedersehen ich mich jedes Mal sehr freute, aber fĂŒr die ich kaum Energie aufwand, um aktiv zu einem Treffen beizutragen. Dann andere, gelbe Post-Its fĂŒr Kontakt mit Menschen, fĂŒr den ich in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden eigene Energie aufwende, um den Kontakt nicht völlig „absterben“ zu lassen. Orange Post-Its fĂŒr Menschen, an die ich normalerweise mindestens wöchentlich denke und versuche, engeren Kontakt zu halten. Rosa fĂŒr jemanden, den ich mit einer an völliger IrrationalitĂ€t grenzenden Macht lieben gelernt habe und der vielleicht der einzige Mensch ist, mit dem ich mir in meinem primĂ€ren Erleben eine Art von Gruppen-IdentitĂ€t vorstellen kann.

Nachdem ich das Bild vor mir hatte, erkannte ich rasch, dass es einige Menschen gab, die gelb markiert waren, bei denen ich mir allerdings einen orangen Kontakt wĂŒnschen wĂŒrde. Es waren weniger als ich ursprĂŒnglich gedacht habe (ich zwang mich, ehrlich zu mir selbst zu sein), vor allem aber schien es machbar. Nicht mehr diffus unmöglich, sondern sehr plakativ erreichbar, fast – einfach. Wie erfolgreich ich in der Umsetzung sein werde, wird die Zukunft zeigen, aber seit ich diese bildliche Darstellung angefertigt habe, halte ich es – anders als vorher – fĂŒr möglich, und das halte ich fĂŒr einen wichtigen ersten Schritt.


und die Menschen, die ich fallen lassen kann

Besonders heilsam fand ich die Erkenntnis, wie viele Menschen mir im Grunde egal sind. Ich wĂŒnsche grundsĂ€tzlich allen Menschen ein wunderbares Leben, „egal“ beschreibt hier nicht, dass es mir egal ist, ob jemand leidet oder nicht. Es beschreibt die gefĂŒhlte Notwendigkeit, Verantwortung fĂŒr das Leben eines anderen Menschen mit zu ĂŒbernehmen. Zeit meines Lebens habe ich mich da meist eher selbst ĂŒberfordert, mittlerweile nĂ€here ich mich da wohl einem gesunderen Zugang an. Vor allem war es auch interessant herauszufinden, inwieweit der Faktor Familienmitglied fĂŒr mich eine Rolle spielt, und mein Schaubild fĂŒr mich selbst hat mir gezeigt, dass – wissenschaftlich gesprochen – kein wirklich signifikanter Zusammenhang zu finden war. Einige Familienmitglieder sind als Mensch fĂŒr mich wahnsinnig wichtig, aber das hat mit ihrer Person zu tun, nicht mit Abstammungslinien.

Ein besonders schöner – fast poetischer – Abschluss entstand, als ich feststellte, dass eine – rosa – Person noch fehlte, mit der ich eine wichtige Beziehung fĂŒhrte und auf die ich regelmĂ€ĂŸig Aufmerksamkeit aufwendete und weiter aufwenden will: mich selbst.

Von den Vorteilen der Schamlosigkeit

Ich habe deshalb ein halbes Jahr gebraucht, diese alte Idee auch in die Tat umzusetzen, weil ich mich lange dafĂŒr geschĂ€mt habe, solch ein Werkzeug ĂŒberhaupt zu brauchen. In der Folge war ich oft unglĂŒcklich, fĂŒhlte mich einsam und unfĂ€hig. Gestern, heute und morgen freu(t)e ich mich auf Kontakt mit Menschen, die ich in dem diffusen Glauben, es gehe sich alles gar nicht aus, bisher nicht so oft treffen wollte wie es sich eigentlich richtig angefĂŒhlt hĂ€tte. Irgendwann, nachdem ich die Idee zaghaft mit einigen guten Freunden angesprochen hatte, habe ich dann jedoch festgestellt, dass ich mit meinem Sein und meiner Scham darĂŒber nicht allein bin, dass – wie so oft – aus Scham nur nie jemand offen darĂŒber spricht.

