Der folgende Text stammt von Katja Lenes aus Baden bei Wien, NÖ. Sie arbeitet an einer Freien Schule, ist ein wunderfeiner Mensch und steckt – wie ihr selbst nachlesen könnt – auch voller interessanter Wortkonstruktionen 🙂
Wer sie direkt kontaktieren mag, kann das unter katjasc@gmx.at tun, sie freut sich sicher ĂŒber freundliche RĂŒckmeldungen..

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

meine Zweifel hĂ€tten fĂŒr ihn keine Bedeutung!

Sogleich spuckte ich in ihn.

Sollte er froh sein,

fast hÀtte ich in ihn uriniert.

 

GroßzĂŒgig gab ich ihm eine zweite Chance.

Er krÀuselte sich vor Lachen und ich

weinte heiße TrĂ€nen.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

meiner Absicht könne er nicht folgen!

Sogleich schichtete ich Stein auf Stein.

Sollte er doch erfahren, was es hieß,

nach meiner Absicht zu fließen.

 

Er ging seiner Wege

und kĂŒmmerte sich nicht.

Ich fand mich wieder voll bitterer Wut.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

sei nackt und leer,

sonst kannst du mich nicht spĂŒren!

Sogleich sprang ich jubelnd

aus all meinen Kleidern.

 

Doch als ich merkte,

meine Gedanken und Sorgen hafteten an mir,

zog ich schwer betrĂŒbt von dannen.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

er wĂŒrde ĂŒbergehen und das sichere Ufer verschlingen!

Sogleich packte mich die Angst und ich floh.

Noch aus der Ferne hörte ich sein Tosen.

 

Wie konnte ich ihn je wiedersehen?

Ich erklomm einen sehr hohen Berg

und ganz oben blieb
.

ICH
.stehen.

 

Er gefiel mir so gut,

also ließ ich mich fallen!

Als mich der Fluss zu sich einlud,

war ich endlich bereit!

 

Zaghaft streckten sich meine Zehen

nach seinem strömenden Sog..

Meine Fingerspitzen saugten sich

an seiner OberflÀche fest..

In meinen Kniekehlen sammelte sich

seine gelassene KĂŒhle,

wÀhrend meine Schenkel

heftige Blitze durchzuckten..

Ich benetzte mein Gesicht

mit dem Nass seines Körpers..

Erstarrte, als sich sein Wasser

in meinen Bauchnabel ergoss..

 

Er gefiel mir so gut, ich war verliebt!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud,

tauchte ich vollstÀndig ein,

mit Haut und Haar.

 

Meine Zweifel waren mir nicht von Bedeutung.

Meiner Absicht wollte ich folgen.

Und ich war nackt und leer, so wie er.

Ich ging ĂŒber vor tosender Kraft,

ließ mich gedankenlos treiben

und kĂŒmmerte mich nicht.

 

Ich bin der Fluss und lade dich ein.

 

Vor einigen Jahren durchlebte ich eine Phase in meinem Leben, in der ich mich fĂŒr ein glĂŒckliches Leben entschieden hatte. Wie diese glĂŒckliche Phase exakt begann, ist in den Untiefen meiner Erinnerung verloren gegangen. Aber ich kann mich daran erinnern, mich dafĂŒr entschieden zu haben, GlĂŒck in die Welt auszustrahlen, und jegliche Reaktionen meiner Umwelt positiv zu interpretieren.

Die Konsequenzen waren unglaublich. Über Monate, Jahre traf ich kaum je einen Menschen, mit dem ich negative Erfahrungen gemacht hĂ€tte. Lernte fast tagtĂ€glich wunderbare neue Menschen kennen, und fĂŒhlte mich im Großen und Ganzen pudelwohl mit mir selbst und meiner Umgebung. Mein Selbst-Vertrauen war groß, und noch grĂ¶ĂŸer war mein Welt-Vertrauen.

Jahre spĂ€ter sorgte ein Ă€hnlich ausgeprĂ€gtes Urvertrauen in das Gute in der Welt dafĂŒr, dass ich in meiner NaivitĂ€t die Möglichkeit politischer Intrigen und MachtkĂ€mpfe in meinem Arbeits-Umfeld völlig ausblendete, selbst als die Anzeichen dafĂŒr fĂŒr jeden anderen offensichtlich gewesen wĂ€ren. Es folgte eine lĂ€ngere Zeit, in der ich versuchte, mit diesem „realistischeren“ Weltbild klarzukommen. Eine wichtige Zeit, in der ich viel ĂŒber die KomplexitĂ€t des menschlichen Seins und Miteinanders gelernt habe. Aber glĂŒcklicher hat mich diese Zeit nicht gemacht.

Oft dachte ich an jene Zeit vor einigen Jahren zurĂŒck, als völlig unabhĂ€ngig von Ă€ußeren UmstĂ€nden in mir stets die Sonne zu scheinen schien, und fragte mich, warum es mir nun, Jahre spĂ€ter, so viel schwerer fiel, diesen unbeschwerten Zustand erneut zu erreichen. NatĂŒrlich hatten sich auch einige UmstĂ€nde seit damals geĂ€ndert: viele meiner besten Freunde hatten sich ebenso verĂ€ndert, oder lebten mehrere Hundert Kilometer entfernt von mir. Ich war voll ins Arbeitsleben eingetreten, die „Schonzeit“ des Studiums war nun offensichtlich vorbei.

Und doch
 irgendetwas schien mir falsch daran zu sein, hier nur eine Art „natĂŒrlichen Verlauf“ eines Lebens nachgezeichnet zu sehen. Vor allem aber auch frustrierend: was fĂŒr eine Verarschung war ein Leben, das einen erst 20-25 Jahre lang zeigte, wie sich GlĂŒck anfĂŒhlen kann, um dann nochmal 3-4x so lang zu sagen „Sry, diese Phase ist jetzt vorbei fĂŒr dich“?

Und dann begann mich eine noch sehr nebulöse Idee nicht mehr loszulassen: dass unsere IdentitĂ€t und Weltbild möglicherweise gewissermaßen Filter darstellen – die wir bewusst kontrollieren lernen können.

Filter unserer Wahrnehmung

Ich stellte mir die Frage erneut, warum ich vor einigen Jahren jeden Tag unglaublich geniale Begegnungen hatte und jetzt nicht mehr. War es tatsĂ€chlich nur an meiner Entscheidung gelegen, die Welt positiv zu betrachten? Erschufen wir durch unsere Erwartungen – wie es manche behaupteten – tatsĂ€chlich erst die objektive Wirklichkeit?

Es schien irgendwie unrealistisch, davon auszugehen, dass sich innerhalb weniger Jahre die Anzahl an sympathischen Menschen objektiv so dermaßen verringert hatte. Was also, wenn ich schlicht die FĂ€higkeit eingebĂŒĂŸt hatte, sie wahrzunehmen? Angenommen, auch heute wĂŒrden sich ca. gleich viele geniale Menschen in meinem Umfeld bewegen, aber ich wĂ€re gewissermaßen „blind“ fĂŒr sie geworden: wĂŒrde ich dann nicht in meiner subjektiven Wahrnehmung keine sehen, obwohl sie objektiv betrachtet durchaus da waren? Ich hatte sie gewissermaßen aus meinem subjektiven Erleben „ausgefiltert“. Und da mein subjektives Erleben mein tatsĂ€chliches Erleben darstellte, erlebte ich die Welt eben nun nicht mehr so interessant und voll sympathischer Menschen als frĂŒher.

Dies wĂŒrde sich selbst dann nicht Ă€ndern, wenn in meinem Umfeld aus irgendeinem Ă€ußeren Grund plötzlich doppelt so viele sympathische Menschen herumlaufen wĂŒrden – ich wĂŒrde sie trotzdem nicht sehen können, weil ich dann eben doppelt so viele Menschen aus meinem bewussten Erleben ausfiltern wĂŒrde. Oder umgekehrt: wenn ich mehr sympathische Menschen treffen möchte, reicht es nicht, auf bessere Zeiten zu hoffen – ich muss stattdessen meinen Filter „sĂ€ubern“ bzw. neu einstellen.

Das hatte ich wohl damals ohne es zu wissen richtig gemacht: ich hatte meine Filter darauf eingestellt gehabt, mir hauptsÀchlich positive Seiten der Welt zu zeigen. Vermutlich passierte damals ebenso viel Negatives und Positives wie jetzt auch, aber damals hatte ich durch meine Entscheidung das Negative ausgefiltert, und dadurch fast nur Positives erlebt.

Nun, die letzten Wochen, habe ich ganz bewusst damit experimentiert, und festgestellt, dass das PhĂ€nomen bestĂ€ndig ist: wenn ich meine Filter bewusst zu lenken beginne, verĂ€ndert sich mein subjektives Erleben entsprechend. Ich beginne wieder, Möglichkeiten wahrzunehmen, die ich die letzten Jahre von vornherein herausgefiltert hatte. Treffe plötzlich wieder unzĂ€hlige interessante Menschen. Irgendetwas muss dran sein an meinem Filter-Konzept…

Unser mehrstufiges Filtersystem

Die Schwierigkeit, mit diesen Filtern zu arbeiten, ist, dass wir sie meistens unbewusst einsetzen. Unsere bewusste subjektive Wahrnehmung ist ja bereits vorgefiltert, daher ist es schwierig, den Filterungs-Prozess ĂŒberhaupt zu bemerken.

GlĂŒcklicherweise kann uns der Vergleich unseres Erlebens mit unserem vergangenen Erleben (wie oben beschrieben) helfen, oder auch der Vergleich mit anderen Menschen, die die Welt anders wahrnehmen als wir. Ein eher depressiv „gefilterter“ Mensch wird in der Welt andere Möglichkeiten wahrnehmen als ein positiv „gefilterter“ Mensch, und uns mit anderen zu vergleichen, zeigt uns die RealitĂ€t auf, dass ein jeder Mensch filtert.

Da ich erst dabei bin, mit dem Konzept der Filter zu experimentieren, hier nur eine Art erste Skizze, wie unsere Filter-Hierarchie nach meinen ersten Experimenten und Reflexionen aufgebaut sein könnte:

Ganz unten finden wir die Welt, wie sie ist.

