Du sagst, du magst mich
Ich dich auch
Ich bau mir eine Welt
In der wir lieben könnten
Du baust dir deine Welt
In der wir lieben könnten
Und so verfehlen wir uns
Wieder mal um Welten

Ich freu mich auf dich, sagst du
Und ich, ich kann dich kaum erwarten
Mein  Raum ist aller Welt
Wegen Umbau nun geschlossen
Drin sitz ich, wartend, mit Geduld
Auf dich, die nur in Freilufthallen tanzt
Du tanzt und suchst, und findest mich
Schon zu lange im Saft meiner Erwartungen schmorend

Du kamst nicht eher, werfe ich dir vor
Bewirf dich mit Beweisen
Du weichst mir aus, gehst auf Distanz
Wer bin ich, dich zu richten?
Ich sprech dir von VerlÀsslichkeit
und meine doch: Ich habe Angst
Nicht wichtig dir zu sein
Ein Blatt im Wind
Nicht wert dir
Dran zu denken

Doch weil ich dies nicht sagen kann
Bewehr ich mich mit GrĂŒnden
Warum berechtigt meine Wut
Berechtigt mein Empfinden
Du sagst mir, sorry, tut mir Leid
Und schaust mich ĂŒberfordert an
Ich wollt dich nicht verletzen
Und schon ist es passiert

Dann geh ich, irgendwann, enttÀuscht
Verletzt, verschwiegen, aufgerieben
Verlass den Raum der Möglichkeiten
Zieh mich zurĂŒck in Einsamkeit
Ich wollt, ich hÀtt dir folgen können
In deine tiefsten Schluchten
Blockiert durch meinen eignen Schmerz
Hab ich Kontakt verloren

Und dann, aus unerwartet Quelle
Kommt guter Rat: nun akzeptier
Du bist verliebt, komm, sieh es ein
Dein Gegner scheint nur sie zu sein
Ist doch in Wahrheit alter Schmerz
Der quĂ€lt und schließt hier zu dein Herz
Willst du nicht öffnen dich der Liebe
Was kÀmpfst du Stellvertreter-Kriege?

Du sagst, du magst mich; Ich dich auch
Ich hasse diese Wortwahl
Die der Liebe grĂ¶ĂŸter Feind, die Angst
Mit Gusto mir diktiert
Dann projizier ich meine Wut darĂŒber
Auf die, die Liebe lĂ€sst mich fĂŒhlen
Red‘ große Worte in Ermangelung von Taten
Und schweig, wo Schweigen Narben hinterlÀsst

Ich liebe dich, jetzt hab ich mich getraut
Kann sein, du wirst noch lÀnger brauchen
Hab meine BrĂŒcke dir gebaut
Bei deinem Namen dich gerufen
Sei mir willkommen, auf Besuch
In neuen Freiluft-Hallen
Tanz mir den Tanz der in dir tanzt
Er hat mir so gefallen

Und wenn du dann bereit dich fĂŒhlst
Dann öffnen wir die DÀmme
In uns, um uns, trÀnken unsere Welten
Ach, wenn es doch gelÀnge!
Die DĂ€mme warn mal notwendig
Wir konnten noch nicht schwimmen
Haben wir uns nun genug geĂŒbt
Der Angst zu entrinnen?

Lass uns hoffen, dass es reicht
Komm, wir gehen schwimmen

„Ich will gerade nicht mehr darĂŒber sprechen“, meinte sie, und am anderen Ende blieb es tatsĂ€chlich still. Die Pause zog sich in die LĂ€nge, die Worte wollten sich nicht bilden. Atem besetzte die Leitung.

„Ich möchte dir etwas Seltsames beschreiben“, setzte er an, hoffend, durch eine Einleitung in Fluss zu kommen, „Je mehr ich dir zugehört habe, desto weniger konnte ich etwas fĂŒhlen.“
„Weißt du, ich glaube, wir sind uns da in unserer Verletzung sehr Ă€hnlich.“

Plötzlich kehrte das GefĂŒhl in seinen Körper zurĂŒck. Schmerzhaft.
„Ich glaube, du hast Recht“, murmelte er nachdenklich, „der einzige Unterschied war – “
Die Leitung war tot. Verzweifelt drĂŒckte er die Anruftaste. Noch einmal. Es hatte keinen Zweck.

Rationale Nachdenklichkeit wich zunehmend emotionaler Betroffenheit. Warum musste die Verbindung auch gerade jetzt abbrechen? Rastlos bewegte er sich in der Wohnung umher, setzte sich, stand wieder auf, nahm ein Buch zur Hand, las ein paar Zeilen, versuchte es noch einmal bei ihr, gab es auf. Fing an, Ordnung in der Wohnung zu schaffen, um sich zu beschÀftigen, abzulenken.

Ich glaube, wir sind uns da in unserer Verletzung sehr Àhnlich, hatte sie gesagt. Welche Verletzung? Es war doch normal, dass junge Erwachsene ab einem gewissen Alter unabhÀngig von ihren Eltern wurden, auf eigenen Beinen standen. Was hÀtte ihn daran verletzen sollen?
Du hast den Schock des Eintritts in das Arbeitsleben noch nicht ganz ĂŒberwunden. Wann hatte er diesen Satz gehört, und warum zerrte er gerade dermaßen an seinem Bewusstsein? Warum Schock? Warum Verletzung, bei einem so natĂŒrlichen Übergang in die SelbststĂ€ndigkeit und Selbstbestimmtheit?

Selbstbestimmtheit! Zeit ihres Lebens hatte man ihnen erklĂ€rt, sie mĂŒssten sich anstrengen im Leben, gute Noten nach Hause bringen, um irgendwann einen guten Job zu ergattern, genug zu verdienen, um sich keine Sorgen machen zu mĂŒssen. Und nun? Bei einem Tag mit acht Stunden Schlaf, zwei Stunden fĂŒr Nahrungsaufnahme und Hygiene, acht Stunden Arbeit und eine Stunde Zeit fĂŒr den Transport von und zur Arbeit waren die restlichen fĂŒnf Stunden „freier“ Zeit auch schon beinahe vernachlĂ€ssigbar. Und erst das, was man gemeinhin „Urlaubszeit“ nannte: im Durchschnitt ganze fĂŒnf Wochen im Jahr, und selbst ĂŒber diese Zeit durfte man im Regelfall nicht frei verfĂŒgen. Und was bekam man im Gegenzug dazu? Solange man sich diesen Bedingungen beugte, durfte man – meist – hoffen, auch im nĂ€chsten Monat und Jahr unter Ă€hnlichen Bedingungen geduldet zu sein. Und hatte man gut gearbeitet, hatte man sich den Feierabend oder Urlaub „verdient“, hatte man sich einen Bruchteil der Zeit, die man auch ohne Arbeit zur VerfĂŒgung gehabt hĂ€tte, wieder „erarbeitet“. Welch Irrsinn so ein „normales“ Arbeitsleben im Grunde doch war, war die Grundbotschaft doch im Grunde ein „Sei, wie andere dich haben wollen, dann darfst du sein“.

