Zerbrochener Felsbrocken

Er war seit Monaten nur noch selten in jener Wohnung gewesen, seit er begonnen hatte, an ihrer Seite Wurzeln zu schlagen, Raum einzunehmen. Nun, da er im Zuge des Umzugs St├╝ck f├╝r St├╝ck seiner Vorgeschichte, verewigt in all jene Objekte die das alte Zimmer ausf├╝llten, ausger├Ąumt und auf seine zuk├╝nftige N├╝tzlichkeit ├╝berpr├╝ft hatte, war er dem Moment zunehmend n├Ąher gekommen, wo er sich mit dem Felsbrocken besch├Ąftigen w├╝rde m├╝ssen.

Der Felsbrocken war das Symbol gewesen, dass auch der Vater bereit sei, seinen Teil der Verantwortung zu tragen. In einem Moment der Verbundenheit hatten sie ihn aus dem Fluss geholt und gemeinsam nach Hause gebracht, sichtbares Zeichen einer neuen, ges├╝nderen Ordnung zwischen ihnen.

Nun, einige Monate sp├Ąter, w├Ąhrend das Zimmer rundherum sich mehr und mehr leerte, wurde ihm die Absurdit├Ąt des Ganzen mehr und mehr sichtbar: Der Felsbrocken, die Schwere, die Verantwortung f├╝r die er stand, war wieder einmal nur bei ihm liegen geblieben, trotz aller hoffnungsvollen Worte und Versprechungen, dass von nun an alles anders werden w├╝rde. Der Kontakt zu jenem anderen war mittlerweile vollends abgebrochen. Die Schwere, der gro├če Brocken, war ihm geblieben.

Auf ihr Anraten hatte er den Felsbrocken von seinem Platz entfernt, ihn mitgenommen, auch wenn dieser fast zu schwer war, ihn alleine weiter als einige Meter zu schleppen. Ins Auto damit. Dorthin, wo er hingeh├Ârt. Zu ihm. Einfach in den Garten legen. Oder vor seine Einfahrt. Dann musste jener zumindest einmal auch diese Schwere ertragen, wenn er mit dem Auto rauskommen wollte. Aber durfte man so etwas ├╝berhaupt? Vielleicht ├╝bersah der Andere ja den Felsen einfach und fuhr ungebremst dagegen…? Schadenersatzforderungen waren in diesem Fall wohl gar nicht so abwegig.
ÔÇ×Der bleibt nicht in deinem Auto. Oder hier bei uns. Das ist nicht gut f├╝r dich und unsÔÇť, hatte seine Gef├Ąhrtin gemeint, und nat├╝rlich Recht damit gehabt. Also doch einfach zu seinem Vater bringen?

Doch da war da noch ein Nachflimmern einiger S├Ątze, die dieser ihm irgendwann gesagt hatte. Davon, dass seine Mutter sich einst durch ihre Krankheit und ihren Tod aus der Verantwortung gestohlen h├Ątte, und dass er doch eigentlich auch auf sie w├╝tend sein m├╝sse. Aber durfte man das? Was konnte sie f├╝r ihre Krankheit, ihren Tod? Und doch.. war da ein Funken Wahrheit zu finden. Wom├Âglich┬á nicht so, wie der Vater es meinte. Aber trotzdem hatte auch seine Mutter einen Teil des Felsbrockens verdient. Auf die ihre Art.

Einige Tage sp├Ąter fuhr er mit seiner Gef├Ąhrtin zu dem nahe gelegenen Fluss. Eine kleine Br├╝cke f├╝hrte dar├╝ber, wom├Âglich ein geeigneter Ort f├╝r ihr Vorhaben, den Felsen endlich aufzubrechen. Er war derart massiv, dass es wie ein absurdes Unterfangen wirkte. Konnte es tats├Ąchlich gelingen? Und dochÔÇŽ aus gen├╝gend gro├čer H├Âhe wom├ÂglichÔÇŽ?

Der Anblick des fallenden Felsbrockens, sein Zerbersten und das donnernde Ger├Ąusch dabei brannten sich in seine Erinnerung ein als ein glorreicher Moment der Befreiung.
ÔÇ×Welchen Teil geh├Ârt f├╝r dich denn zu deinem Vater?ÔÇť, fragte sie ihn. ÔÇ×Welcher zu deiner Mutter?ÔÇť
Den zu seiner Mutter konnte er sofort ausmachen. Der w├╝rde gut zu ihrem Grabstein passen. Der gr├Â├čere Rest des Felsbrockens erschien ihm jedoch unfair gro├č im Vergleich, wurde seinem Vater nicht gerecht. Die noch kleineren Splitter schienen dagegen zu klein.
Der Gro├če muss noch einmal brechen, wurde ihm klar.

Wieder auf die andere Seite der Br├╝cke, barfu├č durch den Fluss gewatet, den verbliebenen gr├Â├čeren Teil des Felsbrockens holend, wieder auf die Br├╝cke, und er lie├č den Brocken nochmals fallen. Zahlreiche Splitter sprengten sich nochmals ab.
ÔÇ×Und jetzt?ÔÇť, fragte sie ihn.