Wer es fĂŒr notwendig hĂ€lt nachzuschauen welche „Farbe“ er bei mir einnimmt, ist gerne eingeladen vorbeizukommen – auf eigenes Risiko. Die Wahrheit kann wie jeder weiß auch schmerzlich sein. Aber ganz im Sinne der „rosa Beziehung“ zu mir selbst schĂŒtze ich mich jetzt und in Zukunft lieber vor der Energieverschwendung, jemandem etwas vorspielen zu wollen, um seine GefĂŒhle nicht zu verletzen, vor allem, wenn dieser jemand fĂŒr mich nur ein „tĂŒrkiser Kontakt“ ist oder gar nicht erst in meinem Schaubild aufscheint.

Was sind eure rosa, orangen, gelben und tĂŒrkisen Kontakte? Wie passend ist euer tatsĂ€chlicher Energieeinsatz zu der IntensitĂ€t der jeweiligen Bindung, die ihr mit euren Mitmenschen fĂŒhlt? Ich kann mir gut vorstellen, dass dem einen oder anderen bei der Anfertigung eines Ă€hnlichen Schaubildes einige Überraschungen bevorstehen…

Niklas

Eine Warnung bzw. Klarstellung: ich schreibe hier ausdrĂŒcklich ĂŒber private Kontakte. Mir ist natĂŒrlich klar, dass im beruflichen Umfeld ĂŒblicherweise völlig andere Regeln gelten und Konsequenzen drohen.

Wie jeden Tag liefen die kleinen Angstmonster mit ihren Freunden, den SchĂ€m-Dich-Monstern und den Zweifel-Monstern, an ihren liebsten Ort, um zu spielen. In der NĂ€he der großen, leuchtenden Kugel, von der alles entsprang, im Innersten, dort fĂŒhlten sie sich wohl.

Manchmal löste sich ein Gedanke oder ein GefĂŒhl von der leuchtenden Kugel los, um sanft in Richtung Gehirn, Herz oder sogar Zunge zu schweben. Gespannt beobachteten die GefĂŒhlsmonster dann das ebenso leuchtende KĂŒgelchen, und schlossen Wetten ab, in welche Richtung es sich wohl bewegen wĂŒrde. Sie hatten kleine Wegweiser aufgestellt, um den Überblick nicht zu verlieren. Und weil manche der GefĂŒhlsmonster eben Spaßvögel waren, vertauschten sie diese Wegweiser manchmal, um zu sehen, was passieren wĂŒrde. Manchmal landete ein Gedanke, der noch gar nicht fertig herangewachsen war, dann bereits auf der Zunge. Oder ein GefĂŒhl, dass fĂŒr das Herz bestimmt gewesen war, landete im Gehirn, wo es gar nicht hingehörte. Aber die GefĂŒhlsmonster störte das nicht weiter, solange sie ihren Spielplatz fĂŒr sich hatten. Sie waren wie Kinder, die weder an ein Gestern noch an ein Morgen dachten. Alles, was ihnen zĂ€hlte, war, Spaß zu haben. Und sie hatten großen Spaß.

Irgendwann – die große Uhr neben der Lichtkugel musste wohl so etwa auf 2-3 Jahre gezeigt haben, hatten sie entdeckt, dass die Gedanken und GefĂŒhle vorzĂŒglich schmeckten, und so stritten sie fortan um diese Leckerbissen. Manche KĂŒgelchen erreichten damit nie ihr Ziel, andere pupsten sie wieder aus, nur um verblĂŒfft festzustellen, dass die so verzehrten und verzerrten LichtkĂŒgelchen nun gar nicht mehr so leuchteten und lustig umhersprangen. Wenn diese dann ihr Ziel erreichten, gab es oft kleinere und manchmal sogar grĂ¶ĂŸere Beben im Innersten, in dem sie lebten. Aber sie schmeckten zu lecker, um aufzuhören.