„Was willst du einmal werden, wenn du mal groß bist?“ war man gefragt worden, und stolz, mit Hoffnung im Herzen, hatte man geantwortet, man werde Arzt, Techniker, Lehrer, Schriftsteller. Kinder wussten noch nichts ĂŒber das große Theater, das sich Arbeitswelt nannte. Die meisten wurden am Ende irgendeine Variation der ĂŒblichen Schauspieler und spielten ihre Rollen, ob sie sich nun Buchhalter, Arzt, Lehrer oder Marketing-Mitarbeiter nannten, bis sie im Alltag vergessen konnten, dass es auch hinter den Rollen einst noch etwas EigenstĂ€ndiges gegeben haben musste. Die nachdenklicheren unter ihnen schlitterten von Depression zu Depression oder vegetierten als Aussteiger dahin, die Anpacker-Typen bereiteten sich lĂ€nger auf die große Krise mit 50 vor oder hatten das zweifelhafte GlĂŒck, vorher abzukratzen, bevor sie erkennen konnten, wie wenig der so einzigartigen Chance, die sie ironischerweise „ihr Leben“ nannten, sie am Ende fĂŒr die ErfĂŒllung ihrer eigenen TrĂ€ume genutzt hatten. Welch geringen Unterschied ihre Existenz, ihre besondere Perspektive am Ende gehabt hatte, weil fĂŒr diese Welt nur zĂ€hlte, wie gut man seine Rolle spielte, nicht was man in und außerhalb der Rollen wahrnahm und mitzuteilen hatte.

Die Wunde, die Ursache fĂŒr den Schock war nicht die RealitĂ€t an sich gewesen, sondern dass sie es gewusst haben mussten. Dass sie jungen Menschen Hoffnung einflĂ¶ĂŸten auf ein Leben als selbstbestimmter „Erwachsener“, wohl wissend um ihre eigene Unfreiheit. Wir sind euch gefolgt, dachte er erschĂŒttert, wir sind euch vertrauensvoll gefolgt, weil wir dachten, ihr hĂ€ttet den Weg der Freiheit beschritten. Dabei habt ihr euch nur tiefer in Unfreiheit begeben, um eine Illusion fĂŒr uns aufrechtzuerhalten. Vielleicht dachtet ihr ja wirklich, wir wĂŒrden es einmal besser haben. Dass sich das Versprechen, dass man euch als Kind gegeben hatte, zumindest fĂŒr eure eigenen Kinder erfĂŒllen wĂŒrde, wenn die Welt es fĂŒr euch schon nicht halten wollte. Nein, ihr habt uns nicht absichtlich getĂ€uscht, unsere Wut richtet sich nicht gegen euch. Sie richtet sich gegen die Alternativlosigkeit, die ihr uns hinterlassen habt, weil ihr am Ende auch nicht wusstet was sonst.

Sein Handy klingelte, ihr Akku war wohl wieder aufgeladen.
„Es tut mir Leid, es liegt nicht an dir, dass ich darĂŒber so schwer sprechen kann“, meinte sie, „aber bei dem Thema werde ich so dermaßen traurig und wĂŒtend, das will ich nicht an dir auslassen.“
„Und deswegen schweigen wir darĂŒber?“
„Deswegen schweigen wir darĂŒber.“
Doch dieses Mal drÀngten sich Fragen in ihm auf.
„Was, wenn wir uns der Wunde stellen wĂŒrden?“
„Dann stellst du dich nicht nur deiner eigenen Wunde. Was glaubst du, was ich die letzten zehn Jahre deswegen alles durchgemacht habe? Menschen verbluten lieber innerlich, als das Blut sehen zu mĂŒssen. Wenn du das Schweigen brichst, reißt du ĂŒberall um dich schlecht verheilte Wunden auf.“
„Also geben wir die Wunde weiter, verstĂŒmmeln irgendwann auch unsere eigenen Kinder?“
„Bist du bereit, die Konsequenzen zu tragen, wenn du es nicht tust? Bist du auf die Einsamkeit vorbereitet, die mit der Entscheidung einhergeht? Können unsere Kinder die Konsequenzen tragen, wenn du es nicht tust?“
„Sie werden Vorbilder brauchen. Echte Vorbilder. Die es wirklich geschafft haben, einen anderen Weg zu gehen. Die sich nicht nur reicher, die sich nicht nur ein bisschen sicherer fĂŒhlen können, sondern die Wunde an sich heilen konnten.“
„Ich weiß nicht, ob es ein Heilmittel gi-“

Wieder war die Verbindung abgebrochen, doch dieses Mal fĂŒhlte er eine eigenartige Ruhe in sich. Beinahe hatte er das GefĂŒhl, den sanften Fall des Schnees hören zu können. Trat auf den Balkon, genoss die plötzliche KĂ€lte und die Stille der Winternacht.
Warum schweigen wir noch darĂŒber?
Warum gehen wir noch die selben Wege?
Warum schlagen wir uns tagtÀglich noch immer die selben Wunden?
Es war bereits dunkel, Menschen schliefen, bereiteten ihre Körper vor fĂŒr einen weiteren Tag als Schauspieler im wohl absurdesten je geschriebenen TheaterstĂŒck. Beinahe hatte er die Schwelle zum Alltag seines Zimmers bereits wieder ĂŒbertreten, da packte es ihn, und er trat noch einmal forschen Schrittes auf den Balkon. FĂŒhlte, wie sich ein Schrei den Weg aus seinem Innersten bahnte, ein Weckruf fĂŒr die Verschlafenen, die ihr Leben in dem so alltĂ€glichen DĂ€mmerschlaf der NormalitĂ€t vertrĂ€umten, nach all den EindrĂŒcken und Verformungen eines Lebens endlich Ausdruck, Sichtbarmachung, zerschmettert der Mantel des Schweigens. Niemand schien ihn zu hören, aber darum war es auch nie gegangen. Deutlich fĂŒhlte er nun das Fließen von Blut aus der frisch aufgerissenen Wunde in seinem Inneren, die seit fast zehn Jahren in ihm eiterte, schwĂ€rte und ihn schleichend vergiftete.
Es war zu spÀt, sie noch einmal anzurufen, deswegen tippte er stattdessen eine Nachricht:
Wenn es irgendwo in dieser Welt Heilung gibt, schrieb er, dann werden wir sie finden.

Zum ersten Mal seit Jahren schlief er wieder tief und vertrauensvoll, wie ein Kind.

