Hallo, kleine Pflanze, die du da so unverschÀmt aus der Ritze lachst.
Hast du dich, als Same noch, gefragt, wo du wohl landen wirst auf deiner Reise? Ob du Raum haben wirst, dich zu entfalten, ob die NĂ€hrstoffe reichen werden, die Versorgung mit dem lebenswichtigen Wasser?
Oder hast du, todesmutig, es einfach darauf ankommen lassen? Hast dich der Welt anvertraut, in dem Glauben, der Hoffnung, dass es gut sei, wie es eben sei?
Da sind kleine Wassertröpfchen auf dir, kleine Pflanze, die glitzern in der schwĂ€cher werdenden Herbstsonne. Nascht du von ihrem kĂŒhlenden Nass, wie es dir am besten bekommt, oder rationierst du deinen kostbaren Besitz bis zum nĂ€chsten Regenschauer?
Da sind sanfte Winde, in denen du dich wiegst, als wÀre dir deine Position im Leben relativ egal, solange du nur fest verwurzelt bist.
Deine Farben entsprechen so gar nicht jenen deiner BrĂŒder rund um dich, doch das scheint dich nicht groß zu kĂŒmmern. Du wĂ€chst in der Nische, die du dir gefunden hast. Und dort, am Kreuzungspunkt, an dem du dich befindest, bist du Königin.

Weißt du denn, dass wir Menschen die Angewohnheit haben, Emporkömmlinge wie dich nicht allzu lange zwischen der strengen Ordnung unserer Bauten zu dulden? Dass deine bloße Existenz von vielen von uns als Störung dieser uns so heiligen Ordnung wahrgenommen, kaum ertragen werden kann? Dass schon dadurch, nicht nur durch die Tatsache des herannahenden Winters, deine Tage gezĂ€hlt sein werden, auch wenn ich selbst deine erhabene Schönheit anerkenne?
Weißt du, dass du sterben wirst, und dass deine Entscheidungen jenen Zeitpunkt beeinflussen könnten? KĂŒmmert es dich? Und falls nein, kannst du mich lehren, mir ebenso wenig darum Gedanken zu machen?

Denn einst war ich jung, dir Ă€hnlich, meiner Intuition folgend König meiner eigenen Nische. Dann wurde ich entwurzelt, umgepflanzt. In eine Umgebung, die mich lehrte, aus der Vergangenheit mögliche Zukunft abzuleiten, um zu ĂŒberleben. Ich ĂŒberlebte, aber etwas Wichtiges ging mir verloren. Nun, selbst unter anderen, freundlicheren Bedingungen, finde ich nicht mehr zurĂŒck in mein kindliches Urvertrauen. Muss, wie ich nach einigen gescheiterten Versuchen des ZurĂŒckkehrens anerkennen lernte, voranschreiten statt zurĂŒckschauen. Nun, verĂ€ndert, wieder neu vertrauen lernen, mit jeder möglichen Zukunft umgehen zu können, statt aus Erfahrung zu wissen, was die Zukunft bringen wird, und versuchen, sie in meinem Sinne zu beeinflussen.

Ich bin wenig bewandert in Pflanzenkunde, aber es sieht so aus, als ob du kaum je grĂ¶ĂŸer als ein kleines Buch werden wirst. Und doch strahlst du jene sonderbare GrĂ¶ĂŸe aus, die diejenigen zu umgeben pflegt, die in dem ihren Raum ErfĂŒllung finden.

Nun ist ein MarienkĂ€fer herangeflogen, und hat es sich an der Wand gemĂŒtlich gemacht. Er gehört uns nicht, und doch gehört er irgendwie zu uns, nun, da wir ihn entdeckt, anerkannt haben. Er wird nicht bleiben, die Begegnung wird flĂŒchtig sein, und doch hat seine Anwesenheit mich im Jetzt berĂŒhrt. Mich nĂ€her an den Ursprung zurĂŒckgebracht, von dem ich mich oft schon zu weit entfernt glaubte, um zurĂŒckkehren zu können. Hier, mit meinem Körper, habe ich ihn entdeckt. Jetzt, in diesem Moment, ist er hier, und ich mit ihm, bin mit ihm in einer kurzen, flĂŒchtigen Beziehung.