Eines Morgens jedoch wurden sie von einem unglaublichen Getöse geweckt, und stellten fest, dass von der großen Kugel nun ein dicker Strahl zum Herz und von dort aus noch weiter in die Ferne fĂŒhrte. Das Ă€lteste der GefĂŒhlsmonster wurde gerufen, um zu entscheiden, was denn nun zu tun sei. Er befahl, den Strahl eine Weile in Ruhe zu lassen. Nach einigen Monaten stellten sie fest, dass der Strahl etwas dicker geworden war. Der Älteste ging vorsichtig darauf zu, berĂŒhrte ihn, kostete einen Happen. Eine außerordentliche SpezialitĂ€t! Sogleich wurden alle Angst-Monster, alle SchĂ€m-Dich-Monster und die Zweifel-Monster gerufen, um ein Festmahl zu feiern.

Nach dem Essen (von dem Strahl war nicht mehr viel ĂŒbrig) wurde ausgiebig gepupst, wie es sich fĂŒr echte GefĂŒhls-Monster gehörte, und bewundernd beobachteten sie, wie ihr gemeinsames Produkt in Richtung Herzen entschwebte, um mit einem gewaltigen Beben auch die letzten Überreste des einst hellen Strahls verdampfen zu lassen. „Nun, das wĂ€re erledigt“, meinte der Älteste zufrieden, „aber falls wir wieder einmal so etwas finden, wollen wir es ‚Liebe‘ nennen? Wir wissen ja jetzt, was zu tun ist. Problem gelöst.“ Im Laufe der Jahre wiederholte sich das PhĂ€nomen noch einige Male, was die GefĂŒhlsmonster jedes Mal aufs Höchste erfreute. Denn die Liebe schmeckte ihnen vorzĂŒglich.

Eines Tages jedoch, als sie sich gerade wieder einmal bereit gemacht hatten, eine besonders delikat aussehnde Liebe zu verspeisen, erschien plötzlich eine ganze Meute fremder GefĂŒhlsmonster im Innersten. Gute Gastgeber, die sie waren, boten sie ihnen an, mitzunaschen, doch diese lehnten ab. Sie seien hier, um Liebe zu finden, nicht um sie aufzuessen. Es sei ja ok, hin und wieder ein wenig davon zu knabbern, sie munde ja auch sehr. Aber wenn man nicht aufpasse, dann fresse man sie eben doch allzu rasch auf, und es dauere immer lĂ€nger, bis sie auf natĂŒrlichem Wege nachwachse. Deswegen seien sie gekommen, um diese Liebe zu retten, bevor sie noch ganz ausstĂŒrbe. „Man muss heute schon auch ĂŒber den Tellerrand des eigenen Appetits denken“, meinte ein weißhaariges fremdes Angstmonster. Es sei ein sehr fragiles Gleichgewicht, das zu erhalten oder gar zu fördern ihre Aufgabe sei.

Die GefĂŒhlsmonster waren irritiert. Wie sollte das funktionieren? Doch die Besucher hatten einen Plan: “Wir arbeiten jetzt alle fĂŒr den Umweltschutz. Pflegt eure Liebe. Wenn ihr liebe-volle Gedanken und GefĂŒhle nascht, passt auf, dass sie sich danach nicht statt Richtung Herz in Richtung Zunge bewegen, wenn sie doch noch zu klein sind, um ausgesprochen zu werden. Leitet sie. Werdet ihre Lotsen. NĂ€hrt eure Liebe, pflegt sie. Wenn ihr das tut, und wir ebenso, wird unsere Liebe stark sein und bleiben.”
Die GefĂŒhlsmonster waren erstaunt. „Unsere Liebe?“, fragten sie.
„Ja!“, meinten die Fremden, “Wir waren auch erst ĂŒberrascht. Bis wir begriffen haben, dass die Liebe das einzige ist, was unser Innerstes mit anderen Innersten, wie dem euren, verbinden kann. Nun können wir endlich mal die Welt erkunden! Könnt ihr euch vorstellen, wie viele Innerste es da draußen noch geben mag?”
„Das ist ja phantastisch!“, meinten die GefĂŒhlsmonster, und malten sich eine goldene Zukunft aus.
„Lasst uns einen Pakt schließen!“, rief der fremde Älteste feierlich, „Wollen wir die Liebe, die uns verbindet, hegen und pflegen?“
„Ja!“, brĂŒllten alle GefĂŒhlsmonster voller Begeisterung, und ihr gemeinsamer Pups entschwand rasch Richtung Zunge. Da war Angst der Angstmonster dabei in diesem Ja, Scham der SchĂ€m-Dich-Monster, und Zweifel der Zweifel-Monster. Aber auch die Festigkeit und TragfĂ€higkeit einer Liebe, die gerade eben unter Naturschutz gestellt worden war.

