Da stand er nun vor den Ruinen seiner Arbeit.
Jahre, die er in den Aufbau einer Infrastruktur der Hoffnung gesteckt hatte, waren dahin. Das Erdbeben, das große Teile des Landes völlig verwüstet hatte, hatte auch ihn, der zu dem Zeitpunkt Tausende Kilometer entfernt gewesen war, zutiefst erschüttert. Man sagte, dass es eine der schlimmsten Erfahrungen sei, die ein Menschen erleben konnte: den Boden unter den  Füßen zu verlieren.  Er war nicht anwesend gewesen, als es passierte. Aber der rettende Boden, der war ab jenem Zeitpunkt auch für ihn in weite Ferne gerückt gewesen.

Und so hatte er sich eine Weile treiben lassen. Hatte Zuflucht, hatte Heimat gesucht in Orten, Menschen, Substanzen, und nur manchmal auch gefunden. Hatte mit dem Boden auch sich selbst verloren geglaubt.

Bis er einige Zeit später wieder jenen Boden betrat, der ihm einst Sinn eröffnet hatte. Die Erde hatte sich beruhigt, wie auch sein Innerstes wieder mehr zur Ruhe gekommen war. Es war etwas Besonderes an diesem Ort zu finden, das ihn nun erneut zu sich rief. Etwas, das er beinahe verloren geglaubt hatte, zerstört im Chaos der bebenden Erde. Und nun, Jahre später, konnte er erneut erahnen, warum er sich damals auf den Weg hierher gemacht hatte. Vieles war in dem Beben zerstört worden, aber dies waren nur äußere, vergängliche Formen gewesen. Etwas Tieferes, Wichtigeres, Ewiges war geblieben.

Die Menschen hier hatten nach den heimatlichen Standards nichts. Und doch waren sie glĂĽcklich.

Das hatte er vor vielen Jahren dem Jüngeren erzählt gehabt, der seinerseits seiner Wege ging, das Amulett wie die Führung des Älteren nah an seinem Herzen. Sie sahen sich nur noch selten. Und doch war auch hier eine Resonanz spürbar, ein Beben, das Worte transzendierte.

Die Menschen dort, nach all der Zerstörung, die waren immer noch so glücklich, erzählte er nun dem Jüngeren, der sich lächelnd an die damaligen Worte des Älteren erinnerte. Und sie haben sich an mich erinnert, auch als von der Arbeit meiner Hände nichts mehr übrig war.

Der Jüngere schwieg, weil seine Worte nur ungenügend ausdrücken konnten, was er als Wahrheit in sich erspürte: Weil diese Menschen, die dich so faszinieren, weise sind. Sie wissen, dass alles Geschaffene wieder vergehen wird, und hängen daher ihr Glück nicht an Vergängliches. Wer nie vergisst, dass nichts selbstverständlich ist, freut sich über jede kleine Annehmlichkeit, und trauert keinem Verlust allzu lange hinterher. Sie erinnern sich nicht an dich, weil sie jetzt die Infrastruktur, die du aufgebaut hattest, nutzen können (die durch das Erdbeben zerstört wurde, was zeigt, wie vergänglich sie war). Sie erinnern sich nicht an das Ergebnis deiner Arbeit, sondern daran, dass du ihnen mit deiner Arbeit dienen wolltest. Du dienst ihnen nicht, wenn du dein eigenes Glück oder deinen eigenen Selbstwert daran hängst, was mit dem Ergebnis deiner Arbeit geschieht. Du dienst ihnen, wenn du ihnen dienst, und damit deine Liebe ausdrückst.

Um all dies klar und unmissverständlich auszudrücken, fehlten dem Jüngeren die Worte, fehlten ihm die notwendige Weisheit. Aber es gab andere Worte in ihm, die nach Ausdruck verlangten.
„Du hast mich auf meinen Weg gebracht“, sagte er zum Älteren. „Du bist einer von vielleicht drei Menschen, die mich in meinem Leben am meisten geprägt haben.“
„Du hast mir geholfen, auf meinem Weg zu bleiben, und zurückzufinden, wenn ich ihn verloren habe“, sagte der Ältere zum Jüngeren.
Und dann umarmten sie sich und schwiegen, weil es nichts mehr zu sagen gab, das nach Worten verlangte.

Das Amulett hatte er längst verloren. Es war nicht mehr notwendig.
Auch so spürten sie die starke Resonanz zweier Herzen, die Gefährten geworden waren, auf Wegen, die sich in ihren Verstrickungen unterscheiden mochten, aber im Endeffekt doch demselben Ziel zustrebten.

Welchem? Das erschien weniger wichtig, als den Weg zurückzulegen, der sich stimmig anfühlte, und sich gegenseitig dabei zu unterstützen, den jeweils nächsten notwendigen Schritt zu setzen.

Waren nicht, im Endeffekt, genau dafĂĽr wahre Freunde da?

Sie waren gekommen, um zu helfen. Ein ganzes Dorf hatte Hunger gelitten, und die örtliche Regierung sah sich außerstande, die Krise zu beenden. Also waren die beiden Geschäftspartner aus den Staaten ihrem Herzen gefolgt und hatten sich bereit erklärt, ein Projekt auf die Beine zu stellen, das den Hunger auch langfristig besiegen helfen würde. Spendengelder waren schnell aufgetrieben, wenn Fotos trauriger indigener Kindergesichter für Plakate vorhanden waren. Und so waren sie beinahe selbst überrascht gewesen, als sie sich einige Monate nach dem ersten Spendenaufruf nun tatsächlich in dem Dorf nahe Lima wiederfanden. Die Finanzierung war gedeckt, der Auftrag war klar: helfen, den Hunger zu besiegen. Für die armen Kinder. Für immer.

Also hatten sie in Lima von einem Großhändler Nahrung gekauft, um es mit einem Lastwagen in das verarmte Dorf zu bringen und dort zu verteilen. Gierig waren die Bewohner über die Essensvorräte hergefallen. Als trauten sie dem Frieden nicht und wollten sichergehen, dass die Bohnen und der Reis bereits im Magen war, wenn der Haken an der Sache klar wurde. Hier in den Dörfern lernte man früh, Geschenke Fremder dankend anzunehmen, ohne erst nach den Beweggründen zu fragen. Ausgenutzt waren sie bereits genug worden von den Gringos mit ihrem überheblichen und selbstzufriedenen Grinsen, warum nicht auch hin und wieder etwas davon haben?