Es wird schwieriger, diese Beziehungen herzustellen und aufrechtzuerhalten, je Ă€lter und damit gewissermaßen auch vermeintlich „wissender“ ich werde. Je mehr ich glaube zu wissen, desto schwieriger wird es, sich auf die Unbestimmtheit einzulassen, die authentisch neue Erfahrung gebiert. Man will ja immer alles schon gewusst haben. Schließlich ist man ja nun erwachsen. Da ist es ein bisschen peinlich, sich auf etwas einzulassen, dessen Ausgang man nicht vorhersehen kann. Man könnte sich ja zum Affen machen dabei. Hat sowas wie einen Ruf zu verlieren.

Ja, kleine Pflanze, du hast durchaus Recht: ich rede hier völligen Schwachsinn. Leider ist dieser Schwachsinn durchaus real, und wird gewissermaßen von uns erwartet. Hier bei uns Menschen wird man gefeiert und bewundert, wenn man immer die Kontrolle behĂ€lt. Wer sich in unkontrollierte, unvorhersehbare Situationen begibt, der handelt dann „unverantwortlich“. NatĂŒrlich, wenn man alles gut ĂŒbersteht, hat man danach gute Geschichten zu erzĂ€hlen, dann wird man auch wieder bewundert, und hat plötzlich wieder ziemlich viele Freunde. Aber der Weg dorthin ist ein einsamer. Und wir Menschen, wir ertragen die Einsamkeit nicht sehr lange.

Du kannst uns eine reinhauen, du kannst uns hungern lassen, wir mögen vieles nicht. Aber was wir auf Dauer ĂŒberhaupt nicht vertragen, ist die Einsamkeit. Mir machen die absurdesten Dinge, nur um uns nicht einsam fĂŒhlen zu mĂŒssen. Und weil sich das eben so durchgesetzt hat hier bei uns, versuchen die meisten von uns dann auch noch, andere dazu zu bringen, sich mit uns zu beschĂ€ftigen. Weil wir diese absurde Angst haben, dass die es niemals von sich aus tun wĂŒrden, so dass wir sie eben „fremdsteuern“ mĂŒssen. Wir haben sogar VertrĂ€ge erfunden dafĂŒr! Obwohl man glauben könnte, wenn ich dich, kleine Pflanze, einfach durch dein Da-Sein als wundervoll und wertvoll empfinden kann, sollten wir Menschen es doch auch bei anderen Menschen zusammenbringen.

TatsĂ€chlich können wir das auch ganz gut, zumindest einige von uns. Aber dann haben wir doch Angst, dass es vielleicht nur im Moment so ist, und was ist dann mit morgen? Da brauchen wir ja auch Liebe und Anerkennung! Darum lieber vorsorgen, schauen, wie wir sicherstellen können, dass es auch morgen so weitergehen wird. „GlĂŒcklich bis zum Ende aller Tage“ nennen wir das dann. Ja, natĂŒrlich ist das in etwa so unsinnig, wie sich ein ganzes Jahr lang nur Sonnenschein oder nur Regen zu wĂŒnschen, das ist weder wachstumsfördernd noch besonders interessant. Aber wir machen das trotzdem so. Ich habs ja auch probiert. Wenn es alle machen, hab ich mir gedacht: wĂ€r ja seltsam, wenn das nicht zumindest ein bisschen sinnvoll wĂ€r. Können ja nicht alle deppert sein.

Nur leider, kleine Pflanze, war ich dadurch nur noch ziemlich selten „da“. Ich war stĂ€ndig irgendwo in der Vergangenheit, um zu lernen, die Zukunft besser einschĂ€tzen und damit steuern zu können. In der Zukunft, um da entsprechend die FĂ€den zu ziehen. Oder im Geiste irgendwo, wo ich mal war oder noch hinkommen wollte. „Da“, also im Hier und Jetzt, war ich mit der Zeit immer seltener. Das fiel mir  nicht einmal groß auf, weil auch alle anderen kaum je „da“ waren. Das war nicht nur „normal“, das war sogar gewissermaßen angesehen, ein untrĂŒgliches Zeichen fĂŒr Wichtigkeit. Und da Ansehen, Gesehen werden und geliebt werden sich schon ein bisschen Ă€hnlich anfĂŒhlen, erschien es fĂŒr eine Weile durchaus sinnvoll, da mitzumachen.