„Ich liebe dich“, sagte sie, bereit, die Angst, die Scham und die Zweifel, die mitschwangen, zunehmend als unverrĂŒckbare, unverĂ€nderliche Tatsachen anzunehmen.

„Auch ich liebe dich“, sagte er, weil er fĂŒhlte, dass es die Wahrheit war, und es sinnlos war, es zu leugnen. Eine Wahrheit, die ihn Ă€ngstigte, fĂŒr die er sich manchmal schĂ€mte und an der er in schwachen Momenten zweifelte, verzweifelte. Aber vielleicht wĂŒrden gerade jene GefĂŒhlsmonster, die ihm so oft nachts den Schlaf raubten, ihm helfen können, seine Liebe zu ihr lebendig und stark zu halten.

Gute Arbeit, Jungs, dachte er, die StĂ€rke der Verbindung zu ihr fĂŒhlend, und dann, zu ihrem Innersten hin: Ich liebe dich. Bis tief in sein Herz konnte er spĂŒren, wie auch ihr Innerstes vor GlĂŒck erbebte. Richtig gute Arbeit, Jungs.
Weiter so.

„Was siehst du dort oben?“, hatte sie ihn gefragt, mit ihren tiefblauen Augen erwartungsvoll zu ihm aufschauend, in freudiger Erwartung dessen, was er ihr aus der Höhe herunterholen wĂŒrde. Sie, das kleine MĂ€dchen, die mit ihren sĂŒĂŸen kleinen HĂ€ndchen an seiner Hose zog. Dieses Leuchten nicht verblassen lassen! Den Moment nie vergehen lassen! Sein Blick richtete sich erneut auf die Tiefen der Baumkrone ĂŒber ihn. Was es wohl dort oben noch zu finden geben wĂŒrde? Er streckte sich ein weiteres Mal, um ihr eine Frucht herunterzureichen.
„Schau, Liebes, das ist gutes Geld. Davon kann man sich viele schöne Dinge kaufen.“
„Ist das wertvoll, Papa?“
„Sehr, Liebes. Lass mich sehen, was sich hier oben noch finden lĂ€sst!“
Ein letzter Blick in diese Augen, die ihn immer noch erwartungsvoll anblickten. Ein weiterer in jene der Frau, mehr aus Pflichtbewusstsein denn aus Interesse, wusste er doch, was ihn erwarten wĂŒrde. Dieselben Augen, und doch so hoffnungslos verblasst, so ewiglich ergraut. Nie, nie wĂŒrde er zulassen, dass auch ihre Augen ihr Blau verlieren wĂŒrden! Nur weiter in die Krone vordringen. Die Lösung war irgendwo zwischen den Schatten hier oben zu finden.

„Was siehst du dort oben?“, fragte sie ihn, mit ihren tiefblauen Augen, in denen er zunehmend Angst hatte, sich zu verlieren. Sie reichte ihm nun beinahe schon bis zur Brust. Wie die Zeit verging! Doch auch er war gewachsen, fand sich nun immer besser in der Krone zurecht. Er pflĂŒckte ihr ein grĂ¶ĂŸeres BĂŒndel.
„Schau, Liebes, das ist gutes Geld. Frisch fĂŒr dich vom Baum der Schöpfung gepflĂŒckt.“
„Danke, Papa.“
„Freust du dich nicht?“
„Sicher, Papa. Davon kann man sich ja viele schöne Dinge kaufen.“
„Bist ein gutes MĂ€dchen. Bis bald mal! Ich glaube, ich sehe da hinten noch mehr!“
Irgendwo im Dunkel der Krone leuchtete etwas. Ganz weit hinten. Das musste ein wahrer Schatz sein! Mit seiner ganzen Kraft streckte er sich danach aus. Es reichte nicht. Noch ein kleines StĂŒck! Da wĂŒrden sie sich aber freuen, die beiden!