Später, nachdem die größte Not abgewendet worden war, hatten sie eine Schule eröffnet, um den armen indigenen Kindern und Erwachsenen auch so etwas wie Bildung ermöglichen zu können. Doch niemand hatte sie besucht, denn die Kinder wurden gezwungen, auf den Feldern mitzuarbeiten. Erst, als die täglichen Essensrationen davon abhängig gemacht wurde, ob die Kinder auch tatsächlich die Schule besuchten, freuten sich Volunteer-Lehrer aus aller Welt über große Kinderaugen, die ihnen das Gefühl gaben, etwas Sinnvolles für die Welt zu tun. Von ihnen lernten die jungen Peruaner vieles: Englisch, mit Computern umzugehen, Gitarre spielen, Kapitalismuskritik (auch wenn die wenigsten der Kleinen auch nur das Wort aussprechen konnten). In unzähligen unbezahlten Arbeitsstunden bereiteten übermotivierte Freiwillige aus aller Welt die Kinder aus dem armen Dorf auf weiterführende Schulen und sogar für Universitäten vor.

Einige Jahre später bekamen die beiden Geschäftspartner Heimweh und beschlossen, doch wieder in ihre Heimat in den Staaten zurückzukehren. Der Hunger war besiegt, die Kinder genossen eine gute Schulbildung und hatten echte Chancen in der Gesellschaft. Auch die Spender konnten zufrieden sein. Der Auftrag war erfüllt, Zeit, die Zelte abzubrechen. Einer der Einheimischen, Chico, warnte davor, das Dorf jetzt im Stich zu lassen, doch sie hatten nach all den Jahren genug von Peru. Er solle sie für das nächste halbe Jahr noch vertreten und die Hilfe langsam auslaufen lassen, dann blieben nur noch Abschlussberichte zu schreiben und die Freude, tatsächlich etwas beigetragen zu haben, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Chico’s Nachricht, die einige Wochen später bei ihnen einlangte, war jedoch verstörend. Das Projekt hatte zwar geholfen, den Hunger kurzfristig zu besiegen, doch niemand konnte langfristig etwas verkaufen, wenn gleichzeitig dieselben Produkte verschenkt wurden, und so hatten alle Produzenten aufgeben müssen. Es gab nichts mehr zu kaufen. Die Kinder der Produzenten waren alle in die Stadt gezogen, um dort zur Schule zu gehen, und die alten konnten das Land nicht ohne ihre Hilfe bewirtschaften. Die Not war schlimmer als jemals zuvor. Denn einst war es nur der Hunger gewesen, aber Hunger hatten sie immer gekannt und gelernt, mit ihm zu leben. Was neu war, war die Abhängigkeit und die Hilflosigkeit, in die sie die „Entwicklungshilfe“ gebracht hatte.

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Als ich heute in Richtung JKU-Bibliothek radelte, um mir einige weitere Bücher für meine Bachelor-Arbeit zu holen, bemerkte ich erst so richtig, dass die Sonne schien. Nach all den grauen Wintertagen, nach all den Sorgen und negativen Gedanken, schien also doch wieder die Sonne. Ich atmete gierig die frische Luft, die mir der Fahrtwind zum Geschenk machte, und betrat die Bibliothek. So viele interessante Bücher, und doch sollte ich in nächster Zeit nur diejenigen erforschen, die ich für meine Arbeit verwenden konnte. Als ich die Tür hinter mir schloss, liess ich schweren Herzens Werke zurück wie „Bildung für Weltbürger in Zeiten der Globalisierung“. All dies hat nun eine Weile zu warten.

Und als ich dann, vollbepackt mit neuen Ideen vielleicht längst verstorbener Seelen, den Heimweg antrat, kam mir zu Bewusstsein, wie weit mein Leben in so vielen Bereichen nicht dem entsprach, was ich mir unter einem glücklichen Leben vorstellte. Es gab da diesen Traum von einem Leben, das sich im Tun erschöpfte, ohne allzu viel über das Haben nachdenken zu müssen, dessen Wert sich an den Menschen abmessen liess, dessen Leben es berührt und bereichert. Wie schön wäre es, einfach geben zu können, ohne an das eigene Haben denken zu müssen! Einem jeden Bettler geben zu können, wenn schon nicht Geld, dann zumindest ein Stück unser kostbaren Zeit, ein Ohr, eine Schulter oder eine Umarmung. Und doch gehe ich wieder an ihm vorüber. Und doch verplempere ich meine Zeit mit Nichtigkeiten.

Und während ich nun vor meinem Stapel an Büchern sitze und in den Gedanken anderer wühle, fühle ich mich sehr klein. Nicht klein an dem, was ich zu sagen habe, sondern klein an Mut, es auszusprechen. Klein an Mut, die Strapazen zu ertragen, die nötig sind, das, was zu sagen ist, zu Papier zu bringen, und wenn dies bedeutet, das, was ich zu sagen habe, hintanzustellen hinter das, was andere vor mir bereits gesagt haben. Das Gefühl, etwas zu sagen zu haben, ist ein schönes Gefühl, aber es kann im Weg stehen in Situationen, in denen es niemand hören will. Zu geben, wonach niemand fragt, kann ebenso fehl am Platz sein wie für sich zu behalten, was jemand braucht.

Re-volutionen

Vor mir auf dem Schreibtisch liegt eine Ausgabe des Augustin, der Wiener Obdachlosenzeitung, und auf der Titelseite der Ausspruch „Machma halt a Revolution, damit a Ruah is“. Eine Revolution, damit sich endlich einmal die Umgebung ändert, die uns davon abhält, ein wahrhaft glückliches Leben zu führen. Vielleicht sind die Steuern zu hoch. Oder die Wirtschaftslage schlecht. Oder jemand hat uns verlassen. Wir haben doch so tolle Visionen gehabt, und dann spielt niemand mit. Vielleicht sollten wir, die von Revolutionen träumen, endlich aufhören, zu re-voltieren, uns um uns selbst und unsere selbstgemachten Probleme zu drehen und die Umwelt dafür verantwortlich zu machen.

Vielleicht sollten wir, die uns wundern, dass niemand unser Produkt kaufen, unsere Dienstleistung in Anspruch nehmen oder uns einstellen will, uns auch fragen, was unsere Mitmenschen tatsächlich brauchen. Da ist der Kupfermuchkn-Verkäufer, der jemanden bräuchte, der ihm Deutsch beibringt, weil irgendwie immer noch nicht allzu viele Österreicher Englisch mit ihm sprechen können. Da ist die Freundin, die uns keine Umstände machen will, aber dann doch ganz gerne Zeit mit uns verbringen würde. Der Mensch, den wir zutiefst lieben aber dann doch nicht in die Augen sehen und es ihm beibringen können, mit allen unvorhersehbaren Konsequenzen.