Tja, kleine Pflanze, und nun sitze ich da vor dir, und denk mir, das ist eine der schönsten Begegnungen der letzten Monate. Hab dich ja schon öfter gesehen und mir gedacht, dass du irgendwie etwas Besonderes bist. Aber wer selten „da“ ist, hat auch kaum je Zeit dafĂŒr, jemanden wie dich kennenzulernen. Der muss dann eben auch nehmen, was kommt und in dem engen Zeitkorsett, das ĂŒbrig bleibt, Platz findet. Was sich auch langfristig gut in den Zeitplan einordnen lĂ€sst. Was nicht passt, wird entweder passend gemacht, oder eben verworfen. Langfristig denken, sich etwas aufbauen und so, du weißt schon. Oder vielleicht auch nicht? Vielleicht ist das dein Geheimnis?

Gestern, kleine Pflanze, hatte ich einen seltsamen Traum. Ich war Beisitzer bei einer politischen Besprechung, und plötzlich meinte einer der eigentlichen Akteure, er wolle mit mir Platz tauschen. Ich sei geeigneter als er, in dieser Position zu sein. Anfangs zögerte ich: wer war ich schon, reale Macht auszuĂŒben, was waren meine Ansichten schon wert? Aber selbst die Politiker der anderen Fraktionen ermunterten mich. Mit mir wĂŒrden sie gerne zusammenarbeiten wollen. Also setzte ich mich auf den mir angebotenen Platz. Und mit einem Mal konnte ich fĂŒhlen, wie richtig es war, auf jenem Platz angekommen zu sein. Hier war der Raum, den auszufĂŒllen mir bestimmt war. Als ich nach dem Aufwachen einer Freundin davon erzĂ€hlte, meinte sie, ich wĂŒrde nun endlich aufhören, im Publikum meines eigenen Lebens zu sitzen, und lernen, mich selbst ins rechte Licht zu rĂŒcken.

Was wĂŒrde ich Ă€ndern wollen, nun, da ich symbolisch „an die Macht gekommen war“? Nun, vielleicht wĂŒrde ich die fatale Idee hinterfragen und ein bisschen aufweichen wollen, dass man die Zukunft aus der Vergangenheit abzuleiten vermochte. Ein bisschen mehr Spielraum gewĂ€hren, Entscheidungen ergebnisoffen zu treffen, selbst wenn sich diese im Nachhinein als Fehler herausstellen sollten. Die Zeit schenken, dieses Nachhinein auch abwarten zu können, bevor der Begriff „Fehler“ ĂŒberhaupt verwendet wird. Und die Entscheidung darĂŒber, was richtig und was falsch gewesen sei, dort, wo es nicht anderweitig zwingend notwendig ist, bei den jeweils Betroffenen zu belassen, anstatt aus allem einen Staatsakt zu machen.

WĂ€re das eine Welt, in der du gerne leben wĂŒrdest, kleine Pflanze? Ich vermute, dir wird die Welt der Menschen ein StĂŒck weit egal sein. Du bist besser darin als wir, einfach drauf los zu leben und die Konsequenzen deiner Handlungen stillschweigend zu ertragen. Aber vielleicht
 und nur vielleicht
 wĂŒrdest du dann hier in deiner Ritze auch lĂ€nger weiterleben dĂŒrfen und nicht ausgerupft werden. Denn auch wenn du die Ordnung der Fliesen auf dieser Terrasse stören magst, und schon gar nicht eingeplant warst, als diese Terrasse gebaut wurde:

So, wie du bist, bist du wunderschön.

Im hier.
Im Jetzt angekommen.
Kann ich endlich wieder fĂŒhlen:
Ich bin es auch.