Unsere Sinne sind der erste Wahrnehmungs-Filter. Alles, was unsere Sinne nicht wahrnehmen können, bleibt uns verborgen. Daraus entsteht unsere Wahrnehmung, gewissermaßen die Rohe Summe an Sinnes-EindrĂŒcken.

Diese große Anzahl an Sinnes-EindrĂŒcken wird nun eingeordnet in bekannte Muster, um sie zu deuten. Unser Bewusstsein nimmt diese ja nicht in Roh-Form wahr, sondern in ihrer angenommenen „Bedeutung“. Es kann nur deuten, was es einordnen kann. Kann es Sinnes-EindrĂŒcke nicht einordnen, so entsteht Unklarheit/Überforderung. Dieser Filter ist gewissermaßen unser Bild von der Welt.

Ein weiterer Filter ist unsere eigene IdentitĂ€t. Möglicherweise deuten wir unsere Wahrnehmung korrekt, dass ein Mensch an unserer Stelle nun diese oder jene Handlungsmöglichkeiten hĂ€tte, aber wir als der Mensch, der wir sind, schrĂ€nken diese weiter ein, um unsere IdentitĂ€t nicht infrage stellen zu mĂŒssen. Beispielsweise mag die Deutung der Situation aufgrund der Vorfilterung anzeigen, dass ein Anschreien des GegenĂŒbers angebracht wĂ€re, aber als „Mensch, der nie andere anschreit“ (=IdentitĂ€t) tun wir das nicht.

Ein bewusstes VerÀndern der Filter

Erfolgreiche Menschen haben möglicherweise einfach ein konstruktiveres Filter-System, das ihnen Möglichkeiten sichtbar macht, die andere aus dem bewussten Erleben herausfiltern wĂŒrden. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass ich, wenn mich jemand gefragt hat, was ich beruflich mache, eine Zeit lang (korrekterweise) gemeint habe, ich „mache mich gerade selbststĂ€ndig“. Diese IdentitĂ€t filtert die tatsĂ€chlichen Möglichkeiten in einer Situation anders, als wĂŒrde ich von mir selbst behaupten, ich „bin selbststĂ€ndig“. Vielleicht fĂ€llt es mir beispielsweise als „neuer“ SelbststĂ€ndiger schwerer, fĂŒr meine Angebote Geld zu verlangen, als es mir als SelbststĂ€ndiger (ohne den Zusatz “bin gerade dabei es zu werden) fallen wĂŒrde.

Wie aber verĂ€ndert man nun tatsĂ€chlich seine Filter? Das kommt meiner Ansicht nach ein StĂŒck weit auf die Art des Filters an, den man verĂ€ndern möchte. Möchte man seine Sinnes-Filter verĂ€ndern, kann man direkt seine Sinne verfeinern. Etwa wenn jemand, der gerne Wein trinkt, einen feineren Gaumen bekommen möchte, oder ein Musiker sein Gehör trainiert.

Will jemand seinen Filter verĂ€ndern, der die Einordnung und Deutung der Wahrnehmung betrifft, so wird er sich damit beschĂ€ftigen, alternative und komplexere „Muster“ zu erlernen, um seine Wahrnehmung verfeinert zu den Deutungen zuordnen zu können, die ihnen entsprechen. In meinem Fall beispielsweise habe ich die letzten Jahre gelernt, auch die „dunkle Seite“ des menschlichen Miteinanders wahrnehmen und korrekter deuten/einschĂ€tzen zu können. Es hat mich in der Zeit nicht glĂŒcklicher gemacht, aber mich in stimmigeren Kontakt mit der Welt gebracht. Man könnte sagen, meine Deutungen der Wahrnehmung ist realistischer geworden, weil ich mehr Möglichkeiten habe, sie in verschiedene zur VerfĂŒgung stehende Muster einzuordnen und entsprechend zu deuten.

Geht es um den Filter der eigenen IdentitĂ€t, so kann der universelle Entwicklungskreislauf, ĂŒber den ich bereits viel geschrieben habe, hilfreich sein. Kaum jemand schafft es auf Dauer, gegen das eigene Selbstbild zu handeln, deshalb ist es wichtig, auch diesen Filter genau zu betrachten.

Die drei Filter bauen gewissermaßen aufeinander auf – jemand, der beispielsweise nur einen sehr groben Sinn fĂŒr Emotionen hat, z.B. nur subjektiv „gute“ von „schlechten“ unterscheiden kann, dessen Einordnung der Sinnes-Informationen wird (in diesem Bereich) auch nur eine geringe KomplexitĂ€t erreichen können. Wenn dieser Jemand nun lernt, feiner zwischen verschiedenen Emotionen zu unterscheiden, so wird es ihm auch leichter fallen, seine  Umgebung einschĂ€tzen zu lernen. Meine SensibilitĂ€t fĂŒr Emotionen ist beispielsweise extrem ausgeprĂ€gt, jene fĂŒr das Riechen lĂ€cherlich gering.

„GlĂŒck“ filtern?

Ist an diesem zugegebenermaßen noch etwas nebulösen Filter-Modell etwas dran, so wĂŒrde es fĂŒr mich gut erklĂ€ren, warum ich vor einigen Jahren schlicht durch Entscheidung eine so glĂŒckliche Zeit erlebt habe: ich hatte bewusst meinen Filter der Deutung der Welt so „eingestellt“, dass ich ĂŒberall Schönheit und Möglichkeit wahrnahm, und die „negativeren“ Interpretationen der Welt schlicht herausgefiltert hatte. Das machte es einfach, an das Gute in der Welt zu glauben, und einfach fĂŒr die Welt, mir mein Weltbild zu bestĂ€tigen, weil ich das Positive, das ich in der Welt annahm, auch selbst ausstrahlte.

Es machte mich aber auch verwundbar, von der „dunklen Seite“ des Menschlichen, die ich dabei ausfilterte, ĂŒberrumpelt zu werden. Es verhinderte, dass ich die FĂ€higkeit zur Einordnung und Deutung entwickelte, aus den fĂŒr andere wohl offensichtlichen Anzeichen in meiner Umgebung schlau zu werden und mich entsprechend fĂŒr die bevorstehenden KĂ€mpfe zu rĂŒsten. Gewissermaßen zog ich fröhlich, nichtsahnend und unbewaffnet in einen Krieg gegen gut vorbereitete Gegner – den ich natĂŒrlich haushoch verlor.

Es waren schmerzliche Erfahrungen, aber auch wertvolle: die Welt nur positiv zu filtern, reicht nicht. Man muss auch die andere, „dunklere“ Seite sehen können, um gerĂŒstet zu sein. Muss – wie es in einigen KampfkĂŒnsten so schön heißt – lernen zu kĂ€mpfen, um nicht kĂ€mpfen zu mĂŒssen.

Die Welt an sich ist weder gut noch schlecht. Sie ist einfach. Unsere subjektive Welt jedoch, die Welt, die wir erleben, fĂŒr die sind wir mitverantwortlich, weil unsere Filter sie gestalten.

Niklas

P.S.: NĂ€chsten Dienstag, 19:00, halte ich im FreiRaumWels einen Vortrag ĂŒber den universellen Entwicklungskreislauf, die Wochen drauf auch noch weitere. Bitte weitersagen – und natĂŒrlich auch selbst vorbeischauen, wenn sichs irgendwie ausgeht 🙂

(Anmerkung: das hier beschriebene Modell basiert ursprĂŒnglich auf der Arbeit von Ralf Bolle, einem deutschen Psychotherapeuten, der weltweit die Arbeitsweise von Schamanen, Heiler, Psychotherapeuten etc. erforscht und verglichen hat, um schlussendlich ein universelles Grundmuster dieser Arbeitsweisen herauszudestillieren. Ich habe sein Grundmodell dann in verschiedensten Situationen selbst angewandt, und es aufgrund dieser Erfahrungen fĂŒr meine Zwecke weiterentwickelt bzw. auch manche Bezeichnungen/Interpretationen angepasst.)

Das Modell – ein kurzer Überblick

Der universelle Entwicklungs-Kreislauf beschreibt 4 Phasen, die in einer jeden transformativen Entwicklung durchlaufen werden.

  1. Alltag: Alles ist wie immer. Mit der Zeit jedoch wird eine Art Unzufriedenheit spĂŒrbar, eine Art innerer Drang zur VerĂ€nderung.
  2. Loslassen: Die Person erlaubt, einen Teil von sich loszulassen, sterben zu lassen.
  3. Erkenntnis: Die Person erkennt eine ihre vorherige Alltagswelt transformierende neue Ordnung.
  4. Die Person versucht, die gewonnen Erkenntnisse in ihren Alltag zu integrieren, um einen neuen stabilen Alltag zu schaffen.

In der Mitte des Kreislaufes findet sich das Element des „Übergangs-GegenĂŒber“. Diese Rolle wird etwa vom Therapeuten, Schamanen, Heiler eingenommen, der der Person dabei behilflich ist, vertrauensvoll loszulassen, was im Sinne der Persönlichkeit einem (teilweisen) Sterben und Wiedergeborenwerden gleichkommt. Im ursprĂŒnglichen Modell wurde der Begriff „Übergangs-Persönlichkeit“ gewĂ€hlt. „GegenĂŒber“ erscheint mir jedoch passender, weil ebenso die Vorstellung eines Gottes, oder auch ein Tagebuch als „GegenĂŒber“ möglich ist. Relevant erscheint also nicht so sehr die konkrete Ausformung dieses „GegenĂŒbers“, sondern der Glaube der Person an die BestĂ€ndigkeit des GegenĂŒbers ĂŒber den eigenen „Tod“ (= Loslassen eines Teiles der eigenen Persönlichkeit) hinaus.

Auch findet sich die Unterscheidung des Modells in eine Alltagswelt und eine Unterwelt, bzw. in Bewusstsein und Unterbewusstsein. Dies ist einerseits relevant, weil zahlreiche Mythen in allen Kulturen Geschichten ĂŒber Reisen in die „Unterwelt“ erzĂ€hlen, die grob diesem Modell folgen, was interessante Schlussfolgerungen zulĂ€sst. Andererseits beschreibt die Teilung auch sehr deutlich die SchlĂŒsselfunktionen des Loslassens auf dem Weg zum Unterbewusstsein sowie der Re-Integration in den Alltag.