Stattdessen verbunkern wir uns hinter verpassten Möglichkeiten und zerbrochenen Träumen, von denen wir nie wollten, dass sie tatsächlich wahr werden, weil es bedeutet hätte, sich von der Sicherheit und dem Komfort des einmal erreichten zu verabschieden und aufs Neue die jugendliche Leichtigkeit auszukosten – nur dieses Mal eben ohne die Sicherheit, dass irgendjemand es schon richten wird, wenn etwas schief geht. Das würde einer Revolution gleichkommen, die die Welt, und zwar die unsere, gehörig aus den Angeln heben würde. Eine Welt, an die wir uns gewöhnt haben, eine Welt, mit der wir uns ausgesöhnt haben, weil die Hoffnung am verblassen ist, dass eine andere Welt besser wäre, oder überhaupt möglich.

Evolutionen

Und doch, immer wieder, wie an diesem wundersam warmen, fast frühlingshaften Tag mitten im Februar, glimmt etwas wieder auf, das ich lange verloschen wähnte: Hoffnung. Hoffnung, dass eine andere Welt eben doch möglich ist, sei sie besser oder schlechter, und noch etwas viel besseres als Hoffnung: den Schimmer einer Chance, einer tatsächlichen Chance, und zwar einer, die ich selbst nutzen oder verstreichen lassen kann. Es mag hoffnungslos sein, die Welt ändern zu wollen, aber vielleicht kann ich diese meine Welt ändern, und wenn nicht dies, so zumindest mein Leben. Ich kann damit hier und jetzt anfangen.

Und doch tue ich es nicht.

Offensichtlich bin ich noch nicht bereit, das Leben zu leben, das ich mir wünsche. Das ist schade, denn in meinen Träumen wirkt es sehr zufriedenstellend auf mich und auf andere. Doch das Schöne daran ist, dass es einzig an mir liegt. Eines Tages, und ich kann mir gut vorstellen, dass es ein ebenso sonniger Nachmittag wie der heutige ist, werde ich soweit sein. Und bis dahin habe ich eigentlich keinen Grund mehr, mich zu beschweren.

Niklas

Vor einigen Tagen sah ich ein Video an, in dem ein Mann sein Experiment beschrieb, einen Monat lang einem jeden, der ihn um etwas beten würde, auch tatsächlich etwas zu geben. Dieser Mann war Fundraiser für eine global agierende Plattform für Sozialprojekte und entdeckte in sich einen Widerspruch zwischen seiner Arbeit und seinem Privatleben, den er zu überwinden suchte. Und dann fiel mir wieder ein, wie oft ich (auch an mir selbst) beobachtet hatte, dass viele Menschen, die auf der Strasse um Geld angeschnorrt werden, entweder die Bettelei ignorieren oder dem Bettler eben seine 1-2 Euro in die Hand drücken, damit er sie in Ruhe lässt.

Es sind, nüchtern betrachtet, zwei Verhaltensweisen, die dem anderen eines klar machen: du interessierst mich nicht. Was mich wirklich interessiert, ist meine Ruhe, meine Erfahrung, ungestört die Landstrasse entlang schlendern zu können, meinen kleinen Kindern nicht erklären zu müssen, warum diese Sozialschmarotzer nicht auch noch von mir unterstützt werden. Warum haben die keine vernünftige Arbeit? Vor einigen Tagen fragte mich ein Freund genau diese Frage, doch als ich ihn aufforderte, diese Menschen doch persönlich zu fragen, gab er zu, dass er Angst vor ihnen hatte. Sie waren ihm unheimlich, undurchschaubar, unnahbar, unmenschlich. Ohne Geschichte. Ohne Zukunft. Zumindest keine, die irgendjemanden zu interessieren scheint.

Man könnte nun natürlich sagen, das alles gehe uns nichts an. Sind selber schuld, dass sie hier sind, sollen doch zurück nach Afrika oder woauchimmer sie her sind, interessiert doch eh keinen. Aber andererseits interessiert es mich eben doch. Was tut dieser Mensch in der Landstrasse? Warum tut er sich das tagein, tagaus an, in klirrender Kälte herumzustehen und seine Kupfermuckn zu verkaufen? Warum sitzen diese Menschen in kleinen Grüppchen auf dem kalten Boden herum? Ertragen es, von allen Seiten angesudert zu werden, während sie sich oft rührend um ihre Hunde kümmern. Was treibt diese Menschen an? Was ist ihre Geschichte? Welche Zukunft erträumen sie sich?

Heute nahm ich endlich meinen Mut zusammen und setzte meinen Plan um, einen dieser Überlebenskünstler der Strasse zu interviewen. Er bekam von mir 10 Euro geschenkt, weil einem jeden bewusst sein sollte, dass der eine Euro, den wir ihnen zur Beruhigung unseres eigenen Gewissens in die Hand drücken, kaum etwas bewirken wird. Aber jemanden als Mensch wahrzunehmen, sich für seine Geschichte und seine Träume, die ihn zum Menschen machen, zu interessieren, mag vielleicht doch etwas bewirken. Vielleicht findet ihr in Zukunft mehr solcher Geschichten hier. Oder könnt sie sogar selbst erzählen, weil ihr den Mut besessen habt, die Mauer, die uns im Alltag trennt, für ein paar Minuten zu überwinden und in ein Herz zu schauen. Aber nun lasst uns beginnen:

Oh lord, won’t you buy me a mercedes benz

Er war aus Afrika nach Österreich gekommen. Wir tun dann immer so, als wäre damit alles gesagt, aber wie einige von euch vielleicht bewusst ist, besteht Afrika aus einer Vielzahl von kleinen und grösseren Nationen mit jeweils unterschiedlicher Kultur. Alleine im Tschad beispielsweise werden um die 250 verschiedene Sprachen gesprochen. In seiner Region gab es kaum Jobs, kaum Geld, kaum Möglichkeiten, etwas aus seinem Leben zu machen. Aber es ging das Gerücht um, in Europa würde es einfach sein, zum gemachten Mann zu werden, und die immer wieder heimkehrenden Einheimischen, die vor Jahren gegangen waren, fuhren ihre Mercedes Benz, also würde schon etwas dran sein. Er wollte also ein österreichisches Visum beantragen, das natürlich abgelehnt wurde. Dazu brauchte man Geld, und Geld hatte er eben nicht.