Da wurde ihm mit einem Mal klar, dass er niemals fertig werden w├╝rde, einem jeden seinen gerechten Teil zukommen zu lassen. Er selbst hatte wohl seinen Teil verdient, sein Vater, seine Mutter, aber ebenso ihre Eltern und die Eltern ihrer Eltern und immer so weiter, gar nicht zu sprechen von allen m├Âglichen weiteren Menschen die einen im Laufe eines Lebens so beeinflussten. Und selbst w├╝rde ihm diese Aufgabe gelingen ÔÇô was h├Ątte er damit erreicht? Machte es wirklich freier wenn man wusste warum man unfrei war, sich Begr├╝ndungen daf├╝r aus einer Vergangenheit logisch herleiten konnte?

ÔÇ×Der Felsen bleibt hierÔÇť, meinte er zu ihr, f├╝hlend, wie die Schwere des Felsbrockens, der Schuld, des Schmerzes von seinen Schultern genommen worden war, wenn er ihn nur loszulassen vermochte. Warum irgendjemanden anderen weiter damit belasten? Er brauchte nichts mehr von ihnen.

Kurz fand er in sich den Impuls, sich ein Andenken an jenen denkw├╝rdigen Moment mitzunehmen, ein kleines St├╝ck des einst so schwerwiegend erscheinenden Brockens. Aber das h├Ątte eine Erfahrung entehrt, die da ganz war, nicht nur eine st├╝ckweise Erleichterung, von viel zu schwer zu weniger schwer.

Was, wenn man tats├Ąchlich einfach aufh├Ârte, irgendwelche Felsbrocken an irgendjemanden verteilen zu wollen, weil man glaubte es sei ja so unfair dass man ihn selber tragen m├╝sse und der andere nicht? Denn die unbequeme Wahrheit war am Ende doch jene: er selbst hatte den Felsbrocken damals mit nach Hause geschleppt. Es war seine eigene Idee gewesen, ihn gemeinsam aus dem Fluss zu holen, und er hatte ihn sich behalten wollen. Nun war auch er es, der ihn gehen lassen musste. Diese Verantwortung konnte ihm niemand abnehmen.

Denn sonst, so f├╝hlte er es mittlerweile recht deutlich, w├Ąre man ja wie jemand, der einen Roman liest der ihm nicht gef├Ąllt, wissend dass er auch nicht besser wird, trotzdem weiterliest und sich dann beschwert dass das Buch schlecht war. Man konnte auch einfach das Buch weglegen und ein anderes lesen. Oder selbst eins schreiben, mit ├╝berraschenden Wendungen und viel mehr Freude drin. Oder sogar ganz wagemutig sein, all die B├╝cher hinter sich lassen, die T├╝r aufmachen und mal rausfinden wie das Leben so ist wenn man sich mal wieder ungefiltert drauf einl├Ąsst.

Vermutlich war das dann gar nicht mehr so schwer.

ÔÇ×Darf man fragen, ob es daf├╝r bestimmte Gr├╝nde gibt?ÔÇť
Anzeichen, die hatte es gegeben. Als er vor einigen Wochen zu ihr gekommen war, und sie meinte, es w├╝rde nicht an ihm liegen, aber… heute w├╝rde es nicht passen… oder als sie sich um 17 Uhr verabredet hatten, und sie dann bis 20 Uhr weder auftauchte noch erreichbar gewesen war. Es hatte sich bereits abgezeichnet. Und auch er hatte innerlich gesp├╝rt, dass ihre Verbindung nicht allzulange so weiterbestehen w├╝rde. ├ťberrascht war er mehr ├╝ber die Geschwindigkeit, mit der der von Anfang an absehbare Prozess sich nun vollzogen hatte.

Und interessiert. An den Gr├╝nden. Oder zumindest jenen, deren sie sich bewusst war.
ÔÇ×Naja, mir ist aufgefallen, dass ich dich nicht vermisst habe, wenn ich dich nicht gesehen habe.ÔÇť

Es war ihr unangenehm, zu sprechen, und ebenso unangenehm, zu schweigen. Eine schwer lokalisierbare Form von Schmerz, den er ihr nicht nehmen konnte und wollte. Er war notwendiger Teil des Prozesses, eines Ablaufes, den er mittlerweile oft genug durchlaufen hatte, ihn nicht mehr ├╝ber Geb├╝hr zu f├╝rchten. Erf├╝llte eine kommunikative Funktion: aufzur├╝tteln, zum Handeln zu bringen, wo Handeln noch konstruktive Konsequenzen nach sich zog. Aber hier, das war ihm schon klar gewesen an der Art, wie sie auf ihn zugegangen war, war die Art seines Handelns irrelevant, das Ende der Geschichte schon vorgeschrieben.
Schweigen. Aushalten.