Ein scharfer Schmerz durchzog seinen unteren RĂŒcken. Impulsiv streckte er die Hand nach dem leuchtenden Etwas in der Ferne aus, um sich vor einem unangenehmen Fall zu retten, und tatsĂ€chlich erwischte er es. In seiner Freude bemerkte er erst spĂ€t, dass seine FĂŒĂŸe frei ĂŒber dem Boden baumeln mussten. Sehen konnte er das nicht, dazu war es zu Dunkel in der Krone des Baumes. Vorsichtig kletterte er zurĂŒck, so gut es sein RĂŒcken erlaubte. Warum hatten ihn die Frauen nicht gehalten, als er das Gleichgewicht verloren hatte?
VerblĂŒfft stellte er fest, dass die Frau fort war. Wo war sie wohl hingekommen? Mit schmerzverzerrtem Gesicht kletterte er den Stamm hinab. Und wo war sie? Den Schatz in seinen HĂ€nden am Stamm ablegend, sah er sich um, und erblickte sie ein StĂŒck weiter unter einem anderen Baum.
„Liebes, was machst du denn dort drĂŒben, so weit fort von mir?“
„Den Schatten genießen.“, antwortete sie nur, desinteressiert.
„Willst du nicht lieber zurĂŒck zu mir kommen? Ich habe einen riesigen Schatz entdeckt! Ich kann dir etwas davon abgeben-“
Dann erst erkannte er, dass ihr Beutel randvoll mit Geld gefĂŒllt war.
„Willst du etwa den ganzen Schatz haben? Aber so komm mich doch besuchen
“, stammelte er, beschĂ€mt ĂŒber sich selbst, und der Schmerz in seinem RĂŒcken wanderte durch seinen ganzen Körper, bis tief in sein Herz, „da gibt’s doch noch mehr, was ich fĂŒr dich finden könnte
 so viel mehr Geld
“
Sie zeigte ihm den Inhalt des Beutels. „Ich brauche nicht mehr. Ich habe genug davon.“
Er stolperte, schlug hart auf, musste zu ihr hochblicken, obwohl er doch immer grĂ¶ĂŸer gewesen war als sie. Was siehst du dort oben?, dachte er, sich erinnernd. Das hatte auch sie immer gefragt. Und jedes Mal bekommen, was sie wollte. Oder hatte sie das wirklich?

Und dann zerriss der Schleier, der so viele Jahre seinen Blick fĂŒr das Wesentliche verdeckt hatte, endgĂŒltig. Was siehst du dort oben, hatte sie ihn gefragt. Seine Sicht der Dinge hatte sie wissen wollen. Seine Liebe geschenkt bekommen. Und mit den Jahren gelernt, dass all das von ihm einfach nicht mehr zu haben war. Keine Zeit. Muss Geld suchen. FĂŒr euch. Immer noch mehr Geld. Ihr seid ja auch wirklich unersĂ€ttlich. Warum hatten sie nie etwas gesagt?
„Ich sehe dich“, sagten ihre stillen Augen.
„Ich sehe dich“, sagten ihre Lippen.
„Ich sehe dich“, sagte ihr offenes Herz, und ihm wurde klar, dass sie alle eine Wahrheit aussprachen, die ihn Ă€ngstigte. Sahen sie das lĂ€ngst gebrochene RĂŒckgrat, die Scham, das GefĂŒhl der Wertlosigkeit nicht, das ihn erfĂŒllte? Und dann sprach sie es aus. Sprach Worte, die ihn erschĂŒtterten wie HammerschlĂ€ge.
„Ich wollte dich lieben, Vater. Wollte wissen, was du siehst, was du in mir siehst, und ob da oben in deinen Augen auch Liebe fĂŒr mich ist. Aber alles, was ich bekommen habe, war immer noch mehr Geld. Dich gibt es nur ein einziges Mal auf der Welt! So unglaublich wertvoll! Un-ersetzlich! Nicht mit Geld. Auch nicht mit mehr Geld. Und es tut so verdammt weh, dass du das nicht verstehn willst. Dass du dich nie fragst, was ich da unten in dir sehe, fĂŒr dich spĂŒre.“
„Du bist ziemlich gewachsen, Liebes.. was siehst du dort oben?“
„Eine Hand, die dich einlĂ€dt“, sagte sie, ihm ihre Hand reichend. „Ein Herz, das dich liebt, auch wenn du am Boden liegst. Wenn du es nur zulassen könntest…“