„Ich geh noch kurz eine rauchen“, meinte sie, ihn mit seinen Gedanken alleine lassend. Sie wusste, wie sehr er den schalen Geschmack der Rauchteilchen hasste, aber es war ihr Leben. Wusste ebenso sehr, dass es im Grunde nicht um ihn ging, sondern um andere Menschen in anderen Zeiten. Dass es ihm am Ende genauso wenig um den Ekel vor einem schalen Geschmack ging wie ihr um den zweifelhaften „Genuss“ desselbigen. Rauchen, das war ein Symbol des Widerstands, ein Symbol der SelbststĂ€ndigkeit, der Wahl. Es war die anstĂ€ndige Wahl, diejenige, die von der Gesellschaft zwar offiziell verurteilt, aber doch als „kleine SchwĂ€che“ geduldet wurde. Eine zu rauchen, das war kontrollierter Kontrollverlust, war weit entfernt von tatsĂ€chlicher Hilflosigkeit. War – in Maßen konsumiert – das Gegengift, ein gesellschaftlich akzeptiertes Mittel, mit Stresssituationen umzugehen oder einfach nur in einer Masse anonymer Menschen ein StĂŒck Gemeinsamkeit zu finden. Der Rest verglĂŒht, BedĂŒrfnis erfĂŒllt. ZurĂŒck ins Gefecht.

Er hasste den Geschmack des Rauchs, wenn er sie kĂŒsste, und in Verbindung mit dem Geschmack von Zahnpasta oder anderer Mundraum-spĂŒlender Mittel, die sie ihm zuliebe verwendete, wurde er meist nicht besser. Aber darum ging es auch ihm im Grunde nicht. Rauchen, das war auch fĂŒr ihn ein Symbol, mit seiner eigenen Geschichte und seinen eigenen Vorurteilen. Es war an sich schon schwierig, durch ihre inneren Muster zu dringen, noch schwerer war diese Aufgabe ausgehend von dem Dickicht seiner eigenen. Es waren Stellvertreterkriege, die sie ausgefochten hatten, und nicht einmal das. Ein Kratzen an OberflĂ€chen, unter denen heimtĂŒckischere Muster lauerten, ererbt in Jahrtausenden der PrĂ€gung – zu erdrĂŒckend, um mit wenigen Worten hinweggewischt zu werden, und zu beĂ€ngstigend, sie direkt anzusprechen. Wer wusste schon, was liegen mochte hinter den Dornenranken der Scham?

Also vertieften sie sich in gesellschaftspolitische Diskussionen, fochten ĂŒber das Recht der Frau, in ihrer Rolle als Mutter mehr gewĂŒrdigt zu werden, steckten die Schlachtfelder ab, fochten mit heiligem Zorn im Wissen ihrer Rechtschaffenheit – und doch wieder an ihren BedĂŒrfnissen vorbei. Siege schmeckten schal, wenn nur gewonnen wurde, was in Wahrheit nicht weiterhalf. Was entschuldigte die Liebe? Was rechtfertigte Schuld? Am Ende ruhten die Waffen, und die Kontrahenten gingen einstweilen ihrer Wege, zu leise schreiend, zu sehr auf irrationale Hoffnungen vertrauend, der andere möge erraten, erretten, was einem selbst nicht auszudrĂŒcken möglich war. Hoffnungsvoll aufbrausend, nur um spĂ€ter erschöpft nach Luft zu schnappen, mit dem GefĂŒhl, zusammen alleine gewesen zu sein. Da war Liebe fĂŒreinander in ihnen, ein unerschöpflich scheinender Quell von Kraft, und doch oft so wenig ausreichend, so aussichtslos im Angesicht der unĂŒberwindbar scheinenden Mauern, die das Herz von der Quelle der Eigenliebe trennten.

So war am Ende doch dies der einzig wahre Kampf: sich selbst lieben zu lernen, sich selbst freizumachen von all den Handlungen, die man glaubte, ausfĂŒhren zu mĂŒssen, um sich selbst nicht liebenswert fĂŒhlen zu dĂŒrfen. War es doch jener Satz, der ihm Erleuchtung geworden war: Ich bin es wert. Wert, sich wohlzufĂŒhlen in seinem Körper, wert, sich geliebt zu fĂŒhlen von den Menschen, mit denen er sich umgab, wert, von ihnen respektvoll behandelt zu werden, ohne sich ihren Vorstellungen eines wertvollen Menschen anpassen zu mĂŒssen. Es war einfach, sich anzupassen, schwerer, das Gegenteil zu tun und am allerschwersten, wirklich frei von jenen Ă€ußeren Bezugspunkten zu entscheiden. Doch am Ende war er es, der die Eckpunkte seiner Wertewelt zu bestimmen und zu verteidigen hatte, selbst vor seinen eigenen Gewohnheiten und Bequemlichkeiten. Von außen aufgezwungene Disziplin mochte problematisch sein, aber Disziplin an sich war hilfreich, sogar manchmal notwendig fĂŒr ein erstrebenswertes Leben.

Am Ende, auch wenn es schwer zu akzeptieren war, weil es Verantwortung mit sich brachte, waren sie beide frei, die Menschen zu sein, die sie zu sein gedachten, auch wenn jahrtausendealte PrĂ€gung ihnen anderes zu befehlen schien, solange sie die Konsequenzen zu tragen bereit waren. Sie konnten fĂŒr das Recht, eine Zigarette rauchen zu können, kĂ€mpfen – gleichsam wie fĂŒr alle anderen Dinge, von denen Menschen ĂŒblicherweise nur zu trĂ€umen wagen aber selten sprechen. Die Entscheidung, wofĂŒr es sich in Wahrheit zu kĂ€mpfen lohnte, lag bei ihnen.

„Wie fĂŒhlst du dich?“, sagte sie, zu ihm zurĂŒckkommend, aus der emotionalen Distanz, die die Rauchschwaden ĂŒblicherweise begleitete.
„Verliebt“, antwortete er, dem Drang ihrer inneren Muster, fĂŒr ihr Rauchen geliebt wie verurteilt zu werden, nur zum Teil befriedigend. „Frei“, sie in den Arm nehmend, und als ihr verwunderte TrĂ€nen ĂŒber ihr sich öffnendes Gesicht liefen: „GlĂŒcklich.“
“Warum?”, sagte sie, wohl hoffend, sie wĂ€re der Grund. Und er liebte diese Frau wie kaum etwas in dieser Welt. Doch der wahre Grund, das spĂŒrte er nun, lag tiefer.
“Weil ich mich dafĂŒr entschieden habe.”