Irgendwann jedoch erzählte ihm jemand, dass es da andere Möglichkeiten gab, nach Europa zu kommen. Um umgerechnet 20, vielleicht 25 Euro würden sie mit dem Boot hineingeschmuggelt werden. Sie würden schnell Arbeit finden, und es sei sicher. Über Mali ging es dann zur Küste, 50 Menschen in einem Boot. Nur knapp die Hälfte überlebte die Fahrt, weil die andere Hälfte ohne besonderen Grund während der Überfahrt ins Meer geworfen wurde. Sie kamen an in Italien, ohne Pass und natürlich auch ohne Arbeitserlaubnis oder Geld. Ein Zurück gab es nicht mehr, sie mussten sich eben durchschlagen.

Per Anhalter ging es nach Österreich, wo sich das Gerücht vom „goldenen Land“, das die Menschen mit den Mercedes erzählten, als Märchen entpuppte. Es gab hier keine Arbeit, und schon gar nicht für diejenigen, die „inoffiziell“ eingereist waren. Er kam im Winter, ohne Geld, ohne Papiere, ohne Menschen, die ihn liebten oder auch nur kannten, bei denen er die kalten Nächte verbringen oder mit denen er auch nur reden konnte. „Afrikaner überleben“, meinte er schlicht, als ich ihn fragte, wie er das bei diesen Temperaturen aushalten würde. „Und wir lächeln, egal wie traurig wir sind. Siehst du, ich lächle. Aber es ist hart.“

I’m the invisible man

Kurz nach der Ankunft, nach den ersten Nächten auf der Strasse und dem Einsetzen der traurigen Realität, dass er sich in eine Sackgasse verlaufen hatte, kamen die ersten unmoralischen Angebote von „Bekannten“. Es gäbe eine Nische im Handel, in denen eine Arbeitserlaubnis nicht nötig sei. Es sei ein lukratives Geschäft, und er könne sofort anfangen, vielleicht schon bald einer der Mercedes-Menschen sein. Doch er lehnte ab, wohl wissend, dass der Drogenhandel sein Sargnagel sein würde. Nein, er würde lieber auf ehrliche Weise sterben. Und so führt er eben den täglichen Überlebenskampf fort.

Ein Bekannter hat ihm von der Kupfermuckn erzählt, dass es ein ehrlicher Job sei und dass auch er diese Zeitungen vertreiben könne, also fing er eben an. Für jede Zeitung um 2 Euro erhält er 1 Euro, den er behalten kann. Österreicher seien sehr nett, meinte er, in Deutschland würde das gar nicht funktionieren, hätte ihm ein Freund von dort erzählt. Im Durchschnitt verdient er um die 10 Euro am Tag, die er zur Hälfte für eine Nacht in einer Obdachlosenschlafstätte ausgibt, Essen kann er von dem restlichen Geld, wenn er Glück hat, 1 Mal am Tag. Ja, es sei schon hart, und nicht das, was er sich vorgestellt habe, aber Afrikaner überleben. Und lächeln.

Could you be loved?

Welche Perspektiven er für sich sehe, habe ich ihn noch gefragt. Und da hat er mir erzählt, er würde gerne als Student anerkannt werden an der JKU. Aber es kostet Geld, seine in Afrika absolvierten Scheine hier anrechnen zu lassen, um die 800 Euro. In 2-3 Jahren also leistbar, wenn er fleissig spart. Er hofft ja insgeheim dann doch heimlich ein wenig darauf, dass plötzlich jemand kommt und ihm ein wenig unter die Arme greifen kann. Weil es doch bitter ist, wenn es am Geld fehlt, dass man nicht arbeiten darf, um das Geld zu verdienen, das für die Arbeitserlaubnis nötig wäre.

Seinen Master in global management hätte er eben gerne hier in Linz gemacht, einen dreijährigen Studiengang, der ein Jahr hier, ein Jahr in Kanada und ein Jahr in Taiwan absolviert wird. Seinen Wirtschafts-Bachelor hat er ja schon, und auch seinen executive MBA, in Indien gemacht. Mit seiner Bildung, würde sie auch anerkannt werden (also hätte er auch das Geld dafür, weil laut JKU steht dem angeblich sonst nichts im Wege) würde er wohl zu den Besserverdienern Österreichs gehören. Aber er ist halt Schwarz-Afrikaner. Die haben für uns offensichtlich keine Bildung, wenn sie nicht auch Geld haben. Keine Geschichte. Keine Zukunft. Er ist halt Afrikaner. Er wird überleben, und er wird weiterlächeln. Bis er den Durchbruch geschafft hat oder dabei drauf geht.

Auch wenns manchmal schwer ist.

Niklas

Gestern kam ich endlich dazu, einen mir von einem brasilianischen Freund empfohlene Dokumentation, Zeitgeist, anzusehen, und neben einigen Behauptungen, die der Film aufstellt und etwas haarsträubend klingen, wird auch das Bankensystem angesprochen und seine systemimmanenten Problematiken thematisiert. Wer sich nicht die Zeit nehmen möchte, die ganze Doku durchzusehen, dem sei hier eine kurze Zusammenfassung ermöglicht. Eine Warnung am Anfang: alles, was ich hier schreibe, klingt für mich zwar logisch, es ersetzt jedoch nicht die eigene Recherche, die eigene Meinungsbildung eines jeden Einzelnen. Dies gesagt, lasst uns beginnen.

Eine Bank – simpel

Nehmen wir eine durchschnittliche Bank an, nennen wir sie DieBank. Angenommen, DieBank verleiht 1000 Euro an mich, um die Kosten für diesen Blog bestreiten zu können, zur leichteren Berechnung mit 10% Zinsen. Nach einem Jahr beträgt mein Schuldenstand bei der DieBank also bereits 1100 Euro. Ich muss also durch meine Geschreibse hier diese 100 Euro Gewinn machen. Aber woher kommen diese 100 Euro Gewinn? Sie bedeuten einen Verlust von 100 Euro bei einem oder mehreren anderen Menschen zusammen. Mein Gewinn ist der Verlust anderer. Ich zahle also meine erborgten 1000 Euro samt Zinsen zurück an die DieBank. Der Gewinn der DieBank ist der Verlust anderer, und mir bleibt nichts. Bei einem Zinssatz von 10% muss mein Gewinn also höher als 10% sein, um einen tatsächlichen Gewinn auszumachen – muss der Verlust der anderen auch entsprechend höher sein.

Aber woher nimmt die DieBank an erster Stelle ihr Geld, das sie mir als Unternehmer borgt? Zum einen von ihren Anlegern, die ihr Geld in besagter Bank zu einem reduzierten Zinssatz, sagen wir 5%, anlegen. Nach einem Jahr zahlt die DieBank 1050 Euro an den Anleger zurück, während sie das Geld, das ihr gar nicht gehört, an andere, die es brauchen, für 10% verliehen hat, dafür 1100 Euro bekommen und damit nach Abzug der 1050 Euro noch 50 Euro Gewinn verbuchen kann. Bis hierher erscheint die Sache noch relativ simpel, und auch fair: mit diesem Gewinn können der Betrieb der Bankomaten und die Gehälter der Bankmitarbeiter bestritten werden, und mit Sicherheit werden diese auch einiges kosten.