Aber in ihrem Inneren wusste sie, dass Jahrzehnte des Nebels einen undurchdringlichen Film auf seinen Augen, Jahrzehnte der Lieblosigkeit und Unaufmerksamkeit eine mÀchtige Mauer um sein Herz gebaut hatten.
“Ich sehe dich, sehe tief, so unglaublich tief in dich hinein. Ich sehe deinen Schmerz”, sagte sie, und heiße TrĂ€nen des MitgefĂŒhls rannen ĂŒber ihr Gesicht. TrĂ€nen, die er nicht sehen wollte, sehen konnte. Kurz die Augen schließen, die aufkommenden GefĂŒhle wegdrĂŒckend, wie er es gewohnt war, und er hatte sich wieder gefasst. Er war gestolpert, weiter nichts. Aurappeln. Weitermachen. Ganz einfach.
Doch das Stechen an der Basis, in seinem Herzen wollte nicht nachlassen. Was war nur los mit ihm?
Ihre stillen Augen waren Antwort genug:
Die spĂŒrbaren Konsequenzen eines zu lange unbehandelten Herzfehlers.

Es war dunkel hier, im Park, und irgendwie ein StĂŒck weit unheimlich, das GrĂŒn des beginnenden FrĂŒhlings seltsam ergraut, unter der OberflĂ€che verschwunden. Einzig das Licht des Mondes spiegelte sich in dem kleinen See im Zentrum des Parks und ließ einige wenige BlĂ€tter des Baumes einen leichten GrĂŒnton annehmen. Spiegelte das beginnende GrĂŒn in ihrer Seele, die viel zu lange ergraut, viel zu lange umnachtet gewesen war. Da war nun Licht, FrĂŒhling in Sicht, kostbarer FrĂŒhling nach einem viel zu langen Winter. Sie umfasste seine Hand fester, Mut fassend, und ließ sich von ihm tiefer in den nĂ€chtlichen Park geleiten.

Die Seevögel hatten sie immer wieder aufgeschreckt, sie an ein Lachen von Menschen glauben lassen, die im Dunkel der Nacht durch den Park schlenderten, und sie hatte innegehalten, um zu lauschen. Ein Blick in seine Augen beruhigte sie, nur ein Vogel, keine Gefahr, hatten sie ihr versichert, und so hatte sie sich ihm wieder hingegeben, war ihm verfallen im Dunkel der Nacht. Und spĂ€ter, als der Mond langsam zu verblassen begann und die ersten Strahlen der morgendlichen Sonne eine Ahnung von der WĂ€rme des Tages versprachen, waren sie dem Morgen entflohen, der die Wahrheit offenlegen wĂŒrde, heimgekehrt in ein allzu bekanntes Leben.

Etwas jedoch war heute anders gewesen. Nach einigen verwirrten Sekunden wurde ihr bewusst, was sie irritierte: Er lag hier bĂ€uchlings in ihrem Bett, sie mit einem LĂ€cheln erwartend. Das hatte er anfangs immer gemacht, mit seiner kindisch-romantischen Ader, die sie an ihm einst lieben gelernt hatte, und der Blume im Mund, als wĂ€re er einer der Helden ihrer Jugendromane. NatĂŒrlich war ihnen beiden die Sache rasch langweilig geworden, und so hatten sie die Sache eben alle paar Tage hinter sich gebracht, bis ihnen auch das zu dĂ€mlich geworden war und sie angefangen hatten, in verschiedenen Betten, dann verschiedenen Zimmern zu schlafen. Warum also war er nun hier?