ÔÇ×Wei├čt du, ich habe in letzter Zeit so eine Theorie, die immer mehr Sinn zu machen beginntÔÇť, setzte er an. ÔÇ×Vielleicht sind wir uns in unseren Beziehungen Lehrmeister, und diese Beziehungen, gleich welcher Form, haben eine Art nat├╝rlichen Verlauf von Geburt, Wachstum, Verfall. Vielleicht haben wir uns einfach bereits alles gelehrt, was wir uns zum derzeitigen Zeitpunkt lehren k├Ânnen.ÔÇť
Sie schwieg. Es gab auch nur noch eines zu sagen.

ÔÇ×Ich hab in der kurzen Zeit enorm viel durch dich gelernt. Danke daf├╝r.ÔÇť
Der Hauch einer Erwiderung.

ÔÇ×Dann werden wir uns wohl so schnell nicht mehr wiedersehen?ÔÇť, begann er, die Zukunft abzustecken.
ÔÇ×├ťber den Weg laufen sicher mal.ÔÇť
Der Subtext sprach B├Ąnde.

Als sie gegangen war, f├╝hlt er sich seltsam leer, unber├╝hrt. Als w├Ąre etwas falsch an seiner Reaktion gewesen, als h├Ątte er herumschreien oder zumindest irgendetwas zerdeppern m├╝ssen.

In Ermangelung besserer Einf├Ąlle ging er einfach los, fand den Wald, fand den Fluss, wurde zum Fluss in immer flie├čenderen Bewegungen. Und als der Fluss ihn v├Âllig ausf├╝llte, f├╝hlte er, wie sich ihm inmitten aller Str├Âmungen der Wahrnehmungen und Leben ein kleiner, unscheinbarer Ort er├Âffnete, an dem er die Stille wiederfand. Und die Stille sprach sanft zu ihm:
Was hast du verloren?

Und er sah ihr Gesicht in allen Formen der Welt wiedergespiegelt. Sah, dass jede Geburt ein Sterben war, und jedes Sterben Raum schuf f├╝r Wiedergeburt. Die Einzigartigkeit des Moments, der ihm geschenkt war, und das Wunder, im stetigen Wandeln von Tod und Wiedergeburt stets einen radikal neuen Moment vorzufinden.

Alles vergeht, alles kommt wieder.
Als er die Augen ├Âffnete, fand er sich auf einem Stein wieder, umsprudelt von einem dahinpl├Ątschernden Bach. Wie er hierhergekommen war, wusste er nicht. Aber es war im Grunde auch irrelevant.

Nichts geht je ganz verloren.
Er w├╝rde sie wiedersehen, verh├╝llt in neue Formen, verkleidet als wieder andere Lehrmeisterin.

Nun f├╝hlte er sich erinnert an den Moment, als er vor einigen Wochen mit einer jungen Frau ins Wasser eines Sees gelaufen war. Sie hatte gez├Âgert, war nicht sicher, ob sie sich der erwarteten K├Ąlte stellen wollte. ÔÇ×Warm, kalt, macht keinen Unterschied!ÔÇť, hatte er ihr zugerufen, ÔÇ×nur weil du glaubst, kalt sei unangenehmer, erlebst du es so!ÔÇť. Den Gedanken hatte er schon lange mit sich herumgetragen, aber nun, um ihn ihr ÔÇô und sich selbst ÔÇô zu beweisen, ging er mutig voran ins Wasser.

Die Schwierigkeit war nicht, dass das Au├čen stets in Bewegung war. Warm. Kalt. N├Ąhe. Distanz. Die Schwierigkeit lag darin, sich auf die Bewegung einzulassen, ohne auf die Stille im Zentrum zu vergessen, aus der alles entsprang, zu der alles zur├╝ckkehrte, und dank der niemals etwas von Essenz verloren ging. Wohl ├Ąnderten sich die Formen, ├Ąhnlich wie ein jeder Regentropfen f├╝r sich einzigartig war. Aber der Regen als solcher war eine Konstante. Es w├╝rde immer Leben geben. Es w├╝rde immer Liebe geben, N├Ąhe, Distanz, Tod, Wiedergeburt. Die gro├čen Konstanten.
Alles vergeht. Alles kommt wieder.
Er hatte die Kreisl├Ąufe schon oft genug durchlaufen, um den einstmaligen Glauben zur Gewissheit werden zu lassen.
Nur die H├╝llen, die Formen, sind sterblich.
Vielleicht w├╝rde er sie in jener Form nie wiedersehen.
Nichts Essentielles geht je verloren.
Aber die Liebe in ihrer Essenz w├╝rde wiederkehren.

Und nun verstand er, warum er vorhin keine nennenswerte Trauer versp├╝rt hatte.
Wor├╝ber auch trauern, wo doch ohnehin alles wiederkehren w├╝rde?
Mit neuen Formen, neuen Erfahrungen, und dem unwiderstehlichen Hauch eines neuen Fr├╝hlings.