Keine „AbkĂŒrzungen“

Es gibt in diesem Prozess keine konstruktiven „AbkĂŒrzungen“. Dies ist insofern relevant, als dass dies ein sehr gutes Modell fĂŒr die ErklĂ€rung von Suchtverhalten jeglicher Art bietet. Wer etwa bewusstseinsverĂ€ndernde Drogen benutzt, um direkt aus dem Alltag in die Erkenntnis zu „springen“, hat den Loslassen-Schritt ĂŒbersprungen. Dieser jedoch ist notwendig, um innerlich den „Platz“ zu schaffen, um die Erkenntnis re-integrieren zu können, weswegen der Kreislauf nicht vollendet wird, und die Person zurĂŒck in den Alltag „fĂ€llt“, ohne eine langfristig transformierende Entwicklung durchgemacht zu haben. „Erkenntnis“ steht hierbei auch immer fĂŒr eine Art von Verbundenheit mit einer höheren Ordnung.

Ebenso erklĂ€rt uns dieses Modell, warum gute VorsĂ€tze alleine selbst mit höchstem Einsatz einer Person auf Dauer scheitern. Wer nicht gleichzeitig bereit ist, sich den Ursachen seiner zu Ă€ndernden Verhaltensweisen zu stellen und diese „sterben“ zu lassen, wird frĂŒher oder spĂ€ter trotz grĂ¶ĂŸter Anstrengungen in seinen gewohnten Alltag zurĂŒckfallen, weil fĂŒr eine neue Alltagsordnung schlicht noch kein „Platz“ geschaffen wurde.

Die Bedeutung des Glaubens fĂŒr die Heilung

An dieser Stelle seien noch einige faszinierende Erkenntnisse und Hinweise erwĂ€hnt, die der Urheber des Modells bei seinem Vortrag erwĂ€hnte. Der Erfolg einer Behandlung hĂ€ngt laut ihm in sehr hohem Maße vom Glauben des Patienten an die Behandlungsmethode ab. Eine zusĂ€tzlich relevante EinflussgrĂ¶ĂŸe ist der Glauben der dem Patienten nahestehenden Menschen an die Behandlungsmethode. Dieser Placebo-Effekt macht in manchen Studien, soweit ich mich an den Vortrag erinnere, knappe 60% des Behandlungserfolges aus – auch bei „normalen“ Krankheiten! Dies wĂŒrde erklĂ€ren, warum manche objektiv nicht nachvollziehbare Behandlungsmethoden (Esoterik etc.) trotzdem gute Ergebnisse erzielen können: die zu Behandelnden glauben daran, und dies könnte einer der relevantesten Aspekte sein.

Wenn wir das Modell akzeptieren, ermöglicht es uns, Krankheit völlig neu zu betrachten: nĂ€mlich als eine Form der Kommunikation unseres Körpers mit uns, dass wir uns (noch) weigern, einen Anteil unseres Alltags-Ichs „sterben“ zu lassen. Wenn dieser universelle Entwicklungskreislauf den natĂŒrlichen Verlauf beschreibt, dann ist unsere Weigerung, unsere an unseren Anhaftungen festzuhalten anstatt sie loszulassen wo nötig, eine Art innerer Widerstand, der gewissermaßen symbolisch Reibung bis zu Blockaden erzeugt -> wir laufen unrund, werden krank, womit uns unser Körper sagen will, dass er es nicht mehr lustig findet mittlerweile.

Diese Beschreibung mag medizinisch betrachtet ein wenig daneben sein, aber mir hilft sie erfahrungsgemĂ€ĂŸ, im Durchschnitt gesund zu bleiben. „Wieder gesund werden“ bedeutet damit nĂ€mlich keine Wiederherstellung des Vorherigen, sondern ein Vertrauen auf ein Neu-Werden nach dem Loslassen des Alten.

Die Bedeutung des universellen Entwicklungskreislaufes fĂŒr das Lernen

Aus meiner eigenen Erfahrung als Lehrer habe ich festgestellt, dass dieses Modell und seine Lehren sich 1:1 auf das Lernen ĂŒbertragen lassen, und spĂ€testens hier wird es wirklich faszinierend. Denn auch beim Lernen erscheint der Glaube an das Übergangs-GegenĂŒber (z.B. den Lehrer) die Hauptrolle zu spielen, sowohl der Glaube des Lernenden selbst als auch der Glaube seiner engsten Bezugspersonen. Anders ausgedrĂŒckt: die Heil- wie die Lehrmethode hat oft weniger Auswirkung auf die Heilungs-/Lernchancen als der Glaube aneinander, der sich (auch, aber nicht nur) durch die Beziehung zueinander ausdrĂŒckt.

Nun entsteht jedoch aufgrund unserer wissenschaftlichen Methodik an sich eine Problematik: diese Art von Beziehung zueinander lĂ€sst sich mit der sonst so nĂŒtzlichen wissenschaftlichen Methodik derzeit noch schlicht nicht abbilden (warum, werde ich in einem weiteren Artikel irgendwann in den nĂ€chsten Wochen hoffentlich konkret und nachvollziehbar nachweisen können). Wissenschaftlich betrachtet handelt es wohl sich um einen blinden Fleck – der paradoxerweise möglicherweise einen Großteil der tatsĂ€chlichen WirkkrĂ€fte pĂ€dagogisch/medizinischen Handelns ausklammert.

Die Bedeutung des universellen Entwicklungskreislaufes fĂŒr die Lebensgestaltung

Wenn wir das Konzept des universellen Entwicklungskreislaufes akzeptieren, so ergeben sich fĂŒr mich einige auf den ersten Blick paradoxe Folgen fĂŒr eine alltĂ€gliche Lebensgestaltung. Beispielsweise wĂŒrde sich der Zusammenhang zwischen Zeit und der subjektiv erlebten Freude bei einem Menschen, der den Schritt des Loslassens â€žĂŒberspringen“ möchte, mathematisch in etwa so darstellen lassen:

Er wird versuchen, von seinem Alltagserleben durch Selbstmotivation oder Stimulation (Drogen, 
) zu mehr Freude zu gelangen, aber seine Anstrengungen sind nicht dauerhafter Natur, bzw. fĂŒhlt er sich vielleicht sogar mit der Zeit unglĂŒcklicher, weil die langfristigen Folgen ihn zusĂ€tzlich bedrĂŒcken.

Ein Mensch, der dem Entwicklungskreislauf „willig“ folgt, wird hingegen einen Verfall seiner Freude empfinden, bis er eine Art absoluten Nullpunkt erreicht, an dem er einen Teil seines Selbst „sterben“ lĂ€sst, was ihm zu einer Erkenntnis und höchsten GlĂŒcksgefĂŒhlen verhilft. Mit der Zeit wird er sich wieder in einen relativ stabilen Alltags-Level an Freude einpendeln, bevor der Kreislauf wieder von vorn beginnt. Möglicherweise (aber nicht notwendigerweise) ist dieser neue Alltags-Level durch seine Erkenntnis höher angesiedelt als der vorherige. Das sieht dann ungefĂ€hr so aus:

Was fĂŒr mich dabei besonders spannend erscheint, ist, dass Symptome einiger bei uns als eher negativ beschriebenen psychischen AusprĂ€gungen wie der Depression in vielen spirituellen Traditionen sehr Ă€hnlich unter einem anderen Namen beschrieben werden. Nur ein Beispiel von vielen: Die „Dunkle Nacht der Seele“, die dem Zustand kurz vor dem Loslassen in unserem Modell sehr nahe kommt.

Wenn nun also einem depressiv verstimmten Menschen Medikamente gegeben werden, um seine Stimmung aufzuhellen, berauben wir ihn damit möglicherweise seiner spirituelle Entwicklung, weil wir ihm nicht erlauben, den Nullpunkt – das Loslassen – zu erreichen? Wenn das Modell stimmt, brĂ€uchte unser depressiv Verstimmter dann womöglich nur jemanden, dem er absolut vertraut, und der diesen Nullpunkt mit ihm aushĂ€lt. Ich habe von einigen interessanten Studien gehört, nach denen z.B. Schizophrenie in manchen Kulturen als Zeichen eines zukĂŒnftigen Schamanen/Heilers betrachtet wird, der daraufhin von anderen, erfahrenden Schamanen/Heiler ausgebildet wird…

Die Bedeutung des universellen Entwicklungskreislaufes fĂŒr den Tod

Dieser Artikel wĂ€re nicht vollstĂ€ndig, ohne das fĂŒr mich Offensichtliche nicht zumindest zu erwĂ€hnen: die Überschneidungen mit den Reinkarnations-Konzepten einiger östlicher Traditionen sind fĂŒr mich doch sehr offenkundig. Ein möglicher Schluss daraus könnte sein, dass wir die Reinkarnations-Lehren dieser Traditionen bisher fĂ€lschlicherweise als mehrere Leben, wie wir sie kennen, verstanden haben, obwohl doch eher „mehrere Leben“ im Sinne der Persönlichkeitsentwicklung innerhalb eines einzigen Menschenlebens gemeint waren.

Ein anderer ist es, dass das Konzept vom „Sterben“, wie wir es kennen, möglicherweise auch kein anderer Vorgang ist als ein weiterer Schritt in einem „universellen Entwicklungskreislauf“, bei dem wir eben dann nicht mehr in unserem bisherigen Körper mit einer weiterentwickelten Persönlichkeit wiedergeboren werden, sondern in anderer Form (oder auch gar nicht). Möglicherweise ist eine „Erkenntnis“ nichts Anderes als ein Sich-Verbinden nicht nur mit dem eigenen Unterbewusstsein, sondern in eine Art Mehr- oder sogar All-Bewusstsein (es gibt einige Hinweise darauf). Und irgendwann ist es einigen von uns vielleicht einfach zu blöd, danach noch eine Re-Integration in einen neuen (physischen) Alltag anzustreben (wie es ja im Hinduismus angestrebt wird soweit ich das verstanden habe).