Eine Bank – komplexer

Interessant wird es, wenn wir uns dieses simple Modell in der Masse ansehen, mit Millionen Anlegern und Ausborgenden dieses Geldes. Es lässt sich dann statistisch relativ sicher vorhersagen, dass die Anleger nicht alle zum selben Zeitpunkt ihr Geld zurück haben wollen, weil sie ja die Vorteile ihrer Zinsen für sich beanspruchen wollen. Daraus errechnet sich ein gewisser Prozentsatz des Geldes, sagen wir 20%, der jederzeit in einer Bank verfügbar zu sein hat, um eventuelle Abhebungen sicherstellen zu können. Der Rest des Geldes, in diesem Falle 80%, kann dann bedenkenlos wieder weiterverliehen werden, um durch den höheren Zinssatz weitere Gewinne zu kassieren. Die Leihenden müssen es ja zurückzahlen, und wenn nicht, haben sie Sicherheiten zu bieten, die auch einen Wert darstellen. Siehe Immobilienkrise.

Selbst sollte es wider Erwarten zu einem panikartigen Ansturm auf die Banken kommen und alle ihr Geld gleichzeitig abheben wollen, lässt sich, da es sich heutzutage im Grossteil der Fälle um die reine Verschiebung von Nummern handelt, leicht bei einer anderen Bank oder gar der Zentralbank das nötige ungebundene Geld gegen entsprechende Gegenforderungen anfragen. Laut dem Film handelt es sich um 97% des Geldes in den USA, das keine Entsprechung in einem reellen Geldschein besitzt. Würde die gesamte Bevölkerung gleichzeitig die Auszahlung in reellem Geld wünschen, würde schnell klar werden, dass es schlicht zu wenig Geld gibt. Bis in die 30er-Jahre war in Österreich der Goldstandard üblich – eine jede Geldeinheit hatte irgendwo ihren realen Gegenwert in Gold zu haben. Heute müssen nicht einmal die entsprechenden Geldscheine existieren.

Die Zentralbank – die Magierin mit dem Erscheine-Trick

Heutzutage kann die Zentralbank Geld drucken, ohne seinen Gegenwert in reellen Gütern wie etwa haben zu müssen. Wenn etwa eine Bank oder eine Regierung Geld benötigt, kann die Zentralbank dieses Geld gegen eine Forderung über den entsprechenden Betrag bereitstellen. Eine Forderung, wohlgemerkt, mit Zinsen. Hier nähern wir uns einer Absurdität. Die Zentralbank ist als einzige berechtigt, Geld in Umlauf zu bringen, ist damit die einzige Quelle von neuem Geld. Wenn die Zentralbank nun also insgesamt bereits 1.000.000 Euro in Umlauf gebracht hat und dabei wieder unsere 10% Zinsen verlangt, woher kommen die 100.000 Euro für die zurückzuzahlenden Zinsen? Über einige Zwischenstationen natürlich wieder von der Zentralbank, die dafür wieder Zinsen nimmt, und so weiter.

Wenn eine jede Zinszurückzahlung an die Nationalbank demnach neue Zinsen nach sich zieht, befinden wir uns in einem System, in dem stetiges Wachstum unumgänglich ist. Lange Zeit, als es noch durchaus ein Ziel sein mochte, andere Staaten aus nationalistischen Gründen wirtschaftlich in die Knie zu zwingen, mag es sinnvoll erschienen sein, diese Staaten zum Verlierer in unserem Wachstumsspiel zu machen. Mit der fortschreitenden Vernetzung der Welt, dem Aufkommen eines weltbürgerlichen Bewusstseins für die durch diesen Konkurrenzkampf erzeugten weltweiten Leiden, stellt sich jedoch die Frage, ob wir diese Mechanismen, die zwingend konkurrierendes Verhalten nach sich ziehen, in dieser Form aufrechterhalten wollen.

Immer das alte Spiel

Ironischerweise finden sich in vielen alten Schriften die Warnung vor dem Zins, sowohl in der christlichen Tradition als auch etwa im Koran wird ausdrücklich darauf hingewiesen. In diesem System muss es früher oder später zu Krisen kommen, muss es dazu kommen, dass einzelne Gläubiger nicht zurückzahlen können, mit den entsprechenden, oft blutigen Konflikten, Enteignungen bis hin zu Kriegen. Alte Schulden durch das Aufnehmen neuer Kredite zu tilgen oder zu verstecken, wie es in Österreich gerne üblich ist, verlagert das Problem nur in eine ungewisse Zukunft, verschlimmert die Auswirkungen für unsere Kinder und Kindeskinder nur noch. Soll es ihre einzige Hoffnung sein, selber zu sterben, bevor die Auswirkungen auch bei uns immer mehr zu spüren sein werden?

Ich habe keine Lösungen für euch, und ich sehe auch keine der üblichen Kanäle (Politik, Wirtschaft, selbsternannte Experten mit ihren schönen Doktortiteln der Wirtschaft, …) auch nur an Lösungen arbeiten. Vermutlich wird es auch wie immer einige geben, die mit der derzeitigen „Lösung“ ganz gut leben. Wir sind relativ gut darin, die Auswirkungen, die weltweit bereits zu spüren sind, auszublenden, solange es uns selbst gut geht. Die Abholzung der Wälder, Vergiftung der Meere, der Wasserkrieg in Cochabama, Bolivien, die Aufstände in Brasilien letztens. Die Massen an Menschen, die an unsere Türen klopfen und uns um Hilfe bitten und die wir laut diversen Parteien am besten wieder dorthin zurückschicken sollen, wo sie hingehören. Dort, wo wir sie in einem unmenschlichen Konkurrenzkampf, gespeist durch die Notwendigkeit der Rückzahlung von Zinsen, ihrer Lebensgrundlage beraubt haben.

Die Entwicklungshilfe, die wir diesen Ländern dann heuchlerisch zu leisten vorgeben, über die Weltbank etwa, um etwa Infrastrukturprojekte (im Idealfall über unsere Unternehmen) umzusetzen, wird auch über Kredit abgewickelt. Es ist immer noch eine Weltbank, und eine Bank will Zinsen. Bösartig interpretiert ist somit Krieg und Vernichtung aus Sicht einer Bank etwas durchaus Positives, weil sie für den Wiederaufbau Geld leihen und die entsprechenden Profite einheischen kann. Ein bekanntes Beispiel ist der von Grossbritannien angestachelte Krieg in Paraguay im 19. jahrhundert. Krieg und Zerstörung bringt Aufträge, bringt Zinsen.