Jahrzehntelang hatte er dagegen angek├Ąmpft. Hatte sich eingeredet und einreden lassen, was denn so als korrektes Verhalten gelte, was denn zu gutem Ausgang f├╝r alle Beteiligten f├╝hre, was denn richtig w├Ąre. Oh er f├╝hlte das brennende Bed├╝rfnis, es richtig zu machen! Es seinen Mitmenschen Recht zu machen! Ihre Liebe zu erringen, ihren Schritten nachzufolgen, einer von ihnen zu sein. Zu glauben, Teil einer gr├Â├čeren Wahrheit zu sein, zum gr├Â├čeren Gl├╝ck der Menschheit beizutragen. Aber die Zweifel waren geblieben. Die Fakten w├╝rden doch f├╝r die alten Wege sprechen, wurde ihm gesagt. Aber es waren die Fakten, die dem Zweifel Aufwind schenkten. So viele Scheidungen. So viele Aff├Ąren. Konnte es wirklich nur an den Fehlern der Menschen liegen?

Er hatte sich gesch├Ąmt daf├╝r was er tat, hatte es im Dunkel der Nacht getan. Hatte sich abgesichert mit Worten und Regeln, sich einen Raum geschaffen, zu erfahren, statt nur zu wissen. Was er fand, entfloh seinen Worten, blieb vage, unerreicht. Er hatte Antworten gesucht, und nur weitere Fragen gefunden. Warum war es falsch zu lieben? Falsch zu begehren? Warum sch├Ąmte er sich dessen, was er doch in sich fand? War es derma├čen vermessen, wahrhaftig zu sein?

Und dann hatte er sie getroffen. Diese eine andere Seele, die sein erhitztes Haupt und Herz k├╝hlte und ihm W├Ąrme schenkte, wenn er drohte zu erfrieren. Die so verletzt war, so zutiefst ersch├╝ttert von der Erkenntnis ihres realen Innenlebens und der Erfahrung, dass die Welt im Au├čen keinen Platz wusste f├╝r die wahre Gestalt ihrer Seele. Deren Hand er gehalten, in deren Scho├č sein ruheloser Geist Frieden gefunden hatte. Die mit ihm war in seiner verzweifelten Suche nach der Wahrheit, die genauso unf├Ąhig wie er war, in weniger als in Wahrheit zu leben und wie er gar nicht anders konnte als die Konsequenzen ihrer Wahrheit zu ertragen. Gemeinsam hatten sie gelernt, die Blutungen zu stoppen und die Narben mit Stolz zu tragen.

Sp├Ąter hatte er andere Seelen gefunden, die ihn riefen, ihr Wegbegleiter zu sein, ihr F├╝hrer auf ihnen allen unbekannten Wegen. Niemand wusste, wohin der Weg sie f├╝hren w├╝rde, aber sie alle schienen zu sp├╝ren, dass sie fort mussten, fort von altbekannten Pfaden, altbekannten Wunden. Und pl├Âtzlich war da Raum. Raum f├╝r ├ängste, Raum f├╝r Scham, Raum f├╝r Trauer, Raum f├╝r Begehren, Raum f├╝r Lust. Raum, ihn mit Wahrheit zu f├╝llen. Und zaghaft begann er, zu vertrauen.

Er sah die Ozeane eines Augenpaars und f├╝hlte die Wahrheit einer Verbindung, noch bevor er ihre Lippen auf den seinen sp├╝rte. Am Tag nach ihrem ersten Kuss hatte er ihr davon erz├Ąhlt, in angstvoller Erwartung, in seiner Wahrheit von┬áihr zur├╝ckgewiesen zu werden, doch seine Angst war unbegr├╝ndet gewesen. Diese Seele fragte nach nichts als seiner Wahrheit. Und irgendwann stellte er fest, dass er sie daf├╝r liebte wie nichts und niemand anderen sonst in dieser Welt. Mit ihr wagte er es, in Wahrheit zu sein. Mit ihr wagte er es, all die Normen und Glaubensbeweise hinter sich zu lassen, bis er keinen einzigen rationellen Grund f├╝r ihre Liebe mehr anf├╝hren konnte. Er brauchte keine vertrauten Formen mehr, keine St├╝tzen seines Glaubens, denn wider alle Logik wusste er, dass er in einer einst ungeahnten Tiefe zu ihr geh├Ârte und sie zu ihm.

Und so musste er schmunzeln, als eine weitere junge Frau in sein Leben tanzte und er auf den ersten Blick f├╝hlte, dass sie Liebe f├╝reinander empfinden w├╝rden. Sie w├╝rden den ├╝blichen Tanz, die ├╝blichen Missverst├Ąndnisse durchleben, die Liebende eben zu ├╝berwinden hatten, aber zumindest f├╝r eine gewisse Zeit w├╝rde zwischen ihnen Liebe flie├čen d├╝rfen, das wusste er vom Moment an, als er sie erblickt hatte. Er w├╝rde ihr davon erz├Ąhlen, und sie w├╝rde sich freuen, an seiner Wahrheit teilhaben zu d├╝rfen. Dass er mit ihr wagte, was sonst kaum jemand wagte: miteinander der Wahrheit treu zu bleiben.