NatĂŒrlich können dies am Ende (oder besser ausgedrĂŒckt: bis zum Ende) nur Spekulationen bleiben. Trotzdem ist fĂŒr mich auffĂ€llig, dass dieses Modell sowohl in der Heilung, im Lernen, in den meisten Mythen (siehe auch „Der Heros in Tausend Gestalten“) wie auch den meisten religiösen Traditionen wiederzufinden ist.

Seit ich vor einigen Jahre erstmals in einer Vorlesung des erwĂ€hnten Therapeuten Ralf Bolle von diesem Modell gehört und darĂŒber geschrieben habe, haben mir unzĂ€hlige Menschen, denen ich davon erzĂ€hlt habe, unabhĂ€ngig voneinander erzĂ€hlt, wie wertvoll es auch in ihrem Leben bereits gewesen ist. Deswegen war es mir wichtig, nun noch einmal eine aktualisierte Zusammenfassung zu verfassen.

Niklas

Ein bisschen lĂ€cherlich fĂŒhlte er sich schon. Seit lĂ€ngerem hatte er sich gefragt, warum er eigentlich tatsĂ€chlich nie Alkohol trank, und war der Antwort bisher immer ganz gut aus dem Weg gegangen. Jedes Wochenende war es ein sich wiederholendes PhĂ€nomen, dass der am wenigsten Betrunkene die anderen nach Hause brachte, und ĂŒber die letzten zehn Jahre war er des Öftern dieser am wenigsten Betrunkene gewesen. Immer wieder war er gefragt worden, warum er nichts trinke, und im Grunde war ihm kein sinnvoller Grund eingefallen, dafĂŒr aber die sich schlau anhörende Antwort „Warum sollte ich schon etwas trinken?“. Das brachte ihm meistens entweder Respekt ein oder ein zum Schweigen gebrachtes GegenĂŒber, das ihn fortan mit dieser Frage in Ruhe ließ und sich andere, willfĂ€hrigere GefĂ€hrten fĂŒr seine alkoholischen Genusserlebnisse suchte.

Fragen hatten die bedrohliche Eigenschaft, dass sie nach Antworten verlangten. Und weil er es geĂŒbt war, anderen Fragen zu stellen, die sie in der Tiefe aufwĂŒhlten und die Wahrheit ans Licht brachten, war der Versuch einer Verteidigung gegen die ihn nun mit sich selbst konfrontierenden Fragen im Grunde zwecklos. Fast drei Monate war er den Fragen nun recht erfolgreich ausgewichen, nun aber zerrten sie die Antwort gnadenlos in sein Bewusstsein: ja. Es mochte von außen kaum erkennbar sein, mochte als mentale StĂ€rke, als ĂŒberragende Selbstkontrolle interpretiert werden, aber im Grunde war er doch in seinem mangelnden Vertrauen auf sich selbst zurĂŒckgeworfen.

Doch einmal zugelassen, brachten die Fragen noch ganz andere unerwĂŒnschte Folgefragen in sein Bewusstsein. Er hatte sich mit verdĂ€chtig vielen Menschen umgeben, die ihn brauchten. Wenn er von anderen gebraucht wurde, so war es wohl selbstverstĂ€ndlich, fĂŒr den anderen da zu sein. Er selbst brauchte niemanden. War der große Held, der zwar bisweilen ein wenig an seiner ÜberschĂ€tzung, an seiner Selbstaufopferung litt, aber er kam klar. Zwei Tage im Bett, alles wieder gut.

Entwicklungshilfeprojekte kam ihm in den Sinn, und dass diese hĂ€ufig AbhĂ€ngigkeits-Situationen kreierten, die dann – um als Projekt Spenden etc. lukrieren zu können und die Initiatoren zu ihrer Arbeit zu berechtigen – darauf angewiesen waren, dass es weiter Menschen gab, die sie auch brauchten. Die damit ein – oft unbewusstes – Eigeninteresse daran hatten, dass es den ihnen anvertrauten Menschen nie so gut ging, dass sie selbst ĂŒberflĂŒssig wurden. Hatte auch er Menschen, denen er angeblich „half“, durch seine eigene Notwendigkeit, „Helfer“ zu sein, geschadet?

Die Antwort tat weh, denn wenn er ehrlich zu sich selbst war, musste er auch diese Frage bejahen. Er hatte Menschen um sich gebraucht, die ihn brauchten, um sich der Frage zu entziehen, was er selbst brauchte. Er hatte diese Menschen gefunden, gewissermaßen an sich gebunden, um nie in die Situation zu kommen, nicht im Außen gebraucht zu werden. Ehrlichkeit tat weh, war schwer auszuhalten, aber nach all den Jahren spĂŒrte er auch, dass es nun kein ZurĂŒck mehr gab, dass er sich nun endlich dem stellen musste, was er all die Jahre erfolgreich vermieden hatte.

Sie hatte ihn sicher heimgebracht, hatte ihn etwas ausgelacht und gemeint: „Das nennst du ‚dich betrinken‘?“, aber darum war es nicht gegangen. Er hatte ihr vertraut. Sie hatte sein Vertrauen gerechtfertigt. Erstaunt wurde ihm bewusst, dass er nun gefĂŒhlt wieder freier atmen konnte, dass sich ihm eine Welt der Möglichkeiten eröffnete, die er vor vielen Jahren aus Unwissenheit und Verletztheit bereits abgeschrieben hatte. Liebe durchströmte ihn, Neugier auf diese Welt, die nur darauf wartete, entdeckt, erfĂŒhlt, erschmeckt, erlebt zu werden. Sie lĂ€chelte ihn im Dunkeln an.

Nun endlich, nach beinahe zehn Jahren, war er nun endlich nicht mehr in letzter Konsequenz allein.

Ich arbeite als innere Geburtshelferin. Meine Aufgabe ist es, eine förderliche Umgebung fĂŒr  innere Entwicklungen zu schaffen. Ich muss sagen, es ist ein sehr interessanter Beruf, weil ich durch meine Arbeit viel mit den AbsurditĂ€ten des Menschlichen zu tun habe.

­­­Da wurde den Menschen ein gigantisches Spektrum an möglichen GefĂŒhlszustĂ€nden mitgegeben, da ist in allem was sie beobachten können klar aufgezeigt, dass VerĂ€nderung einen gewissen sich wiederholenden Ablauf dieser GefĂŒhlszustĂ€nde voraussetzt – fast als wĂ€re es ein Schummelzettel, um kontrollieren zu können, dass man auf dem richtigen Weg ist – und was machen die Menschen? Sie teilen das Spektrum in „gut“ und „schlecht“ auf und weigern sich, die GefĂŒhlszustĂ€nde der zweiten Kategorie zu erleben. Weigern sich! Einfach so! Und behaupten dann gleichzeitig ernsthaft vor anderen Menschen, sie wĂŒrden sich doch „sooo sehr“ eine VerĂ€nderung wĂŒnschen.

Das Aufkommen meiner Profession war die notwendige Antwort auf das Dilemma, das daraus entstand. Ich und meine KollegInnen, wir halfen den Menschen, die bereit dafĂŒr waren, sich den notwendigen Entwicklungsprozessen zu öffnen. Was dann passierte, war umso skurriler: mit der Zeit teilte sich die Menschheit auf in jene, die dafĂŒr offen waren, und jenen, die es sich der eigenen Ansicht nach nicht leisten konnten. Mehr oder weniger zufĂ€llig wurden ein Teil der ersten Gruppe mit großartigen Ehrungen versehen, wĂ€hrend der Rest dieser Gruppe fĂŒr absonderlich oder gar krank gehalten wurde. Das war nun doch ein sehr seltsames PhĂ€nomen: diejenigen, die am meisten litten (ohne es zu fĂŒhlen, weil sie schlicht „steckengeblieben“ waren), schauten herab auf die „Kranken“, von denen sie sich abgrenzen wollten. Aber beteten jene an, die die „Krankheit“ bereits durchschritten hatten, wollten sein wie sie, ohne selbst den notwendigen Weg zu gehen. Wollten-

Nun habe ich mich in historischen Anekdoten verrannt! Bitte entschuldigen Sie meine Zerstreutheit, ich bin noch ein wenig verĂ€rgert ĂŒber meinen letzten Klienten. Verstehen Sie mich nicht falsch, der Klient selbst war fĂŒr einen Menschen der sogenannten „modernen“ Generation erstaunlich aufgeschlossen fĂŒr meine Arbeit. Er war bereit und freute sich darauf, seine inneren RĂ€umlichkeiten, die fĂŒr sein zukĂŒnftiges Sein zu eng geworden waren, aufzugeben und umzugestalten. Wir hatten bereits eine ansprechende Farbwahl getroffen und den Grundriss gezeichnet, nun war alles was uns noch zu tun blieb die Zeit und Energie aufzuwenden, um der VerĂ€nderung auch Raum zu geben.

Leider war mein Klient in einem Umfeld aufgewachsen, das kein sehr ausgeprĂ€gtes VerstĂ€ndnis fĂŒr tiefe VerĂ€nderungsprozesse hatte. Als mein Klient sich nun gemeinsam mit mir in seine inneren RĂ€umlichkeiten zurĂŒckziehen wollte um diese nach seinen zukĂŒnftigen BedĂŒrfnissen neu zu gestalten, fing seine  Umwelt an ihn aufrĂŒtteln, ihn aus seiner „Lethargie“ reißen zu wollen. Weil er seine Aufmerksamkeit auf sein Inneres richtete, wurde er im Außen vermisst, und nun standen zahlreiche seiner Freunde bereit, ihn vor mir zu „erretten“. Anfangs ignorierten wir diese „Erdbeben“ noch recht erfolgreich, aber irgendwann wurden ihm die Ă€ußeren AnstĂ¶ĂŸe zu viel, und mein Klient fing an, sich mit ihren Klagen zu beschĂ€ftigen. Er fing an, mir zu misstrauen, glaubte seinen alten Freunden, er wĂ€re „depressiv“ geworden, und dies dĂŒrfe natĂŒrlich nicht sein!