Die folgenden vier Schritte sind nicht als mechanische Struktur zu sehen, die abzuarbeiten ist, sondern vielmehr als Leitfaden, welche Aspekte zwischenmenschlicher Kommunikation sich fĂŒr mich als hilfreich herausgestellt haben. In manchen GesprĂ€chen mag sich die Reihenfolge umkehren, oder einzelne Schritte stellen sich als unnötig heraus. Nichtsdestotrotz stellt die Reihenfolge einen gewissen aufeinander aufbauenden Ablauf dar, der sinnvoll sein kann. Sinn und Zweck dieses Artikels soll es nicht sein, eine erschöpfende Handlungsanweisung fĂŒr problemlösende Kommunikation zu liefern – dazu gehört mehr, als einen Artikel zu lesen: Achtsamkeit, Übung, Erfahrung, und das Finden der eigenen passenden Worte. Vielleicht kann dieser Artikel jedoch als Startpunkt einer Reise fungieren, indem er auf interessante Orte auf dem Weg hinweist, die es sich zu betrachten lohnt.

  1. Eigene mentale/emotionale Offenheit bewerten

Der erste, sehr wichtige Schritt fĂŒr eine heilende Kommunikation, die eine gewisse Tiefe erreichen kann, ist sich die Frage zu stellen, ob ich mich gerade ĂŒberhaupt bereit dazu fĂŒhle. Wenn ich mit meinem GesprĂ€chspartner in meine oder seine Tiefen eintauche, brauche ich in mir Platz fĂŒr das, was wir gemeinsam dort finden könnten. Dies ist schwer möglich, wenn ich weiß, dass ich in drei Minuten meinen Bus erwischen muss, oder mit meinen eigenen Gedanken so beschĂ€ftigt bin, dass in mir kein Platz fĂŒr Unvorhergesehenes mehr ist. Was in solchen Situationen ĂŒblicherweise passiert, ist ein stillschweigendes Ignorieren des Anliegens des Anderen, um sich auf die eigene Sache konzentrieren zu können. Oder jemand scheint auf den Anderen einzugehen, ist im Kopf jedoch schon bei dem Bus, den er erreichen soll, und Ă€rgert sich, dass der andere das nicht verstehen will (ĂŒblicherweise ohne ihn darauf hinzuweisen).

Was sich in solchen Situationen als fĂŒr mich hilfreich herausgestellt hat, ist mir fĂŒr einen kurzen Moment klar zu werden, ob ich gerade genug Aufmerksamkeit fĂŒr ein tiefes GesprĂ€ch habe oder nicht. Ist dies der Fall, kann ich mich darauf einlassen und alles andere hintanstellen. Bin ich in Wahrheit zu sehr in meiner eigenen Welt, um in mir Platz fĂŒr Tiefe zu finden, kann ich das offen sagen. Wenn ich merke, dass mein GesprĂ€chspartner ein großes BedĂŒrfnis nach meiner Aufmerksamkeit hat, kann ich vorschlagen, eine Zeit zu finden, zu der ich mich voll seinem Anliegen widmen kann. Damit kann er sich in seinem BedĂŒrfnis nach Kommunikation gehört fĂŒhlen und sich sicher sein, dass ich ihm meine Aufmerksamkeit tatsĂ€chlich schenken will. NatĂŒrlich ist es dann auch wichtig, mich an diese „Verabredung“ zu halten, damit mein GesprĂ€chspartner nicht das GefĂŒhl bekommt, ich wolle ihn nur abwimmeln.

Nun kann es vorkommen, dass ich tatsĂ€chlich keine Lust habe, mich mit manchen Menschen zu unterhalten, sie also tatsĂ€chlich „abwimmeln“ möchte. Das passiert mir hĂ€ufig mit jenen (meist jungen) Menschen, die mich auf der Straße ansprechen, um mir Spenden-Abos diverser wohltĂ€tiger Vereine „verkaufen“ wollen. Viele Menschen greifen in solchen Situationen gerne zu kleinen „NotlĂŒgen“ wie „Ich bin bereits Spender“ oder „Ich muss in 2 Minuten meinen Zug erwischen und habe leider keine Zeit“, weil jene „VerkĂ€ufer“ von Spendenangeboten geĂŒbt darin sind, den anderen dazu zu bringen, sich schuldig zu fĂŒhlen, weil man nicht bereit ist, 10 Euro pro Monat fĂŒr arme Kinder/den Regenwald/
 zu spenden. Im Grunde sind die Zusammentreffen mit jenen Menschen wunderbare Möglichkeiten, den ersten Schritt zu ĂŒben. Die meisten von uns sind es gewohnt, „gut“ sein zu wollen, selbst wenn es ĂŒber unsere KapazitĂ€ten geht, und sowohl Spenden-VerkĂ€ufer wie auch Freunde/Bekannte/Fremde in Not spielen ĂŒblicherweise auf dieser Klaviatur.

Das Problem dabei ist, dass es fĂŒr den Spenden-VerkĂ€ufer und seine Organisation zwar kurzfristig gut ist, wenn er mich dazu bringt, monatlich 10 Euro zu spenden, nur wenn ich dabei ĂŒber meine KapazitĂ€ten gehe (finanziell, mental oder emotional im GesprĂ€ch selbst) werde ich es spĂ€ter eher bereuen und in Zukunft weniger gewillt sein, mich auf Ă€hnliche GesprĂ€che einzulassen. Menschen tendieren dann dazu, die Schuld fĂŒr die eigene Überforderung demjenigen zuzuschieben, der sie ausgelöst hat, obwohl die Ursache in ihnen selbst und ihrem Verhalten liegt. Ich kann einem ĂŒberfallsartigem Erscheinen eines SpendenverkĂ€ufers auch begegnen, indem ich ihm von Anfang an klar erklĂ€re, dass nichts, was er sagt, mich dazu bringen wird, ihm hier und jetzt ein Spenden-Abo abzukaufen, aber ich mir gerne 15 Minuten Zeit nehme, mit ihm ĂŒber die Organisation zu sprechen. Üblicherweise trennt dies als angenehmer Nebeneffekt auch jene, die wirklich hinter ihrer Organisation stehen von jenen, die diese Arbeit fĂŒr die Provision machen.

  1. Emotionale Resonanz herstellen

Ist eine gewisse Offenheit fĂŒr Tiefe vorhanden, kann es möglich sein, in emotionale Resonanz zu gehen: ich fĂŒhle, was der andere fĂŒhlt, und er fĂŒhlt, was ich fĂŒhle, sehr direkt und unmittelbar. Ich muss dazu nicht wissen, was seine konkreten GrĂŒnde und Erfahrungen sind, diese Art der Kommunikation verlĂ€uft auf rein emotionaler Ebene. Über die konkrete Situation zu sprechen kann allerdings helfen, dem GesprĂ€chspartner ein exakteres Bild von den davon ausgelösten Emotionen zu schaffen. Ist diese emotionale Resonanz erreicht, sind oft nicht viele Worte notwendig, um ein tiefes GefĂŒhl von BerĂŒhrt-Sein auszulösen. Es ist der Zustand der Ergriffenheit, der auch manchmal entsteht, wenn man besondere Lieder hört, Texte liest, Bilder oder Filme ansieht.