Vielleicht ist es Teil unseres kulturellen Erbes hier in Österreich. Vielleicht liegt es an einer Erziehung zu gehorsamen und fleißigen Menschen. Was auch immer der wahre Grund sein mag, es deprimiert mich, meinen Landsleuten zuzuhören, wie sie sich ĂŒber UmstĂ€nde beschweren, ohne einen erstgemeinten Versuch zu unternehmen, etwas zu verĂ€ndern. Als wĂ€ren die UmstĂ€nde nicht das Ergebnis der Entscheidungen tausender Menschen um uns und noch vielen anderen vor uns. Als wĂ€ren wir an einem Ende einer Geschichte angelangt, das uns zu AusfĂŒhrenden ewiger Gesetze reduziert. Vielleicht haben die Konzentrationslager ihre Wirkung doch nicht verfehlt, die menschliche FĂ€higkeit zum Widerstand, zum Anders-denken und zum Neu-denken auszulöschen, wie Hannah Arendt in ihrem Buch „Elemente und UrsprĂŒnge des Totalitarismus“ schreibt…

Es ist erschreckend und verstörend fĂŒr mich, meine alten Freunde wiederzutreffen und feststellen zu mĂŒssen, dass sich viele von ihnen in einen Kreislauf hineinmanövriert haben, aus dem sie nicht mehr auszubrechen wagen. NatĂŒrlich war uns allen schon in der Schulzeit irgendwo dunkel bewusst, dass die Schule, so nervig sie manchmal sein mochte, harmlos war gegen das, was uns noch erwarten wĂŒrde. In der Schule konnte man, wenn man sich ein wenig anstrengte (oder gleich alle Anstrengungen aufgab und sich ein wenig treiben ließ) sich zumindest noch an Nachmittagen oder Wochenenden treffen, um sich auszutauschen, um unsere TrĂ€ume zu trĂ€umen und sie manchmal sogar auch umzusetzen. Viele von uns mochten die Schule nicht, sie war uns lĂ€stig, schrĂ€nkte uns ein in dem, was wir fĂŒr tatsĂ€chlich wichtig hielten. Wir kannten den Alltagstrott des Arbeitslebens noch nicht, das Netz an Beziehungen und Verpflichtungen, das uns immer weiter voneinander entfernen wĂŒrde, bis wir uns als Atome einer atomisierten Gesellschaft wiederfanden. Machtlos. Und trotz einer immer freizĂŒgigeren Sexualmoral am Ende doch einsam.

Das Leben der anderen

Ich war wohl immer einer derjenigen gewesen, die eben „ein wenig anders“ waren. Anstatt den Lehrern einfach einen Gefallen zu tun und Sinnlosigkeiten als notwendiges Übel zu akzeptieren, fing ich mir regelmĂ€ĂŸig Konflikte mit ihnen an, wenn ich mich (oder andere) ungerecht behandelt wĂ€hnte. Selbst im Studium war ich noch bekannt dafĂŒr, stets irgendetwas Eigenes machen zu mĂŒssen (etwa in dem Jahr, in dem ich mir einredete, ich könnte meine Pollenallergie durch stĂ€ndiges Barfußgehen heilen – was tatsĂ€chlich zu funktionieren schien). Manche dachten damals wohl, ich mĂŒsste mich unbedingt hervortun, etwas Besonderes sein, aber das war nur selten meine Motivation dahinter. Ich war unzufrieden mit dem Status Quo, und wollte ihn so verĂ€ndern, dass er fĂŒr mich und andere passte. Ich war wohl schon lange zu einer Art „Hacker“ geworden, jedoch nicht nur, um mir selbst Vorteile zu verschaffen, sondern um diese Vorteile allen zugĂ€nglich zu machen. Ich verwende bis heute kaum Open-Source-Programme fĂŒr den tĂ€glichen Gebrauch, aber ich habe die Philosophie dahinter aufgesaugt wie ein Schwamm: Wenn etwas nicht passt, arbeite daran, es zu Ă€ndern. Und zwar so, dass es fĂŒr alle besser wird, nicht nur fĂŒr dich.