Ich arbeite professionell, ich drĂ€nge mich nicht auf, wo ich nicht mehr willkommen bin – also ging ich. Er fand – mit UnterstĂŒtzung seiner Außenwelt – langsam wieder zurĂŒck in sein vorheriges Leben. Manchmal, wenn ich die Zeit finde, beobachte ich ihn. Er sieht nicht unbedingt unglĂŒcklich aus, aber dort, wo er GlĂŒck fĂŒhlt, wirkt er ebenso gehemmt, ist in ihm zu wenig Platz dafĂŒr. Wohl weil er sich am Ende doch gegen den Schmerz entschieden hat, der auch den Raum fĂŒr die Freude erweitert.

WĂ€re ich ein Mensch und fĂ€hig, menschliche GefĂŒhle zu fĂŒhlen, so wĂŒrde ich mich wohl unverstanden fĂŒhlen. Ich bin nicht der Schmerz, nicht die Apathie, nicht die Auswegslosigkeit, diese sind Fakten dieser Welt, an denen auch ich nicht rĂŒtteln kann. Ich bin Geburtshelferin, bin diejenige, die Menschen unterstĂŒtzt, das notwendige Spektrum an GefĂŒhlszustĂ€nden zu durchlaufen, um Raum in sich fĂŒr die Freude die sie sich wĂŒnschen zu schaffen. Ich bin gefĂŒrchtet, obwohl ich doch die Lösung bin. Skurrile Welt! Aber wo bleiben meine Manieren? Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt!
Ich bin die Depression, Geburtshelferin innerer Entwicklungsprozesse.
Kennen wir uns schon?

Letzten Mittwoch habe ich in einer letzten Marathon-Session das Manuskript fĂŒr mein erstes „richtiges“ Buchprojekt ĂŒber sinnvolle Meetings und Teamsitzungen soweit fertiggestellt, dass ich es fĂŒr „bereit“ hielt, Test-Lesern vorgelegt zu werden. UrsprĂŒnglich hatte ich mir vorgenommen, bis Februar soweit zu sein, aber nach einer ersten „Shitty draft“-Version begann ich mit der zweiten dann anspruchsvoll zu werden. Gewöhnt, Artikel oder kleinere Geschichten von 3-4 Word-Seiten am StĂŒck zu schreiben, oft auch gleich zu ĂŒberarbeiten und dann rasch zu veröffentlichen, ist der Abschluss grĂ¶ĂŸerer Schreibprojekte fĂŒr mich eine riesige Herausforderung.

Womit ich gar nicht gerechnet hatte:  wie klein der Prozentsatz der getippten Wörter ist, der letztendlich in der Endversion ankommt. In Zahlen ausgedrĂŒckt handelt es s ich (derzeit, ich werde wohl anhand des Feedbacks zur jetzigen  Version noch einmal sehr viel um- und neu schreiben, bis ich – und meine Testleser – zufrieden sind) wohl um maximal  noch 20%. Anders ausgedrĂŒckt: fĂŒr ein 100-Seiten-Buch schreibe ich in Wahrheit gut 500 Seiten, von denen der Leser am Ende den Löwenanteil gar nicht zu Gesicht bekommt. Vielleicht ist es deswegen so schwer, die Arbeit eines Autors (oder KĂŒnstlers allgemein) von außen zu bewerten: man sieht immer nur den ĂŒber der OberflĂ€che sichtbaren Teil des „Eisberges“ an Arbeit, und das Werk wird auch noch umso besser, je mehr sein Ersteller es reduziert hat.

Eine weitere ĂŒberraschende Erfahrung war es, festzustellen, dass ein Teil von mir massiv Angst davor hat, fertig zu werden und vor allem fĂŒr das fertige Werk Geld zu verlangen. Ich schreibe mittlerweile seit vielen Jahren regelmĂ€ĂŸig und gerne auf meinen zwei Blogs, werde auch regelmĂ€ĂŸig gelesen (Danke an dieser Stelle fĂŒr die teilweise bereits jahrelange treue Leserschaft!) und freue mich sehr darĂŒber. Aber tatsĂ€chlich Geld mit dem Schreiben zu verdienen, das fĂŒhlt sich wie eine Art „magische Grenze“ an, die einerseits wĂŒnschenswert erscheint, andererseits auch beinahe „identitĂ€tsgefĂ€hrdend“ wirkt. Ich kenne diese magische Grenze aus ErzĂ€hlungen von Bekannten und Freunden, die aus ihrer Leidenschaft einen Beruf machen oder zumindest ein Nebeneinkommen erzielen wollten, nur leider kaum jemanden, der sie auch mutig ĂŒbertreten hat, was das Unternehmen in Ermangelung von Vorbildern nicht unbedingt erleichtert.

Und letztlich stelle ich gerade einerseits genervt von mir selbst als auch andererseits fasziniert fest, dass ich mich nach dieser ersten Vor-Veröffentlichung des Beta-Manuskripts am liebsten fĂŒr mehrere Tage in einer Höhle verkriechen und weder Tageslicht noch Menschen sehen will. Angeblich nennt sich der Fachbegriff dafĂŒr laut kurzer Recherche „PPD – Post Publication Depression“ und beschreibt einen völlig normalen Prozess fĂŒr Autoren. Na dann: offensichtlich ĂŒberschreite ich gerade die identitĂ€tsgefĂ€hrdende oder doch wohl vielmehr identitĂ€ts-verĂ€ndernde Grenze, die es mir ermöglichen wird, es fĂŒr denkbar zu halten, dass jemand tatsĂ€chlich fĂŒr mein geschriebenes Wort Geld zu bezahlen bereit ist. Nach dem hier schon des Öfteren beschriebenen Heilkreis befinde ich mich dabei wohl einfach noch in der Frustrations-Phase, die jeder signifikanten Entwicklung vorangeht. Was von außen betrachtet sehr logisch und im Nachhinein betrachtet notwendig erscheint,  ist nur leider im Zustand des Erlebens eine einzige Qual.

Ich habe mich gestern  und heute schon den ganzen Tag damit gequĂ€lt, ob ich ĂŒber diesen Zustand schreiben sollte, weil er nur sehr am Rande direkt mit „Bildung“ zu tun hat und auch nicht wirklich die Form einer Geschichte hat. Allerdings weiß ich ja mittlerweile aus langjĂ€hriger Erfahrung, dass mir in solchen geistig/seelisch verwirrten ZustĂ€nden immer nur das Schreiben hilft, Ordnung in mein Innenleben zu bringen, wie in einer Art Selbst-Therapie. Was mir wiederum – beruhigenderweise – zeigt, dass die „magische Grenze“ des mit-dem-Schreiben-Geld-verdienens  als identitĂ€tsstiftende VerĂ€nderung im Grunde auch nur eine weitere Illusion ist: Ich bin lĂ€ngst Autor, auf eine viel identitĂ€tsstiftendere Art und Weise, als es der Erwerb von Geld durch TĂ€tigkeit jemals ausdrĂŒcken könnte.

Eine weitere Erfahrung, die ich mit den Jahren gewonnen habe, ist jene, dass das augenscheinlich Persönlichste in Wahrheit oftmals das Unversalste, Allgemeinste ist, nur in verschiedenfarbigen KostĂŒmen. In der Hoffnung, aus meinen individuell qualvoll erlebten ZustĂ€nden durch ein Davon-ErzĂ€hlen, ein Sichtbarmachen einen Mehr-Wert fĂŒr andere zu machen, aus einem destruktiv erlebten Leiden etwas Konstruktives  zu erschaffen, veröffentliche ich nun nach lĂ€ngerer Überlegung doch diesen Text.

Möge sich ein jeder darin finden, was er zu finden braucht.

Niklas

Da ich nun nicht mehr an einer Regelschule arbeite und mich in einer Position befinde, in der ich ĂŒber die Aufnahme, Ablehnung wie auch Verabschiedung der die Institution besuchenden Kinder und Jugendlichen zu entscheiden habe, stellt sich fĂŒr mich die Frage, ob es fĂŒr die langfristige Entwicklung der Besucher besser ist, den Besuch bedarfs- oder beziehungsorientiert zu regeln. Bedarfsorientierung wĂŒrde bedeuten, den Besuch davon abhĂ€ngig zu machen, ob der Besucher gerade Bedarf an (Lern-)UnterstĂŒtzung hat, was einerseits eine gewisse Freiwilligkeit des Besuches voraussetzt, andererseits aber bei einer Art „Slot-System“ auch bedeutet, dass die – begrenzten – PlĂ€tze fĂŒr Besucher fĂŒr diejenigen reserviert sind, die (lerntechnisch) tatsĂ€chlich bedĂŒrftig sind. Oder im Umkehrschluss: wer zu gute Leistungen bringt, ist raus. Nicht unbedingt die beste Voraussetzung fĂŒr die Verbesserung der Leistungen.

Eine andere Variante (die ich derzeit prĂ€feriere) wĂ€re ein eher beziehungsorientierter Ansatz, der in seiner Ganzheitlichkeit mehr als die eine Rolle des BedĂŒrftigen, des UnterstĂŒtzenswerten ermöglicht und den Besucher damit weniger in seiner Rolle einzementiert. In der Folge kam mir dann der Titel dieses Artikels, die „3 heilsamen Erfahrungen“, in den Sinn. Erfahrungen, die ich nun nĂ€her beschreiben möchte:

  1. Ich darf bedĂŒrftig/imperfekt sein

Diese heilsame Erfahrung beschreibt die Wahrnehmung einer Umgebung, in der jemand zu der Wahrheit, zum realen Ausmaß seiner Kompetenz stehen kann, ohne fĂŒrchten zu mĂŒssen geĂ€chtet, ausgelacht oder sonstwie beschĂ€mt zu werden. Es  ist die Scham darĂŒber, etwas (noch) nicht zu können, was wir glauben, dass wir schon können sollten, die verhindert, dass wir in Zukunft mehr können werden. Es ist der Mut, zur Wahrheit im Moment zu stehen, die Entwicklung ermöglicht. Es braucht die heilsame Erfahrung, dass mein aktueller Stand an Kompetenzen nicht dazu fĂŒhrt, ausgeschlossen zu werden. Ich muss noch nicht gelernt haben. Ich darf noch lernen.