„Guten Morgen, Tanja!“, begrĂŒĂŸte er sie mit einem Grinsen, „Schöne Nacht verbracht?“
War er etwas eifersĂŒchtig? Nun, nach all den Jahren der Öde, wollte er sie plötzlich wieder an sich binden? Aber nein, sein LĂ€cheln schien echt zu sein.
„Was willst du, RenĂ©?“
„Wissen, wie die Nacht fĂŒr dich so war.“
„EifersĂŒchtig? Du? Nach all den Jahren?“
„Nein, nicht eifersĂŒchtig. Mach doch, was dir gut tut. Aber interessiert. Wird ja nach all den Jahren doch wieder einmal Zeit, dass ich mich auch fĂŒr dein Leben interessiere, meinst du nicht? In guten wie in schlechten Zeiten und so weiter, du weißt schon.“
„Du weißt es also?“
„Dass du nur noch wenig zuhause bist? Ich bin vielleicht unaufmerksam, aber blöde bin ich dann auch wieder nicht. Anfangs tat es mir schon weh, das will ich gar nicht leugnen. Aber irgendwann habe ich erkannt, dass ich vielleicht nicht der beste Mann fĂŒr dich war, und dann habe ich es irgendwie verstanden.“
„Und nun willst du also alles besser machen, damit ich aufhöre, mich mit ihm zu treffen?“
„Glaubst du denn, das wĂŒrde dir oder mir wirklich helfen?“
„Ich wĂŒrde es schon schön finden, wenn du dich wieder ein bisschen mehr um mich bemĂŒhen könntest.“
„Ich glaube nicht, dass du mich hasst, Tanja. Ich glaube, du kannst mich sogar ganz gut leiden. Vielleicht hast du mich auch irgendwann einmal geliebt, oder kannst mich eines Tages sogar wieder lieben. Aber ich hab‘s wohl ein bisschen verbockt. Und weil ich dich selbst nach dem ganzen Schlamassel immer noch gerne habe und dein Bestes will, wĂ€re es doch doof von mir, dir und deinem Typen da im Wege zu stehen. Wenn es fĂŒr dich wichtig ist, dann leb dich aus. Ich mach das ja auch seit Jahren. Ja, tu nicht so ĂŒberrascht! Ich bin vielleicht nicht der beste Mann fĂŒr dich im Moment, aber das bedeutet nicht, dass andere das ebenso sehen mĂŒssen.“
„Warum zur Hölle hast du dann nie die Scheidung eingereicht? Wie viele waren es denn?“
„Ein paar, ĂŒber die Jahre. Ich mag dich halt, auch wenn wir uns beide verĂ€ndert haben.“
„Bequemlichkeit also?“
„Nein, eher die Erkenntnis, dass Liebe kommen und gehen muss, um ĂŒberdauern zu können. Ich dachte, wenn sie ohnehin wiederkommen wird, muss ich mich nicht zwischenzeitlich scheiden lassen.“
„Du bist schon ein seltsamer Mann, weißt du das?“
„Du bist nicht die erste Frau, die mir das sagt.“
„Und du willst mir also sagen, du gehst mir fröhlich fremd, aber willst dann wieder zu mir zurĂŒckkehren?“
„So in etwa. Es ist schön, seinem Fernweh nachzugeben, aber auch schön, eine Heimat zu haben.“
„Also, wir beiden sind dann irgendwie zusammen, aber zwischenzeitlich auch mal nicht, je nach Lust und Laune? Ist das nicht irgendwie ein wenig kindisch, ein wenig zu einfach gedacht?“
„Sieh her, meine liebe Tanja, ich mag dich, aber auf Dauer werden wir uns einfach zu langweilig. Kindisch wĂ€re es, das auszublenden und einfach zu hoffen, dass es bei uns nicht so sein wird wie bei allen anderen. Was sollen wir uns nach ein paar Jahren noch erzĂ€hlen? Aber wenn du dir ein paar AusflĂŒge auch ohne mich erlaubst, wird das Ganze wieder ein wenig spannender.“
„Du akzeptierst es nicht nur, du willst, dass ich dir fremdgehe? Du bist wirklich ein sehr seltsamer Mann.“
„Du hast gerade meine Theorie bewiesen“, lachte er und zog sie neben sich, „Und schön bist du, mit deinen zerzausten Haaren. Eine Dusche wĂŒrde nicht schaden, aber sonst… Willkommen zuhause, so nebenbei.“
„Du bist mir ein seltsamer Mann!“, lachte nun auch sie, sich zu ihm setzend, „Aber ein sehr liebenswerter. Na dann erzĂ€hl mal, was du in all den Jahren so Interessantes in der ‚Fremde‘ erlebt hast
“

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