Die Angst, zu scheitern

Mir war bewusst, dass ich ein riesiges GlĂŒck hatte, an die Schule, an der ich jetzt arbeite, kommen zu dĂŒrfen. Was mich jedoch so richtig verblĂŒffte, waren die Begegnungen mit ehemaligen Freunden und Kollegen hier in Österreich und wie es ihnen ergangen war. Die mir davon erzĂ€hlen, dass sie keine Arbeit als Lehrer fanden und in wenig ansruchsvollen Anstellungen arbeiten mussten, um ĂŒberleben zu können. Und dass diejenigen, die eine Anstellung als Lehrer gefunden hatten, an den viel zu engen AnsprĂŒchen der Direktoren und Kollegen verzweifelten. All das, wĂ€hrend ich mittlerweile fast jede Woche eine Email von Privatschulen oder -Initiativen bekam, in denen stand, dass Lehrer gesucht wurden, die etwas verĂ€ndern und eigene Ideen einbringen wollten. Es tut mir weh, gutherzigen Menschen zuzusehen, wie sie sich nicht durchringen können, in dem Bereich zu arbeiten, in dem sie dieser Welt viel geben könnten, nur weil sie VerĂ€nderungen fĂŒrchten.

Ich glaube, es ist Angst, die sie zögern lĂ€sst, die ihre Bahnen einschrĂ€nkt und ihr Leben alltĂ€glicher werden lĂ€sst, bis irgendwann kaum mehr etwas ĂŒber ist von den TrĂ€umen, die sie einst antrieben. Es ist Angst, die einen alten Freund von mir dazu treibt, den tagtĂ€glichen Rhythmus von Arbeit, Essen und dem Konsum zahlreicher Animes kaum mehr zu unterbrechen. Angst, die einen anderen sagen lĂ€sst, er hĂ€tte keine Freunde mehr in seiner NĂ€he und könne somit nichts mehr erleben, ist halt so. Angst, die eine Freundin sagen lĂ€sst, sie könne ihre GeschĂ€ftsidee nicht umsetzen, weil sie noch nicht perfekt ausgereift sei. Es herrscht eine riesige Angst vor dem Scheitern, als wĂ€re es die letzte Chance, etwas aus unserem Leben zu machen, als seien wir 75 und nicht 25. Eine Angst vor dem Beginnen, dem Neuanfang, der unser Leben verĂ€ndern könnte.

In meinen ersten Wochen in Kiel habe ich oft geglaubt ich schaffe es nicht, fern von meinen Freunden und meiner Familie, und war oft fertig, wenn ich von der Schule nach Hause kam. Wir brauchen wohl alle ein gesundes Maß an Bindung, an Körperkontakt, an Liebe, und wenn wir diese GrundbedĂŒrfnisse fern von unserer Heimat nicht gut erfĂŒllen können, leiden wir. Aber Leiden, wie alles in der Welt, ist nicht von Dauer. Es ist ein temporĂ€rer Zustand, und manchmal wohl sogar ein notwendiger Zustand, um GlĂŒck und Zufriedenheit zu finden.

Echtes Lernen setzt Leiden voraus, und die Bereitschaft, sich dem Leiden zuzuwenden, anstatt ihm durch Ablenkung zu entfliehen. Die Suche nach einem leidlosen Leben ist die Suche nach einem statischen Leben, das sich nicht mehr verĂ€ndert. Ist die Suche, die Sehnsucht nach dem Tod. Leben ist Leiden, wie schon der Buddha erkannte, weil Leben eben nicht statisch ist. Solange wir leben, ist es auch unsere Aufgabe, zu leben, den Becher des Lebens bis zum Grund zu trinken, wie eine gute Freundin einst meinte. Sich dem Leiden zu stellen und das zu tun, was notwendig ist, um es zu ĂŒberwinden.

Die Angst vor dem Erfolg

Nelson Mandela zitierte einst eine weise Frau, indem er sinngemĂ€ĂŸ meinte, unsere grĂ¶ĂŸte Angst sei es nicht, zu schwach zu sein, sondern unendlich mĂ€chtig. Es ist einfach, schwach zu sein, es ist bequem, ein Opfer der UmstĂ€nde zu sein. Die Gesellschaft sei eben Schuld, oder der böse Schuldirektor, der schlechte Vorschriften mache, als wĂ€ren sie Naturgesetze und nicht historisch gewachsene UmstĂ€nde, die durch unsere Entscheidungen im Hier und Jetzt stĂ€ndig beeinflusst werden. Das „Sudern“, das Aufregen ĂŒber angeblich nicht Ă€nderbare UmstĂ€nde, mag einen Teil unseres kulturellen Erbes darstellen, aber es ist keines, auf das wir sonderlich stolz sein, sondern eines, an dessen Überwindung wir arbeiten sollten.