Und diese Wahrheit, reduziert von allen etablierten Formen, war sehr simpel: Er liebte sie mit aller Macht seines Herzens, und wie sie f├╝hlte auch er Liebe f├╝r viele weitere Seelen. Es gab f├╝r sie keinen ersichtlichen Grund, von einem Mangel an Liebe auszugehen. Es fehlte vielleicht an passenden Formen und Namen, aber im Grunde waren sie auch irrelevant, denn wider allem erlernten Wissen ├╝ber die Notwendigkeit der Einhaltung bew├Ąhrter Formen wussten sie, dass ihre Liebe Substanz hatte.

Ich m├Âchte mich an dieser Stelle f├╝r die lange Pause seit der letzten Ver├Âffentlichung entschuldigen, denn eigentlich versuche ich ca. 1x/Woche eine Geschichte zu ver├Âffentlichen. Es kommt immer wieder einmal vor, dass ich mich in der Illusion verliere, ich m├╝sste vorher etwas abarbeiten/erledigen, bevor ich mich ans Schreiben setzen sollte, obwohl die Erfahrung doch wiederholt gezeigt hat, dass das Schreiben selbst oft der effektivste L├Âsungsansatz f├╝r mich ist. Ich hoffe, in den n├Ąchsten Wochen und Monaten trotz vieler noch ungel├Âster Fragen wieder zu einem regelm├Ą├čigeren Schreibrhythmus zu finden. In der Zwischenzeit w├╝nsche ich viel Freude mit dem folgenden Text:

Ein Blick auf den Arbeitsmarkt, ein Blick auf Freunde, Bekannte, Fremde, ein Blick in ihre Gesichter, w├Ąhrend sie fr├╝hmorgens zur Arbeit trotteten, um sp├Ątabends unter dem nebeligen Licht der Stra├čenlaternen heimzukehren. Wie sie sich ausbrannten in der tr├╝gerischen Flamme ihrer jugendlichen Kraft, zu hoch gesch├╝rt, zu rasch verzehrt, um lange zu durchzuhalten. Die ausgemergelten ├ťberreste der Glut vergangener Tr├Ąume in den Augen der Alten. Ein Blick in den Spiegel. Noch ist Zeit. Aber die Jahre, sie verinnen, vergehen, entfliehen! Investieren. Jetzt l├Ąnger arbeiten, sp├Ąter die Fr├╝chte ernten. Sich frei f├╝hlen. Vielleicht auf Reisen gehen. Irgendwann. Sich etwas erarbeiten.

Ein Blick auf sein Konto: kl├Ągliche Leere. Zeit seines Lebens war es seine Devise gewesen zu geben, sich einzusetzen f├╝r ein gr├Â├čeres Ganzes. Geblieben waren Ber├╝hrungen, Momente, Erkenntnisse. Eine seltsames Gef├╝hl von Verlust, der keiner war, w├Ąhrend sich die Anzahl der Ziffern einer Zahl weiter verringerte, der alle Welt gr├Â├čte Bedeutung zuzumessen schien. Nichts war wirklich gewonnen, nichts verloren, und doch war mit dem Veringern der Zahlen sonderbarerweise ein dr├Ąngendes Gef├╝hl des Verrinnens von Zeit verbunden. Ich muss etwas tun, f├╝hlte er es in sich aufwallen, und wusste doch nicht so recht, welcherart von Handlung denn nun angebracht sein w├╝rde. Nur eines f├╝hlte er deutlich in sich: es war noch nicht genug. Es war noch nicht m├Âglich, sich um Dinge zu k├╝mmern, die ihn im Moment wirklich interessierten. Zuerst die Arbeit, dann das Vergn├╝gen.

Um seinen rebellierenden Geist zu besch├Ąftigen, f├╝tterte er ihn mit einigen Artikeln ├╝ber Selbstst├Ąndigkeit, der ihm das Gef├╝hl vermittelte, etwas verwertbares zu tun, w├Ąhrend er versuchte, in sich hineinzusp├╝ren. Pl├Âtzlich f├╝hlte er in sich eine fast nicht auszuhaltende Anspannung, f├╝hlte, wie verkrampft zahlreiche Muskeln, selbst seine Organe in seinem K├Ârper waren. Kein Wunder, dass er sich oft kr├Ąnklich f├╝hlte. Bewegung.

Er schaltete den die letzten Tage beinahe st├Ąndig ben├╝tzten Laptop aus und f├╝hlte ein Gef├╝hl der Erleichterung in sich hochschwemmen. Stemmte sich gegen automatisch in ihm aufflammenden Impulse, doch zumindest noch die Emails zu checken oder die Nachrichten zu lesen, nahm die Schl├╝ssel und verlie├č die Wohnung. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er seit zwei Tagen nicht mehr in die ├ľffentlichkeit der Stra├če getreten war. Einen Moment musste er ├╝ber die Absurdit├Ąt des Gedankens ÔÇ×Darf ich das?ÔÇť lachen, bis ihm schmerzlich bewusst wurde, dass er hierbei nur kl├Ąglich tats├Ąchliche Unsicherheit mit Humor zu ├╝berspielen versuchte. Die Frage war f├╝r ihn durchaus real, war essentiell: durfte er das? War es denn nicht seine Aufgabe, zuerst wieder Arbeit, zu einer Produktivit├Ąt zur├╝ckzufinden? Sollte er sich nicht sch├Ąmen, immer noch arbeitslos zu sein?