Wenn wir in diesem sinnbefreiten Krieg die Welt zugrunde gehen lassen, ist es wirklich noch eine Ăśberraschung, dass halbwegs vernĂĽnftige Menschen (was ihnen ja auch oft agesprochen wird, “den Tschutschen und TĂĽrken da”) dorthin zu fliehen versuchen, wo diese Zerstörung noch nicht Fuss gefasst hat. Dass sie, die die Auswirkungen unseres Lebensstils am eigenen Leibe erfahren haben, so ihre Schwierigkeiten haben, sich 1:1 an unsere Lebensweise anzupassen, selbst zum Mittäter zu werden?

Es steckt in der Logik, der Mathematik dieses Systems, dass es die Realwirtschaft in Geiselhaft belässt, immer wieder einige Spieler ihren Gewinn belässt, weil es das Gesetz der grossen Zahl kennt. Hin und wieder wird es überlistet, wird es ausgenommen von einigen wenigen sich glücklich fühlenden Spielern, im Notfall eben auf Kosten der Masse wiederbelebt (siehe Bankenrettung). Auf die eine oder andere Weise: Das Haus – die Bank – gewinnt in diesem Spiel immer. Diesem langweiligen Spiel, dass nur Verlierer kennt, das wir die letzten Jahrhunderte gespielt haben und uns keine rechte Freude mehr machen will.

Warum spielen wir es dann immer noch?

Niklas

Als ich das Apartment verliess, wartete er bereits vor der Tür. Die Rede ist von jenem Mann, den ich beim Gitarrespielen in den Strassen Curitibas kennenlernte und den ich seitdem in unregelmässigen Abständen treffe. Dem ich mein Zelt und meine Hängematte borgte, ohne recht zu wissen, ob ich sie jemals wiederbekommen würde. Mittlerweile habe ich meine Hängematte bereits wieder zurückbekommen, er hatte anderswo Decken aufgetrieben, die ihn des Nachts effektiver warmhalten konnten.

Der selbe Mann, der mir ursprünglich erzählt hatte, er hätte direkten Kontakt zur Präsidentin Brasiliens, Dilma Rousseff, hätte die Demonstrationen hier in Brasilien angezettelt und sei allgemein bei der Presse ein mittlerweile gefragter Mann, erzählte mir auch, er müsse aufpassen, denn er wisse Geheimnisse von Politikern, für die diese morden würden. Sein direkter Kontakt zur Präsidentin stellte sich als direkter Kontakt zu einem Fake-Konto der Präsidentin auf Facebook heraus – von dem aus ihm jedoch seltsamerweise geantwortet wurde. Er wirkt leicht paranoid (und auch stellenweise etwas grössenwahnsinnig), aber nicht unsympatisch, weswegen ich, wenn ich nichts Wichtiges zu tun habe, ihm ganz gerne ein wenig meiner Zeit schenke.

Heute, als ich ihn vor unserer Apartment-Türe antraf, erzählte er mir voller Freude, er hätte nun für Montag Arbeit gefunden, er solle Fliesen verlegen, etwas, das er bereits früher einige Male erledigt hatte, und würde dafür in etwa 7000 Reais bekommen, davon könnte ich hier ein Jahr lang die Miete bezahlen. Er meinte, er sei unglaublich dankbar, dass ich und die Frau und der Mann, die in dem Geschäft unter unserem Apartment arbeiten, ihn bisher schon unterstützt haben und vor allem an ihn glauben. Mit Montag fange eine bessere Zeit für ihn an.

Endlösungen?

Vor einigen Tagen erzählte er mir, er wäre bei einer Kirche gewesen, weil sie dort Suppe an Bedürftige verteilen würden, und ihm sei dort erzählt worden, er dürfe auf keinen Fall zur Sozialassistenzstelle hier in Curitiba gehen, weil sie dort Leute von der Strasse holen, ihnen irgendwelche Drogen verabreichen und zurück auf die Strasse schicken, wo sie dann in ihrem benebelten Zustand oft von Autos überfahren oder anderweitig zu Schaden kommen. Ich weiss nicht, was davon zu halten ist, weil seine Geschichten immer wieder – nett ausgedrückt – etwas an der Realität vorbeigehen. Aber er meinte, er würde gerne mit mir, da ich ein Handy mit Videofunktion habe, Interviews führen, also scheint er zumindest daran zu glauben.

…und konstruktive Lösungen

Eine interessante Frage, die sich mir hier in Bezug auf die vielen Obdachlosen hier in Curitiba stellt, ist: Wie kann man ihnen helfen, sich selbst zu helfen? Wenn an der Geschichte mit der Drogenvergabe etwas dran ist, ist diese Variante, mit dem Obdachlosenproblem aufzuräumen, natürlich zu verurteilen. Essen zu verteilen, ist sicher eine gute Sache. Aber gebe ich einem Obdachlosen Essen, hilft ihm dies nicht zwingend dabei, Wege zu finden, morgen dieses Angebot nicht mehr in Anspruch nehmen zu müssen.

Ich weiss selbst nicht, warum, aber aus irgendeinem Grund komme ich hier in Curitiba regelmässig ins Gespräch mit Obdachlosen, und auch wenn ich selten direkt auf dieses Thema zu sprechen gekommen bin, so durfte ich mir durchaus ein Bild von der Situation einiger dieser Menschen machen. Es gibt jene, die ganz zufrieden sind, ich kenne sogar einen, der relativ viel Geld hat, aber es mehr oder weniger als Sozialexperiment macht. Und dann scheint es die weiteren zwei Typen zu geben, die sich in ihren Perspektiven zu unterscheiden scheinen.

Obdachlose Unternehmer

Während ich tagtäglich eine Anzahl von Obdachlosen passiere, die vorübergehende Passanten um eine Zigarette, diverse Drogen, Alkohol oder Geld zur Beschaffung einer dieser Vergesser anschnorren (durchaus erfolgreich), treffe ich auch immer wieder jemanden wie meinen eingangs beschriebenen neuen Freund, deren Pläne weiter reichen als zur nächsten Beruhigung, zum nächsten Vergessen. Vielleicht ist er etwas grössenwahnsinnig, wenn er Präsident werden will. Aber sein Ziel führt in vorwärts, nicht im Kreis.