Wir brauchen mehr Hacker

Sollen wir unsere SchĂŒler in unseren Schulen also auf eine Gesellschaft vorbereiten, in der „man eben nichts machen kann“ und sie somit zu ebenso verantwortungslosen Suderern heranziehen? „In der Arbeit muss man ja auch machen, was der Chef sagt“ ist lĂ€ngst kein generell wertvoller Rat fĂŒr alle Situationen mehr, seit viele Unternehmen realisiert haben, dass auch formell untergebene Mitarbeiter manchmal sinnvolle EinfĂ€lle haben, flachere Hierarchien die Norm statt der Ausnahme darstellen und Crowdsourcing und alle verwandten Konzepte an Zulauf gewinnen. Wir brauchen keine sturen AusfĂŒhrer, weder in unseren zukĂŒnftigen noch in unseren derzeitigen erwachsenen MitbĂŒrgern, dafĂŒr werden wir ĂŒber kurz oder lang Automaten und Roboter haben. Wir brauchen aber auch keine alles Bestehende ablehnende RevolutionĂ€re. Wir brauchen Hacker, Weiter- und Neu-Denker, die mit uns an einer lebbaren Zukunft bauen, indem sie den Hintersinn alter Systeme verstehen lernen und versuchen, sie an die aktuellen BedĂŒrfnisse anzupassen, zum Wohle aller.

Eine gute Freundin meinte unlĂ€ngst in einem GesprĂ€ch, in dem ich ihr von meinem Schmerz erzĂ€hlt hatte, alte Freunde so passiv und im Alltagstrott gefangen zu erleben, dass das beste, was ich fĂŒr jene tun könne, sei, mein Leben anders zu leben und ihnen dadurch aufzuzeigen, dass das Leben nicht so einförmig und trostlos sein mĂŒsse, wie sie zu glauben scheinen. Vielleicht hat sie recht. So gern ich all meinen Freunden helfen wĂŒrde, retten mĂŒssen wir uns am Ende wohl alle selbst.

Ich bin nicht intelligenter oder stĂ€rker als die meisten anderen Menschen, diese Ausrede gilt leider nicht. Ich wurde als Kind und Jugendlicher von meinen MitschĂŒlern ausgelacht wie viele andere (und sah auch zugegebenermaßen ziemlich dĂ€mlich aus zu jener Zeit), habe meine depressiven Phasen wie meine optimistischen, wie wohl jeder andere Mensch auch. Es steckt in uns allen das Potential, unser Leben in die Hand zu nehmen und etwas daraus zu machen, auf das wir am Ende stolz sein können. Vielleicht ist dazu etwas notwendig, das heutzutage oft mit ein wenig Argwohn betrachtet wird: Glaube. Nicht notwendigerweise der Glaube an eine bestimmte Religion oder an einen Gott, aber der Glaube, dass alles vergeht – auch das Leiden. Denn dann wird plötzlich alles möglich, wenn man nur bereit ist, dafĂŒr zu stehen, dafĂŒr zu leiden, dafĂŒr zu kĂ€mpfen und zu siegen.

Also, meine lieben Freunde und die, die es noch werden, auf in den Kampf – auf ins Leben!

Niklas

P.S.: Ich hĂ€tte gerne einige Formulierungen dieses Artikels noch weiter ĂŒberarbeitet, aber das Internet hier auf Reisen fĂ€llt stĂ€ndig aus und ich bin nicht sicher, wie lange es noch funktionieren wird. Aber Perfektionismus wird bekanntermaßen ohnehin ĂŒberbewertet, und die Botschaft wird wohl auch so ankommen…

“Niklas du bist der beste Lehrer der Welt und weisst, wie man mit Kindern umgeht.” Vorgestern erhielt ich von einer meiner SchĂŒlerinnen diesen Brief, der mich sehr gefreut hat. Ich gehe zwar realistischerweise davon aus, dass es weltweit betrachtet durchaus noch Menschen gibt, die mir in dem einen oder anderen Punkt voraus sein werden und dass ich wohl viel weniger weiss, wie man mit Kindern umzugehen hat, als ein recht feines GespĂŒr fĂŒr die in der jeweiligen Situation umgehenden Energien entwickle, aber trotzdem scheint meine Arbeit in der Schule bei den SchĂŒlern einen durchaus positiven Eindruck zu hinterlassen.