  1. Ich kann kompetent sein

Diese heilsame Erfahrung beschreibt die Wahrnehmung der eigenen Kompetenz und Selbstsicherheit bezogen auf bestimmte FÀhigkeiten oder Wissensgebiete,  und der einfachste Weg, diese Erfahrung zu machen, ist jemand anderen erfolgreich etwas zu lehren. Ich bin kompetent genug, zu lehren.

  1. Ich darf einfach nur sein

Die dritte heilsame Erfahrung beschreibt die Loslösung sowohl von der Rolle des Lernenden als auch des Lehrenden, was in gewisser Weise der Muße entspricht. Ich darf auch nichts tun. Nichts darstellen. Ich darf einfach nur ich sein.

Das Problem der „passenden“ Zeit jeder Rolle

Nun gibt es – gesamtgesellschaftlich betrachtet – eine Art Konsens, dass jede dieser Erfahrungen grob einer bestimmten Zeit oder Lebensphase zugeordnet ist. Die Erfahrung der BedĂŒrftigkeit wird Kindern, Jugendlichen und vielleicht noch jungen Erwachsenen zugestanden, aber ab einem gewissen Alter hat man dann schon auch kompetent zu sein und sollte etwas „schon lĂ€ngst wissen“. Erwachsene Besucher und Mitarbeiter haben dadurch Schwierigkeiten, sich eine gewisse BedĂŒrftigkeit oder Noch-Nicht-Kompetenz einzugestehen, was ihre eigene Weiterentwicklung unnötig hemmt.

Kompetenz wiederum wird eher dem Erwachsen-Sein wie dem Alter zugeordnet, was zur Folge hat, dass vorhandene kindliche Kompetenz im Großen und Ganzen meist völlig ĂŒbersehen und schon gar nicht erwartet wird.

Das Problem der DualitÀt der Rollen

Muße hingegen wird als eine Art Gegenpol zur Arbeit angesehen, was im Bereich der PĂ€dagogik zu der etwas absurden Situation fĂŒhrt, dass Lehrer wĂ€hrend der Arbeitszeit ein BedĂŒrfnis nach „aktivem Lehren“ haben – und Lehren fĂŒr gewöhnlich einen zu Belehrenden braucht. Daher muss der SchĂŒler in der Arbeitszeit des Lehrers eben auch arbeiten – und das relativ unabhĂ€ngig vom tatsĂ€chlichen Nutzen fĂŒr den SchĂŒler. Anders ausgedrĂŒckt:  Die den ersten zwei heilsamen Erfahrungen verwandten Rollen bedingen sich gegenseitig. Es braucht einen SchĂŒler fĂŒr einen Lehrer, oder er ist nur ein verwirrter Mensch, der mit sich selbst zu reden scheint. Derjenige, der die Erfahrung der Kompetenz sucht, in dem er lehren möchte, braucht also den BedĂŒrftigen als Gegenpart, um sich selbst eine heilsame Erfahrung schenken zu können. Die einfachste Möglichkeit, auch die dritte heilsame Erfahrung machen zu dĂŒrfen, ist es, auf Menschen zu treffen, die diese selbst aushalten, ohne in die erste oder zweite zu rutschen (BedĂŒrftigkeit oder Helfen-MĂŒssen).

Wenn ich nun allen Besuchern der Institution, in der ich arbeite, diese drei heilsamen Erfahrungen ermöglichen möchte, so muss ich mich fragen, ob ich diese drei heilsamen Erfahrungen fĂŒr mich selbst bereits oft genug gemacht habe, um sie jeweils auch anderen zu ermöglichen. Bin ich kompetent genug, um andere so lehren zu können, dass sie sich ihre BedĂŒrftigkeit erlauben können? Kann ich mir also auch als Erwachsener erlauben, inkompetent zu sein, um einem Kind oder Jugendlichen die Erfahrung der Kompetenz zu ermöglichen, mich zu lehren? Kann ich es aushalten, (auch vor anderen, nicht nur wenn niemand zusieht!)  nichts Offensichtliches zu tun, um auch anderen die Erfahrung der Muße zu ermöglichen?

Niklas

Nachdem ich jetzt eine Stelle als Volksschullehrer bekommen habe, gibts zahlreiche GrĂŒnde, Kinder-Geschichten zu schreiben und mich auch im Vorlesen zu ĂŒben. Nachdem Lunea Löwenzahn gut bei den Kindern angekommen ist, hab ich mich mal an einer Lautgeschichte zum Thema FrĂŒhling versucht – einer Geschichte, bei der möglichst viele Laute/GerĂ€usche vorkommen – viel Freude damit!

In einem WĂ€ldchen, fern von hier
Da lebt ein ganz besonderes Tier.

Es war mal rund, war mal ein Ei,
Da macht es Tusch!, und ist entzwei.
Heraus, was kribbelt krabbelt da?
Kommt eine Raupe, es ist wahr!

Doch wÀhrend Raupen sonst nur tapsen
Und nach ‘nem kleinen Salatblatt hapsen
War diese Raupe ‘n großes Ding
Drum nannte man‘s Ein-Meterling.

Weil Raupen großer Hunger plagt
Ein-Meterling geht auf die Jagd
Doch oh! Statt nur Salat verdrĂŒckt
Ein-Meterling nen Baum verschluckt

Da trommeln die Tiere vom Wald ganz laut
Damit Ein-Meterling nicht alle BĂ€ume verdaut
Sie rufen zusammen zur Raupe hoch
Ein-Meterling, so hör uns doch!

Doch Ein-Meterling, der schmatzt zuviel
Und kennt am Ende nur ein Ziel
Zu essen, zu fressen, zu verdauen
Und sich dann ‘nen Kokon zu bauen.

Und wirklich hört das Trampeln auf
Ganz still wird’s plötzlich, hörst du’s auch?
Und schau mal, was ist dieses Ding?
Ist’s gar Ein-Meter-Kletterling?

Das klettert ganz rasch ‚nen Baum hinauf
Der LÀrm der hört ganz plötzlich auf
Die Tiere seufzen, endlich Ruhe!
Das Tier, das machte so viel MĂŒhe!

Nun kann man wieder was verstehn
Hasen klopfen hören, Winde wehn!
So still ist’s nun, das neue Ding
Das Ein-Meter-Kletterling

Doch schon machts Knacks, und raus da flattert
Ein neues Tier, noch ganz verdattert
Die Tiere stöhnen, kein neues Ding!
Ein-Meter-Kletter
 Schmetterling?

Doch dieses Tier ist ziemlich satt
Und macht nicht mehr die BĂ€ume platt
Es flittert, flattert nur umher
Erfreut die anderen Tiere sehr

Ja, in dem WĂ€ldchen, fern von hier
Da lebt ein ganz besonderes Tier
Siehst du wie’s flattert, zur Sonne hin?
Ein-Meter-Kletter-Schmetterling!

Immer wieder in meinem Leben komme ich an den Punkt, dass ich feststelle (oder mir von anderen Menschen rĂŒckgemeldet wird), dass ich offensichtlich in manchen Bereichen sehr extreme CharakterzĂŒge oder Verhaltensweisen besitze. Beispielsweise bin ich außerordentlich gut darin, in Systemen zu denken, was sich unter anderem auch in einer sehr ausgeprĂ€gten EmphatiefĂ€higkeit fĂŒr soziale Systeme wie Institutionen, Familien, Beziehungen bis hin zu ganzen Gesellschaften Ă€ußert. Oft, wenn mir jemand sein Leid in solchen (Beziehungs-)Strukturen klagt, finde ich rasch effektive Lösungsmöglichkeiten. Interessanterweise versagt dieselbe FĂ€higkeit teilweise völlig, sobald ich selbst von einer Situation so betroffen bin, dass ich derjenige sein mĂŒsste, der zu handeln hĂ€tte. WĂ€hrend ich anderen gegenĂŒber eine sehr emphatische Haltung einnehmen kann und ihre „SchwĂ€chen“ so umzudeuten vermag, dass sie sich gestĂ€rkt fĂŒhlen, kann ich das fĂŒr mich selbst nur selten. WĂ€hrend ich in guten Phasen durchaus auch stolz auf meine FĂ€higkeiten sein kann, gelingt mir das in niedergeschlageneren Phasen nur sehr eingeschrĂ€nkt, was zu oft extremen Selbstverurteilungen fĂŒhrt.

Ein weiteres Beispiel, das mir wiederholt auffiel, ist meine UnfĂ€higkeit, mir momentane emotionale ZustĂ€nde spĂ€ter auch als GefĂŒhl wieder zu vergegenwĂ€rtigen. Wenn ich mit jemandem einen Streit habe, kann ich mich eine Woche spĂ€ter zwar auf logischer Ebene daran erinnern, aber mir fehlt dazu das negative GefĂŒhl, und es fĂ€llt mir sehr schwer, die Wut und den Ärger dann weiter aufrechtzuerhalten. Das ist in den meisten FĂ€llen eine sehr angenehme Eigenschaft und wird als FĂ€higkeit, zu verzeihen, interpretiert, aber in den wenigen Situationen, in denen mir Menschen tatsĂ€chlich Schaden zufĂŒgen, muss ich aktiv Energie aufwenden, um ihnen nicht stĂ€ndig wieder alles verziehen zu haben und mich wieder mit ihnen zu treffen, als ob nie etwas Schlimmes passiert wĂ€re. Eine weitere oft problematischere Auswirkung davon (zumindest aus meiner Sicht betrachtet, die meisten meiner Freunde haben sich wohl schon daran gewöhnt) ist es auch, dass es mir dadurch schwer fĂ€llt, mich an positive Verbundenheit mit Menschen, die ich gerne habe, zu erinnern. Ich weiß zwar auf logischer Ebene, dass ich eine Familie und Freunde habe, die mich unterstĂŒtzen, wenn ich sie brauche, und wenn ich sie treffe, fĂŒhle ich eine tiefe Verbundenheit mit ihnen. Aber wenn ich dann beispielsweise alleine in meiner Wohnung bin und nicht weiter weiß, fĂŒhle ich die Verbundenheit, die so nötig wĂ€re, dann nicht. Ich kann sie mir zwar mit Logik ein StĂŒck weit zurĂŒckholen, aber das ist natĂŒrlich nicht dasselbe.