Vielleicht sollten wir Obdachlose ähnlich betrachten wie ein Crowdfunding-Projekt. Welches Ziel verfolgt das Projekt? Halten wir dieses Ziel für unterstützenswert? Vertrauen wir der Person, dieses Projekt auch umzusetzen? Habe ich die Mittel, die Zeit, um zu helfen? Mein treuer neuer Freund, der regelmässig vor meiner Haustüre wartet, bat mich bereits einige Male, meinen Laptop samt Internet benutzen zu dürfen. Natürlich, wenn ich gerade Zeit hatte. Anderen gebe ich beim Musizieren eine Trommel oder Rassel in die Hand, mit der sie sich dann (mehr oder weniger im Takt) austoben. Wieder andere bitten um Geld für Alkohol. Sie bekommen dafür zwar Ehrlichkeitspunkte, aber ich habe nicht vor, sie in ihrem Kreislauf aus Scham und Vergessen zu unterstützen. In dem Moment jedoch, an dem sie aus diesem Kreis ausbrechen wollen, helfe ich gerne.

Wer in ein Loch gefallen ist, für den mag es leichter sein, im Kreise zu laufen, als hinauszuklettern. Manchmal trauen wir es den Gefallenen auch nicht zu, verurteilen sie als Menschen, die in ihrem Leben nichts zusammenbringen. Auf die wir herabschauen können.

Doch manchmal findet sich der Esel auch am Berg.

Niklas

Gewaltige Auswirkungen ererbter Machtverhältnisse und Vorgaben.

Heute hatte ich ambitionierte Pläne für meine Mathematik-Blöcke im Favela-Projekt: ich wollte, dass die Kinder realisierten, dass Mathematik sehr viel mehr war als nur Zahlen. Doch nach relativ kurzer Zeit kippte die Stimmung, und eines der Mädchen, das als einziges noch interessiert war, antwortete mir in meiner Ratlosigkeit, was ich falsch gemacht hatte, dass die anderen eben „nur spielen“ wollten. Da fiel mir glücklicherweise ein nettes Spiel mit etwa dem selben Aufbau meiner ambitionierteren ersten Version ein: Alle Mitspieler sitzen in einem Kreis, jeder hat einen Bauklotz, und Aufgabe der Gruppe ist es, aus den Klötzen einen Turm zu bauen, ohne dass sich zwei Mitspieler gleichzeitig in der Mitte befinden – sonst fällt der Turm und es muss von vorn begonnen werden. Vor allem in der Version, in der man nicht reden darf, ist dieses Spiel ziemlich schwierig, selbst für Erwachsene. Natürlich funktionierte es nicht.

Mit der zweiten Gruppe verzichtete ich auf die erste Aufgabe und begann stattdessen mit dem Blinzelmörder-Spiel, dass nach einigen Testrunden auch sehr gut funktionierte. Als ich dann die Frage stellte, ob sie weiter spielen oder lieber ein weiteres Spiel probieren wollten, entschied sich die Gruppe demokratisch per Mehrheit für das weitere Spiel. Dieses Mal erlaubte ich es ihnen, zu sprechen, aber sie hielten sich nicht an die Regeln und ignorierten mich zunehmend. Eine der anderen Betreuerinnen schrie sie dann einige Male ordentlich zusammen, woraufhin sie sich (unter Tränen und gegenseitigen Beschuldigungen) halbwegs beruhigten und später beim gemeinsamen Essen wieder recht fröhlich wirkten.

Selbstzweifel

Ich brauchte eine Weile, um mich davon zu erholen, dass meine Pläne so gar nicht funktioniert hatten, wie ich mir das vorgestellt hatte. Am Ende malte mir ein Mädchen mit Kugelschreiber einen Drachen auf die eine und ein kleines Herz auf die andere Hand, was mir half, aus meiner Selbstbzweifel-Spirale auszubrechen. Ich neige dazu, mir, wenn meine Pläne nicht funktionieren, für die schlechte Planung selbst die Schuld zu geben und die volle Verantwortung zu übernehmen. Viele Kollegen und Betreuer ziehen es vor, die Kinder, wenn sie anders als erwartet reagieren, zurechtzuweisen, auf ruhige oder manchmal, wie hier, etwas heftigere Weise („ihr wisst, dass ihr dafür in die Hölle kommt, wenn ihr nicht folgt“).

Aber sind wir als Lehrer wirklich dazu verdammt, entweder in Selbstzweifel versinken zu müssen oder die Kinder entsprechend unseren Plänen zurechtzuweisen? Teile ich Kinder in Gruppen ein und verpflichte diese Gruppen dazu, gemeinsam die gleiche Arbeit zu verrichten, wie es im Projekt, aber auch in vielen Schulen, der Fall ist, so übernehme ich neben der Macht der Einteilung auch die Verantwortung, dass meine Wahl der Aktivität auch für alle Kinder dieser Gruppe sinnvoll ist. Dies mag in manchen Fällen, in der ein Betreuer eine Gruppe sehr gut kennt, sogar ganz gut funktionieren. Aber handelt es sich um Aktivitäten, die nicht gut zu der Gruppe passen (wie bei mir heute), so wird es Widerstand geben. Widerstand dagegen, zu einer Aktivität gezwungen zu werden, die als nicht sinnvoll empfunden wird. Dieser Widerstand kann mit Gewalt vom Betreuer gebrochen werden. Oder er kann den Betreuer verunsichern, so wie mich heute.

Kriegserklärungen

Vor allem aber wird die gemeinsam verbrachte Zeit zu einem Machtkampf. Wer behält die Oberhand? Wo sind die Grenzen? Ab wann rasten die Erwachsenen aus? Ab wann resignieren sie? Das Ergebnis dieser Machtkämpfe verbleibt auf der Ebene eines bröckeligen Waffenstillstandes, mit gelegentlichem Neuaufflackern der Kampfhandlungen. Ist es wirklich die beste Lösung, einfach stärker als der andere zu sein? Lauter schreien zu können?

Ich glaube, es gibt noch andere Auswege aus dem Dilemma, selbst in einem Umfeld wie dem der Favela, das von diesen Machtkämpfen geprägt ist. Wenn es gelingt, inmitten dieses „Krieges“ einen Bereich zu „befrieden“, die Machtkämpfe aussen vor zu lassen, mag es möglich sein, dass Frieden auch in diesen rastlosen Seelen einkehrt.

StĂĽtzen statt schubsen

Heute hat eine Betreuerin versucht, einigen streitenden Kindern, die sich gegenseitig die Schuld für den Streit zuschieben wollten (der andere hat angefangen!), mit Domino-Steinen zu erklären, dass im Streit oft ein Wort eine Kette von negativen Folgen auslöst. Die Reaktion eines Kindes war, darauf zu bestehen, dass das jeweils andere Kind den ersten Stein zum Fallen gebracht und daher Schuld an allem Folgenden zu verantworten hatte, und oft bleibt die Diskussion an diesem Punkt stehen.