Durch die n├Ąchtlichen Stra├čen wandelnd, f├╝hlte er, dass er seiner Verpflichtung zur Scham durchaus nachkam. Senkte den Blick vor Passanten, f├╝hlte, er habe nichts zu erz├Ąhlen. Und, was machst du so beruflich? war ihm eine Fangfrage, machte ihm Angst. Was hatte er denn zu erz├Ąhlen? Wo war denn nun noch sein Wert? Besser jeglichem Kontakt aus dem Weg gehen.

Schlie├člich gelangte er an das Ufer des gro├čen Stromes, der die Stadt durchzog, lehnte sich an einen gegen jegliche Vernunft mitten in den Strom gewachsenen Baum. F├╝hlte seine M├╝digkeit, eine M├╝digkeit in ihrer Intensit├Ąt weit ├╝ber jener M├╝digkeit nach einem langen Tag vollbrachter Arbeit. Sank kraftlos gegen den Stamm des irregeleiteten Baumes, schmiegte seinen R├╝cken an diesen Riesen, der wohl Zeit seines Baumlebens gegen widrige Str├Âmungen angek├Ąmpft haben mochte ÔÇô und doch war er da, ragte in seiner einsamen Sch├Ânheit ├╝ber das Wasser. Jemand hatte eine Schaukel an einem Nebenast besch├Ąftigt, und er konnte vor seinem geistigen Auge lachende Kinder unter dem Baum spielen sehen. Wie oft wohl hatte jener Baum ├╝ber seinen eigenen Wert nachgedacht, sich gefragt, ob es ihm erlaubt sei, hier zu wachsen? Hatte er seinen eigenen Wert anhand einer Tabelle internationaler Holzpreise festgestellt und sich abgem├╝ht, sein Wachstum an edleren Normen zu orientieren? Waren in diesem riesigen Universum tats├Ąchlich nur die Menschen so derma├čen kompliziert?

Mit den Fingern die raue Oberfl├Ąche der Rinde nachzeichnend, f├╝hlte sich pl├Âtzlich verbunden mit diesem uralten Giganten. Nun war er also ohne geregelter Arbeit, war ihr durch eine F├╝gung des Schicksals entwachsen wie dieser Baum seinen Br├╝dern und Schwestern. Was sollte er seine Zeit darauf vergeuden, den Weg zur├╝ck zu finden, wo ihm doch das Licht der Sonne andere Wege wies? Weil es bequemer ist, schoss es ihm aus den Tiefen seiner Pr├Ągungen, aber nicht einmal der Wahrheitsgehalt dieser Aussage erschien ihm noch wahrscheinlich. Wir lassen uns verarschen, ging es ihm auf, oder wir verarschen andere, nutzen sie aus und f├╝hlen uns unglaublich intelligent dabei. Aber so oder so entkommen wir der Angst nicht.

Nun konnte er den Gedanken endlich greifen und aufrechterhalten. Ja, verdammt, wir haben alle eine tierisch gro├če Angst. Da liegt der wahre Wert einer geregelten Arbeit. Sie lenkt ab vor der wirklichen Arbeit, die uns erwarten w├╝rde. Arbeitslos, keine Arbeit, keine Entschuldigungen mehr, sich dieser inneren Arbeit nicht zu stellen. Wir h├Ątten dann zu viel von jener freien Zeit, die sich Arbeitende vermeintlich immer w├╝nschen. Er sah ab von dem alten Giganten und wandte sich den anderen B├Ąumen am Ufer zu. F├╝r einen Moment dachte ich, der Baum ├╝ber den Fluss sei euch ├╝berlegen, aber auch das stimmt nicht. Ihr seid auf eure Weise gewachsen und er auf der seinen. Ihr bearbeitet eure Aufgaben und ich die meinen.

Es war sp├Ąt geworden, doch erst jetzt fiel ihm auf, dass er wohl der einzige Nachtwandler im ganzen Stadtteil sein mochte. Ein leichter Nieselregen zeigte sich im Schein der Stra├čenlaternen entlang der Uferpromenade. Das Rauschen des Flusses ├╝bert├Ânte auch noch die letzten Reste der ├╝blichen akustischen Hintergrundkulisse der Stadt. Seine Einsamkeit in ihrer Tiefe ersp├╝rend, traf er unerwartet auf festen Grund, ihn und die Begrenztheit seiner Gedanken und ├ängste ersch├╝tternd, ├Âffnend, einatmend die Welt um ihn herum, und f├╝r einen kurzen Moment l├Âsten sich die Schleier von seinen Augen, er f├╝hlte sich eins mit dieser ihm so fremden Welt, durchschaute die Illusion ihrer Unterschiede, dann jedoch ausatmend, Trennung, Isolation wiedererfahrend. Staunend l├Âste er seine Hand vom Stamm des alten Baumes, sich erinnernd an die Weisheiten, von denen ihn seine ├ängste abzuhalten pflegten. Die Angst, die Hast, das Gef├╝hl der Dringlichkeit, sie w├╝rden wiederkehren wie sie es immer zu tun pflegten, doch f├╝r einen beinahe heiligen Moment hatte er sich un-bestimmt, frei gef├╝hlt, und auch wenn der Alltag jene Momente rasch mit dem Zauber des Vergessens zu bedecken pflegte, w├╝rde er ihn in sich aufbewahrt wissen, von ihm zehren k├Ânnen in den dunklen Stunden der Ungewissheit und der Nebel, die vor ihm lagen, nun da er die ausgetretenen Pfade seiner Mitmenschen auch offiziell verlassen hatte.