Vor einigen Tagen, als mir diese ganzen Prozesse wieder einmal in ihrer ganzen Auswirkungen bewusst geworden sind und ich gemerkt habe, wie sehr ich auch unter ihnen leiden kann, hat mir meine Freundin einige schöne Worte gesagt – sinngemĂ€ĂŸ ein „genau dafĂŒr mag ich dich“. Und hat mir erklĂ€rt, was ich ohnehin eigentlich weiß und anderen in meiner Situation gerne als Rat weitergebe, aber fĂŒr mich selbst nicht leisten kann: alles, was Menschen zu den Menschen macht, die sie sind, kann je nach Situation positiv wie negativ sein. Und sie hat natĂŒrlich Recht. In gewisser Weise sind wir Menschen ja alle schon alleine deswegen unvollkommen, weil jede starke CharakterausprĂ€gung uns immer sowohl Vor- als auch Nachteile verschafft. Das macht uns ja einzigartig. Und trotzdem gibt es in mir offensichtlich einen Bewertungsprozess, der mich dafĂŒr verurteilt, nicht nur in jeder Situation positive Charakter-Eigenschaften zu haben.

Flexibles und starres Verhalten

Ich glaube, um diesen Bewertungsprozess zu verstehen, muss ich zuerst einmal einen anderen Gedanken ausfĂŒhren – den des flexiblen Charakters oder des flexiblen Verhaltens. Es gibt ja möglicherweise zu einer jeden Situation eine Art von „perfekter Reaktion“, die ein 100%iges Verstehen darstellen wĂŒrde. Wenn ich jetzt auf einen Impuls von außen, z.B. „Freund weint“ immer mit derselben Reaktion, z.B. „Kopf streicheln“ reagieren wĂŒrde, so sorgt das zwar fĂŒr eine gewisse Berechenbarkeit, aber wird ihm nicht immer hilfreich sein. Wenn ich immer vorhersehbar und gleich reagiere, kann jemand, der genau diese Reaktion braucht, in solchen Situationen zu mir kommen. Es gibt ja zum Beispiel Menschen, die versuchen, immer alles optimistisch zu sehen. Das kann in vielen Situationen hilfreich sein, aber manchmal auch dazu fĂŒhren, dass sich jemand mit einer Problematik nicht verstanden oder alleingelassen fĂŒhlt. Und hier kommt dann das ins Spiel, was ich in Ermangelung eines sinnvollen anderen Begriffs „flexibles Verhalten“ nennen wĂŒrde, nĂ€mlich eine (bewusste oder unbewusste) Auswahl aus verschiedenen möglichen Reaktionen basierend auf dem, was man fĂŒr richtig hĂ€lt.

Weil dieses flexible Verhalten ĂŒblicherweise in den meisten FĂ€llen hilfreicher sein wird als ein starres Verhaltensmuster, ist es mir ein Anliegen, da möglichst viel zu lernen. Offensichtlich existiert aber in meinem Kopf ein Anteil, der da einen absoluten Bewertungsmaßstab anlegt und von mir absolute FlexibilitĂ€t und perfekte Reaktionen auf Anforderungen meiner Umwelt verlangt, was wohl schwer bis unmöglich zu erreichen ist. Es ist interessant, wie dieser Anteil in mir es immer wieder fertigbringt, mir faktisch unmöglich zu erreichende Ziele als „Mindestanforderung“, um geliebt oder auch nur akzeptiert zu werden, zu verkaufen.

Intuition oder Methodik?

Nun kommen wir langsam auch ein StĂŒck weit zurĂŒck zum Thema PĂ€dagogik oder auch zur Therapie und vielen weiteren Disziplinen. Ein Lehrer ist fĂŒr seinen SchĂŒler nicht sonderlich hilfreich, wenn er ihm völlig unabhĂ€ngig von der Situation immer sagt, der SchĂŒler solle doch als HausĂŒbung einen Aufsatz von 100 Wörtern schreiben, genauso wenig wie ein Therapeut hilfreich sein wird, der unabhĂ€ngig von der Situation dem Patienten immer sagt, er solle doch mal weinen, das helfe immer. Der Lehrer wie der Therapeut wird aus einer FĂŒlle an möglichen Verhaltensweisen die auswĂ€hlen, die er fĂŒr am geeignetsten hĂ€lt, in der speziellen Situation und mit dem speziellen Menschen vor ihm hilfreich zu sein.

Weil es irgendwie auch zum Thema passt und gestern in einem GesprĂ€ch aufkam: ich glaube, es macht einen ziemlichen Unterschied, ob ich diese Entscheidungen bewusst, d.h. rational nach bestimmten Kriterien treffe, oder intuitiv/unbewusst. Es gibt dabei jedoch wohl sogar zwei Möglichkeiten des Intuitiven. Einerseits gibt es das intuitive ErspĂŒren der BedĂŒrfnisse des Anderen, aber dieses intuitive ErspĂŒren basiert auf den bisherigen Erfahrungen. Sowohl in der PĂ€dagogik wie auch in der Therapie gibt es eine Unzahl an Methoden, die zum Teil als der Intuition ĂŒberlegen angesehen werden, doch ich glaube, diese Unterscheidung ist unsinnig. Sinnvoller wĂ€re es, die Erfahrungen, die den Methoden zugrunde liegen, in seinen Erfahrungsschatz zu integrieren, um dann mit diesem vergrĂ¶ĂŸerten Erfahrungsschatz wieder intuitiv arbeiten zu können. Dazu kann es manchmal hilfreich sein, Methoden bewusst auszuprobieren und sich an Raster und Konzepte zu halten, weil einzelne Methoden immer auch die Aufmerksamkeit anders bĂŒndeln.

Problematisch wird es wohl dann, wenn die NĂŒtzung der Methoden zu einer gewissen Starrheit fĂŒhrt. Gestern diskutierten einige Studenten der Theatertherapie beispielsweise darĂŒber, was es bedeute, wenn ein Patient in der Therapie die Hand des Therapeuten berĂŒhren will, und ein Konsens schien zu sein, dass dies eine GrenzĂŒberschreitung und Rollenvermischung und damit abzulehnen sei. Dass darin eine gewisse Gefahr zu sehen ist, kann ich nachvollziehen, aber mit dieser Gefahr ist auch ein gewisses positives Potential verbunden. Strikt auf dieser Regel zu beharren, wĂŒrde demnach eine gewisse Starrheit im Verhalten des Therapeuten nach sich ziehen und ihm damit möglicherweise die Möglichkeit verwehren, seinem Patienten wirklich zu helfen. Dass natĂŒrlich hinter dieser „Methode“ oder Grundregel einige sehr wichtige Überlegungen stecken werden, ist mir klar. Aber wirklich hilfreich wird es wohl sein, die Erfahrung, die zu dieser Regel gefĂŒhrt hat, nachzuvollziehen, um dann aus einem grĂ¶ĂŸeren Erfahrungsschatz heraus wieder intuitiv arbeiten zu können.

Entwicklung des Charakters

Systemisch betrachtet ist das eigene Verhalten fĂŒr sich betrachtet ja selten problematisch. Eine Problematik kommt meist erst dann dazu, wenn sich ein Mensch innerhalb eines sozialen Systems befindet, das daran Anstoß nimmt. So kann beispielsweise ein Kind innerhalb seiner Ursprungsfamilie völlig ausgeglichen und harmlos sein, weil es sich in einem System mit anderen Menschen befindet, das sein Verhalten durch ihr Verhalten ausgleicht. Das selbe Kind kann in anderen Settings (etwa im Kindergarten, in der Schule, mit neuen Freunden, 
) völlig anecken, weil a) das Umfeld noch keine Verhaltensweisen erlernt hat, mit seinem Verhalten konstruktiv umzugehen und b) es selbst noch eine Verhaltensweisen erlernt hat, mit dem Verhalten der Umwelt konstruktiv umzugehen.

Ein Kind lernt in den meisten FĂ€llen wohl relativ rasch, dass bestimmte Verhaltensweisen in manchem Umfeld erwĂŒnschter sind als andere, und wird damit wĂ€hlen, aus einem BĂŒndel an möglichen Verhaltensweisen dann diejenigen auszuwĂ€hlen, die fĂŒr die Situation als „passend“ erscheinen. Ein StĂŒck weit und durchaus positiv betrachtet sind wir damit alle Schauspieler, die immer nur einen Ausschnitt unseres ganzen Charakters zeigen. Je mehr Vertrauen wir in unser Umfeld haben, desto mehr eröffnen wir ihnen dann weitere CharakterzĂŒge. Ich glaube, ein grundsĂ€tzlicher Prozess lĂ€sst sich dabei herausfiltern: ein Kind wĂ€chst in seiner Ursprungsfamilie auf, was eine sehr spezielle AusprĂ€gung des Charakters hervorruft – eben jene, die in dieser Familie Sinn macht (“ursprĂŒngliche AusprĂ€gung”). Irgendwann wird es dann (z.B. durch Kindergarten, Schule, Arbeitswelt) eine Art “verallgemeinertes” Verhaltensmuster erlernen, das der Standard-Modus wird (“angepasste AusprĂ€gung”). Mit der Zeit wird das Kind aber auch die Erfahrung machen, dass es verschiedene Aspekte seines Charakters in verschiedenen sozialen Beziehungen und Systemen ausleben und damit je nach Umfeld unterschiedliche Rollen spielen kann (“differenzierte AusprĂ€gung”).