Aber wichtig ist, denke ich, nicht, wer begonnen hat oder wem die Schuld für den Streit in die Schuhe geschoben werden kann. Wichtig ist, dass es jemanden gibt, der, obwohl er von einem anderen Stein gestossen wurde, standhaft genug ist, nicht auf den nächsten zu fallen.
Um sich dann umzudrehen, den bereits gefallenen aufzuhelfen und gemeinsam zu ĂĽberlegen, warum so wunderschöne, kraftvolle Steine ĂĽberhaupt umfallen konnten – und wie dem in Zukunft abzuhelfen sei.

Niklas

Am Dienstag sollte ich im Favela-Projekt zwei Mathematik-Blöcke durchführen, einen am Vormittag, einen am Nachmittag, mit jeweils unterschiedlichen Kindern zwischen etwa 5-9. Ich hatte keine Ahnung von den mathematischen Fähigkeiten der Kinder, weswegen ich mich dazu entschloss, auf eine bereits in einer Volkschule erfolgreich erprobte Methode zurückzugreifen.

Ich würde eine Anzahl an kleinen Zettelchen mit Rechnungen in verschiedensten Schwierigkeitsstufen auf der einen Seite und den jeweiligen Ergebnissen auf der anderen Seite zur freien Wahl auflegen. So konnte sich jedes Kind eine für es passende Aufgabe aussuchen und auch selbst kontrollieren, was mich als Lehrperson freispielte, um denen zu helfen, die darum baten. Wer wollte, konnte auch leere Zettel mit eigenen Aufgaben und Lösungen für die anderen erstellen, ich würde diese erst auf richtige Lösungen kontrollieren und dann zu den allgemeinen Aufgaben hinzufügen. Es gibt keine Vorgaben, wie viele oder wie schwierige Aufgaben zu lösen sind, keine äusseren Belohnungen oder Strafen.

In der Schulpraxis funktionierte dieses System damals so gut, dass die Kinder sich selbst und gegenseitig immer schwierigere Rechnungen erschufen und gar nicht mehr aufhören wollten. Ich wurde damals von der Klassenlehrerin kritisiert, dass ich es nicht schaffte, die Kinder dazu zu bringen, mit dem Rechnen aufzuhören, weil dabei die Zeit fĂĽr die Einheit der nächsten Praktikantin verloren ging. Der Eifer der Kinder, Mathematikaufgaben zu erfinden und zu lösen, geriet damals “ausser Kontrolle”, was auch immer das bedeuten mag.

Hier in der Favela reagierten die Kinder jedoch anders als erwartet. Möglicherweise lag es an der Sprachbarriere – mein Portugiesisch ist immer noch nicht perfekt – auf jeden Fall wirkten sie zwar ähnlich motiviert wie damals in der Volkschule (vor allem die erste der beiden Gruppen), aber sie benutzten die leeren Zettelchen nicht, erfanden ihre eigenen Rechnungen auf ihren eigenen grossen Rechenblättern. Dadurch waren wir als Erwachsene viel mehr gebunden, weil die Selbstkontrolle ziemlich flach fiel. Zudem arbeiteten kaum Kinder zusammen an Aufgaben oder halfen sich gegenseitig. Viele zeichneten auch Meerjungfrauen, Prinzessinnen, andere Menschen, Häuser oder, in einem Fall, einen Löwen.
Was war geschehen?

Wahrheiten anstatt von FĂĽgungen

Als ich mir ihre Werke zuhause noch einmal durchblätterte und zu verstehen versuchte, warum es nicht lief wie geplant, was ich falsch gemacht haben könnte, kam mir die Erkenntnis, dass meine Vorstellung von falsch und richtig hier fehl am Platze waren. Indem ich ihre freien Reaktionen zugelassen hatte, hatte ich instinktiv (wenn auch mit flauem Gefühl im Magen) etwas sehr richtig gemacht: Ich hatte einen gleichberechtigten Dialog begonnen. Ich hatte sie angesprochen, hatte ihnen meine Idee offenbart, wie wir arbeiten könnten, und sie hatten, jeder auf seine sehr individuelle Weise, darauf reagiert. Hätte ich sie zurechtgewiesen, hätte ich ihnen verboten, auf ihren grossen Blättern neue Aufgaben zu erfinden anstatt auf den eigentlich geplanten Zettelchen, so wäre alles mehr nach Plan abgelaufen. Aber ich hätte eine grosse Chance vergeben, ihr wahres Gesicht kennen zu lernen.

Und so sitze ich nun hier in meinem klitzekleinen Zimmer und habe vor mir Blätter mit vielen kleinen Punkten, mit Hilfe derer einige der Kinder Additionsaufgaben lösen. Einige mit verspiegelten und verdrehten Zahlen, manche davon interessanterweise trotzdem mit richtigen Endergebnissen. Ich konnte beobachten, wie zwei Kinder aus den Länderkarten des Risikospiels, die ich ihnen brachte, um sie bei der Visualisierung der Rechenaufgaben zu unterstützen, ein Spiel mit ihren eigenen Regeln erfanden und völlig vertieft spielten. Eine Zeichnung von einer Mutter und einem Baby steht vielleicht für die Situation in der Familie. Und in einer Zeichnung, besonders rührend, ich(vermutlich, aufgrund der Haare), mit einem Herz in der Brust.

Themaverfehlungen?

Die Regeln des Spiels dieser zwei Kinder sind mir ein Mysterium, und die Zeichnungen haben nichts mehr mit der ursprünglichen Idee der selbst kontrollierbaren Aufgaben zu tun. Aber ist dies wirklich wichtig? Mathematik ist Abstraktion unwichtiger Details, Lösung des Problems, und Einbindung in den jeweiligen Kontext. Ein Spiel zu erfinden bedeutet, interessante Probleme und Lösungen zu erfinden. Zu zeichnen erfordert ein gehöriges Mass an Abstraktionsfähigkeit, eine Reduzierung auf das Wichtigste: den Schnuller des Babies. Die Mähne des Löwen. Die Krone der Prinzessin. Den Dreizack von Arielle, der Meerjungfrau.

Die am häufigsten vorkommende Zeichnung jedoch zeugt in ihrer Abstraktion der komplexen Wirklichkeit von dem, was Kindern anscheinend an Erwachsenen am wichtigsten ist. Nicht seine Ausbildung. Nicht seine perfekten Methoden.
Das Herz.

Niklas

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