ÔÇ×Wissen Sie, ich gehe tats├Ąchlich keiner geregelten Arbeit nachÔÇť, sagte er gedankenverloren, doch da war niemand, der ihn h├Ątte h├Âren k├Ânnen, und nach einer kurzen Nachdenkpause f├╝gte er hinzu: ÔÇ×Aber wer will das schon?ÔÇť
Die Nacht schwieg in Zustimmung.

Es gibt so Punkte, denkt er, da sollte man wohl eigentlich gar nicht hinkommen. Die nicht vorgesehen sind in so einem Leben. Da hat sich tats├Ąchlich noch niemand jemals Gedanken dar├╝ber gemacht, was an jenen Punkten dann zu tun ist. Da hat man weggeschaut, sie weggew├╝nscht, und nachdem jahrzehntelang alle vorbeigelaufen sind an jenen Punkten, hat man eben angenommen, dass sie auch tats├Ąchlich unerreichbar sind. Und pl├Âtzlich steht man da, inmitten der vorbeistr├Âmenden Massen, die einen gar nicht wahrnehmen k├Ânnen (immerhin kann es erfahrungsgem├Ą├č gar nicht vorkommen, dass da jemand steht), an einem jener Punkte. Und wenn man Pech hat, hat man sich schon umgeschaut, bevor man die Gefahr erkennen kann. Und mit einem Mal merkt man, dass man nicht nur an einem Punkt angekommen ist, von dem die meisten sich einreden, dass er gar nicht existiert. Einen unachtsamen Moment sp├Ąter ist es schon um einen geschehen, und man hat einen Blick daf├╝r entwickelt, wo sich noch weitere jener Punkte verstecken m├Âgen.

Dabei hat er es im Grunde niemals darauf angelegt, auszubrechen aus dem stetigen Str├Âmen der Massen. Im Gegenteil, immer hat er sich bem├╝ht, ein guter Junge zu sein. Er hat stets seine Haus├╝bung gemacht, nie gelogen, war immer p├╝nktlich und zuvorkommend. So ist er im Leben weitergekommen, wie man es eben so macht, wenn man in der Moderne lebt. ┬áIrgendwann ist er im Leben dann auch angestanden. ÔÇ×Seinen Platz in der Gesellschaft findenÔÇť nennen sie es, und f├╝r eine Weile hat es sich auch ganz gut angef├╝hlt, mal auch wo anzukommen. Wenn er nur seinen verfluchten Geist unter Kontrolle gehabt h├Ątte, w├Ąre er heute noch an seinem ihm zugedachten Platz. Ein wenig gl├╝cklich, ein wenig ungl├╝cklich, in sch├Ânem Ausgleich. Eine weitere angenehme, neutrale Null im Nullsummenspiel des Lebens.

Und doch, in einem unaufmerksamen Augenblick, hat er seinen Geist schweifen lassen, sie gesehen, die Unregelm├Ą├čigkeit. Und anstatt daran vorbeizugehen und sie schleunigst zu vergessen, wie es f├╝r Menschen wie ihn vorgesehen ist, ist er stehengeblieben und hat sie untersucht. Hat den Punkt entdeckt, an dem er jetzt steht. Die Architekten haben sich schon etwas dabei gedacht, das Leben anstrengend und stressig genug zu machen, so dass man ├╝blicherweise gar nicht die Zeit findet, gro├č auf die Umgebung zu achten. Er ist sich sicher, dass alles zum Besten der Menschheit geplant ist. Niemand kann gern an jenem Ort verweilen, an dem er sich befindet. Niemand kann gern Freude daran empfinden, zu sehen, was er nun sehen kann.