Es fĂŒhlt sich an, als finde man sich im GegenĂŒber wieder, und der GesprĂ€chspartner fĂŒhlt sich wirklich verstanden, unabhĂ€ngig davon, ob man die konkrete Situation ĂŒberhaupt verstanden hat. Es geht in der emotionalen Resonanz ĂŒberhaupt nicht darum, ob ein GefĂŒhl in UmstĂ€nden begrĂŒndet oder der Zusammenhang zwischen Situation und Emotion nachvollziehbar ist, sondern rein um das wertfreie Nachvollziehen der GefĂŒhle des Anderen und deren IntensitĂ€t. Diese „Technik“, die offenbar vor allem Frauen intuitiv anwenden, kann oft schon ausreichen, um sich besser, verstandener zu fĂŒhlen.

Emotionale Resonanz alleine kann jedoch auch zu einer Art „Falle“ werden. Sie erhöht die KapazitĂ€t des GesprĂ€chspartners, mit einer Situation umzugehen, verringert damit aber auch die Chance, dass dieser aktiv wird, um etwas an den auslösenden Strukturen zu verĂ€ndern. Hier kommt Schritt 3 ins Spiel.

  1. Konkrete Situation nachvollziehen

Wir haben es nun geschafft, emotionale Resonanz herzustellen und die Tragweite der GefĂŒhle unseres GesprĂ€chspartners zu erahnen. Über die auslösenden UmstĂ€nde wissen wir bisher jedoch nur sehr wenig: VerstĂ€ndnisfragen können uns helfen, uns auch konkret in die Situation des GegenĂŒbers hineinzudenken. In der vertrauensvollen AtmosphĂ€re, die Schritt 2 uns ermöglich hat, können wir nun auch „schwierige“ Fragen stellen, wenn wir es schaffen, sie nicht als versteckte Bewertung sondern als tatsĂ€chliche Neugier zu vermitteln. Diese „schwierigen“ Fragen alleine können eine als unlösbares Problem wahrgenommene Situation hinterfragen, ins Wanken bringen. Das Schönste, was mir mit einem scheinbar unlösbaren Problem passieren kann, ist wenn ich feststelle, dass Teile der Fakten, die das Problem darstellen, vielleicht in Wahrheit nur Annahmen sind.

Neugier braucht jedoch Zeit und inneren Raum, Antworten aufnehmen zu können. Auch fĂŒr diesen Schritt ist es wichtig, in Schritt 1 gut auf sich geachtet zu haben. Unter (Zeit-)Druck steigt die Wahrscheinlichkeit erheblich, dass die Neugier, mit der Fragen gestellt werden, in vorgefasste Bewertungen umschlĂ€gt. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob ich meinen GesprĂ€chspartner frage, was ein anderer Mensch in einer Situation wohl alles mit seiner Aussage gemeint haben könnte oder ob ich ihm sage, ich glaube, er hat X gemeint.

Wichtig zu beachten ist bei diesem Schritt auch, dass meine Kommunikation rein auf neugierigen Fragen basiert und ich (noch) keinen Rat gebe. Durch die Enttarnung mancher problematischen „Fakten“ als bloße Annahmen gebe ich meinem GesprĂ€chspartner bereits die Chance, auch ohne meine Hilfe zu eigenen Lösungen zu gelangen.

  1. Rat anbieten

Nun haben wir emotionale Resonanz hergestellt und sind durch neugieriges Nachfragen gemeinsam zu einem ungefĂ€hren Bild der konkreten Situation gelangt. Durch die Enttarnung mancher „Fakten“ als Annahmen ist möglicherweise eine noch komplexere Situation entstanden, die zwar kein unlösbares Problem mehr darstellt, aber immer noch eine Überforderung. Ich kann nun anbieten, einen Rat zu geben, wenn mein GesprĂ€chspartner dies möchte (wenn die Schritte 1-3 gut gelaufen sind, wird er an dieser Stelle oftmals sogar selbst darum bitten). Wichtig dabei erscheint es mir, den Rat auf eine Weise zu geben, der ihn als Option erscheinen lĂ€sst, nicht als einzig möglichen Weg. Ob mein GesprĂ€chspartner den Rat annehmen möchte (oder ĂŒberhaupt einen hören will) bleibt ihm ĂŒberlassen. Es handelt sich um ein Geschenk, aus freien StĂŒcken gegeben, aus freien StĂŒcken ablehnbar. Die Verantwortung (und damit die Entscheidung) ĂŒber den tatsĂ€chlich zu wĂ€hlenden Weg bleibt bei dem, der auch tatsĂ€chlich handeln muss.

Das Problem mit „guten RatschlĂ€gen“ (MĂ€nner sind hier besonders gefĂ€hrdet) ist, dass sie oft angeboten werden, ohne vorher in emotionaler Resonanz gewesen zu sein und ĂŒberhaupt das konkrete Problem verstanden zu haben. Der Rat ist damit zwar oft gut gemeint, aber leider dann unpassend fĂŒr die tatsĂ€chliche Situation und tatsĂ€chliche Betroffenheit des GesprĂ€chspartners.

Selbstverantwortung nachhaltig fördern

Wer die obigen Zeilen aufmerksam gelesen hat, wird feststellen, dass alle vier Schritte stark auf dem Prinzip aufbauen, die Selbstverantwortung beider GesprĂ€chspartner zu fördern, anstatt gegenseitige AbhĂ€ngigkeiten aufzubauen. Das mag dem eigenen Ego nicht unbedingt schmeicheln, das gerne gute RatschlĂ€ge geben und sich dafĂŒr geachtet fĂŒhlen möchte. Aber ich glaube, dass sowohl der Hilfesuchende als auch der Hilfegebende auf Dauer glĂŒcklicher ist, wenn beide sich bei Bedarf freiwillig auf problemlösende Kommunikation einlassen können anstatt in einer AbhĂ€ngigkeitsbeziehung zueinander zu stehen, die beide Seiten in ihrer Autonomie einschrĂ€nkt.

Was ich hier beschrieben habe, basiert hauptsĂ€chlich auf meinen Erfahrungen mit Erwachsenen, lĂ€sst sich aber zum grĂ¶ĂŸten Teil auch mit Jugendlichen und Kindern anwenden. Alleine wenn Erwachsene lernen, gegenĂŒber Kindern den ersten Schritt mehr zu beachten, ist schon viel erreicht.

Niklas

P.S.: Vor allem an meine Viel-Leser: ich habe möglicherweise in den nĂ€chsten Tagen und Wochen die Möglichkeit, fĂŒr ein Magazin fĂŒr Lehrer Artikel zu verfassen, und habe mich gefragt, welche Themen sich wohl dafĂŒr am besten eignen bzw. möglichst viele (Regelschul-)Lehrer interessieren könnten. Falls jemand einen Tipp dazu hat, bin ich fĂŒr jeden Ratschlag dankbar. Danke!