Heute, als ich aus dem Bus, der mich nach Linz zurĂŒckbrachte, ausstieg, erwachte eine lange nicht gefĂŒhlte Euphorie in mir, als ich den Tag noch einmal vor meinem geistigen Auge passieren liess. Es gab die einen oder anderen Schwierigkeiten, die wir gemeinsam mit mal geringerem, mal grösseren Erfolg meisterten. Aber nicht nur, dass ein SchĂŒler, dem es bisher noch nicht so recht gelungen war, sich unter der geforderten Arbeitsweise auch praktisch etwas vorzustellen beziehungsweise sich selbst als Akteur in diesen möglichen Rollen zu sehen, heute erstmals, zwar zaghaft, aber immerhin, in produktives Arbeiten ĂŒbergegangen war, vor allem die beiden PrĂ€sentationen im Abschlusskreis waren umwerfend.

In der ersten prĂ€sentierte ein SchĂŒler seine Forschungen ĂŒber Meerestiere, was relativ schnell vorĂŒber war, aber als spĂ€ter einige Fragen aus dem Publikum kamen, entwickelte sich rasch eine ausgedehnte Diskussion ĂŒber diverse Meeresbewohner, von denen ich selbst in vielen FĂ€llen noch nie etwas gehört hatte. 9-jĂ€hrige brachten mich, und nicht nur einmal, ins Staunen ĂŒber die Schönheit dieser Welt. Ein Höhepunkt in sozialen Belangen war fĂŒr mich dann eine SchĂŒlerin, die den PrĂ€sentierenden SchĂŒler mit dem vorgeschobenen Satz „I will di jetzt ned verletzen, aber
“ sanft darauf hinweisen wollte, dass es seinem Plakat fĂŒr all sein Wissen, das er hatte, im Vergleich zur fast ĂŒberbordenden graphischen Gestaltung an textlichem Inhalt mangelte.

Selbige SchĂŒlerin (eine VS-ErstklĂ€sslerin!!) prĂ€sentierte danach ĂŒber die Entstehung der ersten Pflanzen und erzĂ€hlte uns ganz selbstverstĂ€ndlich, wie die ersten Pflanzen Algen waren, und natĂŒrlich seien die Tiere erst spĂ€ter gekommen, weil „was I weiss, das weiss I“. Auch hier lernte ich diverse Details von einer 6-JĂ€hrigen, die noch kaum zu lesen und zu schreiben vermag, aber einen fantastischen Wissensdurst hat und sich eben in Ermangelung der Möglichkeit, Dinge niederzuschreiben, alles aus dem Stegreif erzĂ€hlt und dabei leicht an professionelle Sprecher hinanreicht.

Ich freue mich unglaublich ĂŒber diese genialen Leistungen, die nur wenige wohl einem Kind dieser Altersstufen zutrauen wĂŒrden, aber, wie es aussieht, keine Ausnahmen an unserer Schule bleiben werden. Wenn die QualitĂ€t weiter so hoch bleibt, sollten wir vielleicht es in ErwĂ€gung ziehen, die PrĂ€sentationen in Zukunft zu filmen (oder gar zu veröffentlichen), da können so einige Erwachsene noch etwas lernen.

Ich bin heute Morgen um 6 Uhr aufgestanden, war um dreiviertel 8 in der Schule und bin um kurz vor 5 Uhr Nachmittags heimgekommen, sollte, bei alledem, was passiert ist, wohl körperlich und vor allem psychisch am Ende sein. Aber gerade bin ich einfach nur glĂŒcklich und voller Energie, und da ich nicht so recht wusste, wohin damit, wollte ich dieses GlĂŒck mit dir, liebem Leser, teilen. Ich wĂŒnsche auch dir einen wunderbaren Tag morgen, an dessen Ende du sagen kannst: Ja, dieser Tag ist es wahrhaft wert, am Leben zu sein.

Niklas