Problematisch wird es auch dann, wenn Kinder (oder auch Erwachsene) mit Verhalten konfrontiert werden, das sie in keinem Umfeld selbst nachspĂŒren und ausleben können. Was macht etwa ein neunjĂ€hriges Kind, das zufĂ€llig auf offener Straße eine Vergewaltigung mitbekommen hat, dem die Begriffe dafĂŒr noch völlig fehlen? In irgendeiner Weise wird es RĂ€ume suchen, dies zu verarbeiten. Mit GlĂŒck findet es verstĂ€ndnisvolle Erwachsene, die es anleiten, diese Verarbeitung in nicht-destruktiver Art zu vollziehen – im Regelfall wird es bei vielen Erwachsenen jedoch auf wenig VerstĂ€ndnis stoßen, eher im Sinne von „das darfst du ja noch gar nicht sehen“ oder „das kommt erst nĂ€chstes Jahr laut Lehrplan“ oder wie auch immer. Nur: diese unverarbeiteten Erlebnisse bahnen sich ihren Weg – entweder blockieren sie geistige Energie, schaffen AlbtrĂ€ume usw., entladen sich in entsprechenden Aktionen nach außen, etwa indem Situationen „nachgespielt“ werden, oder wandern tief ins Innere, um dann in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden fĂŒr Probleme zu sorgen. Dann landen wir rasch bei den sogenannten “Schatten”, den verdrĂ€ngten Anteilen im Menschen.

Intuition, Methode, Intuition

In dem eingangs erwĂ€hnten GesprĂ€ch habe ich mich auch wieder daran erinnert, dass ich vor einigen Jahren eine Phase hatte, in der ich mich fĂŒr alle Menschen interessiert habe, weil ich eines jeden Geschichte interessant fand und fĂŒr erzĂ€hlenswert hielt. Es war eine Zeit, in der ich viele Stunden damit verbrachte, mit fremden Menschen zu sprechen und mich an ihrer Vielfalt zu erfreuen. Heute merke ich, dass ich das nur noch selten mit erwachsenen Menschen kann und manchmal – ohne es bewusst zu wollen – auf andere Menschen irgendwie herabsehe. Es ist, als hĂ€tte ich meine „Mindeststandards“, ohne es selbst wirklich zu merken, deutlich angehoben, und zwar so weit, dass ich sie selbst oft gar nicht mehr erfĂŒllen kann. Die Sache ist nur die, dass sich Menschen auch ein StĂŒck weit daran anpassen, wie man ihnen entgegentritt. FrĂŒher war ich ĂŒberrascht, wie viele interessante Menschen ich in Fremden gefunden habe, heute bin ich manchmal ĂŒberrascht, wie langweilig die meisten Menschen aussehen und ihr Leben dahinzuleben scheinen. Und fast glaube ich dann wirklich, dass es auch so ist.

In Wahrheit aber dĂŒrfte es sich um eine bequeme Ausrede handeln, die sich mein kreativer Kopf dafĂŒr zurechtgelegt hat, keine Menschen mehr ansprechen zu mĂŒssen. Gibt ja nichts zu sehen, warum also hinschauen? Ich glaube, ein StĂŒck weit geht es auch um ein recht tiefsitzendes psychologisches PhĂ€nomen bei mir: es ist leicht, sich aus einer Position der StĂ€rke heraus anderen zu öffnen. Wenn man sich dann mal nicht so gut, nicht so gehalten fĂŒhlt, könnten das ja auch andere sehen, und das geht ja gar nicht. Eine wirkliche Öffnung funktioniert nur in beide Richtungen. Das, was ich vor Jahren gut konnte, war nur Methode, war mehr krampfhaftes Ansprechen fremder Menschen, um mir selbst zu beweisen, dass ich es ja doch kann, dass ich auch in diesem Bereich gut bin, weil man ja ĂŒberall und immer gut und besser sein muss, um ĂŒberhaupt geliebt werden zu können. Oder zumindest habe ich das wohl tatsĂ€chlich geglaubt, und selbst meine doch sehr ausgeprĂ€gte Logik hat mir dagegen nichts genĂŒtzt.

In gewissem Sinne habe ich vor dieser Phase fĂŒr mich festgestellt, dass ich vom Grundcharakter her so introvertiert bin, dass es mir im Wege steht, und meine Intuition mir dementsprechend rĂ€t, Menschen und tieferen Verbindungen eher aus dem Weg zu gehen. Als mir das mit ungefĂ€hr 14, 15 Jahren bewusst geworden war, habe ich versucht, das ĂŒber die Methode des „Ich spreche jeden an, weil alle sind ja interessant“ zu verĂ€ndern, und ein StĂŒck weit hat es ja auch geklappt. Nur war das dann mit der Integrierung in eine neue, erfahrenere Intuition irgendwie nicht so erfolgreich, weil meine Intuition mir immer noch in den meisten FĂ€llen rĂ€t, Menschen nicht anzusprechen, obwohl es wahrscheinlich nach wie vor viele interessante GesprĂ€chspartner gibt. Manchmal jedoch, vor allem wenn die Sonne scheint und ich mich im Grunde gut und wohl fĂŒhle, geht es mittlerweile auch von selbst, und das freut mich noch viel mehr als all das bemĂŒhte Ich-muss-das-jetzt-schaffen, dass ich frĂŒher an mir hatte. Ein großer Erfolg, vielleicht noch ein grĂ¶ĂŸerer, als seinen Charakter zu verĂ€ndern, ist es ja, seinen bestehenden Charakter zu erweitern – ihn einerseits als solchen akzeptieren zu können, ihm aber weitere Möglichkeiten zur Hand zu geben, auf verschiedenste Situationen zu reagieren – ansonsten besteht ja auch die Gefahr von voneinander relativ unabhĂ€ngigen “Doppelleben”, wie etwa des betrunkenen Hannes und des nĂŒchternen Hannes, die sehr unterschiedliche CharakterzĂŒge nur in dem jeweiligen Zustand ausleben “dĂŒrfen”.

Vielleicht bin ich im Grunde auch einfach ein introvertierterer Mensch, der damit auch andere QualitĂ€ten mitbringt, die extrovertiertere nicht so haben. Ich kann zum Beispiel ziemlich gut zuhören. Es ist oft schwer, die Anteile in mir zu ĂŒbertönen, die mich dafĂŒr manchmal hassen wollen, dass ich bin, wie ich bin. Aber je tiefer ich in meinen GesprĂ€chen zu anderen Menschen komme und je mehr ich ihnen zuhöre, desto mehr erkenne ich, dass ich auch damit nicht alleine bin in dieser Welt. Diese Anteile haben wir wohl alle in uns, nur sind vielleicht nicht alle auch so aufmerksam, sie zu hören und ihr eigenes Verhalten auch als Folge jener Anteile zu reflektieren. In dem Sinne bin ich dann wieder froh, zu sein, wer ich bin, und die Menschen um mich zu haben, die ich um mich habe.

Danke an euch alle.

Niklas

Beim DurchfĂŒhren der Monatsbilanz des letzten Monats war ich ein wenig ĂŒberrascht, wie wenig sich meine Ausgaben trotz einer zweiwöchigen Reise quer durch Deutschland mit meinem Verschwindibus erhöht hatten. Aufgrund der Reise haben sich meine Einnahmen aus der Nachhilfe jedoch um fast 2/3 reduziert, und laut meinen Aufzeichnungen habe ich stolze 3756 km alleine durch meine Deutschland-Reise zurĂŒckgelegt, was alleine Tank-Ausgaben in Höhe von insgesamt 468 Euro ausmacht – die Verluste dieses Monat sind entsprechend hoch. Völlig unnötig war dabei eine Strafe von 50 Euro wegen GeschwindigkeitsĂŒbertretung im Ortsgebiet Wels.

Da ich das GlĂŒck hatte, bei vielen meiner Schulbesuche zum Mittagessen in der Schule eingeladen zu werden, habe ich in der Sparte Essen dafĂŒr einiges einsparen können: im Vergleich zum Vormonat (136) waren es nur noch knapp 66 Euro. Da ich nicht nur die Kosten, sondern auch den Kilometerstand und die getankten Liter mitgeschrieben habe, weiß ich jetzt auch, dass mein Verschwindibus auf 100km im Durchschnitt knapp 7,6l verbraucht hat (mit Fahrrad und ordentlicher Beladung sowie gelegentlichen Staus). FĂŒr weitere Fahrten kann ich nun ĂŒber voraussichtliche StreckenlĂ€nge sowie Benzinpreise planen, wie viel mir das Tanken kosten wird. Nur so als ein weiteres Beispiel, warum es Sinn machen kann, manche Dinge mitzunotieren.

Beten und meditieren

Ich hatte mir ja am Ende des letzten Monats vorgenommen, ĂŒber den ganzen Mai mindestens zwei Mal am Tag zu beten/zu meditieren (was fĂŒr mich den selben Vorgang beschreibt). Ich hatte mir gedacht, es sei wohl am einfachsten, mir das immer am Morgen nach dem Aufwachen und am Abend vor dem Einschlafen anzugewöhnen, aber ich habe mich wohl geirrt. Auch wenn ich es wohl im Durchschnitt geschafft habe, auf die 2x/Tag zu kommen (manchmal öfter, manchmal gar nicht), morgens und abends war es nur sehr selten. Was jedoch gut funktionierte, war die unvermeidlichen Wartezeiten dafĂŒr zu nutzen, anstatt sich zu Ă€rgern, dass man jetzt warten muss, etwa beim Warten auf den Bus.

Da ich ja auf meiner Reise keinen Backofen im Bus mit hatte, war mir auch klar, dass es schwer sein wĂŒrde, meinen Vorsatz der letzten Monate, keine SĂŒĂŸigkeiten zu kaufen, auf der Reise umzusetzen. Ich hatte mit einem Heißhunger auf SĂŒĂŸes gerechnet, aber er blieb aus. Etwas ĂŒber einen Monat durchzuziehen, scheint doch langfristige Gewöhnungseffekte zu bewirken.

FĂŒr diesen Monat werde ich versuchen, tatsĂ€chlich jeden Tag Sport zu treiben, sei es jetzt Laufen, Radfahren, Kraftkammer, Yoga, Tai Chi, Tanzen oder was auch immer, aber ordentlich Bewegung/Anstrengung muss dahinter sein. Da ich mich jedes Mal, wenn ich mich bewege (selbst, wenn es anfangs Überwindung kostet) danach viel glĂŒcklicher fĂŒhle, macht es nur Sinn, das bestĂ€ndig zu machen. Obs wohl funktioniert? Die Bilanz folgt am Ende des Monats


Niklas