In meinen ersten beiden Artikeln ĂŒber Klarheit, Klarheit und AutoritĂ€t bzw. Klarheit und Risiko, ging es um die Kommunikation mit anderen Menschen. Die Serie ĂŒber Klarheit wĂŒrde allerdings nicht vollstĂ€ndig sein ohne einen Artikel ĂŒber die Kommunikation mit unserem hĂ€ufigsten GesprĂ€chspartner: uns selbst.

Es gibt Momente im Leben, in denen plötzlich alles klar und die möglichen Wege vorgezeichnet erscheinen. Die KomplexitĂ€t, die Wirren der Lebendigkeit treten in den Hintergrund, und was wir sehen können, sind sehr simple Entscheidungen oder Möglichkeiten. Das tatsĂ€chliche GefĂŒhl dazu lĂ€sst sich – finde ich – schwer beschreiben, weswegen ich versuchen werde, Beispiele anzufĂŒhren:

Nach beinahe zwei Jahren, die ich mit einer Ex-Freundin zusammen war, dafĂŒr gekĂ€mpft habe, es irgendwie zu schaffen, mich mit SchuldgefĂŒhlen herumgeschlagen habe, war plötzlich klar, dass ein Ende ĂŒberfĂ€llig war. In jenem Moment der Klarheit legte sich der Sturm der GefĂŒhle, der mich in Geiselhaft gehalten und mit den Atem geraubt hatte, und vor mir tauchte ein gangbarer Weg aus den Fluten des Sollens und MĂŒssens.

Nach einigen Wochen fiebrigen Arbeitens, um unter widrigsten Bedingungen gute Arbeit zu leisten, plötzlich die Erkenntnis, dass es nicht an meiner Person lag, dass mein Ziel hier nicht zu erreichen war, sondern an den Strukturen, in denen ich mich bewegte. Und dass es sinnlos war, hier weiter Energie zu opfern, wenn sich die Strukturen nicht Ă€ndern wĂŒrden. Der gangbare Weg war also, konstruktive StrukturĂ€nderungen vorzuschlagen und bei Ablehnung die Konsequenzen zu ziehen.

Kein Weg zurĂŒck

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich ein Moment der Klarheit nicht mehr zurĂŒcknehmen lĂ€sst, selbst wenn ich es mir wĂŒnschen wĂŒrde. Manchmal werde ich es wider besseren Wissens trotzdem versuchen, aber im Grunde impliziert Klarheit meist bereits eine Entscheidung. Im zweiten Beispiel war es fĂŒr mich von außen betrachtet nicht unbedingt von Vorteil, zu kĂŒndigen. Aber sobald mir klar geworden war, dass die Entscheidung auf einer möglichen Änderung der Strukturen basieren wĂŒrde mĂŒssen, verstummten die anderen Stimmen, die fĂŒr die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Bequemlichkeit zustĂ€ndig waren. Ich habe von außen betrachtet mit dieser KĂŒndigung ziemlich draufgezahlt, sogar einen Teil meines schon ausbezahlten Gehalts zurĂŒckzahlen mĂŒssen. Aber wer wirkliche Klarheit erlebt, kann sie nicht mehr zurĂŒcknehmen, auch wenn es Angst macht.

Nun, einige Wochen spĂ€ter, habe ich eine neue Stelle in Aussicht, die meinen BedĂŒrfnissen wohl besser entsprechen wird. Kurzfristig hat mir die Erfahrung der Klarheit eher Nachteile gebracht, mittel- bis langfristig bringt sie mich bisher auf meinem Lebensweg voran. Ich bin froh, die kurz- und langfristigen Auswirkungen dieser inneren Klarheit schon mehrere Male durchgemacht zu haben. So kann ich guten Gewissens hoffen, das Richtige zu tun, wenn ich ihr folge.

Ins Ungewisse

Innere Klarheit bedeutet keineswegs immer, dass ich genau weiß, was mich erwarten wird. TatsĂ€chlich bringt sie mich in vielen FĂ€llen eher in eine große Ungewissheit und angstvolle Situation, die nicht nur mich, sondern auch Menschen, die mir etwas bedeuten, mitbetreffen kann. Vermutlich ist die Angst vor den Auswirkungen auf andere Menschen eine noch grĂ¶ĂŸere Hemmschwelle, zu wirklicher Klarheit zu gelangen als die Angst vor den Auswirkungen auf einen selbst. Ein Familienvater, der in sich entdeckt, dass er sich zu einer anderen Frau hingezogen fĂŒhlt, fĂŒhlt sich nicht nur fĂŒr sich selbst, sondern auch fĂŒr seine Frau und seine Kinder verantwortlich. Da lebt es sich leichter mit einem diffusen GefĂŒhl von „irgendetwas ist da“ als der klaren Erkenntnis von „Ich will mich dieser Frau nĂ€hern“. Ersteres lĂ€sst sich unterdrĂŒcken, verstecken, leugnen. Zweiteres wird zur drĂ€ngenden Frage, die eine Antwort sucht.

Das Interessante daran ist, dass ich wiederholt festgestellt habe, dass diese drĂ€ngenden Fragen (in welcher Hinsicht auch immer) ab einer gewissen Klarheits-„Stufe“ auch von anderen als Verunsicherung gefĂŒhlt werden können. Der Familienvater, der niemanden beunruhigen möchte, beunruhigt dann genau weil er sich nicht klar wird, was er da tatsĂ€chlich fĂŒhlt, seine Familie, die spĂŒrt, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist und ihn beschĂ€ftigt. Vielleicht wird ihn seine Frau oder sein Sohn sogar darauf ansprechen, doch da er sich selbst nicht im Klaren darĂŒber ist, wird er sie nicht mit etwas belasten wollen, was vielleicht gar nichts ist. Nur: ob da etwas ist und welche Konsequenzen dieses „etwas“ haben kann, ist nur ĂŒber Klarheit herauszufinden. Das beĂ€ngstigendste fĂŒr Menschen ist meist ist das Ungewisse.

Wird sich der Mann klar darĂŒber, dass er tatsĂ€chlich mit jener Frau schlafen möchte, kann er vielleicht gemeinsam mit seiner Frau ĂŒberlegen, wie dieses BedĂŒrfnis so zu erfĂŒllen ist, dass sich niemand allzu verletzt fĂŒhlen muss. Vielleicht erzĂ€hlt sie ihm in jenem GesprĂ€ch sogar, dass sie seit ein paar Monaten eine AffĂ€re hat, aber sich bisher noch nicht getraut hat, es anzusprechen. Vielleicht erkennen sie plötzlich beide, dass sie sich seit Jahren auseinandergelebt haben, und nichts mehr fĂŒreinander empfinden, aber nicht den Mut gehabt haben, sich dies einzugestehen. Vielleicht erkennen sie auch, dass sie sehr wohl etwas fĂŒreinander empfinden, aber vom Alltag zu ĂŒberwĂ€ltigt waren, dies auch auszudrĂŒcken – nun wollen sie ein bisschen weniger arbeiten, um mehr Zeit fĂŒr sich zu haben.