Die Geschichte, die sie ihm erz├Ąhlt haben, die sie allen erz├Ąhlt haben, in der Schule, im Radio, im Fernsehen, in den Zeitungen und in jedem zwanglosen Gespr├Ąch – es sind gute Geschichten. ├ťbersichtlich. Klar. Geordnet. Es schmerzt ihn, hinter ihre Fassaden zu blicken und zu entdecken, dass sie am Ende immer nur Fassade waren, nur tote Buchstaben auf Papier, das Chaos, die Gier und die Gewalt des Lebens vor ungesch├╝tzten Augen versteckend. Vor seinem geistigen Auge erlebt er sein bisheriges Leben erneut, entdeckt nun mit gesch├Ąrftem Blick weitere Unregelm├Ą├čigkeiten. Betritt weitere einst aufgegebene Punkte der Wahrnehmung. So sehr er sich m├╝ht, zur├╝ckzutreten, das Gesehene aus seiner Erinnerung zu l├Âschen, es brennt sich in seinen Geist, ├╝berschreibt die Fassaden mit einem gr├Â├čeren Ganzen. In einem Moment des geistigen Erwachens erkennt er, dass es keine Entscheidung mehr ist, weiterzumachen, im Grunde nie eine war. Die Wahrheit kann verdr├Ąngt werden, zugedeckt, aber sie versteckt sich irgendwo dort drau├čen, wartend, lauernd auf den unachtsamen Wanderer. Doch hat sie erst einmal Einlass gefunden in den unvorsichtigen Geist, ist man ihr auf immer verfallen.

Mittlerweile ist er wahrgenommen worden von jenen, die zwischen den Punkten zuhause sind und die Massen vor der grausigen Wahrheit ihres Seins zu sch├╝tzen wissen. Sie beobachten ihn aus einiger Entfernung, unsicher, wie er sich wohl zu erkennen geben wird. Wird er einer von ihnen werden, mit der edlen Aufgabe betraut, die Wahrheit in Zaum zu halten, auf dass ein gutes Leben der Vielen m├Âglich scheine? Oder wird er einer jener hoffnungsvollen Rebellen sein, die es der Menschheit zutrauen, ihr eigenes Spiegelbild zu ertragen, nur um dann entt├Ąuscht feststellen zu m├╝ssen, dass die Menschheit nicht daf├╝r bereit ist, war und immer sein wird? Kann er einer der ihren werden? Wird er wohl einer der ihren werden?

Schattenhaft umschleichen sie ihn, suchen nach Unregelm├Ą├čigkeiten, anhand derer sie ihn durchschauen, festmachen k├Ânnen. Werden f├╝ndig, selbst verunsichert, beschlie├čen, dass er vertrieben werden muss, doch wohin kann er jetzt noch gehen? Unschl├╝ssig bleibt er also, wo er sich befindet. Sie bauen ihm einen Weg nach Hause, doch er sp├╝rt, dass er ihn nicht gehen kann, ausziehen muss, ein neues Zuhause f├╝r sich zu finden. Sie k├Ânnen ihm nicht helfen, so eine Suche ist nicht vorgesehen. Wer die Punkte erreicht, wird einer von ihnen werden. Das ist gut, das ist vorhersehbar. Keine Sonderwege, keine Extraw├╝rste. Es gibt schlie├člich noch Gesetzm├Ą├čigkeiten hinter den offiziellen Gesetzen, an die man sich dann am Ende doch zu halten hat. Es gibt so Punkte, denkt er erneut, da sollte man wohl eigentlich gar nicht hinkommen. Aber wenn ich nun schon mal hier bin…

Und endlich, nach langer Wanderschaft, erreicht er den einen Punkt, an dem alles begonnen hat. ÔÇ×Hallo?ÔÇť, fragt er in die Leere, ÔÇ×Ist da jemand?ÔÇť, und es hallt ein wenig, denn die Leere im Anfang ist absolut. ÔÇ×Wo bin ich hier?ÔÇť

Doch im Grunde sp├╝rt er tief in sich die Erinnerung an jenen fernen Punkt in Raum und Zeit, von dem alles ausging und zu dem alles einst zur├╝ckstreben wird, an dem alles m├Âglich ist und gerade deswegen nichts sein kann. Und dann, sich einlassend auf das allumfassende Nichts, kann er die Welt endlich wieder ertragen. Kann all jene Punkte, all jene Unregelm├Ą├čigkeiten in eine noch gr├Â├čere Regelm├Ą├čigkeit und Ordnung integrieren. Kehrt zur├╝ck zu jenen ausgetretenen Pfaden, begegnet endlich wieder Menschen. ÔÇ×Werde einer von von uns!ÔÇť, wird ihm angeboten, in Tausend Formen und Zeiten. Bekenne dich ebenso als Muslim, als Zeuge, als Lehrer, als Mann, als Mensch!

Doch wozu sich bekennen, wozu sich k├╝nstlich trennen vom Un-Bekannten? Es gibt so Punkte, an die sollte man wohl eigentlich gar nicht kommen, denkt er zum dritten Mal, w├Ąhrend sie ihn umringen, ihn auf ihre jeweilige ÔÇ×richtigeÔÇť Seite zu ziehen. Die Welt wird so durchschaubar.

Am Ende geht er zu einem alten Mann, der nichts von ihm zu wollen scheint, und l├Ąsst die um seine Seele streitenden hinter sich.
ÔÇ×Was willst du?ÔÇť, fragt ihn der Alte.
ÔÇ×Gute FrageÔÇť, antwortet er.
ÔÇ×Die schwierigste von allenÔÇť, stimmt der Alte zu.