Klarheit eröffnet ungeahnte Möglichkeiten

In unseren Zeiten ist es ja sehr modern, gerne alles positiv formulieren zu wollen, und negative Formulierungen zu vermeiden. Klarheit kĂŒmmert sich nicht wirklich um jene Mode, sie funktioniert in beide Richtungen. Ich kann mir klar werden, was ich wirklich will (positive Formulierung), aber genauso gut auch klar werden, was ich nicht will (negative Formulierung).

Ein PhĂ€nomen, das mir schon öfter aufgefallen ist, ist jene, dass Menschen sich scheuen, zu Klarheit zu gelangen, weil sie das GefĂŒhl haben, dass ein konsequentes Handeln anhand jener Klarheit unmöglich ist. Jene die Klarheit verhindernde Gedanken fangen gerne an mit „Ich kann doch nicht einfach
“ oder Ă€hnlichen Satzkonstruktionen. Klarheit zeigt gangbare Wege auf, und wer sich vor den Wegen fĂŒrchtet, wird ein Interesse daran haben, Klarheit zu vermeiden. Wenn ich mich entscheiden kann, in einer fĂŒr mich bequemen Situation zu bleiben, oder in einem Moment der Klarheit zu dem Schluss komme, diese bequeme Situation zu verlassen um ins Ungewisse aufzubrechen, werden sich die meisten Menschen fĂŒr die Bequemlichkeit entscheiden, solange der Leidensdruck noch gut auszuhalten ist. Die Lösungen, zu denen Klarheit uns hinfĂŒhren kann, sind in dem Moment, in dem wir den ersten Schritt setzen, oft noch un-denkbar und damit zu fantastisch, um RealitĂ€t werden zu können. Und doch zeigt mir die Erfahrung, dass ich im Nachhinein jene Zeit, in der ich mich innerlich gegen eine klare Entscheidung gewehrt habe, meist als verlorene Zeit betrachtet habe und es schade fand, nicht frĂŒher den Mut gehabt zu haben, meiner Intuition zu folgen.

Klarheit und die anderen

Klarheit zuzulassen und ihrem Ruf zu folgen bedeutet fĂŒr mich nicht, ohne RĂŒcksicht auf andere fĂŒr die ErfĂŒllung meiner BedĂŒrfnisse zu sorgen. Wenn ich in einer Beziehung klar erkenne, dass ich Lust fĂŒr eine andere Frau verspĂŒre, bedeutet das fĂŒr mich nicht, dass ich dieser Lust ohne RĂŒcksicht auf die GefĂŒhle meiner Partnerin nachgehen muss. Aber sobald mir klar wird, was ich will, kann ich dieses BedĂŒrfnis auch viel klarer mit ihr kommunizieren und muss nicht mehr hoffen, dass sie a) errĂ€t, was ich möchte, ohne dass ich es aussprechen muss oder b) zustimmt, ohne zu wissen, was ich eigentlich meine, weil ich der Meinung bin, sie könnte das nie wirklich gut heißen. Ich kann ausgehend von meiner inneren Klarheit kommunizieren, was ich will, und was mir dabei auch in Bezug auf meine Partnerin wichtig ist (z.B. dass sie weiß, dass die Lust fĂŒr jene andere Frau keine Auswirkung auf meine Lust und Liebe fĂŒr sie haben muss, oder dass mir ganz allgemein wichtig ist, mir ihr auch ĂŒber solche Themen reden zu können).

In meiner Erfahrung ist dort, wo ich fĂŒr mich selbst zu Klarheit gelangt bin und auch bereit bin, ausgehend von dieser Klarheit zu kommunizieren, sehr viel möglich, was ĂŒblicherweise fĂŒr absolut surreal gehalten wird, sei es in Beziehungen, im Familienleben oder auch im Berufsleben.

Klarheit und Überforderung

Es gibt Situationen, in denen meine innere Klarheit eine Überforderung darstellen kann – fĂŒr mich selbst und fĂŒr andere, wobei ersteres meiner Erfahrung nach seltener vorkommt. In bestimmten Situationen kann zweiteres jedoch durchaus auch „gefĂ€hrlich“ sein: wĂŒrde ich in einer Diktatur leben, zu einer klaren Erkenntnis gelangen und offen darĂŒber schreiben, kann mich das vielleicht den Kopf kosten. Bin ich als Frau bereit, mit meiner eigenen SexualitĂ€t offen umzugehen und sind viele meiner Familienmitglieder, Freunde und Bekannte damit sehr ĂŒberfordert, kann es zu Repressionen fĂŒhren. Erkenne ich als Mitarbeiter in einer Institution einen Missstand und spreche ihn klar und offen an, kann das zu meiner Entlassung fĂŒhren.

Dies ist keine Warnung vor der Klarheit, die ich fĂŒr sehr wertvoll halte, sondern eine Warnung vor einer Gesellschaft, die noch einen langen Weg zurĂŒckzulegen hat, bis sie den Wert der Klarheit erkennen wird. Wir leben (auch wenn einige Gegenteiliges behaupten) in einem Land, in dem ich öffentlich schreiben kann, was ich fĂŒr richtig halte. Ich hoffe, dass sie Frau, die ihrer inneren Klarheit folgend, die BedĂŒrfnisse ihrer eigene SexualitĂ€t anerkennen will, auf ihrer Reise auch Menschen kennenlernen wird, die sie in ihrer Klarheit unterstĂŒtzen. Dass der Mitarbeiter, der gekĂŒndigt wurde, weil er die Wahrheit klar und fĂŒr alle ersichtlich anspricht, beruflich weiterkommt. Wir sind als Gesellschaft (denke ich) noch nicht so weit, Klarheit, Ehrlichkeit und AuthentizitĂ€t ĂŒber oder zumindest gleichwertig zu Bequemlichkeit und Anpassung zu stellen.

Innere Klarheit braucht Mut, sich seinen Ängsten zu stellen und Verantwortung fĂŒr sein Leben zu ĂŒbernehmen. Sie ist unbequem, fĂŒr einen selbst und fĂŒr andere, die von Ängsten zu profitieren gelernt haben. Aber ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der innere Klarheit, Mut und Selbstverantwortung wertgeschĂ€tzt werden. Wir sind noch lange nicht soweit, dass dies flĂ€chendeckend der Fall ist. Aber jeder Weg beginnt bekanntlich mit einem ersten Schritt, und alle großen VerĂ€nderungen in der Geschichte sind ursprĂŒnglich mal von einer kleinen Gruppe inspirierter Menschen ausgegangen.

Niklas

Jetzt sitzen wir also da, wir zwei. Auf dieser dĂ€mlichen Stiege, wĂ€hrend immer wieder einige Besoffene an uns vorbeitorkeln und mehr oder weniger erfolgreich ihren Weg gehen. Du sitzt hinter mir. HĂ€ltst mich. Weißt, spĂŒrst wohl, was gleich passieren wird. Geh weg. Wenn du es weißt, dann geh doch weg hier. Es gibt hier nichts zu sehen.

NatĂŒrlich, du bleibst. War ja irgendwie klar. Ich will dir sagen, dass du gehen sollst, will dir sagen, dass du verschwinden sollst. Komm spĂ€ter wieder. Wenn es vorbei ist. Wenn ich wieder ich bin. Aber natĂŒrlich ist es bereits zu spĂ€t. Verdammt, ich seh fast nichts mehr. Blöde TrĂ€nen. NatĂŒrlich fĂ€ngt jetzt auch noch meine Nase an zu laufen, so dass ich kaum noch ein Wort rausbringe. Und natĂŒrlich hast du ein Taschentuch fĂŒr mich. Schaust mich mit diesem Blick an, der so unertrĂ€glich fĂŒr mich ist, weil er sagt: Es ist ok. Aber es ist eben nicht ok. Ich bin nicht ok. Versteh das endlich. Verschwende deine Zeit nicht mit mir. Nicht mit diesem ich. Komm spĂ€ter wieder.

Nun ist der Moment also da, und ich bin ihm wehrlos ausgeliefert. Bin dir wehrlos ausgeliefert. Etwas in mir unternimmt einen letzten Versuch, aufzustehen, sich wegzureißen, aber die Knie knicken mir weg, und ich plumpse halb auf dich drauf, halb in dich rein, in deine Arme, in deinen Schutz. Du willst mich schĂŒtzen vor dem, was gleich kommt, dabei weißt du nicht, dass du es bist, die Schutz braucht. Das, was gleich kommt, kann niemand ertragen. Du denkst, du hast schon viel gesehen, hast schon viele Lasten getragen. Diese Wut. Es ist diese entsetzliche Wut, diese Raserei, die dich in wenigen Augenblicken zerfetzen wird wie Papier. Du kennst sie nicht. Gleich wird sie kommen. Warte nicht. Schau mich nicht so liebevoll an. LĂŒg nicht. Den Blick kenn ich doch. Den, der sagt: es ist gut. Aber nichts ist gut. LĂŒg mich nicht an.

Und dann kommt sie, meine Wut – und geht einfach wieder. Verraucht, verpufft, verschwindet. Als wĂ€re sie nur eine Rauchbombe gewesen. Und als der Nebel sich lichtet, bleiben nur wir. Du lebst noch. Ich auch. Da laufen immer noch Besoffene an uns vorbei.

Weißt du, sage ich zu dir, ich glaube, eigentlich fĂŒhl ich mich ziemlich einsam. Ich will noch mehr sagen, aber plötzlich ĂŒberkommt mich reines GefĂŒhl, und ich kann nicht mehr sprechen. Jetzt ist da ein Loch, wo mal eine Mauer war, und sie sieht da rein. Da, wo die Schatten sind. Und immer noch lĂ€uft sie nicht weg.

Hey, den da kenn ich!, flĂŒstert sie lĂ€chelnd, und zeigt auf den allerĂ€ltesten Schatten in meinem Herzen. Das ist doch die Einsamkeit, oder? Und die Einsamkeit steckt ihren Kopf raus aus dem Loch und sagt ihr höflich Guten Tag. Das macht man schließlich so, wenn man einsam ist und bleiben will. Immer schön höflich sein zu anderen, die Etikette wahren. Guten Tag!, ruft nun auch aus ihrem Herzen ein Schatten, der mir bekannt vorkommt. Auch da ist wohl irgendwo ein Loch hineingeraten. VerrĂŒckte Welt! Weiß sie denn nicht, wie gefĂ€hrlich das sein kann?

Weißt du noch, als ich dir damals gesagt habe, ich wĂŒrd dich manchmal gern ĂŒber meine Schulter werfen, in meine Höhle tragen und nie wieder loslassen?, sage ich. Ja, meint sie, schöne Vorstellung. Weißt du, ich hab versucht, das lustig zu sagen, damit du darĂŒber lachst. Weils natĂŒrlich Quatsch ist. Du willst ja frei sein, so wie jeder andere auch, sage ich zu ihr, und sie meint nur: Ne schöne Vorstellung ist es trotzdem.

WĂ€hrend wir so miteinander reden, feiern unsere Schatten ein Fest miteinander, und die eine Einsamkeit in uns stellt fest, dass sie eigentlich ganz gut mit der anderen zusammenpasst. Dass es doof klingt, sich trotzdem Einsamkeit zu nennen, und dass sie jetzt lieber Herr und Frau Zweisamkeit gerufen werden wollen. Dass sie sich so gerne und hĂ€ufig sehen wollen, dass es ziemlich impraktikabel erscheint, die Löcher in den Mauern wieder zuzumauern, weswegen die eben gleich offen bleiben. Das ist eigentlich gar nicht so unpraktisch auch fĂŒr die anderen Schatten in uns, die so nun auch mal ans Licht kommen können.

Ich weiß nicht, wie lange wir nun schon auf dieser seltsamen Stiege sitzen. Da laufen immer noch Besoffene vorbei, machen immer noch dieselben unlustigen Witze im Vorbeigehen. Weißt du, ich glaube, ich brauch dich irgendwie, sage ich in einem Moment der Unaufmerksamkeit zu ihr. Aber eigentlich ist es gar nicht so schlimm so. Vielleicht kann man auch mal jemanden brauchen. Vielleicht darf man das ja wirklich. Ich sehe ihr in die Augen, suche, finde eine Antwort, die Wunden in mir heilt, von deren Existenz ich bislang nicht einmal ahnte. Du darfst hoffen.

Und natĂŒrlich habe ich Angst. Ich hab ja schon viel zu oft vergeblich gehofft. Aber vielleicht – und nur vielleicht – kann Freiheit in dieser Welt doch mehr bedeuten als Einsamkeit. Mit der Hoffnung kommt die Erinnerung zurĂŒck: an Leidenschaft, an Verzehren, an Liebe. Du darfst hoffen, hat sie mir gesagt, und mir in ihrer eigenen Hoffnung den Weg gewiesen.

Da laufen immer noch Besoffene vorbei, ziellos in ihren einsamen Steigerungen. Aber fĂŒr uns gibt es nun Hoffnung. Wir stehen auf, gehen nach Hause. Ja, es gibt nun ein Zuhause fĂŒr uns. Ich weiß noch gar nicht so genau, was das eigentlich ist, ein Zuhause. Aber ich glaube, es kann sich schön anfĂŒhlen. Wo der Glaube doch versagt, gibt sie mir Hoffnung. Wo auch die Hoffnung versagt, da ist sie trotzdem noch da. Und das ist irgendwie die allerschönste Hoffnung von allen.